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Sommerlöcher noch und nöcher

von Nicolai Busch

Es ist Sommer. Frau Merkel wandert durch Südtirol, Minister Rösler planscht mit den Kindern ausgelassen an der Ostsee und Claudia Roth genießt im grünen Badeanzug türkische Sonnenuntergänge.  Sommer, das ist die Zeit, da die Hauptdarsteller dieses Landes ruhen und all die Nebendarsteller die einmalige Chance bekommen, die ganz große Spur zu fahren und zur nie vergessenen Rampensau zu mutieren. Wenn alles Pause macht, braucht es Leute in den Medien, die mal ganz dick aufdrehen, die laut, lustig, einzigartig unanstrengend und bereit sind, dem Volk zu zeigen wie der Hase nämlich eigentlich läuft. Und es braucht Leute, wie Claudia Obert, die einfach auch dabei sein wollen.

Frau Obert ist reich und im Fernsehen

Die Selfmade-Millionärin Claudia Obert soll den Fernsehzuschauern mal sagen, wie das denn so ist, wenn man reich ist. Deshalb (und nur deshalb!) sitzt Frau Obert an diesem Abend in einer Talkshow eines großen öffentlich-rechtlichen Senders. Sie trägt ein enges, rotes Kostüm, diamantenbesetzte Ohrringe und Armbänder, eine große Uhr und eine im Licht der Studioscheinwerfer glitzernde Halskette. Wer Frau Obert sieht, der versteht: Reich sein ist super! Wäre da nur nicht die auffällige Angewohnheit Frau Oberts Fragen der Moderatorin nicht sachlich und informativ, sondern im Sinne der eigenen Promotion zu beantworten. Würde Frau Oberts Auftreten doch nur nicht den Anschein vermitteln, Mathias Richling habe sich eine Perücke übergezogen und parodiere den Stereotypus ‚Deutsch- Neureich‘. Ja, hätte Frau Obert doch nur tatsächlich etwas zu sagen – dann könnte man sie auch ernst nehmen. Man würde ihr tatsächlich zuhören wollen und müsste sich das Grinsen nicht verkneifen, wenn die Unternehmerin in so einer ‚Bitte-nehmen-Sie-es-mir-nicht-böse-aber…‘- Körperhaltung angestrengt verharren und eine ihrer unpolitischen Stammtischthesen („Ich bin sowieso der Meinung, dass es in Deutschland keine Arbeitslosen gibt, nur Arbeitsscheue“) unkontrolliert in die endlosen Weiten der Talkshow-Galaxien katapultieren würde.

Dabei sein ist Alles

Claudia Obert ist eine von sechs Gästen bei Maischberger im Ersten. Eigentlich soll in der Sendung vom 21.August mit dem Titel „Der Millionär hat’s schwer. Reiche zur Kasse bitte!“ die Möglichkeit der Versteuerung von Spitzengehältern diskutiert werden, doch dazu kommt es nicht. Denn nach der Eigenpromo von Frau Obert, muss uns der Piraten-Politiker Johannes Ponader zunächst einmal ausführlich seine persönliche Weltsicht am Beispiel seines Lieblingskinderbuchs “Frederick“ erläutern. Das alles plus das linke Gerede von Frau Wagenknecht regt den Gründer der Drogeriekette Rossmann kurze Zeit später derart auf, weshalb er beginnt hysterisch rumzuschreien. Auch Herr Schneider möchte Herrn Köppel scheinbar gerne mal an die Gurgel springen.„Aber schauen Sie sich doch die Zahlen an“; kreischt es da plötzlich von rechts und links, bevor auch Maischberger resigniert und eingesteht: „Wir kommen hier nicht einen Punkt weiter“.

„Ich bin eine Mediensau“; sagt Reiner Calmund

Es ist Sommer und die irrwitzige Ziellosigkeit der Debatte bei Maischberger ist so riesig wie die Themenlosigkeit dieser Tage. Die politische Pause hat mal wieder ein tiefes, schwarzes Loch in die Agenda der Nachrichten- und Presseagenturen gerissen, indem alles verpufft und geräuschlos verhallt. Dieses Loch gilt es zu füllen. Koste es, was es wolle.
Nicht jeder stellt sich dabei so schlecht an, wie Frau Obert und Konsorten in der ARD. Drei Seiten und neunzehn Bilder, davon zwölf Portraits in albernen Posen widmet die ZEIT in der Printausgabe  Reiner Calmund. 160 Kilo schwer, 172 Zentimenter groß und 462 bisherige Beschäftigungen im Sinne der Selbstvermarktung hat der „Calli“ vorzuweisen.  Wie ein mit Helium gefüllter Ballon schwebt Calmund durch mediale Sphären, vorbei an der Buchstabensuppe aus Maischbergers Talkrunde, bis dass man ihn vom Himmel fischt, um höflich anzufragen, ob er sich denn als überdimensionaler Stopfen nicht mit viel Witz und rheinländischem Charme in das sommerliche, kreative Vakuum einer überregionalen Qualitätszeitung pressen könne. Wenn Aktualitäten fehlen, muss Altbekanntes eben reproduziert werden.

Die Krise in der Sommerkrise

Das Konzept geht auf. Der Leser fühlt sich unterhalten. Aus der Not geboren titelt der Spiegel in dieser Woche „Droge Zucker – Die gefährliche Sucht nach dem Süßen“, das politische Magazin Cicero preist aus welchem Anlass auch immer das TV-Phänomen Tatort und die gelangweilte Netzgemeinde lässt sich begeistern von einem alten Mann, der als politisches Maskottchen auf großer Bühne zu einem Stuhl spricht. „Krise hin, Krise her“; sagt Sandra Maischberger ganz zu Beginn einer Diskussion, der an diesem Abend so recht niemand folgen möchte. „Krise hin, Krise her“ – das ist nicht nur der nationale Subton dieses Sommers. „Krise hin, Krise her“ – das symbolisiert auch eine journalistische Substanz, die sich noch bis Ende September an südlichen Stränden sonnt und bis zur Rückkehr der deutschen Lobbyisten und Politiker all denjenigen das Sprachrohr vor die Nase streckt, die schon immer mal was sagen wollten.

