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Tag 5: Welche Probeklausur?

von Caroline Wahl

Freitag. Null Uhr vier. Ich schaffe es nicht. Meine Augen zucken. Die Texte sind zu lang. Als dann zu allem Überfluss auch noch die Buchstaben vor meinen Augen anfangen zu tanzen, widme ich mich kurz dem geliebten, von Möglichkeiten überfluteten Internet. Ich muss eh noch schauen, in welchem Raum wir morgen, ich meine heute, schreiben, bzw. tippen und klicken. Ich besuche das Campus-Portal. Prüfungsverwaltung. Klick. Info über angemeldete Prüfungen. Klick. Medienwissenschaft (PO-Version 2010). Haha Po! Ich bin eindeutig übermüdet. Klick. Herzstillstand.

Freitag. Null Uhr fünf. Ach du Scheiße. Wieso steht da keine angemeldete Prüfung. Ich habe mich doch angemeldet. Ich bin mir hundertprozentig sicher. Ich habe mich angemeldet. Habe ich mich angemeldet? Die Dozentin hat uns immer wieder daran erinnert, dass wir uns auch ja rechtzeitig anmelden, damit sie genügend Laptops zur Verfügung stellen wird. Habe ich mich angemeldet?

Freitag. Null Uhr zwanzig. Mir ist es wieder eingefallen, nachdem ich die letzte Woche Revue passieren habe lassen. In meinem Kalender habe ich auf der Seite des letzten Mittwochs eine verteufelte ToDo-Liste wiedergefunden auf der zwischen „Pfandflaschen wegbringen“ und „Wäsche waschen“ dick und fett, sogar mit rotem Buntstift und mit vier Ausrufezeichen „Prüfungsanmeldung bis morgen!!!!“ steht. Was dann passiert ist, ist nicht schwer zu erraten: ToDo-Listen. Was mache ich jetzt? Ich schaffe es nicht mehr! Scheiße. Das Prüfungsamt hat mitternachts meinen Berechnungen zufolge geschlossen und die Klausur findet morgen schon um zehn Uhr statt. ST!

Freitag. Null Uhr zwölf. Nein! Das Prüfungsamt hat morgen geschlossen.

Freitag. Ein Uhr dreiunddreißig. Nachdem ich meine Mama aus dem Schlaf telefoniert habe und mehrere Dozenten und andere für die unterschiedlichsten Ämter Zuständige mit Emails tyrannisiert habe, entscheide ich mich für mein Bett und gegen die ungelesenen Texte. Wahrscheinlich kann ich die Klausur sowieso nicht schreiben.

Freitag. Ein Uhr vierzig. Ich habe zu viel Kaffee getrunken.

Freitag. Sieben Uhr. Ich bin todmüde. Aber ich muss aufstehen: Klausur. Nicht angemeldet. Texte.

Freitag. Sieben Uhr vierzig. Nachdem ich meine Dozentin in ihrem Büro aufgefunden habe, ihr meine verzweifelte Lage niedergelegt habe und es dabei peinlicherweise nicht geschafft habe, die Tränen zu unterdrücken, beruhigt sie mich. Ich bin nicht die Einzige, die die Anmeldung versäumt hat. Selbstverständlich darf ich mitschreiben, bzw. mittippen und mitklicken. Ein schwerer Stein fällt mir vom Herzen. Dafür wird mir aber die Last der vier ungelesenen Texte in meinem Rucksack umso bewusster.

Freitag. Neun Uhr drei. Ich sitze auf dem Boden vor dem Vorlesungsaal, in welchem gerade schon Laptops für die Klausur verteilt werden. Ich bin gleich mit dem zweiten Text durch, wobei ich mich aufgrund des Zeitdrucks nicht konzentrieren kann und eigentlich einfach nur den Text mit Textmarker anmale. Eine meines Erachtens in Anbetracht der Lage viel zu entspannte Kati gesellt sich zu mir. Und gut vorbereitet? Wie fandest du die Probeklausur? PROBEKLAUSUR? Welche Probeklausur? Nein! Nein! Nein! Hast du die nicht gesehen? Die wurde letzten Donnerstag auf ilias hochgeladen. Als ob ich jeden Tag auf ilias schaue, ob etwas neues Wichtiges hochgeladen wurde. Auf ilias wird jedes poplige Handout, jede noch so schlechtPowerpoint-Präsentation, jeder noch so unwichtige Text, „weiterführende Lektüre“ (haha), hochgeladen! Auf ilias wird alles hochgeladen! Als ob ich das alles verfolge! Ich habe schließlich wichtigeres zu tun! Ok, ich sollte hier nicht so rumschreien. Ruhe bewahren. Plan B: Ich werde doch Youtuberin. Ich muss Youtuberin werden. Dann verkaufe ich meine auf den ersten Blick für Zuschauer unbefriedigenden Schminktutorials und Food-Diaries eben als Comedy-Videos. Guter Plan.

Freitag. Zwölf Uhr. Anscheinend war die Probeklausur fast identisch mit der hochgeladenen Klausur. Laut Kati. Egal. Ich denke, dass ich bestanden habe. Auf jeden Fall muss ich diesmal nicht ein Semester warten bis die Klausur korrigiert wird.

Freitag. Vierzehn Uhr zwanzig. Nach über einer Stunde fährt der Bus ein. Inzwischen habe ich selbstverständlich auch schon eine Verspätungs-SMS bekommen. Er hatte eine Panne in Karlsruhe. Ich sage meinen Namen und der Fahrer lässt mich durch. Ich habe schließlich per Sofort-Überweisung bezahlt.

Freitag. Zwanzig Uhr sechs. Meine Mama hat Lasagne gemacht. Ich bin glücklich. Abends trinken wir einige Gläser Wein und reden viel. Als ich ihr das Bild von ihrer Schwester und deren „new beginning“ zeigen will, bemerke ich, dass der Akku von meinem Handy leer ist. Egal.

Freitag. Dreiundzwanzig Uhr sieben. Ich liege in meinem Bett in meinem Kinderzimmer. Weit weg von Lernplattformen, Fitness-Apps, Youtube-Videos und diversen sozialen Netzwerken. Mein Smartphone ist immer noch aus und mein Laptop steckt noch im Rucksack. Mir geht es gut.

Foto: flickr.com/Frank Behrens (CC BY-SA 2.0)

Tag 4: Warum Sofort-Überweisungen SOFORT-Überweisungen heißen

von Caroline Wahl

Donnerstag. Zehn Uhr zehn. Ich sitze in der Bib und lerne. Beziehungsweise drucke ich bevor ich richtig anfange zu lernen die Texte aus, die ich in weniger als vierundzwanzig Stunden intus haben muss. Ich schreibe morgen eine Klausur, meine erste Online-Klausur.

