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Journalismus unter Verdacht

Von Valerie Heck

 

Schon im Spätherbst, als „Lügenpresse“ noch nicht zum Unwort des Jahres gekürt worden war und es „Pegida“ in der aktuellen Form noch nicht gab, lud Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, den Journalisten und Medienkritiker Stefan Niggemeier zu einem Gastvortrag ein. Seitdem hat die Medienverdrossenheit in Deutschland eine ganz neue Dimension angenommen und das Thema, mit dem sich Niggemeier in seinem Vortrag „Journalismus unter Verdacht – Wie Medien Vertrauen verspielen“ am letzten Montag auseinandersetzte, gewann stetig an Bedeutung. Pörksen spricht von einem „Prinzip Niggemeier“ und beschreibt damit dessen Kombination aus Unerschrockenheit, Direktheit und präziser Medienkritik. Am 19. Januar kam Niggemeier dann extra aus Berlin nach Tübingen, um einem Hörsaal voller interessierter Studierenden von seinen Erfahrungen und Einschätzungen zu den Themen Lügenpresse und Vertrauenskrise zu berichten.

„Ich hatte das Gefühl, es gäbe ein Problem“

Stefan Niggemeier hatte schon im November das vage Gefühl, es gäbe ein Problem. Er sah eine große Kluft und eine enorme Unzufriedenheit mit den Medien bei großen Teilen der Bevölkerung. Die Umfrage von Zapp im Dezember 2014, die nach dem Vertrauen der Menschen in die Berichterstattung bei politischen Ereignissen fragte, sah Niggemeier als klares Warnsignal, denn nur ein Drittel der Bevölkerung gab dabei an, noch Vertrauen in die Medien zu haben.

Dass tatsächlich etwas schief gelaufen ist, zeigen laut Niggemeier Formate wie „Die Anstalt“, die oftmals berechtigte Kritik an den Medien äußern und offenlegen, welche Fakten in der aktuellen Medienberichterstattung, sei es bezüglich der Ukraine-Krise oder des Bahnstreiks, nicht erwähnt wurden. Niggemeiers Lieblingsbeispiel ist dabei Udo Ulfkottes Buch „Gekaufte Journalisten“: „Ich habe selten ein Buch gelesen, was mir so schlechte Laune gemacht hat“, gibt Niggemeier zu. Grund dafür sei die „gruselige Mischung aus völligem Unsinn und total berechtigter Kritik“. Zwar legt Ulfkotte nichts Neues dar, aber er rührt in dem Buch bekannte Medienkritik mit der großen Verschwörung zusammen und sagt: „Im Grunde sind alle gekauft“. Der große Erfolg des Buches, das auf Platz 3 der Spiegel Bestsellerliste landete, zeigt, dass Ulfkottes Kritik beim Publikum durchaus ankommt.

Sind das alles Verrückte?

Aber wer sind die Leute, die solche Verschwörungstheorien lesen? „Verrückte, die sich zu lange im Internet rumtreiben, die nur ein paar Klicks brauchen, um in einen merkwürdigen Fiebertraum, eine schweißnasse Angstphantasie abzudriften“. Das an die Wand projizierte Zitat von Bernhard Pörksen sorgt für Gelächter und vereinzelten Applaus im Hörsaal. Wobei das Wort „Verrückte“ von Niggemeier hinzugefügt wurde, wie er zugibt. Allerdings ist das nur ein Teil der Wahrheit. Denn meistens sind es gar keine anonymen Verrückten im Netz, sondern die eigenen, jahrelang treuen Zuschauer, Zuhörer und Leser, die mit der Zeit den Glauben in die Berichterstattung der Zeitung oder des Radios verloren haben, wie Niggemeier berichtet.

„Der Meinungskorridor war schon einmal breiter“

Der große Vorwurf aller Akteure ist, dass Journalisten gekauft sind und dass es eine Verschwörung gibt, die Leute nicht richtig zu informieren. Tatsächlich sei ein gewisser Gleichklang festzustellen, bestätigt Niggemeier. Der Journalist sagt es in den Worten von Frank-Walter Steinmeier: „Der Meinungskorridor war schon einmal breiter.“ Dabei findet Niggemeier es erstaunlich, dass der Außenminister eine so präzise und kritische Beschreibung der aktuellen Situation gibt, wo er doch mit der einseitig positiven Berichterstattung zur großen Koalition zufrieden sein könnte.

Gründe für den Gleichklang sei unter anderem die Bequemlichkeit der Journalisten. Sie schwimmen mit dem Strom und wollen keine gewagte Interpretation liefern, die die anderen nicht auch liefern. Das größte Problem sei laut Niggemeier allerdings der sogenannte „self-embedded journalism“: Journalisten orientieren sich bei ihrer Berichterstattung unbewusst, an der Meinung, die ein Großteil der Bevölkerung vertritt und lesen möchte.

Das Phänomen des „self-embedded journalists“ war Niggemeier zufolge ein Grund für die einseitige Berichterstattung zur Ukraine-Krise. Die Grundannahme war hier „Gut gegen Böse“ und die Journalisten haben sich natürlich auf der Seite der Guten, das heißt gegen Russland, positioniert. Dabei sind ihnen Fehler unterlaufen, wie sämtlichen NATO-Erklärungen zu glauben und Berichten von Russland eben nicht. Diese Positionierung sieht Niggemeier kritisch. Ein Journalist müsse berichten ohne zu fragen, ob es am Ende jemandem nutzt, den er nicht mag, meint der Gründer des BILDblogs.

Medien machen viel richtig, aber…

Niggemeier sieht jedoch nicht alles negativ: „Ich glaube, dass in den Medien viele gute Dinge passieren und dass Medien auch viel richtig machen.“ Ein Schlüsselbegriff ist mittlerweile die Glaubwürdigkeit. In den Sozialen Netzwerken behaupten Menschen wie Udo Ulfkotte, dass die deutschen Medien über bestimmte Ereignisse nicht berichten und treffen dabei auf Zustimmung, obwohl niemand überprüfe, ob diese Aussage stimmt. Dabei könnten sie mit einer kurzen Recherche feststellen, dass häufig doch darüber berichtet wurde. Dadurch wird die Medienverdrossenheit beim Publikum größer und die Medienakteure können häufig nicht mehr dagegen steuern.

Der Journalist stellt aber auch heraus, dass die Ursachen der Vertrauenskrise zwar vielseitig sind, der Fehler aber häufig bei den Medien selbst liege: „Medien müssen erkennen, dass es ein Problem gibt, dass es tatsächlich eine Kluft gibt, zwischen Publikum und Medien und dass es nicht nur ein paar Verrückte sind, auf die man auch verzichten kann“. Die Medien müssen sich überlegen, wie sie mit der Kritik umgehen. Dabei können kleine Dinge, wie die Suche alternativer Quellen und Fairness gegenüber Leuten, die man nicht mag, die Glaubwürdigkeit schon stark verbessern, denn „die Schwächen des Journalismus begünstigen die Verschwörungstheorien“. Mit diesen Worten schließt Stefan Niggemeier seinen Vortrag. Entlohnt wird der Journalist von Bernhard Pörksen mit „akademischen Naturalien“: Einem Buch.

Die gnadenlose Republik

von Pascal Thiel

Es ist der 4. Januar 2012. Das erste Mal in der bundesdeutschen Geschichte wird ein Bundespräsident von zwei Journalisten verhört. Ein Bundespräsident, der gezeichnet ist vom Kampf mit den Medien und seinen eigenen Verfehlungen. Ein Bundespräsident auf Abruf.

In einem Berliner Fernsehstudio setzt sich fort, was ein Jahr zuvor begann: Die lange Chronologie der Skandale in Angela Merkels zweiter Amtsperiode.

Damals hatte die Süddeutsche Zeitung ihre Mittwochsausgabe mit einem Titel eröffnet, der den damaligen Bundesverteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg beschuldigte, in seiner Dissertation abgeschrieben zu haben. Was folgte, ist hinlänglich bekannt: Vorwürfe, Dementi, Rücktritt.

Einer der beiden Journalisten, die den zu dieser Zeit noch amtierenden Bundespräsidenten Christian Wulff zur Aufklärung und Beseitigung aller Vorwürfe bewegen sollten, war Ulrich Deppendorf. Im Rahmen der 10. Mediendozentur von Universität Tübingen und SWR diskutierte er im Festsaal der Neuen Aula die These einer „gnadenlosen Republik“.