Foto: flickr, doubleyou_em (CC BY-NC-ND 2.0) ; flickr, Helga Weber (CC BY-ND 2.0)

Der mediale „rosa Winkel“

von Alexander Karl

Alice Schwarzer und Stefan Niggemeier diskutieren: Dürfen Politiker und Prominente öffentlich geoutet werden? Diese Frage ploppt immer wieder in den Medien auf, meistens aber erst dann, wenn es bereits zu spät ist und Homosexuelle aus ihren Schränken gezerrt wurden – im Namen der Gleichstellung, wohlgemerkt. Was aber vergessen wird: Dieses unfreiwillige Outing kommt einem Stigma, eben einem medialen „rosa Winkel“, gleich und zeigt, was im Argen liegt.

Die Causa Altmaier

Am 15. Juli 2012 erschien in der BILD am Sonntag ein Interview mit dem deutschen Bundesumweltminister Peter Altmaier. Darin spricht er auch über sein Single-Dasein:

Ich bin ein sehr geselliger und kommunikativer Mensch. Doch der liebe Gott hat es so gefügt, dass ich unverheiratet und allein durchs Leben gehe. Deshalb kann in den Archiven auch nichts über eine Beziehung stehen. Ich hadere nicht mit meinem Schicksal. Wenn es anders wäre, wäre ich längst verheiratet oder in einer festen Beziehung.

Daraufhin veröffentlichte taz-Redakteur Jan Feddersen einen Text, in dem er die Frage aufwirft, ob Altmaier nun schwul sei: „Auch Bild am Sonntag hat sich nicht getraut, die direkte Frage zu formulieren: »Herr Minister, bei aller Liebe zu Gorleben und zur Endlagerfrage, aber: Sind Sie sch …?«“ Kaum waren Feddersens Worten in Umlauf, war Altmaier aus dem Schrank – herausgezogen von der taz, mit dem Stempel „schwul, aber er steht nicht dazu“ versehen. Ein medialer „rosa Winkel“ eben, ein Stigma und eine Kategorie, die Altmaier nur schwerlich loswerden wird. Es folgte von taz-Chefredakteurin Ines Pohl so etwas wie ein Rückzieher: Sie löschte den Artikel online und schrieb eine Entschuldigung:

… politisch wie moralisch ist die sexuelle Orientierung eines Menschen irrelevant. Sie ist Privatsache. Entsprechend sollte sich die taz weder an Zwangsoutings noch an Gerüchten über die sexuelle Orientierung beteiligen.

Eigentlich war es klar, dass solch eine Stellungnahme die Debatte um Altmaiers Sexualität noch zusätzlich befeuern und mit weitere (Pseudo-) Fragen hervorrufen würde. Dazu gehört eine (rechtlich wie ethisch) wichtige Frage: Dürfen die Medien Menschen outen? Dass sie es können, ist bekannt (media-bubble.de berichtete). Und so formieren sich im Netz derzeit zwei Lager: Jene, die eine Diskussion um Altmaiers Sexualität OK bis wichtig und richtig finden und solche, die für ein privates Privatleben eintreten.

Niggemeier vs. Schwarzer

Auf der einen Seite steht etwa Stefan Niggemeier, der sagt: „Ich weiß nicht, ob Peter Altmaier schwul ist. Aber ich finde es — anders als die Chefredakteurin der »taz« — legitim, darüber zu spekulieren.“ Wohlgemerkt ist Stefan Niggemeier nicht Redakteur bei taz oder BILD, sondern Deutschlands bekanntester Blogger, Mitbegründer des BILDblogs und Spiegel-Redakteur. Seine Argumentation zielt vor allem auf Altmaiers politisches Handeln ab: „Natürlich ist es politisch relevant, ob Peter Altmaier schwul ist, wenn Peter Altmaier im Parlament gegen die Gleichstellung von Schwulen stimmt. […] Es ist selbstverständlich eminent politisch, ob und wie schwule Politiker und Prominente zu ihrem Schwulsein stehen.“ Niggemeier schließt seinen Artikel mit folgender Überlegung:

Peter Altmaier ist entweder jemand, der glaubt, dass seine Homosexualität etwas ist, das er verschweigen muss. Oder er wird für schwul gehalten, obwohl er es gar nicht ist. Wenn er selbst nicht bereit ist, für Aufklärung zu sorgen, muss man wenigstens darüber diskutieren dürfen.

Ja, Niggemeier hat recht – und doch wieder nicht. Natürlich ist es ein schreckliches Zeichen, wenn homosexuelle Politiker gegen Rechte von Homosexuellen stimmen – wie erst Ende Juni, als die Eheöffnung für gleichgeschlechtliche Paare zur Abstimmung stand und kein Abgeordneter von Union und FDP sich zu einem „Ja“ durchringen konnte. Übrigens nicht einmal Guido Westerwelle, der bei der namentlichen Abstimmung keine Stimme abgab. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn wenigestens die offen homosexuell Lebenden für ihre Rechte einstünden. Aber gibt es der Presse deshalb das Recht, über die sexuelle Orientierung von Politikern zu spekulieren?

Alice Schwarzer findet dies nicht. Sie sagt: „Jemand, der aufruft zum Zwangsouten, ignoriert nicht nur diese Realitäten, sondern pfeift auch auf die Menschlichkeit.“ Und dazu zählt sie auch Niggemeier, dessen Sexualität sie einerseits nicht interessiere, sie sich aber andererseits den Satz „Es heißt, er sei schwul“ nicht sparen kann. Für Schwarzer aber geht in der Altmaier-Diskussion vor allem um die Fragen, warum man Politiker zu einem Zwangsouting zwingen muss:

Wir sind also Lichtjahre entfernt von einer gelassenen und gesicherten Gleichstellung von Homo- und Heterosexualität. Wer hat da das Recht, Betroffene aufs Eis zu schicken! Es ist ausschließlich an den homosexuellen Frauen bzw. Männern selber, zu bestimmen, ob und wenn ja, wie sie ihre Homosexualität öffentlich machen. Alles andere kommt einer seelischen Vergewaltigung gleich.