Donnerstag. Elf Uhr. Ich beschließe mir eine kleine Lern-Auszeit zu gönnen und suche im Netz nach Zugverbindungen. Ich habe zu der Party in meiner Heimatstadt zugesagt, auf der auch der auch der ominöse Herr Ian erscheinen wird. Einundfünfzig Euro? Die Deutsche Bahn spinnt doch. Ich muss umdisponieren.

Donnerstag. Elf Uhr dreiundfünfzig Nach einem Umweg über mitfahrgelegenheit.de und blablacar.de finde ich zum Glück einen um einiges preiswerteren Fernbus. Bezahlung per Kreditkartenzahlung (VISA oder MasterCard), PayPal, SofortÜberweisung oder iDeal. Verdammt. Zu keiner der angegebenen Zahlungsarten fühle ich mich in der Lage. Ich besitze keine Kreditkarte, bin auch nicht bei PayPal und weiß nicht was eine Sofort-Überweisung, geschweige denn was iDeal ist. Bei meiner Mama anzurufen und darum zu betteln, dass sie mir den Fernbus bezahlt, weil ich, einundzwanzigeinhalb Jahre alt, noch darüber hinaus Medienwissenschaft-Studentin, mit der Transaktion überfordert bin, ist selbst für meine Verhältnisse zu armselig. Also google ich „Sofort-Überweisung“ und bin begeistert. Das schaffe sogar ich! Man muss lediglich Name, ein paar Zahlenkombinationen eingeben, die auf der EC-Karte stehen und dann noch den PIN und TAN eingeben und schwuppdiwupp habe ich ein Bus-Ticket. Das ist ja easy. Ha Mama, was sagst du jetzt?

Donnerstag. Zwölf Uhr neun. Zu meiner Freude habe ich gerade festgestellt, dass sowohl bei Ikea als auch bei Snipes Sofort-Überweisungen möglich sind. Ich überlege, was ich mir bei Ikea bestellen könnte. Neue Bettwäsche könnte ich wirklich gebrauchen. Gekauft. In meiner Euphorie erwerbe ich noch trendige Adidas-Sneaker bei Snipes. Und lustige Socken mit Käfern bestickt. Gekauft. Und ich habe gar nicht das Gefühl zu viel Geld ausgegeben zu haben. Das ging so schnell. Da hat man gar keine Zeit ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Klick. Klick. Schöne neue Schuhe. Und Socken. Und Bettwäsche.

Donnerstag Zwölf Uhr zehn. Jetzt habe ich doch ein schlechtes Gewissen. Die Schuhe waren echt teuer. Die haben mehr gekostet als einundfünfzig Euro. Die Deutsche Bahn ist schuld an meinem Kaufrausch. Die Deutsche Bahn ist an allem schuld. Wieso kommen die Züge auch immer so unpünktlich? Scheiß Deutsche Bahn.

Donnerstag. Zweiundzwanzig Uhr neunundzwanzig. Inzwischen bin ich in meiner Wohnung. Ich habe noch nicht einmal die Hälfte der Texte gelesen und meine Augen zucken aufgrund der neunten Tasse Kaffee, die ich inzwischen im Akkord geleert habe. Ständig anwesend: mein schlechtes Gewissen. Ich hätte früher anfangen sollen zu lernen. Ich hätte mir nicht einen halben Tag darüber Gedanken machen sollen, ob es sich für mich lohnen würde die Youtuber-Karriere anzustreben um mich am Ende doch dagegen zu entscheiden. Ich hätte mich einfach für eine überteuerte Zugverbindung entscheiden sollen. Dann hätte ich die wertvolle Zeit zum Lesen von klausurrelevanten Texten genutzt, anstatt eine unfassbar schnelle und einfach scheinende Zahlungsmodalität für mich zu entdecken und unüberlegt, weil SOFORT, Bettwäsche und Schuhe zu kaufen. Und Socken. Ich brauche gar keine Bettwäsche. Und Schuhe habe ich auch genug. Aber Socken könnte ich schon mal wieder gebrauchen. Das ging mir einfach zu schnell. Hoffentlich war das alles sicher. Nicht, dass ich jetzt ausgeraubt werde. Ich kenne mich mit sowas überhaupt nicht aus. Wieso habe ich mich davor nicht richtig informiert. Zum Glück strebt mein Kontostand nach dem heutigen Tag sowieso gegen Null. Ist also nicht viel zu holen. Aber trotzdem. Irgendwie habe ich ein mulmiges Gefühl. Anderseits macht das heutzutage sowieso jeder. Warum soll es dann also bei mir schiefgehen? Und als ob sich da jeder informiert, bevor er Geld per Sofort-Überweisung versendet. Als ob. Ich konzentriere mich jetzt auf die Klausur.

Donnerstag. Dreiundzwanzig Uhr sieben. Ich trinke die zehnte Tasse Kaffee.

Foto: flickr.com/Graham Richardson (CC BY 2.0)

Tag 3: Löst eine Karriere als Youtuberin vielleicht alle meine Probleme?

von Caroline Wahl

Mittwoch. Siebzehn Uhr siebenundvierzig. Uni war scheiße. Ich schreibe nicht gerne Essays. Wie soll ich anfangen? Zunächst google ich einmal „Essay“ weil ich vergessen habe, was das genau ist. Ich weiß nur noch, dass ich das nicht gerne schreibe. Auf Wikipedia steht: „Der Essay (seltener das Essay; Plural: Essays), auch: Essai, ist eine geistreiche Abhandlung in der wissenschaftliche, kulturelle oder gesellschaftliche Phänomene betrachtet werden. Im Mittelpunkt steht die persönliche Auseinandersetzung des Autors mit seinem jeweiligen Thema. Die Kriterien wissenschaftlicher Methodik können dabei vernachlässigt werden; der Autor hat also relativ große Freiheiten.“ Und genau diese „relativ großen Freiheiten“ sind der Grund für meine Abneigung gegenüber solch „geistreicher Abhandlungen“. Wenn ich keine explizite Fragestellung zu beantworten habe, dann verzettle ich mich immer so, drifte total vom eigentlichen Thema ab und am Ende lande ich bei Wikingern oder Gemüseeintöpfen und kann noch mal von vorne anfangen. Vielleicht hätte ich doch Youtuberin werden sollen. Der „Beruf“ hat viele Vorteile. Ich müsste keine Essays schreiben und würde vielleicht reich werden.