Der Fall Wulff

Der Fall Christian Wulff habe zwei Dinge schonungslos offenbart. Zum einen ein katastrophales Krisenmanagement eines Präsidenten, der über seine eigene Vergangenheit gestolpert sei. Zum anderen einen Journalismus, der seine Grenzen weit überschritten habe.

Christian Wulff habe erfahren, was man den „Fahrstuhl-Effekt“ nenne. Mit den Medien – in diesem Fall mit der BILD-Zeitung – fuhr Christian Wulff hinauf, mit den Medien ging es fuhr er wieder runter. Doch auf letzterem Wege  sei die Medienmeute eindeutig zu weit gegangen.

Und das, so Deppendorf, spätestens als im Bundespräsidialamt die Anfrage einging, ob Wulff in seiner Schulzeit Mitschüler mit Schokolade und Kleingeld geschmiert habe, um Klassensprecher zu werden. Oder woher denn das zweite Bobby Car käme, das plötzlich in der Wulffschen Garage aufgefunden worden sei.

Kritischer, investigativer Journalismus ist die Grundlage von informierten Öffentlichkeiten in einer Demokratie. Doch, so der Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, hätten manche Blätter die „Grenze seriöser Berichterstattung schnell überschritten“. Mit einem „Herdentrieb“, den es bei keiner anderen Person zuvor gegeben habe, habe man den gescheiterten Präsidenten vor sich hergetrieben.

War der Rücktritt also doch nur einer medialen Hatz geschuldet? Als logische Konsequenz einer atemlosen Jagd nach neuen Enthüllungen? Nein, sagt Deppendorf. Wulff könne und dürfe man nicht als Opfer einer medialen Kampagne darstellen. Zwar sei das mediale Verhalten hoch problematisch gewesen, dennoch habe Christian Wulff ein „für einen Präsidenten unwürdiges Verhalten an den Tag gelegt“. Hinzu kommen ein „miserables“ Krisenmanagement und die Fehleinschätzung, alte Verstrickungen ohne Konsequenzen hinter sich lassen zu können. Erst die angesetzten Ermittlungen hätten ihn dann endgültig untragbar gemacht für das Amt.

Ist in diesem Fall doch eine gewisse Gnadenlosigkeit zu erkennen, positioniert sich Deppendorf klar auf der Seite der „nachbohrenden“ Medien. Denn: Es sei ihre Pflicht und Aufgabe, Skandale, Missstände et cetera aufzudecken und aufzuklären.

Schavan, Brüderle und de Maizière

Nicht nur die Medien und der Journalismus, sind Teil der „gnadenlosen Republik“. Auch die Politik hat ihren ganz eigenen Anteil. „Überzogene Zuspitzungen“ führten zu einem immer unruhigeren Zusammenleben der beiden Parteien. Der Journalismus leide zudem unter immer extremeren Geschwindigkeiten, zur Reflexion bliebe oft nur wenig Zeit. Die Politik beschleunige dies sogar, etwa durch eigenständige Berichterstattungen in sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook.

Schreitet man voran in der Chronologie der Skandale, so fällt eine grundlegende Entwicklung auf: Obwohl die Berliner Politik in diesem Jahr schon von drei Skandalen erschüttert wurde, üben sich Medien wie Politik zunehmend in Zurückhaltung. Diese sei seit Jahresbeginn mit den einzelnen Skandalen gewachsen. Während man bei Brüderles Sexismusvorwurf noch sofort nach Rücktritt schrie, erledigte das Anette Schavan im Zuge ihrer Plagiatsaffäre von selbst – und Verteidigungsminister de Maizière ist nach dem Drohnendisaster trotz gewaltiger Kommunikationsprobleme seines Ministeriums noch im Amt. Letzterer nahm sich gar drei Wochen zur Aufklärung Zeit – die Empörungsmaschinerie bleibt ruhig.

Hat man also aus dem Fall Wulff gelernt? Hat der Journalismus seine Grenzen kennengelernt? Diese Fragen seien nicht leicht zu beantworten, da es sich bei Schavan, Brüderle und de Maizière nicht um gewöhnliche „Fälle“ handele.

Weil sich der stille Typ Schavan in den Medien nie inszeniert habe, habe die Vertraute der Bundeskanzlerin, die sich 2011 noch schadenfroh über den Rücktritt von KT gefreut hatte, medial wenig zu befürchten. Und tatsächlich: Eine Medienschelte blieb aus.

Der Fall Brüderle indes hat gezeigt, wie kolossal ein medialer Putsch nach hinten losgehen kann. Wohl als Gegenschlagzeile zur Vorstellung des Wahlkampfduos Rösler/Brüderle (FDP) geplant, machte der Stern am 24. Januar diesen Jahres mit dem Vorwurf auf, Brüderle habe eine Redakteurin sexuell belästigt. Was folgte, war eine halbherzige Sexismusdebatte, Unschuldsbekundungen, Empörung über einen „verunsicherten Politiker“ und dasselbe über eine „professionell geschädigte Kollegin“.

Die Drohnenaffäre hingegen brodelt noch. Ob sie im Wahlkampfjahr weiterhin Wellen schlagen wird, wird sich in den nächsten Tagen entscheiden. Einen Rücktritt hält Ulrich Deppendorf für unwahrscheinlich, da für diesen Posten „qualifiziertes Personal“ im Regierungslager nicht zur Verfügung stehe.

Lehren?

Der Politikjournalismus habe gelernt, wie weit er gehen könne, sagt Deppendorf. Regelrechte Jagdszenen wie beim ersten großen Skandal nach dem Umzug von Bonn nach Berlin, dem Parteispendenskandal, scheinen der Vergangenheit anzugehören. Dass der Journalismus nicht nach Skandalen schreien darf, sondern sich – im Besonderen im digitalen Zeitalter – seinen Kernaufgaben widmen müsse, sieht auch Deppendorf so: Transparenz vermitteln, Hintergrundinformationen bereitstellen, die Informationsflut des Internets filtern, für eine Diskussionskultur sorgen. Und noch viel mehr. Nicht im Einklang, aber in Kooperation mit der Politik. Denn, so Deppendorf, einer „gnadenlosen Republik“ könnten nur beide Seiten zusammen entgegenarbeiten.

 

Bilder: wikimedia commons/avda  (CC-BY-SA-3.0), flickr/mp_fries (CC BY-ND 2.0)

Der Mensch, die Medien und ein gutes Buffet

von Pascal Thiel

Seit 2011 lehrt Prof. Dr. Klaus Sachs-Hombach als Professor für Medieninnovation und Medienwandel am Institut für Medienwissenschaft in Tübingen. Am Dienstag, den 20.11.2012 hat er seine Antrittsvorlesung gehalten. In der Vorlesung sprach er über sein neues Forschungsprojekt „Medien aus anthropologischer Perspektive“. Ein Projekt, das eine „Lebensaufgabe“ für Sachs-Hombach werden könnte.

Prof. Dr. Klaus Sachs-Hombach sei der „ideale Inhaber eines Faches, das es nicht gibt, aber bald geben wird“ sagt Prof. Dr. Jürgen Leonhardt, Dekan der Philosophischen Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen. Sachs-Hombach ist studierter Germanist, Psychologe und Philosoph, somit „fachfremd“. Doch bereits einmal wagte er den Schritt ins Unbekannte – und das erfolgreich. Jahrelanges Engagement in der Bildwissenschaft machten ihn zu einem der wenigen „europäischen Experten“ auf diesem Gebiet.

Doch seine thematische Bindung ans Bild hielt ihn nicht davon ab, 2011 erneut einen großen Schritt zu wagen. Er folgte dem Ruf nach Tübingen. Seitdem ist er Inhaber der Medienwissenschaftsprofessur für Medieninnovation und Medienwandel.

Am vergangenen Dienstag hielt er im Rahmen der Vorlesung „Medienkonvergenz“ seine Antrittsvorlesung zum Thema „Warum gelingt menschliche Verständigung?“ Bereits vier Jahre zuvor hatte er seine damalige Professur an der TU Chemnitz mit einem ähnlichen Thema eröffnet. Begab er sich damals – noch stark unter dem Einfluss seiner bisherigen wissenschaftlichen Karriere – auf die Spur des „Homo Pictor“, sprach er dieses Mal aus der Sicht des „anthropologischen Medienbegriffs“.