Die gleiche Sache – andersrum

Liest man zwischen den Zeilen, wird eines klar: Stefan Niggemeier und Alice Schwarzer kämpfen an der gleichen Front. Sie fordern, das Homosexualität in der Gesellschaft nicht mehr als randständig, sondern als natürliche Realität betrachtet wird. Während Niggemeier eventuelle Zwangsoutings für die Sache in Kauf nimmt, wehrt Schwarzer diese ab, verteufelt sie. Was dadurch aber in der Debatte untergeht, sind die zentralen Fragen: In welcher Gesellschaft leben wir, in der Politiker und andere Prominente noch immer aufgrund ihrer Sexualität diffamiert werden? Warum sind es nicht viel öfter die Medien selbst, die für diese Gleichstellung eintreten und eben nicht nur Menschen aus den Schränken zerren? Diese Probleme sind letztlich hausgemacht: Meines Wissens hat sich Angela Merkel noch nie öffentlich für homosexuelle Rechte ausgesprochen, wie es etwa Obama getan hat. Meines Wissens gab es keinen Aufschrei in den Medien, als die Eheöffnung im Bundestag abgelehnt wurde. Meines Wissens hat noch keine Zeitung eine große Kampagne zum Thema homosexueller Akzeptanz gestartet, wie es einst der Stern bei den Abtreibungen tat.

Solange die Medien selbst Homosexualität nicht als gesellschaftlich relevantes Thema betrachten, werden sie weiterhin „rosa Winkel“ verteilen, die sie Prominenten – zu recht oder zu unrecht – anheftet. Die Medien selbst haben es in der Hand, wie Homosexuelle wahrgenommen werden. Wenn das Thema weiterhin marktschreierisch behandelt, Klischees bedient und Offenheit nur geheuchelt wird, werden weiterhin Einzelfälle unter dem Vorwand ihrer Bekanntheit an die Oberfläche gezerrt und mit einem medialen „rosa Winkel“ dekoriert.

 

Foto: flickr/unclefuz (CC BY-NC 2.0) , CDU/CSU-Bundestagsfraktion/Christian Doppelgatz

Hunde und Reis – Warum Journalismus im Kleinen beginnt.

von Sanja Döttling

„When a dog bites a man, that is not news, because it happens so often. But if a man bites a dog, that is news“, sagte John Bogart einmal und gab somit die Grundregel des Journalismus vor. In der Lokalzeitung tummeln sich keine beißenden Männer. Dort gibt es abgebrannte Restaurants, Baustellen und verschmutze Parkanlagen.

Die Geschichten liegen auf der Straße? Von wegen! Zwar gibt es im Lokalen viele Straßen, aber auch nun mal einige Waldwege. Und der Sack Reis fällt bekanntlich auch in China, und nicht bei uns im schwäbischen Dorf um. Doch glücklicherweise gibt es auf dem Land etwas ähnliches wie den chinesischen Sack Reis.

„Fahren Sie mal raus und schauen Sie, was aus  der abgebrannten Sportgaststätte wird“, sagt mein Chef bei der Lokalzeitung. „Aber was soll ich denn da schreiben?“ erwidere ich, überschlage den Neuigkeitsgehalt des – vor Wochen abgebrannten – Restaurants und komme auf zehn Zeilen. Höchstens. „Na, machen Sie mal. Das ist ne Geschichte“, sagt der Chef. Grummelnd setze ich mich ans Telefon. Das wird nie was, denke ich. Wie soll ich daraus einen Bericht machen?

Kein Kleintierzuchtverein

Der Besitzer der Gaststätte geht nicht ran. Das heißt aber nicht, dass nichts zu tun ist. Der Chef hat immer einen Stapel Mails auf dem Schreibtisch, die zu einer kleinen, zehnzeiligen Nachricht umgewandelt werden müssen. Oder ich trage die Jubiläen der Rentner ein, die bei runden Geburtstagen und langen Ehen namentlich in der Zeitung erwähnt werden.

Oder ich habe Telefondienst, wie nun als ein älterer Herr anruft: „Da, wo ich spazieren gehe, ist total viel Schmutz und Müll in der Parkanlage“, sagt er, „ich habe schon bei der Stadt gefragt, die machen nichts.“ Ich verspreche, ein Foto zu machen. Aber zuvor habe ich noch ein Termin im Heimatmuseum, die haben die Räume umgebaut und installieren neue Informations-Tafeln im Erdgeschoss. Im Schaukasten eine originalgetreue, 30 Zentimeter lange Heuschneidemaschine  aus dem letzten Jahrhundert. Der alte Bauer hat die in mühevoller Handarbeit gebaut. Und meine Kamera klickt ununterbrochen im alten Tante-Emma-Laden.

Tante-Emma-Laden, Heimatmuseum – als nächstes der Kleintierzüchterverein? Schnell stellte sich heraus: Nein. Denn das Arbeiten im Lokalen ist vielseitig, und schwieriger, als man denkt. Das Heimatmuseum hat keine Internetseite, auf der wichtige Informationen stehen. Und die Gemeinderatsmitglieder haben auch keinen Wikipedia-Eintrag.  Zum Glück gibt es den alteingesessenen Kollegen, der sie alle mit Namen und Aufgabengebiet kennt. „Das ist der Herr Müller“, sagt er und gibt mir die Telefonnummer, als ich die Straßenerweiterung hinterfragen soll. Ich rufe bei der Stadt an. Der Vater meines Freundes verbindet mich mit dem zuständigen Beamten.

Es menschelt sehr

Ich fahre weiter in den verschmutzen Park. Er ist sauber. Später ruft der ältere Herr noch einmal an und sagt: „Ich war gerade im Park, da ist jetzt aufgeräumt. Nicht, dass Sie denken, ich hätte mir das ausgedacht.“ Problem gelöst. Dafür ruft ein Getränkehändler an. „Die haben mir meine Einfahrt für Bauarbeiten heute gesperrt. Dabei haben die von der Stadt gesagt, das ist erst morgen! Jetzt kommen meine Kunden nicht mehr in den Hof!“

Über all die internationale Politik und die hochgestochenen Feuilleton-Kritiken vergisst man als angehender Journalist schnell, was in jedem Artikel die Hauptrolle spielt: die Menschen. Auf dem Treffen des Rentner-Fahrradclubs trinke ich Kaffee und kann den Kuchen nur unter vehementem Widerstand ablehnen; in der Hauptstraße backt der Bäcker seit drei Jahrzehnten jeden Morgen ab drei Uhr Brot und Brötchen für die Kunden, ohne seinen Beruf langweilig zu finden. Im Dorf nebenan organisiert der Pfarrer seit Jahren ein Konzert mit internationaler Besetzung, während in der Waldorfschule junge Musiker trainieren. „Das klingt wie lätschige Spagetti!“ ruft der Dirigent, „das ist hier kein Computerspiel. Hier geht es um Hass, um Liebe, um Rache bis in den Tod! Nochmal!“