Mittwoch. Achtzehn Uhr zweiundfünfzig. Ich klicke mich durch Videos und überlege in welche Richtung mein Kanal gehen könnte. Es ist schließlich nie zu spät für ein „new beginning“. Was passt zu mir und erreicht zudem ein großes Publikum? Es sollte natürlich ein lukratives Geschäft werden. Zum einen sind da Schminktutorials. Ich müsste mich im Prinzip nur dabei filmen, wie ich mich schminke. Leider kommt sowas am wenigstens in Frage. Ich kann mich überhaupt nicht schminken. Wenn ich abends ausgehe und dem Anlass entsprechend einen schmalen Eyeliner-Strich ziehen möchte, endet das immer damit, dass ich am Ende viel zu spät, mit vom Abschminken völlig entzündeten, tränenden Augen und dann doch ohne Lidstrich aufbreche. Oh Gott Marie, was ist passiert? Nichts, ich habe mich nur geschminkt. Ich überlege, wie ein Schminktutorial, von mir aussehen würde: „Jetzt nehme ich ein Stück Klopapier und tupfe es in Nivea-Creme. Nein das ist natürlich keine Produktplatzierung. Ich habe leider gerade keine Abschminktücher hier. Jetzt reibe ich damit den viel zu dicken, versauten Lidstrich von Pulli, Auge, Backe und Kinn.“ Eher nicht. Dann sind da noch Vlogs. Die sind glaube ich echt dankbar, weil man nichts vorbereiten muss. Man muss eben nur den ganzen Tag, überall eine Kamera rumschleppen. Man kann ja die Hand wechseln, wenn es zu schmerzhaft wird. „Ich bin jetzt aufgestanden und gucke Frühstücksfernsehen. Jetzt gehe ich in die Uni. Ich muss jetzt leider aufhören zu filmen, weil mich der Dozent und meine Kommilitonen irritiert anschauen. Bis nachher. Jetzt bin ich zu Hause. Ich esse Pizza und schaue Fernsehen. Danke fürs Zuschauen. Wenn euch das Video gefallen hat, gibt einen Daumen nach oben und vergesst nicht, mich zu abonnieren! Bis zum nächsten Vlog! Hab euch lieb!“ Ok Vlogs sind leider auch aussichtslos. Mein Leben ist schlichtweg zu langweilig. Das ist echt traurig. Hm was gibt es noch? Ich könnte einen Gaming-Channel eröffnen. Solche Videos, wo man einfach nur spielt und das Ganze filmt, scheinen echt gut anzukommen. Dann müsste ich mir aber Computerspiele kaufen, weil ich nie am Computer spiele. Und ein CD-Laufwerk. Kann man mit meinem Laptop überhaupt spielen? Ich hasse Computerspiele. Also kein Gaming-Channel. Wie wäre es mit Comedy-Videos? Eher nicht. Die sind im Vergleich zu den anderen Videos viel aufwändiger. Außerdem bin ich nicht lustig. Wobei unter dem Titel „10 Dinge, die man nicht tun sollte, wenn man Student ist“ fällt mir mindestens ein „Ding“ ein. Man sollte zum Beispiel nicht in ein Seminar gehen, wenn man den Text nicht gelesen hat und der Dozent böse ist. Das kann nämlich dazu führen, dass der Dozent dich als Nichtleser enttarnt und du dummerweise, und in die Enge gedrängt ohne nachzudenken deine Nachlässigkeit damit begründest, dass du ja noch die Pfandflaschen wegbringen musstest. Und jetzt muss ich so ein doofes, dreiseitiges Essay über den Text schreiben. Und das ist nicht lustig! Ich habe ja gesagt, dass ich nicht lustig bin!

Mittwoch. Neunzehn Uhr dreißig. Food-Diaries. Die finde ich echt interessant und sie werden total oft angeklickt. Da werden einfach nur die Mahlzeiten gefilmt und manchmal noch die Zubereitung erklärt. Bedauerlicherweise ist meine Küche viel zu klein, ich habe noch nicht einmal einen Backofen und meistens esse ich entweder in der Mensa, hole mir einen Döner, gehe zu Subway oder bestelle mir irgendwas. Die größten kulinarischen Wunder, die ich in meiner Küche zaubere sind Spaghetti Arrabbiata von Mirácoli. Die sind aber echt gut! Vielleicht werde ich doch keine Youtuberin. Ich bin einfach zu langweilig und kann nichts.

Mittwoch. Einundzwanzig Uhr. Ich habe etwas gefunden, was ich machen könnte. Ich könnte so genannte „Hauls“ drehen. Das ist wirklich total easy und man muss wirklich rein gar nichts dafür können und ein aufregendes Leben wird auch nicht benötigt! Man geht irgendwo einkaufen, bei dm oder H&M, und zeigt dann hinterher was man erworben hat. Nach dem elften Haul den ich mir anschaue, wird mir jedoch bewusst, dass auch diese Art von Videos bei mir schwierig werden würde. Die meistens weiblichen Internet-Stars ziehen T-Shirts, Ohrringe und Schuhe aus riesigen, gefüllten, mehreren (!) Tüten heraus. Ich bin Studentin. Ich habe keinen Nebenjob. Meine Eltern zahlen meine Wohnung. Ich stehe sogar im Aldi eine viertel Stunde vor einem Regal und überlege mir ob ich mir Studentenfutter kaufen soll oder nicht. Dazu muss man sagen, dass Studentenfutter wirklich überteuert ist! Wieso heißt das eigentlich Studentenfutter? Der Name passt überhaupt nicht. Ich google es und mein stets treuer Freund Wikipedia klärt mich auf: „Studentenfutter (auch Studentenhaber, Pfaffenfutter, schweizerisch auch Tutti-Frutti) ist eine seit dem 17. Jahrhundert bekannte Bezeichnung für eine Mischung, die ursprünglich aus Rosinen und Mandeln bestand (amygdala cum uvis passis mixta). Später wurde auch anderes Trockenobst und andere ungesalzene Nüsse zugefügt, darunter Cashewkerne, Erdnüsse, Paranüsse, Walnüsse oder Haselnüsse. Diese ‚Schleckerey deutscher Gymnasiasten und Burschen’ war durch die Verwendung der damals verhältnismäßig teuren Mandeln eher für finanziell gutgestellte Personenkreise zugänglich, woher die Bezeichnung Studenten- oder Pfaffenfutter herrührt. In Studentenkreisen nahm man an, dass insbesondere die Mandeln gegen einen Alkoholrausch oder Kater wirksam seien.“ Letzteres merke ich mir.