Kommunikation zeichnet den Menschen aus

Sachs-Hombach macht keine halben Sachen. Deshalb beginnt er seine Antrittsvorlesung am Anfang – und zwar ganz am Anfang: Der Evolution .

Die Evolution des Menschen ist ein Prozess, der seit acht Millionen Jahren im Gange ist. Seit 200.000 Jahren gibt es den „Homo Sapiens“, der seitdem zu den verhaltensbezogenen „modernen“ Menschen gezählt wird. Dieser ist ein Primat und zeichnet sich, so Sachs-Hombach, durch eine wesentliche Eigenschaft aus: durch eine bestimmte, nämlich die sogenannte „menschliche“, Kommunikation. Diese ist durch die Verbindung zweier wichtiger Elemente gekennzeichnet, der Bild- und der Sprachfähigkeit.

Die Bildfähigkeit ist die Kompetenz, auf verbildlichte Gegenstände, etwa Gesten, angemessen reagieren zu können. Das ist in eingeschränkter Weise auch bei Tieren möglich. Die Sprachfähigkeit hingegen ist das Vermögen des Menschen, sich mittels komplexer Zeichenvorgänge oral auszudrücken. Bezogen auf den Menschen ist das die Bildfähigkeit die Voraussetzung der Sprachfähigkeit. Die beiden Aspekte bedingen sich. Daraus zieht Sachs-Hombach den Schluss, dass die sprachliche Form der Kommunikation beim Menschen immer schon in der nicht-sprachlichen Form eingebettet war.

Um Verständigung zu erreichen, bedarf es also Kommunikation. Doch Kommunikation, so Sachs-Hombach, geschieht nur über Medien.

Medien bestimmen Kommunikation

Bezogen auf die im ersten Abschnitt beschriebene menschliche Kommunikation bedeutet das, dass die Sprache als ein Medium verstanden werden kann. Dabei hält sich Sachs-Hombach nahe am Medienbegriff von Roland Posner (1986). Er versteht ein Medium als „ein System von Mitteln für die Produktion, Distribution und Rezeption von Zeichen“, das den „in ihm erzeugten Zeichenprozessen bestimmte gleichbleibende Beschränkungen auferlegt“. Medien sind hier durch einen „Mittelcharakter“ bestimmt. Sie gelten als „Träger“ der kommunikativen Zeichen. Dabei ist jedes Medium und somit auch die jeweilige Art der Kommunikation durch seine eigene Medialität, also die Alleinstellungsmerkmale eines Mediums, geprägt.

Um dies zu verdeutlichen, greift Sachs-Hombach auf die Überlegungen des US-amerikanischen Anthropologen und Verhaltensforschers Michael Tomasello zurück. Dessen Medienbegriff definiert gestische, nonverbale Zeichen als Träger von Kommunikation. Sie wird dabei in einem weiten Verständnis begriffen. Die Kommunikation des Menschen gilt dabei im Gegensatz zur tierischen als vollendet entwickelte Kommunikationsform.

Tomasello beschreibt zwei Arten gestischer Zeichen. Als „Displays“ bezeichnet er animalische Warnrufe ohne Botschaft und Intention. „Gesten“, die zweite Form können wiederum in zwei Fälle unterteilt werden. „Intentionsbewegungen“ sind intentionale Gesten mit unmittelbarer Reaktion des Empfängers. „Aufmerksamkeitsfänger“ sind intentionale Gesten mit dem Ziel der Aufmerksamkeitserregung, die aber interpretatorische Leistung beim Empfänger notwendig machen. Weiterhin können menschliche Gesten in „Zeigegesten“, also auffordernde, nicht informative Gesten und „ikonische Gesten“, also auf Aufmerksamkeit konzentrierte, interpretationsbedürftige Gesten unterteilt werden.

Gesten dienen also der Kommunikation – mal mehr und mal weniger. Sie sind demnach Medien der personalen Verständigung.

Die bisherige Argumentation hat gezeigt: Verständigung ist nur durch Medien möglich. Eine innere Differenziertheit der Medien ist dabei essenziell, schon allein zur Unterscheidung verschiedener Gesten und ihren Bedeutungen. Denn die Modalitäten dieser Gesten werden nicht durch bestimmte Instanzen bestimmt, wie etwa bei der Sprache durch das Lexikon. Die Bedeutungszuschreibung erfolgt allein aufgrund der individuellen Interpretation des Dargestellten, des Bildes. Kommunikation kann nicht nicht-modal sein. Keine Kommunikation ist bedeutungslos.

Medien bestimmen den Menschen

Diese personale Kommunikation wird stark von Medien bestimmt. Sie nehmen Einfluss auf die Art und Weise der menschlichen Kommunikation. Sie bestimmen ihn und seine „Identitätsbildung“. Geschieht Kommunikation öffentlich, kommt es zur gesellschaftlichen „kulturellen Identitätsbildung“.

Als Beispiel nennt Sachs-Hombach eine Medienform, die sich in seinem Forschungsbereich mittlerweile etabliert hat: Computer- beziehungsweise Videospiele.

Aus anthropologischer Perspektive diene das „Spielen“ dem Erlernen diverser Fähigkeiten. Aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive haben PC- und Videospiele eine erhebliche Bedeutung bei der Wirklichkeitserfassung. Durch virtuelle Welten, die immer näher an der Realität sind, ist eine deutliche Entwicklung zu erkennen. Immer stärker wird die Wirklichkeit selbst durch mediale Erfahrung erfasst. Obwohl das Spielen zumeist im Privaten stattfindet, sei es dennoch ein Massenphänomen. Eine Veränderung der „kulturellen Identität“ durch PC- und Videospiele ist also laut Sachs-Hombach durchaus möglich.

Ein gutes Buffet bestimmt den Menschen

Obwohl man auf Antrittsvorlesungen gerne „alles das sagen [würde], was man schon immer mal sagen wollte“, blieb Sachs-Hombach sachlich und mit dem Thema verbunden. Nach einer mit zahlreichen Annahmen bespickten Vorlesung traf man sich noch im Kleinen Senat der Neuen Aula mit einem Buffet für Gäste, Hörer und Studenten. Dort wurden offene Fragen noch einmal eifrig diskutiert.

Bild: Institut für Medienwissenschaft Eberhard Karls Universität Tübingen (genehmigt, Ausschnitt)

Kultur im Netz – Ein Spannungsfeld: Verkaufe gebrauchtes E-Book, wie neu

von Stefan Reuter

E-Books und mp3s dürfen im Gegensatz zu ihren analogen Vorläufern nicht weiterverkauft, verliehen oder vererbt werden. Zumindest nach der aktuellen Gesetzeslage. Auch für Hollywood-Stars werden keine Ausnahmen gemacht, weswegen Bruce Willis angeblich Apple verklagen wollte. Doch die Gesetzeslage ändert sich. Es könnte also bald wirklich Flohmärkte für digitale Kulturgüter geben.

Stirb langsam, Apple

Auch ein Action-Held vom Format eines Bruce Willis muss sich mit zunehmendem Alter Gedanken darüber machen, wie er seinen Besitz unter seinen Liebsten verteilen will. Der Star der „Stirb langsam“-Reihe will angeblich seine beachtliche Musiksammlung seinen drei Töchtern vererben – und darf das nicht, wie die Sun berichtete. Das Problem liegt darin, dass die besagte Sammlung auf iTunes erworben wurde.

Was vielen nicht bewusst ist: Mit dem „Kauf“ eines digitalen Musikstücks erwirbt der Kunde lediglich Nutzungsrechte, die mit dem Tod aufgehoben sind. Auch wenn die Nachricht, Willis wolle Apple deswegen verklagen, eine Ente war, hat sie einige Fragen über den Umgang mit digitalen Gütern aufgeworfen: Wem gehören meine mp3s? Kann ich digital erworbene Filme weiterverkaufen? Und warum darf ich meine E-Books nicht verleihen?