Lokaljournalismus, sagen die angehenden Jung-Journalisten, das ist langweilig. Zeilenschinderei. Da passiert ja nichts. Sie wollen Großes, und wenn schon nicht zur „Zeit“, dann doch bitte zur „Süddeutschen“, am besten gleich Merkel interviewen oder wenigstens Seehofer. Im Lokalen gibt es die nur in Kleinformat. Aber egal ob Merkel oder Müller: Schreiben, das ist zuallererst ein Handwerk. Und das lernt man im Lokalen besser als zwischen Bestsellern und B-Sternchen. „Wer aus dem örtlichen Feuerwehrfest eine Geschichte machen kann“, sagte mir eine Journalistin einmal, „der kann aus allem eine Geschichte machen.“

Schlussendlich dann wieder das abgebrannte Restaurant. Die Besitzerin war nachts über ihrem  Papierkram eingeschlafen. „Die Paula hat gebellt und mich in den Zeh gebissen“, erzählt sie. Paula ist ihr Dackel-Mischling. „Der Rauch hatte sich schon weit entwickelt, von allein wäre ich da nicht mehr aufgewacht.“ Im Lokalen ist es der heldenhafte Hund, der beißt. Und trotzdem – oder gerade deswegen eine Geschichte.

Foto: flickr/peretzp (CC BY-SA 2.0), Sophie Kröher

Bücherliebe trifft Internetaffinität

von Alexander Karl, Sanja Döttling und Pascal Thiel

Köln im Juni 2012: Der Wind fegt entlang des Doms, wo sich media-bubble.de mit dem Gründer der literatur-community.de traf. Wie kommt man mit 16 Jahren auf die Idee, eine Literaturplattform zu gründen? Wie setzt man sich gegen die Konkurrenz ab? Und passen Internet und Bücher zusammen?  media-bubble.de im Gespräch mit Fabian Krott von literatur-community.de.

Blackout – Und alles steht still

von Alexander Karl

Der Autor Marc Elsberg

Es ist ein Schreckensszenario sondergleichen: Durch einen Hackerangriff wird in ganz Europa das Stromnetz lahmgelegt. Vom Fernseher bis zum Herd funktioniert nichts mehr. Kein Wasser fließt mehr, die Tankstellen bekommen das unterirdisch gelagerte Benzin nicht mehr in die Zapfsäulen. In kürzester Zeit ist die Welt, wie wir sie kennen, Geschichte: Supermärkte können nicht beliefert werden, den Krankenhäusern geht irgendwann der Notstrom aus. Eine moderne Apokalypse, ein Wettlauf gegen die Zeit für die Verantwortlichen und Poltiker.

Glücklicherweise sind große Teile dessen nur Fiktion: Der Wiener Bestsellerautor Marc Elsberg (45) sprach mit media-bubble.de über sein Buch „Blackout – Morgen ist es zu spät“, die Medien und Trittbrettfahrer.

media-bubble: Ein solch umfassendes Werk wie „Blackout“ bedarf viel Recherche. Wie sind sie vorgegangen?

Marc Elsberg: An „Blackout“ habe ich etwa vier Jahre gearbeitet. Das erste Jahr bestand aus reiner Recherche. Erst danach begann ich mit dem Entwurf der Figuren und der Handlung. Während des Schreibens musste ich laufend weiter recherchieren, da ich noch immer vieles nicht wusste und es gerade in diesem Gebiet viele aktuelle Entwicklungen gab und gibt.

Und 2011, während Sie geschrieben haben, kam Fukushima.

Ja. Als Fukushima geschah, war meine Handlung entworfen und der Text etwa zur Hälfte fertig. In „Blackout“ waren Probleme in AKWs bereits vorgesehen. Aber schon während der Arbeit wurde ich mehrmals von der Realität eingeholt, etwa durch das Auftauchen der stuxnet-Malware. Große Änderungen musste ich daher nicht mehr durchführen. Allerdings gab Fukushima einige Anregungen bei Details.

Mindestens so wichtig und aufwändig wie die Recherchen zur Technik waren jene zu den Schicksalen von Menschen in Krisensituationen. Wobei es dazu – leider – genug Quellen gibt, sei es aus Kriegs- oder Katastrophengebieten. Manchmal halfen mir dabei aber sogar Erzählungen meiner Eltern und Großeltern aus der Nachkriegszeit.

Wir informieren uns heute vor allem über das Internet oder Fernsehen. Wenn der Strom ausfällt, geht das nicht mehr. Wie schätzen Sie die Bedeutung von Medien für den Informationsaustausch im Krisenfall ein?

Die Bedeutung von (elektronischen) Medien zur Information der Bevölkerung wäre in jedem Krisenfall immens.

Allerdings können sie in manchen Krisenfällen, zum Beispiel bei einem großen Stromausfall, kaum eingesetzt werden. Die meisten Menschen können kein Internet, TV oder Hörfunk mehr empfangen, es sei denn, die besitzen ein batteriebetriebenes Radio oder ein Auto mit Radio. Zeitungen können zwar noch ein paar Tage lang gedruckt, aber immer schwerer ausgeliefert werden. Festnetz und Mobiltelefon (wenn man diese zu den Medien zählen mag) fallen auch bald aus.

Soll heißen: Die Bedeutung der meisten modernen Medien (Ausnahme: Radio) sinkt im Fall eines großen, längeren Stromausfalls gegen Null. Die Menschen wären fast ausschließlich auf mündlich weiter gegebene Nachrichten angewiesen – was da schnell an Gerüchten entsteht, kann man sich vorstellen! In einer Szene von „Blackout“ führt dies auch zu einem persönlichen Drama für eine der Figuren.

Überwiegen in Ihren Augen die Vor- oder Nachteile der modernen Informationstechnologie?

Durch die modernen Informationstechologien haben wir zahlreiche neue Möglichkeiten gewonnen. Denken wir etwa an die Kommunikation während des arabischen Frühlings.  Unter normalen Umständen überwiegen für mich klar die Vorteile – vorausgesetzt wir reden von ihrem Einsatz in einer funktionierenden Demokratie und einem funktionierenden Rechtsstaat. Wobei es selbst in diesen aufgrund der rasanten Entwicklung eine Menge Klärungsbedarf gibt, wie nicht zuletzt aktuelle Diskussionen um geistiges Eigentum oder Datenschutz zeigen.