Zweiundzwanzig Uhr fünf. Ich werde keine Youtuberin. Ich bleibe eine arme, bedauernswerte, unfassbar langweilige Studentin, die viel zu große Freiheiten bei dem Erfassen einer geistreichen Abhandlung gegeben werden. Aber bevor ich beim Abhandeln abdrifte, lese ich erstmal den Text. Das wird eine lange Nacht.

Foto: flickr.com/Zufall2010 (CC BY 2.0)

Tag 2: Warum To-Do-Listen abgeschafft werden sollten

von Caroline Wahl

Dienstag. Sieben Uhr. Ich drücke nicht auf den Schlummer-Button. Nein. Heute wird ein guter Tag. Ich habe den Montag ohne bleibende Schäden überstanden und jetzt wird alles besser. Meine Tante hat Recht: „Remember, as long as you are breathing it’s never too late to start a new beginning“. Dienstag ist ein guter Tag für ein „new beginning“.

Dienstag. Sieben Uhr vierunddreißig. In mein Handy tippe ich eine ToDo-Liste: „Gute Fitness-App runterladen. Fitness-App gleich heute benutzen!!! Text lesen. Lernen. Lernen. Lernen.“ Am Freitag schreibe ich eine Online-Klausur und ich habe meinen Lernplan nicht eingehalten. Ok, ich habe keinen Lernplan erstellt. Aber nicht, weil ich zu faul war. Nein, ganz im Gegenteil: Planen in Form von Erstellen von ToDo-Listen oder Setzen von Deadlines führen bei mir zu einer narkotisierenden Faulheit. Wenn ich es schwarz auf weiß vor mir stehen habe, was ich alles erledigen muss und wenn ich dann miterlebe, wie der Lernstoff-Berg zu wachsen scheint, während die Tage vor der Klausur einfach so verschwinden, dann führt das nicht dazu, dass ich zu Hochtouren auflaufe und entgegen der düsteren Prognose optimistisch und ehrgeizig zum Ziel sprinte und einen Punkt nach dem anderen abhake. Nein, leider nicht. Vielmehr erwecken die langen, hakenlosen ToDo-Listen und der sich als Utopie erwiesene Lernplan den Prokrastinator schlechthin in mir. Ich schiebe dann alles vor mir her, weiß nicht wo ich anfangen soll und entschließe mich dazu morgen die Liste konsequent abzuarbeiten und endlich die Pfandflaschen wegzubringen oder mir von morgens bis abends, nein bis nachts, den Lernstoff reinzuhauen. Und derselbe Entschluss fällt an dem darauffolgenden Tag und wiederum an dem darauffolgenden. Irgendwann, meistens einen Tag vor der Klausur, liege ich dann einfach nur noch im Bett, lasse mich von klugen, wortgewandten Youtubern (haha) berieseln oder ziehe mir marathonartig mehrere Staffeln einer Serie rein bis ich fest daran glaube, mit Drachen sprechen zu können und im Königreich von Westeros besser aufgehoben zu sein. Wenn mir dann nur noch die Vorschau auf die kommende Staffel bleibt und ich realisiere, dass ich viele wertvolle Stunden, den ganzen Tag, in Westeros verloren habe und John Schnee „tatsächlich“ in der letzten Minute gestorben ist, gibt es nur noch eine Sache, zu der ich in der Lage bin: ein mehr oder weniger tränennasser Anruf bei meiner Mama. Hinterher heule ich dann noch mehr. Ich solle mich nicht so anstellen und einfach anfangen zu lernen. Sie versteht mich nicht. Ich kann nicht anfangen. Warum? Ich habe mich beim Erstellen des Lernplans verkalkuliert. Die hat gut reden. Die hat keinen Lernplan.

Dienstag. Acht Uhr elf. Heute wird die Liste abgehakt. Nicht morgen. Ich will mich bessern. Mich besser organisieren. Ich lese mir auf diversen Vergleichsportalen die Bewertungen von Fitness-Apps durch. Ich finde eine Bauchmuskel-App, bei der man jeden Abend ein Bild von seinem Bauch hochladen kann, nachdem man dessen Umfang gemessen hat. Wer macht denn sowas? Vielleicht Lena. „7 Minuten Workout“. Das hört sich doch vielversprechender an. Diese App erinnert mich sogar mit einem Tonsignal daran, wenn das nächste Training ansteht. Super!

Dienstag. Zwölf Uhr elf. Letztendlich habe ich jetzt elf Fitness-Apps auf meinem iPhone. Ich konnte mich einfach nicht entscheiden. Jede scheint ihre Vorzüge zu haben. Unter ihnen findet sich auch eine Lauf-App, die mir die Kilometeranzahl, die verbrannten Kalorien, die Strecke und noch zahlreiche andere Werte und Statistiken meiner Läufe anzeigt. Darüber hinaus kann ich mich sogar mit anderen Läufern vergleichen. Und das I-Tüpfelchen: Die App bringt sogar die empfohlene Flüssigkeitsaufnahme je nach Aktivität aufs Display. Cool oder? Naja, eigentlich hasse ich joggen. Ich gehe nie joggen. Von Joggen bekomme ich Kopfweh. Allein der Gedanke, iiih. Aber vielleicht macht mir Laufen ja Spaß, wenn ich genau die richtige Menge Flüssigkeit intus habe und ich sehe wie viel schneller und mehr meine „Mitläufer“ rennen.

Dienstag. Dreizehn Uhr vierzehn. Ich lösche die Lauf-App und stöbere noch ein bisschen im App-Store. Ich lade mir das Spiel „Candy Crush Saga“ runter, nach welchem meine kleine Schwester seit einiger Zeit verrückt ist. Dann stoße ich noch auf die Dating-App „tinder“, von der alle reden. Ich bin zurzeit zwar nicht auf der Suche, aber sie kann ja nicht schaden. Außerdem haben die alle meine Kommilitonen und ich will ja mitreden. Im Prinzip ist sie ein sehr unterhaltsamer Zeitvertreiber: Man sieht Fotos von anderen Benutzern. Wenn einem die Person auf dem Bild attraktiv/interessant/lustig erscheint schiebt man das Foto nach rechts, „hot“. Wenn das „not“ der Fall ist, schiebt man es in die andere Richtung. Falls die nach rechtsgeschobene Person dich nun auch nach rechts schiebt dann, und nur dann, sind die Flirtlustigen „matched“ und können eine mehr oder weniger gehaltvolle Konversation starten. Ich finde viele ansehnliche Männer, schiebe sie, schon die gemeinsame Zukunft ausmalend, nach rechts. Leider schieben die mich aber in die andere Richtung. Doofe App.