Warum es keinen digitalen Flohmarkt gibt

Noch mal auf Anfang. Wer alte Schallplatten,CDs, VHS-Kassetten oder Bücher auf Flohmärkten, über eBay oder sonstige Plattformen verkaufen will, darf das, da hier der sogenannte Erschöpfungsgrundsatz gilt. Unter §17, Abs. 2 des Urheberrechtsgesetzes heißt es:

Sind das Original oder Vervielfältigungsstücke des Werkes mit Zustimmung des zur Verbreitung Berechtigten im Gebiet der Europäischen Union oder eines anderen Vertragsstaates des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum im Wege der Veräußerung in Verkehr gebracht worden, so ist ihre Weiterverbreitung mit Ausnahme der Vermietung zulässig.

Mit dem Kauf eines gedruckten Buches wird also gleichzeitig auch das Recht erworben, diese Kopie weiterzuverkaufen. Und auch unentgeltlich an Familie und Freunde zu verleihen. Dasselbe gilt für Musik oder Filme, solange sie auf einem physischen Datenträger gespeichert sind. Ein E-Book oder ein mp3-Album aber ist an den jeweiligen User-Account gebunden, um so eine unrechtmäßige Weiterverbreitung zu verhindern. Immer mehr Menschen erwerben Musik, Literatur oder Filme ausschließlich digital. So stellt sich die Frage, warum diese Medien nicht wie ihre analogen Vorgänger gehandelt werden dürfen. In der Wirtschaftswoche (Nr. 40 vom 1.10.2012, Artikel Digitaler Flohmarkt) heißt es dazu:

So drängt sich der Verdacht auf, dass bei Amazon & Co. weniger technische Hürden dahinterstecken als vielmehr der Versuch, einen Zweitmarkt zu verhindern. Denn während benutzte CDs meist Kratzer haben und Bücher mit der Zeit regelrecht zerlesen werden, nutzen sich digitale Güter nicht ab. Eine Zweitverwertungsmöglichkeit von Produkten in identischer Qualität würde deren Preise deutlich drücken.

Dabei könnte die Branche selber durch mehr Kundenfreundlichkeit in diesem Bereich profitieren. Zum einen entfiele damit einer der Gründe, statt der digitalen Version lieber die gedruckte Form zu kaufen. Zum anderen ist gut vorstellbar, dass das durch den Zweitverkauf erworbene Geld in neue digitale Produkte investiert wird.

Ein wegweisendes Urteil

Am 3. Juli diesen Jahres urteilte der Gerichtshof der Europäischen Union, dass der Erschöpfungsrundsatz auch für gebrauchte Software-Lizenzen gilt, sie dürfen also wie gedruckte Bücher zum Verkauf angeboten werden. Der Software-Anbieter Oracle hatte die Firma Used Soft verklagt, die sich genau auf diese Art der Zweitverwertung von Software spezialisiert hat. Programme werden oft lediglich über Lizenzen, also den Erwerb von Nutzungsrechten veräußert. Somit kommen keine Kopien auf Datenträgern in Umlauf. Oracle sah sich durch die Zweitverwertung von Used Soft in seinem Verwertungsmonopol verletzt. Das Gericht befand aber, dass der Erwerb unbegrenzter Nutzungsrechte über eine Lizenz einer Kopie gleichkommt, egal ob sie in physischer Form vorliegt oder nicht.

Mit einem jeweils einzigartigen Lizenzschlüssel zur Aktivierung der Software ist schließlich sichergestellt, dass der Erstkäufer seine weiterverkauften Nutzungsrechte nicht mehr selbst in Anspruch nimmt. Aus juristischer Sicht ist eine Übertragung dieses Urteils auf digitale Kulturgüter durchaus möglich. Auch, wenn es um die Frage des Vererbens geht. Der Rechtsanwalt Christian Solmecke, der in der auf Medienrecht spezialisierten Kanzlei Wilde Beuger Solmecke arbeitet, sagt dazu:

Ob diese Entscheidung auf heruntergeladene Musik übertragbar ist, ist unter Juristen umstritten. Ich meine, dass eine solche Übertragbarkeit möglich ist. Gewissheit werden erst künftige Gerichtsentscheidungen bringen.“ Geht man also davon aus, dass Musik auf diese Weise übertragen werden kann, dann kann auch das Vererben nicht durch Allgemeine Geschäftsbedingungen untersagt werden. „Aus den deutschen iTunes Nutzungsbedingungen ist ein solcher Wegfall der Lizenz im Todesfall ohnehin nicht ohne Weiteres ersichtlich.“

Vorbild USA

Wie ein entspannterer Umgang der Handelsriesen mit den Nutzungsrechten digitaler Medien aussehen könnte, zeigen zwei Beispiele aus den vereinigten Staaten.

Die Website ReDigi erlaubt ihren Usern, auf iTunes erworbene Titel weiterzuverkaufen. Bei Verkauf erhalten sie Gutschriften für ReDigi oder iTunes als Erlös. Die „gebrauchten“ Songs sind günstiger als Neuerwerbungen im iTunes-Store. Sie kosten nur 69 statt 99 Cent oder 1,29$, allerdings sind natürlich nur die Titel zu erstehen, die andere loswerden wollen. Eine spezielle Software sorgt dafür, dass der Verkäufer nach einer abgeschlossenen Transaktion keinen Zugriff mehr auf die entsprechende Datei hat, das gilt auch für etwaige Sicherheitskopien, zum Beispiel auf einem USB-Stick. Außerdem ist die Software dafür verantwortlich, dass nur legal erworbene Titel in Umlauf kommen. Den Befürchtungen um einen digitalen Schwarzmarkt wird damit der Wind aus den Segeln genommen.

Das zweite Beispiel liefert sogar Amazon selbst: In den USA ist es Kindle-Usern gestattet, ihre E-Books untereinander zu verleihen. Dazu müssen sie lediglich die E-Mail-Adresse des Ausleihers angeben, dieser darf dann bis zu zwei Wochen lang auf das Buch zugreifen. Der eigentliche Besitzer kann das für diesen Zeitraum nicht – ganz wie im echten Leben. Laut Wirtschaftswoche sollen beide Angebote im kommenden Jahr auch in Deutschland starten.

Fotos: flickr/roboppy (CC BY-NC-ND 2.0), flickr/warein.holgado (CC BY-NC-SA 2.0)

Gender, Butler und die Medien

von Alexander Karl

Sie ist die Wissenschaftlerin, die man als Erste mit der Gender-Debatte in Verbindung bringt: Judith Butler. Längst behandelt sie nicht mehr nur dieses Feld, sondern wendet sich auch anderen, ethischen Themen – etwa der Trauer – zu. Diese Transdisziplinarität macht sie auch für die Medienwissenschaft interessant.

Wiederholung über Wiederholung

Zunächst sei gesagt: Judith Butlers Texte sind komplex und oftmals sehr abstrakt – weshalb Einführungen in ihre Gedankenwelt nützlich sind (etwa Paula-Irene Villas „Judith Butler – Eine Einführung“, dazu eine Rezension weiter unten). Schafft man es aber, sich in Butlers Theorien einzuarbeiten, eröffnet sich dem Leser eine spannende und komplexe Welt aus Theorien, die sicherlich streitbar ist – aber wahrscheinlich macht sie das nur interessanter.

Greift man beispielhaft die Theorie der Performativen Akte und Geschlechterkonstruktion heraus, lassen sich schnell interessante Medienbezüge feststellen. Butler sagt, dass Geschlechter nicht nur konstruiert sind, sondern die Geschlechtsidentität durch „die stilisierte Wiederholung von Akten zustande kommt“ (Butler, 2002, S. 302). Vereinfacht ausgedrückt: Wir sehen täglich, welches Verhalten männlich und welches Verhalten weiblich ist. Dadurch wird die Geschlechtsidentität – so Butler – geformt. Solche Wiederholungen finden aber nicht mehr nur im privaten, sondern auch im öffentlichen Leben statt – also auch in den Medien. Auf dieser zusätzlichen Ebene zeigen uns fiktive Charaktere, dass man für männliche Babys blaue und für weibliche Babys rosafarbene Strampler kauft. Dass die Männer hart arbeiten und die Frauen wahlweise Hausfrauen sind und/oder shoppen. Kurzum: Die Medien sorgen für noch mehr Wiederholungen von Akten, gerade dann, wenn stereotype Figuren zugrunde liegen. Diese „Gender Performance“ ist damit nie orginal oder gar orginell, sondern nur „eine Imitation einer Imitation einer Imitation“ (Villa, 2012, S.77) – eben aufgrund der Wiederholungen, die wir uns tagtäglich ansehen und sie selbst performen.