Stichwort Datenschutz: Im Buch werden systematisch E-Mails und andere modernen Kommunikationsmittel angezapft. Entwickeln sich da nicht neue Ängste?

Nicht für mich. Ich bin mir seit Jahren bewusst, dass man meine gesamte Kommunikation verfolgen kann, wenn man will. Es würde mich auch gar nicht wundern, wenn ich aufgrund meiner Recherchen in den Stichwort-Alerts irgendwelcher Überwacher aufgetaucht bin und unter Beobachtung stand (oder stehe). Naja, jetzt wissen die ja, dass ich tatsächlich nur ein Buch schreiben wollte…

Der „gläserne Mensch“ also.

Mit dieser „Gläsernheit“, werden wir bis zu einem gewissen Grad lernen müssen zu leben, fürchte ich, so miserabel der Gedanke auch ist. Trotzdem habe ich z.B. in Österreich die Petition gegen die Datenvorratsspeicherung unterschrieben und bin auch gegen ACTA (allerdings sehr wohl für einen anständigen Schutz meiner Urheberrechte/immateriellen Güter).

Ein Ursprung des Übels in „Blackout“ sind die Smart-Meter, die digitalen Stromzähler. Was würden Sie tun, wenn Sie selbst bald ein solches Gerät in der Wohnung haben müssten?

Solange diese Geräte derart unsicher sind wie die jetzigen Modelle, würde ich versuchen, den Einbau zu verhindern. Wobei es da rechtliche Probleme gäbe. Allerdings bilden sich in mehreren Ländern langsam Initiativen dagegen.

„Blackout“ beschreibt ein Schreckensszenario, das sicherlich keiner erleben will. Verfolgen Sie mit dem Buch die Mission, die Gesellschaft aufzuwecken?

Zuallererst wollte ich eine spannende Geschichte schreiben über ein Thema, das mich selbst interessierte und darüber, wie die Menschen davon betroffen sind. Wenn ich damit erreiche, dass ich bei kritischen Themen Nachdenkprozesse anrege, freut es mich. Auf ein Blackout kann man sich bis zu einem gewissen Grad vorbereiten bzw dafür rüsten. Das habe ich getan.

Stellenweise wird sehr genau die Verwundbarkeit des Stromnetzes und der Informationskanäle angesprochen. Fürchten Sie, dass Ihr Buch Trittbrettfahrer zu solchen Taten aufrufen könnte?

Nein. Die Idee von Angriffen auf Infrastrukturen ist nicht neu. Ich bringe einige Beispiele auch in „Blackout“. Schon in der „Südtiroler Feuernacht“ 1961 wurden Strommasten gesprengt. 1972 starb Giangiacomo Feltrinelli, der italienische Verleger (Doktor Schiwago, Der Leopard, das berühmte Che Guevara-Bild) und spätere Terrorist, bei dem Versuch, einen Strommast zu sprengen. „Blackout“ ist die zeitgenössische Interpretation des Themas. In „Die Hard 4″ rettet John McClane“ schon 2007 die USA vor einem ähnlichen Szenario. Abgesehen davon wurde ich auch hier von der Realität eingeholt, wenn auch in kleinerem Rahmen: Im Mai 2011, als der Text weit fortgeschritten war, legte ein Brandsatz die Berliner S-Bahn und Teile des Telefonnetzes lahm. Das ist letztlich nichts anderes, als ich in „Blackout“ beschreibe – ein Terrorangriff auf wichtige Infrastrukturen. Zum Glück kamen damals keine Menschen ernsthaft zu Schaden.

Vielen Dank für das Gespräch, Marc Elsberg!

Foto: Clemens Lechner

„Schwule bringen Geld, Lesben machen Ärger“

von Sanja Döttling

Medien prägen unsere Wirklichkeitwahrnehmung nachhaltig – auch, wenn es um das Bild von Homosexuellen geht. Dass meistens Schwule und fast nie Lesben im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen, ist mehr als ein Bauchgefühl. Über unsichtbare Lesben in den Medien.

Schwule für die Quote

Nele Tabler schreibt in ihrem Blog rund um lesbische Themen:  „Als eine freie Journalistin darauf bestand, in einem Bericht über den CSD in ihrer Stadt neben Schwulen auch Lesben zu nennen, wurde ihr damit gedroht, künftig keine Aufträge mehr zu erhalten. Der zuständige Mensch soll gesagt haben: ‚Schwule bringen Geld, Lesben machen Ärger'“.

Eine drastische  und subjektive Formulierung. Doch tatsächlich beweist die kommunikationswissenschaftliche Studie  zum Thema „Lesben in den Medien“ der Journalistin Elke Amberg im Auftrag des Lesbenbetratunszentrums LeTRa, was viele vermuten: Dass weibliche Homosexualität in der Berichterstattung untergeht.

Amberg wertete 81 Artikel zum Thema „Rechtliche Gleichstellung“ und „CSD“ aus dem Jahr 2009 aus und kam zu folgenden Ergebnissen: Es gab keine einzige Überschrift, die das Wort „Lesbe“ oder „lesbisch“ enthielt. Das Wort „schwul“ enthielten gleich 13 Überschriften – oft auch, wenn es um beide Geschlechter ging. Außerdem standen in den Artikeln 19 interviewte Lesben 45 interviewten Schwulen gegenüber. „Schwul“ wurde oft als Synonm zu „homosexuell“ verwendet – Lesben wurden somit (un-)bewusst ausgeklammert. Ein Beispiel für diese Verwendung bietet dieser Artikel des Focus, der titelte: „US-Armee: Schwule dürfen endlich offen schwul sein“. Dabei gilt dieses Gesetz auch für Lesben – und das lesbisch-sein.

Warum immer die Männer?