Dienstag. Siebzehn Uhr fünfundzwanzig. Verdammt. „Candy Crush Saga“ macht wirklich süchtig. Ich bin richtig gut, werde immer besser und schneller und steige von Level zu Level. Da geht noch was. Wieso offenbaren sich meine konsequenten, zielbewussten, leistungswilligen Streber-Gene immer nur in Sachen, die mir nichts für meine Zukunft bringen.

Dienstag. Zwanzig Uhr vierzig. Level 65. Eigentlich wollte ich noch die neuen Fitness-Apps ausprobieren. Aber mit welcher soll ich anfangen? Die sind schließlich alle so gut. Eigentlich muss ich auch noch was für das Seminar morgen lesen. Das geht natürlich vor. Sport kann ich auch morgen machen.

Dienstag. Zwanzig Uhr fünfzig. Nach langem Abwägen und nach einem Blick in den leeren Kühlschrank bin ich mit einem Sack Pfandflaschen auf dem Weg zum Rewe. Gut, dass die Pfandflaschen nicht auf einer ToDo-Liste standen. Morgen mache ich Bauchmuskel-Training.

 

Foto: flickr.com/Albert Hsieh (CC BY-NC 2.0)

Tag 1: Der beste Freund des Bruders des Verlobten der Schwester der Freundin Fab Ians

von Caroline Wahl

Montag. Sieben Uhr einundzwanzig. Ich liege im warmen Bett und drücke zum dritten Mal auf den Schlummer-Button meines mich wecken wollenden iPhones. Noch sieben Minuten, dann stehe ich wirklich auf. Versprochen.

Montag. Neun Uhr sechs. Verdammt. Eigentlich wollte ich vor der Uni in die Bib gehen, um noch ein paar Texte zu lesen. Ich stelle den iPhone-Wecker aus. Erstmal Facebook. Ich scrolle die Neuigkeiten runter, muss lachen als ich ein Video von einer tanzenden Omi sehe, höre auf zu lachen als ich die gestern hochgeladenen Partybilder von Lena, Kati und Marc sehe. Den Samstagabend habe ich damit verbracht mir schlecht gelaunt Videos von Youtubern reinzuziehen, die einem unter dem Motto „DIY“ (Do it yourself) zeigen wie man eine Banane in ein mit Nutella bestrichenen Tortilla einwickelt oder wie sie einen total aufregenden, „crazy“ Tag mit ihren Youtube-Freunden erleben. Diese jeden Pups dokumentierenden Videos, in denen alles, wirklich alles (keine Banalität ist hier zu banal) festgehalten wird, nennen sie „Vlogs“ (Video-Blog). Ich bezweifle ja, dass man so viel Spaß haben kann, wenn man die ganze Zeit eine Kamera rumtragen muss. Tut da nicht irgendwann die rechte Hand weh? Bestimmt. Und trotzdem müssen sie die ganze Zeit in die Kameras der anderen Youtuber lächeln, die selbstverständlich auch coole Vlogs drehen. Man könnte sie fast ein bisschen bemitleiden. Ich schätze diesen Kindern war genau so langweilig wie mir und dann haben sie sich eine Banane, Nutella, eine Kamera und ein Tortilla genommen und ihnen war nicht mehr langweilig und sie hatten Geld. Ich schreibe Kati im Facebook-Chat: „Hi :)“ und hoffe, dass der Smiley ihr schlechtes Gewissen, das sie zerfrisst, weil sie mich nicht gefragt hat, ob ich Samstag mitkommen möchte, ins Unermessliche steigern wird. Ja, ich hätte Samstagabend Zeit gehabt. Ein Häkchen. Gesehen. Zwanzig Sekunden warte ich. Keine Antwort. OK. Kati, du hast es nicht anders gewollt. Dein Profilbild gefällt mir nicht mehr und dein Titelbild auch nicht mehr. Scheiß Sonnenuntergang. Aber das neue Bild von deinem Freund Marc gefällt mir. Ha.

Montag. Zehn Uhr achtundfünfzig. Sonja hat mich am Samstag zu einer Party in meiner Heimatstadt eingeladen. Eigentlich habe ich schon hier zu einer Veranstaltung zugesagt. Ich scrolle durch die Leute, die zugesagt haben. Einige kenne ich. Die meisten nicht. Fab Ian hat ein sehr cooles Profilbild, auch wenn er sich bei der Zerlegung seines Namens vielleicht ein bisschen zu viel Mühe gegeben hat. Ich stöbere durch sein Profil. Er studiert in Mannheim und verdammt. Fabian ist in einer Beziehung. Seine Freundin heißt Jana und ist sehr hübsch. Die Fotos sind hübsch. Sie ist wahrscheinlich potthässlich. Eh alles bearbeitet.

Montag. Elf Uhr neunundfünfzig. Als ich letztendlich bei dem Profil von dem besten Freund des Bruders des Verlobten der Schwester der Freundin Fabians angekommen bin, beschließe ich, dass es Zeit ist, das Bett zu verlassen. Ich stehe auf, bin noch schlechter gelaunt als Samstagabend und überlege, ob eine in einen Tortilla eingewickelte Banane zum Frühstück meine Laune verbessern würde. Eigentlich mag ich gar keine Bananen. Und Tortilla habe ich auch nicht da, geschweige denn Nutella.

Montag. Dreiundzwanzig Uhr vierzehn. Ich liege mit einer Pizza Hawaii und Laptop im Bett. Lena hat ein neues Foto auf Instagram hochgeladen. Es zeigt sie in einer grauen Sportleggins und einem hautengen, bauchfreien Oberteil. In der linken Hand ein Proteinshake in der rechten das Smartphone, welches die Erfolge im Fitnessstudio dokumentiert. Ein Spiegel-Selfie. Dein Ernst Lena? Vor einer Woche saßt du noch mit mir hier, einen eigenen Pizzakarton auf dem Schoß und wir machten uns über Spiegel-Selfies lustig. Jetzt hast du den Pizzakarton gegen so ein doofen, pinken Fitnessbecher ausgetauscht und machst peinliche Fotos. Ok ich muss zugeben, dass sie sich und insbesondere ihre Bauchmuskeln zeigen lassen kann. Aber trotzdem, es ist und bleibt ein Spiegel-Selfie. Ich schaue mir weitere Fotos auf Instagram an. Aber ich finde nicht das, was ich unbewusst – eher bewusst – suche. Ich finde keine Bestätigung meiner Lebensweise. Keine neuen Foodporn-Bilder von schmelzender Schokolade, keine tanzenden Omis. Nein ganz im Gegenteil. Stattdessen alles voller perfekt durchtrainierter Körper in knappen Bikinis oder Crop Tops und High-Waist-Shorts. Sogar meine Tante zeigt sich mindestens zehn Kilo leichter in einem meines Erachtens für ihr Alter viel zu kurzem Sommerkleid mit der Bildunterschrift: „Remember, as long as you are breathing it’s never too late to start a new beginning“. Seit wann hat sie überhaupt Instagram? Die trainierten Körper und gesunden, grünen mit Chia-Samen und Blaubeeren verzierten Smoothie-Boles verfolgen mich nahezu. Schluss mit Instagram. Facebook. Aber was springt mir da ins Gesicht? Über einer Werbung eines Abnehm-Programms von Detlef Soost steht in grauen, kleinen aber sehr gut lesbaren Buchstaben „Empfohlen“. Wer zur Hölle empfiehlt mir das? Auf welchen meiner Daten beruht diese Empfehlung? Ja mir gefällt „Das Perfekte Dinner“ und ich veröffentliche auch keine Spiegel-Selfies. Aber das ist noch lange kein Grund, mir einen Lebenswandel zu empfehlen. Noch dazu einen solch mühsamen.