Die Frau, der Nicht-Mann

Butler befasst sich sehr stark mit theoretischen Überlegungen zur Subjektwerdung und der Identität, wobei letztere nicht immer nur auf das Geschlecht abzielen muss. Menschen werden, so Butler, bestimmte Identitäten zugeschrieben, die sie je nach Kontext erfüllen: Ein Mensch ist Frau (oder Mann), heterosexuell (oder homosexuell), Schriftsteller (oder Wirtschaftsexperte) und vieles mehr. Doch oftmals findet eine Reduktion auf ein Merkmal – oder eine Identität – statt. Dann ist man nur ein Mann, nur heterosexuell, nur Schriftsteller. Gerade in den Medien findet man diese Reduktion auf den Euro-Rebellen, den Wirtschaftsexperten oder den PR-Berater. Hinter diese eine Identität treten dann all seine anderen Identitäten zurück – etwa liebender Familienvater oder Schrebergarten-Besitzer. Zudem bedeutet nach Butler die Zuschreibung einer Identität, dass man eine andere nicht ist: Wer Mann ist, ist Nicht-Frau. Wer schwul ist, ist nicht-hetero (vgl. hierzu: Villa, 2012, S. 45ff.).

Diese beiden Beispiele – mögen sie an dieser Stelle die Theorien Butlers auch nur knapp und in Aspekten ausführen – machen deutlich, dass gerade die Geschlechterfrage in den Medien eine große Rolle spielt: Wie werden Mann und Frau dargestellt? Gibt es ausschließlich Darstellungen von Mann und Frau oder auch von intersexuellen Menschen? Wenn sie sich in ihren neueren Texten mit ethischen Fragen – etwa der Trauer – auseinander setzt, gilt es zu fragen: Welche Leben werden öffentlich und medial betrauert? Paula-Irene Villa nennt hier als Beispiel den Begriff der „Döner-Morde“ (2012, S. 139).

Judith Butler regt zu interessanten Gedanken an, wenn man sie denn versteht. Deshalb ist gerade für den Einstieg in Butlers Theorien eine erklärende Hilflektüre empfehlenswert, etwa die Folgende:

Judith Butler – Eine Einführung (2. aktualisierte Auflage), 2012.

„Judith Butler – Eine Einführung“ von Paula-Irene Villa, Professorin für Soziologie und Gender Studies an der LMU München, hält, was sie verspricht: Villa gelingt eine gute und systematische Gliederung des Buches, die den Leser in die Gedankengänge Butlers einführt. So geht es zunächst um den Diskurs und die Sprache, die für Butlers gesamte Argumentation wichtig sind. Gleichzeitig handelt es sich bei diesen Themen um sehr abstrakte Überlegungen Butlers, die ein harter Einstieg in die Materie sind. Über das gesamte Buch hinweg werden aber immer wieder Querverweise in Butlers Argumentation herausgestellt, die für eine gute Verständlichkeit der Theorien und Aha-Effekte sorgen. Neben der Abhandlung der wichtigsten Theorien geht Villa auch auf die Rezeption und Wirkung Butlers ein. Sicherlich gibt es Autoren, deren Ausführungen einfacher zu erläutern sind als Butlers, doch eine Komplexitätsreduktion hätte an mancher Stelle das Lesen erleichtert. Insgesamt eignet sich das Buch aber sehr gut für einen Überblick über Butlers Werke und ihre Theorien.

„Judith Butler – Eine Einführung“ (2. aktualisierte Auflage) von Paula-Irene Villa ist am 16.08.2012 in der Reihe Campus Studium erschienen. Kartoniert, 179 Seiten, € 16,90.

Ebenfalls erwähnt: Butler, J. (2002). Performative Akte und Geschlechterkonstruktion. Phänomenologie und feministische Theorie. In: Wirth, U. (Hg.). Performanz: Zwischen Sprachphilosophie und Kulturwissenschaften. (S. 301-320). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

flickr/Andrew Rusk (CC BY 2.0); Buchcover: Campus Verlag

Sommerlöcher noch und nöcher

von Nicolai Busch

Es ist Sommer. Frau Merkel wandert durch Südtirol, Minister Rösler planscht mit den Kindern ausgelassen an der Ostsee und Claudia Roth genießt im grünen Badeanzug türkische Sonnenuntergänge.  Sommer, das ist die Zeit, da die Hauptdarsteller dieses Landes ruhen und all die Nebendarsteller die einmalige Chance bekommen, die ganz große Spur zu fahren und zur nie vergessenen Rampensau zu mutieren. Wenn alles Pause macht, braucht es Leute in den Medien, die mal ganz dick aufdrehen, die laut, lustig, einzigartig unanstrengend und bereit sind, dem Volk zu zeigen wie der Hase nämlich eigentlich läuft. Und es braucht Leute, wie Claudia Obert, die einfach auch dabei sein wollen.

Frau Obert ist reich und im Fernsehen

Die Selfmade-Millionärin Claudia Obert soll den Fernsehzuschauern mal sagen, wie das denn so ist, wenn man reich ist. Deshalb (und nur deshalb!) sitzt Frau Obert an diesem Abend in einer Talkshow eines großen öffentlich-rechtlichen Senders. Sie trägt ein enges, rotes Kostüm, diamantenbesetzte Ohrringe und Armbänder, eine große Uhr und eine im Licht der Studioscheinwerfer glitzernde Halskette. Wer Frau Obert sieht, der versteht: Reich sein ist super! Wäre da nur nicht die auffällige Angewohnheit Frau Oberts Fragen der Moderatorin nicht sachlich und informativ, sondern im Sinne der eigenen Promotion zu beantworten. Würde Frau Oberts Auftreten doch nur nicht den Anschein vermitteln, Mathias Richling habe sich eine Perücke übergezogen und parodiere den Stereotypus ‚Deutsch- Neureich‘. Ja, hätte Frau Obert doch nur tatsächlich etwas zu sagen – dann könnte man sie auch ernst nehmen. Man würde ihr tatsächlich zuhören wollen und müsste sich das Grinsen nicht verkneifen, wenn die Unternehmerin in so einer ‚Bitte-nehmen-Sie-es-mir-nicht-böse-aber…‘- Körperhaltung angestrengt verharren und eine ihrer unpolitischen Stammtischthesen („Ich bin sowieso der Meinung, dass es in Deutschland keine Arbeitslosen gibt, nur Arbeitsscheue“) unkontrolliert in die endlosen Weiten der Talkshow-Galaxien katapultieren würde.

Dabei sein ist Alles

Claudia Obert ist eine von sechs Gästen bei Maischberger im Ersten. Eigentlich soll in der Sendung vom 21.August mit dem Titel „Der Millionär hat’s schwer. Reiche zur Kasse bitte!“ die Möglichkeit der Versteuerung von Spitzengehältern diskutiert werden, doch dazu kommt es nicht. Denn nach der Eigenpromo von Frau Obert, muss uns der Piraten-Politiker Johannes Ponader zunächst einmal ausführlich seine persönliche Weltsicht am Beispiel seines Lieblingskinderbuchs “Frederick“ erläutern. Das alles plus das linke Gerede von Frau Wagenknecht regt den Gründer der Drogeriekette Rossmann kurze Zeit später derart auf, weshalb er beginnt hysterisch rumzuschreien. Auch Herr Schneider möchte Herrn Köppel scheinbar gerne mal an die Gurgel springen.„Aber schauen Sie sich doch die Zahlen an“; kreischt es da plötzlich von rechts und links, bevor auch Maischberger resigniert und eingesteht: „Wir kommen hier nicht einen Punkt weiter“.