Lesben werden also weniger erwähnt als Schwule. Warum?, fragte sich auch Steffi Lachnit von Deutschland Radio und fragte nach. Ein Redakteur der Süddeutschen gibt zu, dass eher Schwule als Lesben thematisiert werden und sagte gegenüber Deutschland Radio: „Wenn tatsächlich grunsätzlich eher Männer gezeigt oder erwähnt werden als Frauen, dann hängt das vielleicht damit zusammen, dass Homosexualität unter Männern bis heute immer noch ein Stück weit eher auffällt und/oder etwas stärkere Reaktionen hervorruft als weibliche Homosexualität.“

Im Interview mit Deuschland Radio äußerte sich auch die Medienwissenschaftlerin Andrea Seier zu der – oft unbewussten – Ausklammerung von Lesben in den Medien. Die Konzentration auf homosexuelle Männer ist ihrer Meinung nach nichts, was sich nur aktuell zeige: Schon der Paragraph 175 des Strafgesetzbuches, der im Kaiserreich und auch später schwulen Sex unter Strafe stellte, konzentierte sich auf die Männer – erst 1994 wurde er ersatzlos gestrichen. Frauen sind dort nicht einmal erwähnt. Die Medienwissenschaftlerin Seier schlussfolgert: „Man kann das lesen als ein Hinweis darauf, dass den Frauen eine eigene Sexualität, ein eigenes Begehren, das über ein passives Erdulden der männlichen Sexualität hinausgeht, gar nicht zugeschrieben wurde.“

Doch auch heute, da gleichgeschlechtliche Partnerschaften gesetzlich erlaubt sind, folgt der Kurzschluss: Homosexuell =schwul. Seier sagt: „Ich würde denken, es hat tatsächlich mit der Geschichte der Verwerfung der männlichen Homosexualität zu tun. Dass man die männliche Homosexualität unter Strafe gestellt hat, machte sie sichtbar. Jetzt, wenn man versucht, sich als tolerante Gesellschaft zu erfinden, greift man also wieder auf die Männer zurück um zu zeigen: Seht mal, wir sind Schritte gegangen. Und nochmal fehlen da die Frauen.“

Desweiteren geht sie davon aus, dass die „allgemeine männliche Dominanz im Geschlechterverhältnis“ sich auch unter Homosexuellen fortsetzt: Die schwul-lesbischen Vereine und Organisationen sind zum Großteil in männlicher Hand.

Ursachenforschung im Gespräch

Der Bund Lesbischer und Schwuler JournalistInnen (BLSJ) veranstaltete zu diesem Thema zwei Podiumsdikussionen, in denen auch anch den Gründen für diese männliche Vorherrschaft gesucht wurde.

Die  Podiumsdiskussion in Hamburg im August 2011 stand unter dem Titel: “Homosexuell = schwul? Wie Journalisten über Lesben und Schwule schreiben“. Eine interessante Vermutung stellt Stefan Mielchen, Chefredakeur des schwulen Hamburger Stadtmagazins Hinnerk, auf: Eventuell trägt die Unwissenheit der Journalisten zu schwammigen Formulierungen bei: “Die heterosexuellen Kollegen kennen unsere Lebenswelt nicht und verstehen sie nicht.”

Lesben haben auch unter der generellen Frauenlosigkeit in den Medien zu leiden. Martin Munz, Vorstand des BLSJ, spricht von Frauen als “Schmuckwerk” oder in der klassischen Rolle der Mutter.

Eine weitere Erklärung liefert wieder die Geschichte: Kathy Crowell vom lesbischen Hamburger Stadtmagazin Escape glaubt, dass die weibliche Zurückhaltung auf die historische Entwicklung der Frauen-Lesben-Bewegung zurückzuführen ist, in der viele engagierte Frauen die spezifischen Belange der Lesben zunächst hinter dem “übergeordneten Ziel der Emanzipation” zurückgestellt haben.

Außerdem fehlen lesbische, prominente Vorbilder. “Wir brauchen endlich einen weiblichen Wowereit, sonst ändert sich so schnell nichts” sagte beispielsweise Nicole Koenecke, Redakteurin bei Tagesschau und Tagesthemen.

Eine  weitere Diskussion unter dem Titel „Verärgert, verzerrt, verklärt – Wie Medien über Homosexuelle berichten“ veranstaltete der BLSJ im Rahmen des Netzwerk Recherche statt. Hier forderte der BLSJ-Bundesvorstand Axel Bach dazu auf, schwul-lesbische Themen „wie Fachthemen – ähnlich wie Wissenschaft, Reden oder Sport“ zu behandeln.

Im Zweifel für die Journalisten?

Dass Frauen allgemein und Lesben ebenso öfters mal vergessen werden – auch in unserer so „gleichen“ Gesellschaft – ist kein Geheimnis. Zahlreiche soziologische und historische Erklärungen zeigen, dass dabei wohl aber nicht immer von journalistischer Schlampigkeit gesprochen werden kann. Der Begriff „gesellschaftsweiter Schlendrian“ würde besser zutreffen.

Doch die oben angesprochene Gleichsetzung von Homosexuell = schwul, die die Verkürzung der eingetragenen Lebenspartnerschaft zur „Homo-Ehe“ in den Medien illustriert, sind dennoch handwerkliche Fehler (nicht mit dem Stilmittel „pars pro toto“ zu verwechseln), die Journalisten nicht unterlaufen sollten. Lösungsansatz: Der BLSJ hat ein Merkblatt herausgegeben, wie  man solch unsinnige Konstrukte vermeiden kann. Es heißt: “Schöner schreiben über Lesben und Schwule – 8 Beispiele aus der journalistischen Praxis”. Und bitte: Mehr Lesben, diesmal.

Foto: flickr/Marco Gomes (CC BY 2.0) , flickr/lewishamdreamer (CC BY-NC 2.0)

Dieser Text ist ein Beitrag zur Aktion der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld zum “Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie”  am 17.5.2012. Auf media-bubble.de gibt es dazu auch eine Aktionsseite.

Out und raus! Wenn die Medien outen

von Alexander Karl

Die Symbiose zwischen Presse und öffentlichen Personen ist sehr alt. Aber auch hier gibt es Schattenseiten: Die Presse ist auf eine gute Geschichte aus und fragt sich (nicht immer), ob man den öffentlichen Personen damit schaden könnte. Gerade beim Thema Homosexualität wird viel Fingerspitzengefühl verlangt: Tut man Promis mit einem öffentlichen Outing einen Gefallen oder zerstört es die Karriere?