Montag. Dreiundzwanzig Uhr fünfunddreißig. Meine Laune hat sich in ein tiefes Loch im Keller vergraben. Nein Detlef you won`t make me sexy. Ich schlage den Laptop zu, schmeiße den leeren Karton in den Müll und verabschiede mich von diesem Arschloch namens Montag. Ich hasse Montage und ich hasse Detlef. Detlef und Lena lieben Montage. Meine Tante nicht zu vergessen. Da bin ich mir sicher.

Montag. Dreiundzwanzig Uhr siebenundfünfzig. Morgen lade ich mir eine Fitness-App runter. Und ich garantiere nicht dafür, dass man von mir nicht bald auch ein sexy Spiegel-Selfie sehen wird. Ha.

 

Foto: flickr.com/JJ (CC BY-NC-ND 2.0)

Eine Woche im Spinnennetz

von Caroline Wahl

„Das Leben wird [der Persönlichkeit] einerseits unendlich leicht gemacht indem Anregungen, Interessen, Ausfüllungen von Zeit und Bewusstsein sich ihr von allen Seiten anbieten und sie wie in einem Strome tragen, indem es kaum noch eigener Schwimmbewegungen bedarf. Andererseits aber setzt sich das Leben doch mehr aus diesen unpersönlichen Inhalten und Darbietungen zusammen, die die eigentlich persönlichen Färbungen und Unvergleichlichkeit verdrängen wollen; so daß nun gerade, damit dieses Persönlichste sich rette, es ein Äußerstes an Eigenart und Besonderung aufbieten muß“[1]

Es ist erstaunlich, wie aktuell die Worte Georg Simmels zu sein scheinen, die aus dem Jahre 1903 stammen und sich damals auf die aufkommenden Großstädte bezogen. Befinden wir uns 113 Jahre später nicht auch alle in einer riesigen digitalen Großstadt? Werden wir nicht auch von allen Seiten überhäuft mit Informationen? Wir verbringen einen Großteil unserer Zeit im Netz. Und dieses Netz wird gesponnen um die ganze Welt, jeden Tag ein bisschen dichter. Jeden Tag wird ein bisschen mehr eingesponnen. Inzwischen ist auch die schnucklige Bäckerei von nebenan im Netz. Und wir sind die Spinnen, die fleißig spinnen. Und gleichzeitig sind wir die Fliegen, die eingesponnen, die eingefangen werden, ohne richtig zu begreifen, was da mit uns passiert. Denn eigentlich ist ja alles super. Alles wird so unendlich leicht gemacht. Wir müssen nicht mehr in die Stadt gehen, um Weihnachtsgeschenke zu besorgen oder in die Bibliothek rennen, um uns Bücher auszuleihen. Stattdessen müssen wir coole Fotos hochladen, uns selbst möglichst individuell darstellen und wehe, wir sind einmal nicht erreichbar. Auch Marie spinnt fleißig mit. Ihr Tag beginnt und endet mit ihrem iPhone. Anstatt aufzustehen, landet sie bei dem Profil des besten Freundes des Bruders des Verlobten der Schwester der Freundin Fabians, einem Jungen, der zu einer Veranstaltung auf Facebook zugesagt hat. Sie versucht ihre Freunde mit Gefällt mir-Däumchen zu verletzen, anstatt mit ihnen zu reden. In dem Strom der Möglichkeiten lässt Marie sich treiben, verliert immer wieder den Kurs in Flirt- oder Spiel-Apps. Aufs Lernen kann sich die Studentin auch nicht konzentrieren. Viel zu viele spannende Ablenkungen lauern überall. So entdeckt sie Sofort-Überweisungen für sich und träumt von der Karriere als Youtuberin, anstatt ein Essay zu schreiben. Aber auch Marie merkt, dass sie nicht einfach offline sein kann, dass sie ganz im Gegenteil immer online sein muss. Denn sonst verpasst sie auf Lernplattformen hochgeladene Probeklausuren oder beleidigt Freunde, indem sie nicht auf unzählige WhatsApp-Nachrichten reagiert. Begleiten wir Marie eine Woche. Sieben Tage, in denen Marie spinnt und sich langsam bewusst wird, wie sehr sie sich selbst einspinnt in das riesige Netz. Begleiten wir Marie eine Woche und nehmen vielleicht auch einfach mal ein Buch in die Hand, anstatt das Smartphone.

Foto: flickr.com/Lukas Litz Obb (CC BY-NC 2.0)


[1] Georg Simmel: Die Großstädte und das Geistesleben. In: Rüdiger Kramte (Hg.): Georg Simmel. Aufsätze und Abhandlungen. Frankfurt 1995, S. 130.

Feindbilder in den Medien

Von Lara Luttenschlager

„Es ist leichter, ein Atom zu spalten als ein Vorurteil“, soll Einstein einmal gesagt haben. Und tatsächlich: Vorurteile, darunter deren negativste und wohl hartnäckigste Form – die Feindbilder – begegnen uns nahezu immer und überall. Auch in den Medien.

Wer bin ich – und wenn ja, gegen wen?