„Ich bin eine Mediensau“; sagt Reiner Calmund

Es ist Sommer und die irrwitzige Ziellosigkeit der Debatte bei Maischberger ist so riesig wie die Themenlosigkeit dieser Tage. Die politische Pause hat mal wieder ein tiefes, schwarzes Loch in die Agenda der Nachrichten- und Presseagenturen gerissen, indem alles verpufft und geräuschlos verhallt. Dieses Loch gilt es zu füllen. Koste es, was es wolle.
Nicht jeder stellt sich dabei so schlecht an, wie Frau Obert und Konsorten in der ARD. Drei Seiten und neunzehn Bilder, davon zwölf Portraits in albernen Posen widmet die ZEIT in der Printausgabe  Reiner Calmund. 160 Kilo schwer, 172 Zentimenter groß und 462 bisherige Beschäftigungen im Sinne der Selbstvermarktung hat der „Calli“ vorzuweisen.  Wie ein mit Helium gefüllter Ballon schwebt Calmund durch mediale Sphären, vorbei an der Buchstabensuppe aus Maischbergers Talkrunde, bis dass man ihn vom Himmel fischt, um höflich anzufragen, ob er sich denn als überdimensionaler Stopfen nicht mit viel Witz und rheinländischem Charme in das sommerliche, kreative Vakuum einer überregionalen Qualitätszeitung pressen könne. Wenn Aktualitäten fehlen, muss Altbekanntes eben reproduziert werden.

Die Krise in der Sommerkrise

Das Konzept geht auf. Der Leser fühlt sich unterhalten. Aus der Not geboren titelt der Spiegel in dieser Woche „Droge Zucker – Die gefährliche Sucht nach dem Süßen“, das politische Magazin Cicero preist aus welchem Anlass auch immer das TV-Phänomen Tatort und die gelangweilte Netzgemeinde lässt sich begeistern von einem alten Mann, der als politisches Maskottchen auf großer Bühne zu einem Stuhl spricht. „Krise hin, Krise her“; sagt Sandra Maischberger ganz zu Beginn einer Diskussion, der an diesem Abend so recht niemand folgen möchte. „Krise hin, Krise her“ – das ist nicht nur der nationale Subton dieses Sommers. „Krise hin, Krise her“ – das symbolisiert auch eine journalistische Substanz, die sich noch bis Ende September an südlichen Stränden sonnt und bis zur Rückkehr der deutschen Lobbyisten und Politiker all denjenigen das Sprachrohr vor die Nase streckt, die schon immer mal was sagen wollten.

Foto: flickr, doubleyou_em (CC BY-NC-ND 2.0) ; flickr, Helga Weber (CC BY-ND 2.0)

Der mediale „rosa Winkel“

von Alexander Karl

Alice Schwarzer und Stefan Niggemeier diskutieren: Dürfen Politiker und Prominente öffentlich geoutet werden? Diese Frage ploppt immer wieder in den Medien auf, meistens aber erst dann, wenn es bereits zu spät ist und Homosexuelle aus ihren Schränken gezerrt wurden – im Namen der Gleichstellung, wohlgemerkt. Was aber vergessen wird: Dieses unfreiwillige Outing kommt einem Stigma, eben einem medialen „rosa Winkel“, gleich und zeigt, was im Argen liegt.

Die Causa Altmaier

Am 15. Juli 2012 erschien in der BILD am Sonntag ein Interview mit dem deutschen Bundesumweltminister Peter Altmaier. Darin spricht er auch über sein Single-Dasein:

Ich bin ein sehr geselliger und kommunikativer Mensch. Doch der liebe Gott hat es so gefügt, dass ich unverheiratet und allein durchs Leben gehe. Deshalb kann in den Archiven auch nichts über eine Beziehung stehen. Ich hadere nicht mit meinem Schicksal. Wenn es anders wäre, wäre ich längst verheiratet oder in einer festen Beziehung.

Daraufhin veröffentlichte taz-Redakteur Jan Feddersen einen Text, in dem er die Frage aufwirft, ob Altmaier nun schwul sei: „Auch Bild am Sonntag hat sich nicht getraut, die direkte Frage zu formulieren: »Herr Minister, bei aller Liebe zu Gorleben und zur Endlagerfrage, aber: Sind Sie sch …?«“ Kaum waren Feddersens Worten in Umlauf, war Altmaier aus dem Schrank – herausgezogen von der taz, mit dem Stempel „schwul, aber er steht nicht dazu“ versehen. Ein medialer „rosa Winkel“ eben, ein Stigma und eine Kategorie, die Altmaier nur schwerlich loswerden wird. Es folgte von taz-Chefredakteurin Ines Pohl so etwas wie ein Rückzieher: Sie löschte den Artikel online und schrieb eine Entschuldigung:

… politisch wie moralisch ist die sexuelle Orientierung eines Menschen irrelevant. Sie ist Privatsache. Entsprechend sollte sich die taz weder an Zwangsoutings noch an Gerüchten über die sexuelle Orientierung beteiligen.

Eigentlich war es klar, dass solch eine Stellungnahme die Debatte um Altmaiers Sexualität noch zusätzlich befeuern und mit weitere (Pseudo-) Fragen hervorrufen würde. Dazu gehört eine (rechtlich wie ethisch) wichtige Frage: Dürfen die Medien Menschen outen? Dass sie es können, ist bekannt (media-bubble.de berichtete). Und so formieren sich im Netz derzeit zwei Lager: Jene, die eine Diskussion um Altmaiers Sexualität OK bis wichtig und richtig finden und solche, die für ein privates Privatleben eintreten.

Niggemeier vs. Schwarzer

Auf der einen Seite steht etwa Stefan Niggemeier, der sagt: „Ich weiß nicht, ob Peter Altmaier schwul ist. Aber ich finde es — anders als die Chefredakteurin der »taz« — legitim, darüber zu spekulieren.“ Wohlgemerkt ist Stefan Niggemeier nicht Redakteur bei taz oder BILD, sondern Deutschlands bekanntester Blogger, Mitbegründer des BILDblogs und Spiegel-Redakteur. Seine Argumentation zielt vor allem auf Altmaiers politisches Handeln ab: „Natürlich ist es politisch relevant, ob Peter Altmaier schwul ist, wenn Peter Altmaier im Parlament gegen die Gleichstellung von Schwulen stimmt. […] Es ist selbstverständlich eminent politisch, ob und wie schwule Politiker und Prominente zu ihrem Schwulsein stehen.“ Niggemeier schließt seinen Artikel mit folgender Überlegung:

Peter Altmaier ist entweder jemand, der glaubt, dass seine Homosexualität etwas ist, das er verschweigen muss. Oder er wird für schwul gehalten, obwohl er es gar nicht ist. Wenn er selbst nicht bereit ist, für Aufklärung zu sorgen, muss man wenigstens darüber diskutieren dürfen.

Ja, Niggemeier hat recht – und doch wieder nicht. Natürlich ist es ein schreckliches Zeichen, wenn homosexuelle Politiker gegen Rechte von Homosexuellen stimmen – wie erst Ende Juni, als die Eheöffnung für gleichgeschlechtliche Paare zur Abstimmung stand und kein Abgeordneter von Union und FDP sich zu einem „Ja“ durchringen konnte. Übrigens nicht einmal Guido Westerwelle, der bei der namentlichen Abstimmung keine Stimme abgab. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn wenigestens die offen homosexuell Lebenden für ihre Rechte einstünden. Aber gibt es der Presse deshalb das Recht, über die sexuelle Orientierung von Politikern zu spekulieren?

Alice Schwarzer findet dies nicht. Sie sagt: „Jemand, der aufruft zum Zwangsouten, ignoriert nicht nur diese Realitäten, sondern pfeift auch auf die Menschlichkeit.“ Und dazu zählt sie auch Niggemeier, dessen Sexualität sie einerseits nicht interessiere, sie sich aber andererseits den Satz „Es heißt, er sei schwul“ nicht sparen kann. Für Schwarzer aber geht in der Altmaier-Diskussion vor allem um die Fragen, warum man Politiker zu einem Zwangsouting zwingen muss:

Wir sind also Lichtjahre entfernt von einer gelassenen und gesicherten Gleichstellung von Homo- und Heterosexualität. Wer hat da das Recht, Betroffene aufs Eis zu schicken! Es ist ausschließlich an den homosexuellen Frauen bzw. Männern selber, zu bestimmen, ob und wenn ja, wie sie ihre Homosexualität öffentlich machen. Alles andere kommt einer seelischen Vergewaltigung gleich.