Homophobie und die Angst

Noch immer ist Homosexualität in Deutschland ein Tabuthema. Ja, natürlich wird darüber geschrieben und gesprochen, aber die Akzeptanz in der Bevölkerung lässt noch immer zu wünschen übrig. Das zeigt aktuell der Fall des DSDS-Kandidaten Kristof Hering, der wegen seiner Homosexualität angefeindet wird – er spricht sogar von Todesangst nach diversen Drohungen! Viele andere Personen der Zeitgeschichte gehen mit ihrer sexuellen Orientierung nicht so offen um und entgehen deshalb möglichen Anfeindungen – verhindern durch ihr Verhalten aber auch, dass (homophobe) Gesellschaftsschichten verstehen, dass Homosexualität längst kein Randphänomen, sondern ein Querschnittsphänomen ist: Die sexuelle Orientierung macht vor keiner Berufsgruppe, Nationalität oder Altersgruppe halt. Natürlich ist nicht jeder der „schwul wirkt“ automatisch schwul (auch wenn Google es suggeriert), aber die Dunkelziffer der Ungeouteten ist hoch. Und gerade auch große Massenmedien wissen um die wahre sexuelle Orientierung von Stars.

Der Fall Krupp anno dazumal

Kritisch wird es aber immer dann, wenn Menschen unfreiwillig geoutet werden. Und dieses Vorgehen von Seiten der Presse ist nicht neu: Am 15. November 1902 outete das SPD-Parteiblatt Vorwärts den Industriellen Friedrich Alfred Krupp als Homosexuellen  – vordergründig, um mit der nun offensichtlichen klassenübergreifenden Homosexualität für die Abschaffung des Paragraphen 175 Stimmung zu machen. Der Paragraph 175 des Reichsstrafgesetzbuchs bestand ab 1872 und hieß in der Fassung des Kaiserreichs: „Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Thieren begangen wird, ist mit Gefängniß zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.“ Paragraph 175 existierte in diversen Formen bis 1994 fort – unter den Nazis verschärft, ab Ende der 1950iger gelockert.

Zurück zu Krupps Outing im Jahr 1902. Im Parteiblatt Vorwärts hieß es dann: „Herr Krupp gehört zu jenen Naturen, für die der § 175 eine stete Qual und Bedrohung bedeuten würde […]. [Er] huldigt mit den jungen Männern der Insel [Capri] dem homosexuellen Verkehr.“ Damit war Krupp also geoutet. Hinzu kam aber noch eine Vielzahl von weiteren Vorwürfen: Es gab den Verweis auf Kaiser Tiberius, der auf Capri Orgien gefeiert haben soll. Zudem sollten Bilder des Verkehrs vorliegen, doch alles sollte durch Korruption (Bestechung der Medien) unter dem Mantel der Verschwiegenheit gehalten worden sein. Des Weiteren wird Krupp vorgeworfen, dass er aufgrund seiner sexuellen Vorliebe die Insel verlassen musste. Weiter heißt es dann: „Es handelt sich um einen pervers veranlagten Mann. Denn das Mitleid, dass das Opfer eines verhängnisvollen Natur-Irrtums verdient, muss versagen, wenn die Krankheit zu ihrer Befriedigung Millionen in ihre Dienste stellt.“

Dass die SPD im Kaiserreich deutliche homophobe Tendenzen aufzeigte, wird schnell deutlich; neben seiner sexuellen Orientierung gab Krupp aber auch aufgrund seiner Stellung aus bekannter Industrieller eine perfekte Zielscheibe ab. Anhand seiner Person konnte die Verdorbenheit der herrschenden Klasse gezeigt werden. Und deshalb war der Vorwärts wohl nur zu gerne bereit, Krupp in der Öffentlichkeit zu outen. Der Industrielle selbst bestritt bis zu seinem Selbstmord am 22. November 1902 alle Vorwürfe ab.

Moderne Medienlandschaft

Zwar ist in weiten (großstädtisch geprägten) Teilen der Bevölkerung Homosexualität kein Tabu- oder Igitt-Thema mehr, doch in der breiten Masse gilt Homosexualität immer noch als Skandalthema – und so natürlich auch für die Boulevardmedien. Es kursieren in der Branche viele Namen, gerade von TV-Prominenten. Einige Schauspieler sind schwul, doch da sie es nicht selbst thematisieren, halten die Medien ihre Informationen zurück und spielen das „ich bin Single“-Spiel mit. Andererseits wären es aber genau jene Gesichter, die nötig wären, die Akzeptanz in der Gesellschaft noch weiter zu erhöhen. Der Branchendienst dwdl.de bringt es auf den Punkt: „Jedes gelebte Beispiel dafür, dass man sich nicht verstecken muss, ist auch heute noch auch ein Befreiungsschlag für schwule und lesbische Jugendliche, die noch genau das tun, weil sie nicht einmal Familie und Freunden, manchmal nicht einmal sich selbst eingestehen wollen, anders zu sein.“ Wenige Stars bekennen sich zu ihrer Homosexualität. Da wäre etwa Neil Patrick Harris, Star aus How I met your mother, der sich 2006 outete. In Deutschland sind es vor allem Moderatoren, die ihr Schwulsein öffentlich gemacht haben: Hape Kerkeling, Dirk Bach und Thomas Herrmanns. Bei einem anderen ist es ein offenes Geheimnis, wie sowohl bild.de also auch dwdl.de schreiben: Marco Schreyl. In der letzten DSDS-Staffel konnte man immer wieder Andeutungen mehr als zweideutig verstehen, aber ein öffentliches Outing blieb aus – bisher. Andere Namen sollen an dieser Stelle nicht genannt werden, da viele Schauspieler und Medienmenschen scheuen die Öffentlichkeit aus Angst um ihren Job. Nicht, dass sie dann nicht von den Programmschaffenden weiter beschäftigt werden, weil diese Resentiments gegen Schwule hätten. Sondern vielmehr, weil die Angst vor der Reaktion der Fans besteht.

Denn auch, wenn Homosexualität in allen Gesellschaftsschichten angekommen ist, ist es die Gesellschaft selbst, die sich selbst beschränkt und ihre eigenen Rechte auf ein freies Leben beschränkt. Und um sich noch einen Rest Privatleben zu erhalten, kämpfen schwule und lesbische Promis um ihr Geheimnis. Denn solange noch immer die (berechtigte) Angst besteht, dass die sogenannten Fans Sturm laufen, werden weiterhin viele Promis ein Doppelleben führen. Und in ihren Augen führen müssen. Denn niemand will den Krupp’schen Spießrutenlauf selbst erleben.