Das passiert aus gutem Grund: Denn die Definition dessen, was gut ist und was wir selbst sein wollen, beginnt paradoxerweise mit der Erfindung des Feindes. Erst durch die Abgrenzung der eigenen Gruppe von einer anderen, sei es durch Nationalität, Ethnizität oder Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht, wissen wir, was uns scheinbar auszeichnet. Als Schwarz-Weiß-Denkmuster weisen Feindbilder bestimmten Personengruppen schlechte, unerwünschte Eigenschaften zu. Sie reduzieren unsere komplexe Umgebung und geben uns so Orientierung und Identität. Unser Feind ist unser Gegenstück. Gleichzeitig wird unser eigenes Selbstwertgefühl enorm gesteigert, wenn wir uns vom bösen und niederträchtigen „Anderen“ distanzieren können. Besser noch: Wir halten angesichts des auserkorenen Feindes auch noch stärker zusammen.

Ein berühmtes Beispiel für diese Art der Ab- und Ausgrenzung zur Festigung der eigenen Identität ist die Erfindung des Orients im 19. Jahrhundert. Als Orientalismus beschreibt Literaturtheoretiker Edward Said die Schaffung des Konzeptes des bedrohlichen, mysteriösen Orients durch die europäischen Kolonialmächte als negatives Spiegelbild zur eigenen, westlichen und „zivilisierten“ Gesellschaft. Ein Bild, das sich bis heute wacker zu halten scheint.

Ein ewiger Kassenschlager

6989367511_9b77fdb8b0_oFür Medien bietet das Feindbild ein ewiges Erfolgskonzept: Wie kann man den Helden eines Films besser definieren als das schillernde Gegenstück zum unverbesserlichen, hässlichen Bösewicht? Was macht eine Geschichte spannender als die Bekämpfung eines bedrohlichen Feindes? Auch in Zeiten auflebender Islam- und Fremdenfeindlichkeit zeigt sich wohl, dass sich kaum ein Thema besser verkauft als eine gesellschaftliche Debatte, die durch ein gutes Feindbild unterfüttert ist. Medien gestalten dabei unsere Wahrnehmung und Weltbilder entscheidend mit. Ihren großen Einfluss auf die ursprüngliche Entstehung und Verbreitung von Feindbildern zeigen nicht zuletzt die Auswirkungen erfolgreicher Propagandamaschinerien in vergangenen Kriegen.

Gefährliche Feindschaften: Warum Feindbilder hinterfragt werden müssen

Doch gerade hier liegen auch die Gefahren: Da Feindbilder sich meist auf Randgruppen oder Minderheiten konzentrieren, ziehen sie in Krisenzeiten Stigmatisierung und Diskriminierung nach sich, dienen als Ventil für angestaute Aggressionen und werden schnell instrumentalisiert. Sie beinhalten moralisch und meist emotional aufgeladene negative Bewertungen von anderen Menschen, die, einmal verinnerlicht, kaum mehr hinterfragt werden und eine richtige Beschäftigung mit dem „Feind“ nahezu ersetzen. Folgen sind generelles Misstrauen, Schuldzuschreibungen und Empathieverweigerung. Der psychologische Wissenschaftler Louis Oppenheimer sieht in Feindbildern gar die Gefahr einer selbsterfüllenden Prophezeiung, da durch die andauernde Stigmatisierung der „out-group“ durch die „in-group“ frustrierte Reaktionen hervorgerufen werden können, die dem Feindbild letztendlich tatsächlich entsprechen.

In den nächsten Wochen wird die neue Artikelreihe Feindbilder in den Medien daher einigen unserer Lieblingsfeinde auf den Leib rücken und neue Einblicke in Phänomene der Feindbildkonstruktion gewähren. Wie sieht eigentlich der perfekte Film-Bösewicht aus? Wie werden in politischen Konflikten Feindbilder durch Handyvideos geschaffen? Und was hat es eigentlich mit Shitstorms und Bashing in den sozialen Netzwerken auf sich?

Fotos: flickr.com/sm0re (CC BY 2.0), flickr.com/Michael Caroe Andersen (CC BY-NC 2.0)

Update completed: Sie sind jetzt vollständig vernetzt

Von Valerie Heck, Miriam Lenz und Anita Mäck

Vollständige Vernetzung, permanentes Einspeisen von Daten und selbstständig miteinander kommunizierende Maschinen – das ist längst kein Zukunftsentwurf mehr. Studenten organisieren den Unialltag über Facebook und WhatsApp. Frischgebackene Mütter tauschen sich in Blogs über Erziehungstipps aus. Familien überprüfen im Urlaub über ein Tablet, ob zu Hause die Tür verschlossen ist. Locked-in-Patienten kommunizieren mit Hilfe von Computern. Sportbegeisterte bekommen immer wieder Werbung für Sneakers, für die sie sich zuvor interessiert hatten. Gesundheitsbewusste überprüfen mit Pulsarmbändern ihre Aktivität.

Es sind alltägliche Kommunikationsmittel und Anwendungen, die zusammenhangslos scheinen, aber zur vollständigen Vernetzung und Profilerstellung führen. Die folgende Artikelreihe beschäftigt sich deshalb damit, was mit uns passiert, wenn wir zunehmend online unterwegs sind, unsere Daten preisgeben und uns auf Maschinen verlassen. Es stellen sich politische und ethische Fragen, wie z. B. wie viel Macht wir Maschinen zugestehen, wie sehr wir uns noch auf unsere eigenen Fähigkeiten verlassen, wie sehr wir zum gläsernen, manipulierbaren Bürger werden und wie sich die Definition von Privatsphäre verändert.

In den kommenden neun Tagen wird täglich ein Artikel veröffentlicht, der eine oder mehrere dieser Fragen behandelt. Das sind die Titel:

  1. Das Identitätsdilemma im digitalen Zeitalter
  2. „Ein Freund, ein guter Freund…“?
  3. Eine Frage der Macht
  4. Die Gedanken sind frei?!
  5. Scrollst du noch oder weißt du’s schon?
  6. Das Streben nach Perfektion
  7. Der errechnete Mensch
  8. Smart Home: Vernetztes Wohnen heute und in Zukunft
  9. Silicon Valley: Die Tech-Elite unter sich

Foto: flickr.com/Sacha Fernandez (CC BY-NC-ND 2.0)

Gewalt als Attraktion

Von Philipp Mang

Gewaltdarstellungen besitzen in unserer Gesellschaft eine lange Tradition: So erzählten sich zum Beispiel bereits die ersten Menschen am Lagerfeuer Horrorgeschichten. Und auch die Höhlenmalereien der Steinzeit beschäftigten sich intensiv mit den grausamen Details der Jagd. Erst mit den technischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts erreichte die mediale Gewalt jedoch ein neues Niveau. Heute existieren ganze Filmgenres, die für ihre schonungslose Brutalität berüchtigt sind (z.B. der Horror- oder Actionfilm). Jeden Sonntag sitzen Millionen von Deutschen vor dem Fernseher, um zuzusehen wie ein Ermittlerteam der Tatort-Reihe ein neues Gewaltverbrechen aufklärt. Und Ego-Shooter, die Jugendliche in die Rolle eines virtuellen Auftragkillers schlüpfen lassen, erklimmen immer häufiger die Spitzenplätze der Verkaufscharts. Mediale Gewalt, so scheint es, ist in der heutigen Zeit fast omnipräsent.