Die gleiche Sache – andersrum

Liest man zwischen den Zeilen, wird eines klar: Stefan Niggemeier und Alice Schwarzer kämpfen an der gleichen Front. Sie fordern, das Homosexualität in der Gesellschaft nicht mehr als randständig, sondern als natürliche Realität betrachtet wird. Während Niggemeier eventuelle Zwangsoutings für die Sache in Kauf nimmt, wehrt Schwarzer diese ab, verteufelt sie. Was dadurch aber in der Debatte untergeht, sind die zentralen Fragen: In welcher Gesellschaft leben wir, in der Politiker und andere Prominente noch immer aufgrund ihrer Sexualität diffamiert werden? Warum sind es nicht viel öfter die Medien selbst, die für diese Gleichstellung eintreten und eben nicht nur Menschen aus den Schränken zerren? Diese Probleme sind letztlich hausgemacht: Meines Wissens hat sich Angela Merkel noch nie öffentlich für homosexuelle Rechte ausgesprochen, wie es etwa Obama getan hat. Meines Wissens gab es keinen Aufschrei in den Medien, als die Eheöffnung im Bundestag abgelehnt wurde. Meines Wissens hat noch keine Zeitung eine große Kampagne zum Thema homosexueller Akzeptanz gestartet, wie es einst der Stern bei den Abtreibungen tat.

Solange die Medien selbst Homosexualität nicht als gesellschaftlich relevantes Thema betrachten, werden sie weiterhin „rosa Winkel“ verteilen, die sie Prominenten – zu recht oder zu unrecht – anheftet. Die Medien selbst haben es in der Hand, wie Homosexuelle wahrgenommen werden. Wenn das Thema weiterhin marktschreierisch behandelt, Klischees bedient und Offenheit nur geheuchelt wird, werden weiterhin Einzelfälle unter dem Vorwand ihrer Bekanntheit an die Oberfläche gezerrt und mit einem medialen „rosa Winkel“ dekoriert.

 

Foto: flickr/unclefuz (CC BY-NC 2.0) , CDU/CSU-Bundestagsfraktion/Christian Doppelgatz

Hunde und Reis – Warum Journalismus im Kleinen beginnt.

von Sanja Döttling

„When a dog bites a man, that is not news, because it happens so often. But if a man bites a dog, that is news“, sagte John Bogart einmal und gab somit die Grundregel des Journalismus vor. In der Lokalzeitung tummeln sich keine beißenden Männer. Dort gibt es abgebrannte Restaurants, Baustellen und verschmutze Parkanlagen.

Die Geschichten liegen auf der Straße? Von wegen! Zwar gibt es im Lokalen viele Straßen, aber auch nun mal einige Waldwege. Und der Sack Reis fällt bekanntlich auch in China, und nicht bei uns im schwäbischen Dorf um. Doch glücklicherweise gibt es auf dem Land etwas ähnliches wie den chinesischen Sack Reis.

„Fahren Sie mal raus und schauen Sie, was aus  der abgebrannten Sportgaststätte wird“, sagt mein Chef bei der Lokalzeitung. „Aber was soll ich denn da schreiben?“ erwidere ich, überschlage den Neuigkeitsgehalt des – vor Wochen abgebrannten – Restaurants und komme auf zehn Zeilen. Höchstens. „Na, machen Sie mal. Das ist ne Geschichte“, sagt der Chef. Grummelnd setze ich mich ans Telefon. Das wird nie was, denke ich. Wie soll ich daraus einen Bericht machen?

Kein Kleintierzuchtverein

Der Besitzer der Gaststätte geht nicht ran. Das heißt aber nicht, dass nichts zu tun ist. Der Chef hat immer einen Stapel Mails auf dem Schreibtisch, die zu einer kleinen, zehnzeiligen Nachricht umgewandelt werden müssen. Oder ich trage die Jubiläen der Rentner ein, die bei runden Geburtstagen und langen Ehen namentlich in der Zeitung erwähnt werden.

Oder ich habe Telefondienst, wie nun als ein älterer Herr anruft: „Da, wo ich spazieren gehe, ist total viel Schmutz und Müll in der Parkanlage“, sagt er, „ich habe schon bei der Stadt gefragt, die machen nichts.“ Ich verspreche, ein Foto zu machen. Aber zuvor habe ich noch ein Termin im Heimatmuseum, die haben die Räume umgebaut und installieren neue Informations-Tafeln im Erdgeschoss. Im Schaukasten eine originalgetreue, 30 Zentimeter lange Heuschneidemaschine  aus dem letzten Jahrhundert. Der alte Bauer hat die in mühevoller Handarbeit gebaut. Und meine Kamera klickt ununterbrochen im alten Tante-Emma-Laden.

Tante-Emma-Laden, Heimatmuseum – als nächstes der Kleintierzüchterverein? Schnell stellte sich heraus: Nein. Denn das Arbeiten im Lokalen ist vielseitig, und schwieriger, als man denkt. Das Heimatmuseum hat keine Internetseite, auf der wichtige Informationen stehen. Und die Gemeinderatsmitglieder haben auch keinen Wikipedia-Eintrag.  Zum Glück gibt es den alteingesessenen Kollegen, der sie alle mit Namen und Aufgabengebiet kennt. „Das ist der Herr Müller“, sagt er und gibt mir die Telefonnummer, als ich die Straßenerweiterung hinterfragen soll. Ich rufe bei der Stadt an. Der Vater meines Freundes verbindet mich mit dem zuständigen Beamten.

Es menschelt sehr

Ich fahre weiter in den verschmutzen Park. Er ist sauber. Später ruft der ältere Herr noch einmal an und sagt: „Ich war gerade im Park, da ist jetzt aufgeräumt. Nicht, dass Sie denken, ich hätte mir das ausgedacht.“ Problem gelöst. Dafür ruft ein Getränkehändler an. „Die haben mir meine Einfahrt für Bauarbeiten heute gesperrt. Dabei haben die von der Stadt gesagt, das ist erst morgen! Jetzt kommen meine Kunden nicht mehr in den Hof!“

Über all die internationale Politik und die hochgestochenen Feuilleton-Kritiken vergisst man als angehender Journalist schnell, was in jedem Artikel die Hauptrolle spielt: die Menschen. Auf dem Treffen des Rentner-Fahrradclubs trinke ich Kaffee und kann den Kuchen nur unter vehementem Widerstand ablehnen; in der Hauptstraße backt der Bäcker seit drei Jahrzehnten jeden Morgen ab drei Uhr Brot und Brötchen für die Kunden, ohne seinen Beruf langweilig zu finden. Im Dorf nebenan organisiert der Pfarrer seit Jahren ein Konzert mit internationaler Besetzung, während in der Waldorfschule junge Musiker trainieren. „Das klingt wie lätschige Spagetti!“ ruft der Dirigent, „das ist hier kein Computerspiel. Hier geht es um Hass, um Liebe, um Rache bis in den Tod! Nochmal!“

Lokaljournalismus, sagen die angehenden Jung-Journalisten, das ist langweilig. Zeilenschinderei. Da passiert ja nichts. Sie wollen Großes, und wenn schon nicht zur „Zeit“, dann doch bitte zur „Süddeutschen“, am besten gleich Merkel interviewen oder wenigstens Seehofer. Im Lokalen gibt es die nur in Kleinformat. Aber egal ob Merkel oder Müller: Schreiben, das ist zuallererst ein Handwerk. Und das lernt man im Lokalen besser als zwischen Bestsellern und B-Sternchen. „Wer aus dem örtlichen Feuerwehrfest eine Geschichte machen kann“, sagte mir eine Journalistin einmal, „der kann aus allem eine Geschichte machen.“

Schlussendlich dann wieder das abgebrannte Restaurant. Die Besitzerin war nachts über ihrem  Papierkram eingeschlafen. „Die Paula hat gebellt und mich in den Zeh gebissen“, erzählt sie. Paula ist ihr Dackel-Mischling. „Der Rauch hatte sich schon weit entwickelt, von allein wäre ich da nicht mehr aufgewacht.“ Im Lokalen ist es der heldenhafte Hund, der beißt. Und trotzdem – oder gerade deswegen eine Geschichte.

Foto: flickr/peretzp (CC BY-SA 2.0), Sophie Kröher

Bücherliebe trifft Internetaffinität

von Alexander Karl, Sanja Döttling und Pascal Thiel

Köln im Juni 2012: Der Wind fegt entlang des Doms, wo sich media-bubble.de mit dem Gründer der literatur-community.de traf. Wie kommt man mit 16 Jahren auf die Idee, eine Literaturplattform zu gründen? Wie setzt man sich gegen die Konkurrenz ab? Und passen Internet und Bücher zusammen?  media-bubble.de im Gespräch mit Fabian Krott von literatur-community.de.