Foto: flickr/incurable_hippie (CC BY-NC 2.0), flickr/Li’l Wolf (CC BY-NC-SA 2.0)

 

Dieser Text ist ein Beitrag zur Aktion der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld zum „Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie“. Auf media-bubble.de gibt es dazu auch eine Aktionsseite.

HIV und die Medien

von Alexander Karl

Am 1. Dezember wird man wieder überall rote Schleifen sehen – denn dann ist Welt-Aids-Tag. Die Gefahren von HIV und AIDS sind schon seit über 20 Jahren bekannt, doch wie griffen und greifen die Medien das Thema auf?  Und wird noch immer mit Stereotypen – etwa Homosexuellen oder Drogensüchtigen – gearbeitet?

Die Berichterstattung beim Ausbruch

Elke Lehmann schrieb 2003 in ihrer Dissertation zur Berichterstattung der Medien über das Aufkommen des HI-Virus: „AIDS wurde sogar als eine Epidemie der Medien bezeichnet. Eine Krankheit mit einer geringen Inzidenz, auf deren Existenz die Öffentlichkeit von den Medien aufmerksam gemacht wurde.“ Doch zunächst, so  Lehmann, wurde zu Beginn der AIDS-Epedemie in nur sehr wenigen Zeitungen und Magazine über das Problem berichtet. Denn zumeist ging man davon aus, dass der Virus das Problem einer (homosexuellen) Randgruppe sei, die keinerlei Bedeutung für die alltägliche Berichterstattung habe. Mit Verweis auf Virginia Berridge (1996) stellt sie die folgenden Stationen der Berichterstattung fest:

„Der erste, in den frühen achtziger Jahren, war gekennzeichnet durch die Bezeichnung als ‘Schwulenseuche’, dieser Term wurde sowohl von der Boulevardpresse, als auch von qualitativ guten Zeitungen verbreitet. Ab Mai 1983 wurde die mögliche Ansteckungsgefahr von Heterosexuellen aufgrund von kontaminiertem Blut an die Öffentlichkeit herangetragen. Dadurch wurden erstmals auch Frauen als eine mögliche Risikogruppe beschrieben. Ebenso wurde in dieser Zeit über Afrika als Ursprung der Krankheit debattiert.“

Dass HIV und AIDS schlussendlich doch in den Medien als globales Problem betrachtet wurde, ging auch auf den Tod des Schauspielers Rock Hudson 1985 zurück. HIV und AIDS bekamen nun ein Gesicht und schafften somit den Sprung in die Köpfe der Menschen. Die erzeugten Bilder kokettierten aber noch immer mit dem Unmoralischen. So schrieb The Times 1985:  „Wie auch bei anderen sexuell übertragbaren Krankheiten erhöht sich die Gefahr, sich zu infizieren, durch eine hohe Zahl sexueller Kontakte und Promiskuität.“  Dabei ist aber HIV keine sexuell übertragbare Krankheit im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr ein Virus, der nicht nur beim Sex, sondern auch durch Blut übertragen werden kann.

Der Beginn der Berichterstattung war also geprägt von Klischees und Unwissen, von Panik bis zur Angstlosigkeit. Aber wie wird HIV und AIDS heute in den Medien – vor allem auch im Fernsehen – dargestellt?

 

Heute im TV

Noch immer gilt das Fernsehen als eines der wichtigsten Medien – und da gerade in Serien versucht wird, die Realität abzubilden, tauchen immer wieder HIV-positive Charaktere auf. In der schwul-lesbischen US-Serie Queer as Folk wird die HIV-Thematik immer wieder in den Fokus gerückt. So sind in allen fünf Staffeln Betroffene Charaktere vertreten – so etwa der Uniprofessor Ben, den alternden und an Aids erkrankten Vic oder der Stricherjunge Hunter.

In Deutschland ist die ‚Lindenstraße‘ Vorreiter in der Konfrontation der Öffentlichkeit mit heiklen Themen und so auch bei HIV. Benno Zimmermann, eine Figur der ersten Stunde, erkrankte 1988 an HIV. Es wurde also nicht nur die Gefahr an sich thematisiert, sondern auch mit Stereotypen gebrochen. Denn Benno Zimmermann war nicht schwul, sondern hatte sich bei einer Bluttransfusion angesteckt.

Monika Siebenbach, Pressesprecherin der Lindenstraße, sagte media-bubble.de, dass es den Machern der Serie bereits damals darum ging, HIV und Aids nicht als schwules Problem darzustellen, sondern auch die Ausgrenzung von heterosexuellen Erkrankten zu beschreiben. 1999 wurde erneut ein HIV-Charakter eingeführt: Felix Flöter hatte sich bei seiner Mutter während der Geburt angesteckt. „Dadurch, dass Felix nach dem Tod seiner Mutter von dem homosexuellen Paar Carsten und Käthe adoptiert wird, treffen die Themen Homosexualität und HIV als Diskussionsstoff in der Geschichte auch nochmal zusammen. Aber eben nicht in der Form, wie man sie zunächst mal erwarten würde. Auch hier hat die Art der Geschichte dazu geführt, dass die Zuschauer offen für das Thema und emotional davon gepackt waren“, so Siebenbach.

Aber haben die Einführung infizierter Charaktere auch einen Aufklärungscharakter? Nehmen die Zuschauer nicht nur die emotinale Botschaft wahr, sondern beschäftigt sich auch mit Themen wie Safer Sex?
Jeff Gavin untersuchte bereits im Jahr 2000 den Komplex der Darstellung von Safer Sex und der Wirkung bei Jugendlichen und urteilte darüber: „Young audiences understand soap opera portrayals of safe sex as the ‘official’ version of safe sex; the type of sex they ought to have. This is contrasted with a ‘real-life’ understanding of safe sex. This is the type of sex that audiences believe they can have.“

Ob die Einführung von HIV-infizierten Charakter also auch einen Aufklärungscharakter hat, ist strittig. Aber zumindest werden die Zuschauer mit der Thematik konfrontiert – was auch das Ziel der aktuellen Kampagne des Bundesgesundheitsministeriums ist. „Positiv zusammen leben – aber sicher!“ soll zu mehr Toleranz gegenüber Erkrankten aufrufen.

 

Foto: Sophie Kröher