Warum Brutalität fasziniert

Wie ist diese eigenartige Faszination aber zu erklären? Zunächst einmal ist festzuhalten, dass es sich bei Gewalt um ein äußerst komplexes Konstrukt handelt, das je nach Kontext und den beteiligten Akteuren oft gänzlich unterschiedlich bewertet wird. Nichtsdestotrotz lässt sich ein unveränderlicher Bedeutungskern ausmachen: So bezeichnet der Begriff die physische oder psychische Schädigung eines anderen Menschen. Im Rahmen der Mediengewaltforschung wurde dieses Phänomen in den letzten Jahren intensiv erforscht. Den Wissenschaftlern ist es dabei gelungen, unterschiedliche Motive für die Nutzung gewalthaltiger Inhalte zu identifizieren. So spielt in diesem Zusammenhang etwa die Zu- bzw. Abneigung zu bestimmten Charakteren (affektive Disposition) eine große Rolle. Wird z.B. ein Bösewicht am Ende eines Films bestraft, empfindet dies der Zuschauer häufig als Genugtuung. Überdies sind jedoch auch Phänomene wie das so genannte „Sensation-Seeking“ oder „Eskapismus“ für die Popularität von Gewalt verantwortlich. Nicht zu verachten ist außerdem ein Motiv, das der Medientheoretiker Lothar Mikos als „Angstlust“ bezeichnet – wonach es ein Rezipient genießt, sich aus einem sicheren Kontext (wie z.B. der heimischen Couch oder dem Kinosessel) heraus, lustvoll seiner Furcht hinzugeben.

Mensch & Zombie im Blutrausch

Casey Florig 2In The Walking Dead wird dem Zuschauer hierfür reichlich Gelegenheit geboten. Dafür sorgen nicht nur unzählige Kopfschüsse, sondern auch aufgeschlitzte Torsos und Unmengen Blut. Gewalt gehört praktisch von der ersten Minute an zum Standardrepertoire der Serie. Überraschend wenig Raum wird dabei jedoch der zwischenmenschlichen Brutalität gewidmet. Diese kommt nur vereinzelt zum Vorschein – etwa wenn der Governor mit einer Armee im Rücken ein ganzes Gefängnis in Schutt und Asche verwandelt. Oder Merle zu mittelalterlichen Foltermethoden greift, um an Informationen zu gelangen. Deutlich mehr Screentime kann stattdessen die Gewalt zwischen Mensch und Zombie für sich verbuchen. Nicht selten ist zu sehen, wie ein Untoter seinem Opfer bei lebendigem Leib das Fleisch von den Knochen reißt. Umgekehrt erweisen sich aber auch die Menschen als wenig zimperlich – z.B. wenn sie den Schädel eines Zombies regelrecht zu Brei schlagen.

Inszenierung der Gewalt

Bei der filmischen Umsetzung solcher Szenen bedient sich die Serie einer drastischen Strategie. So werden brutale Handlungen oft in detaillierten Nahaufnahmen ohne Zwischenschnitte gezeigt. Diese Montage-Technik verleiht dem Setting zusätzliche Glaubhaftigkeit: In einer postapokalyptischen Welt ist Gewalt für das eigene Überleben nun einmal unabdingbar. Darüber hinaus setzt The Walking Dead in ästhetischer Hinsicht vor allem auf spritzendes Blut – d.h. auf eine Reihe klassischer Splatter-Effekte (von englisch „to splat“ = spritzen). Der dargestellten Gewalt sind dabei visuell nahezu keine Grenzen gesetzt: Sie reicht von abgetrennten Gliedmaßen bis hin zu herausquellenden Innereien und lässt sich häufig nur durch komplizierte CGI-Effekte realisieren. Hinzu kommt, dass die Kampfszenen lediglich in Ausnahmefällen von bedrohlicher Musik untermalt sind. Stattdessen setzten die Sound-Designer vor allem laute Geräusche ein, um den gewaltsamen Eindruck der Bilder zusätzlich zu verstärken.

Blutiger Höhepunkt

Auf die Spitze getrieben wird diese explizite Darstellung von Gewalt aber schließlich mit Beginn der fünften Staffel, als die Gruppe um Rick mit Terminus einen neuen Zufluchtsort erreicht. Spätestens hier ist für viele Zuschauer die Grenze des Zumutbaren erreicht. In der Eröffnungssequenz ist nämlich eine brutale Hinrichtung zu sehen. Die Gefangenen werden darin zuerst mit einem Baseballschläger ausgeknockt, ehe man ihnen die Kehle aufschlitzt und sie anschließend in einen Trog zum Ausbluten wirft. Auch für die deutschen TV-Wächter (FSF) war damit die „Grenze zur Sendeunzulässigkeit“ überschritten. Der Staffelauftakt wurde deshalb nur unter Schnittauflage zur Ausstrahlung freigegeben.

Macht The Walking Dead aggressiv?

In der Öffentlichkeit ist seitdem eine hitzige Diskussion darüber entbrannt, wie jugendgefährdend die Serie tatsächlich ist. Kritiker stören sich dabei vor allem an der Beiläufigkeit, mit der die einzelnen Gewaltakte regemäßig von statten gehen. Sie kritisieren, dass The Walking Dead seiner gesellschaftlichen Verantwortung als mediales Massenphänomen nicht gerecht werde und Gewalt nur unnötig zelebriere. Doch wie gerechtfertigt sind solche Vorwürfe? Haben die Splatterszenen wirklich eine aggressionsfördernde Wirkung auf Jugendliche? Auch dazu wurde in der Mediengewaltforschung in den letzten Jahren intensiv geforscht. Die Ergebnisse belegen jedoch, dass aggressives Verhalten nicht allein auf gewalthaltige Medieninhalte zurückzuführen ist. Stattdessen spielen in diesem Prozess zahlreiche intervenierende Einflussfaktoren (wie z.B. das soziale Umfeld, Persönlichkeitsmerkmale usw.) eine zentrale Rolle. Nicht jeder Fan der Gewalt in The Walking Dead ist damit automatisch ein potentieller Serienkiller.

 

Fotos: flickr.com/Casey Florig (CC BY 2.0), flickr.com/Casey Florig (CC BY 2.0)

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