Blackout – Und alles steht still

von Alexander Karl

Der Autor Marc Elsberg

Es ist ein Schreckensszenario sondergleichen: Durch einen Hackerangriff wird in ganz Europa das Stromnetz lahmgelegt. Vom Fernseher bis zum Herd funktioniert nichts mehr. Kein Wasser fließt mehr, die Tankstellen bekommen das unterirdisch gelagerte Benzin nicht mehr in die Zapfsäulen. In kürzester Zeit ist die Welt, wie wir sie kennen, Geschichte: Supermärkte können nicht beliefert werden, den Krankenhäusern geht irgendwann der Notstrom aus. Eine moderne Apokalypse, ein Wettlauf gegen die Zeit für die Verantwortlichen und Poltiker.

Glücklicherweise sind große Teile dessen nur Fiktion: Der Wiener Bestsellerautor Marc Elsberg (45) sprach mit media-bubble.de über sein Buch „Blackout – Morgen ist es zu spät“, die Medien und Trittbrettfahrer.

media-bubble: Ein solch umfassendes Werk wie „Blackout“ bedarf viel Recherche. Wie sind sie vorgegangen?

Marc Elsberg: An „Blackout“ habe ich etwa vier Jahre gearbeitet. Das erste Jahr bestand aus reiner Recherche. Erst danach begann ich mit dem Entwurf der Figuren und der Handlung. Während des Schreibens musste ich laufend weiter recherchieren, da ich noch immer vieles nicht wusste und es gerade in diesem Gebiet viele aktuelle Entwicklungen gab und gibt.

Und 2011, während Sie geschrieben haben, kam Fukushima.

Ja. Als Fukushima geschah, war meine Handlung entworfen und der Text etwa zur Hälfte fertig. In „Blackout“ waren Probleme in AKWs bereits vorgesehen. Aber schon während der Arbeit wurde ich mehrmals von der Realität eingeholt, etwa durch das Auftauchen der stuxnet-Malware. Große Änderungen musste ich daher nicht mehr durchführen. Allerdings gab Fukushima einige Anregungen bei Details.

Mindestens so wichtig und aufwändig wie die Recherchen zur Technik waren jene zu den Schicksalen von Menschen in Krisensituationen. Wobei es dazu – leider – genug Quellen gibt, sei es aus Kriegs- oder Katastrophengebieten. Manchmal halfen mir dabei aber sogar Erzählungen meiner Eltern und Großeltern aus der Nachkriegszeit.

Wir informieren uns heute vor allem über das Internet oder Fernsehen. Wenn der Strom ausfällt, geht das nicht mehr. Wie schätzen Sie die Bedeutung von Medien für den Informationsaustausch im Krisenfall ein?

Die Bedeutung von (elektronischen) Medien zur Information der Bevölkerung wäre in jedem Krisenfall immens.

Allerdings können sie in manchen Krisenfällen, zum Beispiel bei einem großen Stromausfall, kaum eingesetzt werden. Die meisten Menschen können kein Internet, TV oder Hörfunk mehr empfangen, es sei denn, die besitzen ein batteriebetriebenes Radio oder ein Auto mit Radio. Zeitungen können zwar noch ein paar Tage lang gedruckt, aber immer schwerer ausgeliefert werden. Festnetz und Mobiltelefon (wenn man diese zu den Medien zählen mag) fallen auch bald aus.

Soll heißen: Die Bedeutung der meisten modernen Medien (Ausnahme: Radio) sinkt im Fall eines großen, längeren Stromausfalls gegen Null. Die Menschen wären fast ausschließlich auf mündlich weiter gegebene Nachrichten angewiesen – was da schnell an Gerüchten entsteht, kann man sich vorstellen! In einer Szene von „Blackout“ führt dies auch zu einem persönlichen Drama für eine der Figuren.

Überwiegen in Ihren Augen die Vor- oder Nachteile der modernen Informationstechnologie?

Durch die modernen Informationstechologien haben wir zahlreiche neue Möglichkeiten gewonnen. Denken wir etwa an die Kommunikation während des arabischen Frühlings.  Unter normalen Umständen überwiegen für mich klar die Vorteile – vorausgesetzt wir reden von ihrem Einsatz in einer funktionierenden Demokratie und einem funktionierenden Rechtsstaat. Wobei es selbst in diesen aufgrund der rasanten Entwicklung eine Menge Klärungsbedarf gibt, wie nicht zuletzt aktuelle Diskussionen um geistiges Eigentum oder Datenschutz zeigen.

Stichwort Datenschutz: Im Buch werden systematisch E-Mails und andere modernen Kommunikationsmittel angezapft. Entwickeln sich da nicht neue Ängste?

Nicht für mich. Ich bin mir seit Jahren bewusst, dass man meine gesamte Kommunikation verfolgen kann, wenn man will. Es würde mich auch gar nicht wundern, wenn ich aufgrund meiner Recherchen in den Stichwort-Alerts irgendwelcher Überwacher aufgetaucht bin und unter Beobachtung stand (oder stehe). Naja, jetzt wissen die ja, dass ich tatsächlich nur ein Buch schreiben wollte…

Der „gläserne Mensch“ also.

Mit dieser „Gläsernheit“, werden wir bis zu einem gewissen Grad lernen müssen zu leben, fürchte ich, so miserabel der Gedanke auch ist. Trotzdem habe ich z.B. in Österreich die Petition gegen die Datenvorratsspeicherung unterschrieben und bin auch gegen ACTA (allerdings sehr wohl für einen anständigen Schutz meiner Urheberrechte/immateriellen Güter).

Ein Ursprung des Übels in „Blackout“ sind die Smart-Meter, die digitalen Stromzähler. Was würden Sie tun, wenn Sie selbst bald ein solches Gerät in der Wohnung haben müssten?

Solange diese Geräte derart unsicher sind wie die jetzigen Modelle, würde ich versuchen, den Einbau zu verhindern. Wobei es da rechtliche Probleme gäbe. Allerdings bilden sich in mehreren Ländern langsam Initiativen dagegen.

„Blackout“ beschreibt ein Schreckensszenario, das sicherlich keiner erleben will. Verfolgen Sie mit dem Buch die Mission, die Gesellschaft aufzuwecken?

Zuallererst wollte ich eine spannende Geschichte schreiben über ein Thema, das mich selbst interessierte und darüber, wie die Menschen davon betroffen sind. Wenn ich damit erreiche, dass ich bei kritischen Themen Nachdenkprozesse anrege, freut es mich. Auf ein Blackout kann man sich bis zu einem gewissen Grad vorbereiten bzw dafür rüsten. Das habe ich getan.

Stellenweise wird sehr genau die Verwundbarkeit des Stromnetzes und der Informationskanäle angesprochen. Fürchten Sie, dass Ihr Buch Trittbrettfahrer zu solchen Taten aufrufen könnte?

Nein. Die Idee von Angriffen auf Infrastrukturen ist nicht neu. Ich bringe einige Beispiele auch in „Blackout“. Schon in der „Südtiroler Feuernacht“ 1961 wurden Strommasten gesprengt. 1972 starb Giangiacomo Feltrinelli, der italienische Verleger (Doktor Schiwago, Der Leopard, das berühmte Che Guevara-Bild) und spätere Terrorist, bei dem Versuch, einen Strommast zu sprengen. „Blackout“ ist die zeitgenössische Interpretation des Themas. In „Die Hard 4″ rettet John McClane“ schon 2007 die USA vor einem ähnlichen Szenario. Abgesehen davon wurde ich auch hier von der Realität eingeholt, wenn auch in kleinerem Rahmen: Im Mai 2011, als der Text weit fortgeschritten war, legte ein Brandsatz die Berliner S-Bahn und Teile des Telefonnetzes lahm. Das ist letztlich nichts anderes, als ich in „Blackout“ beschreibe – ein Terrorangriff auf wichtige Infrastrukturen. Zum Glück kamen damals keine Menschen ernsthaft zu Schaden.

Vielen Dank für das Gespräch, Marc Elsberg!

Foto: Clemens Lechner