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Podcast: Workers

von Lena Bühler

Der Podcast:

Beitrag Nr. 6 fertig

 

Der Film: Die stille Revolution

Wie wäre es wohl, Tag und Nacht einer Hündin zu Diensten zu sein, die in einem schöneren Bett schläft und besseres Essen bekommt als man selbst? Oder dem Versprechen einer US-Staatsbürgerschaft folgend Kriegsdienst in Vietnam zu leisten und dann doch als Illegaler nach Mexiko abgeschoben zu werden. Wo man 30 Jahre bei Mindestlöhnen im Elektronikkonzern Philips arbeitet und die Rente verweigert bekommt? Das wäre in erster Linie hochgradig ungerecht. Für Lidia und Rafael, die in Tijuana arbeiten, ist es aber Realität. Höchste Zeit also, nach Jahren der Genügsamkeit im Verborgenen ein wenig Rache zu üben. Ob man nun mit einer Hupe der Hündin den Schlaf raubt oder im Supermarkt das Regal für Philips-Glühbirnen mit Konkurrenzprodukten verdeckt – Lidia und Rafael sind kreativ wenn es darum geht, sich für jahrelange Entbehrungen zu revanchieren.

Trotz des sensiblen Themas besticht Workers hauptsächlich mit feinem Humor und einem Händchen für Situationskomik. Koproduziert wurde die schwarze Tragikomödie übrigens von Paulo de Carvalho, der gerade den Tübingern als Leiter des jährlich stattfindenden Filmfestivals CineLatino bekannt sein wird. Fast schon eine logische Konsequenz, dass die humorvoll-poetische Studie der Ausbeutung ab dem 12. Dezember täglich um 18 Uhr im Tübinger Kino Museum gezeigt wird.

 

Workers, Mexiko/Deutschland 2013, 122 Min.

Regie & Drehbuch: José Luis Valle

Mit: Jesús Padilla, Susana Salazar, Bárbara Perrín Rivemar, Sergio Limón, Vera Talaia

 

 

 

Fotos: © Copyright José Luis Valle

Podcast: The Counselor

von Lena Bühler

Der Podcast:

Beitrag Nr. 4 fertigKlein

Der Film: Koks und Kohlenstoff – Wenn Gier zum Verhängnis wird

Als Laura (Penélope Cruz) von ihrem Freund einen riesigen Diamantring bekommt, kann sie nur entzückt „Ja, ich will“ hauchen. Was sich wie das Happy End einer so kitschig wie unrealistischen Hollywoodromanze anhört, ist in diesem Fall der Beginn einer Geschichte von Gier und ihren Konsequenzen. Denn der Anwalt, im Film nur Counselor (Michael Fassbender) genannt, kann sich diesen Ring nur leisten, weil er in ein dubioses Drogengeschäft investiert, das seine Zukunft mehr als sichern soll. Als die Lieferung verschwindet müssen der Counselor und seine Partner (Brad Pitt & Javier Bardem) am eigenen Leib erfahren, dass die Drogenmafia nichts von Zufällen hält.

Ridley Scott siedelt seinen Film nicht zufällig im Grenzgebiet zwischen Mexiko und den Staaten an, gilt dieser Ort im Film doch seit jeher als ein Niemandsland, in welchem Gesetze und Moral eine untergeordnete Rolle spielen. Ein düsterer Film, dessen Dreh für Ridley Scott von einem harten Schicksalsschlag überschattet wurde. Zu Beginn der Dreharbeiten nahm sich Tony Scott, Ridleys jüngerer Bruder, das Leben. Auch er wurde als Regisseur von Actionfilmen wie Staatsfeind Nr. 1, Déjà Vu und Die Entführung der U-Bahn Pelham 123 weltbekannt. Ridley Scott widmete sein neuestes Werk The Counselor seinem Bruder Tony und seinem Regieassistenten Matthew Baker, der ebenfalls während des Drehs verstarb.

 

The Counselor, GB/US 2013, 117 Min.

Regie: Ridley Scott

Drehbuch: Cormac McCarthy

Mit: Javier Bardem, Cameron Diaz, Penélope Cruz, Michael Fassbender, Brad Pitt

 

 

 

© Copyright: 20th Century Fox

 

 

Cowboys of the Caribbean: The Curse of the Lone Ranger

von Miriam Gerstenlauer und Marius Lang

Eigentlich hatte The Lone Ranger durchaus das Zeug dazu, ein wirklich unterhaltsamer Film zu werden. Erst Recht, wenn man bedenkt, dass praktisch das gesamte Team der Fluch der Karibik-Reihe beteiligt war. Regisseur Gore Verbinsky kennt man schon vom Piratenstreifen, ebenso wie den Produzenten Jerry Bruckheimer. Und zumindest der Großteil der Drehbuchautoren ist auch wieder mit dabei. Klar, dass man da auch noch den Hauptdarsteller Johnny Depp mitgebracht hat. Dazu kommt eine beliebte Radiosendung und spätere Fernsehserie aus den 1940er und 50er Jahren als Grundlage, ein wirklich guter Soundtrack und eine gehörige Menge Geld der Walt Disney Studios. Ein Jammer nur, dass unterm Strich leider auch die Summe der einzelnen Teile nicht immer einen echten Kinohit ergibt.

 

Kleiner Junge, falscher Bruder

Ein kleiner Junge in Halbmaske und Cowboyoutfit geht auf einem Jahrmarkt in ein Wild-West-Museum. Dort trifft er auf den Indianer Tonto (Captain Jack Sparrow Johnny Depp), der als lebendes Ausstellungsstück arbeitet. Tonto erzählt dem Jungen die eigentliche Filmhandlung, das erste Abenteuer seines Freundes John Reid (Armie Hammer), dem maskierten Rächer Lone Ranger.

Die Geschichte beginnt mit Reids Rückkehr in seine Heimatstadt. Der Ganove Butch Cavendish ermordet bald darauf seinen Bruder und Sheriff Dan mit seinem Trupp. John wird anschließend von einem Pferd und dem wirren Erzähler Tonto rekrutiert, um Cavendish endgültig zur Strecke zu bringen. Klar, dass Tonto selbst eine Rechnung mit den Banditen offen hat, klar, dass diese offene Rechnung noch eine wichtige Rolle im Film spielen wird. Und auch klar, dass es eine Wendung geben wird, mit der niemand rechnet.

 

Captain Tonto, wenn ich bitten darf

Wer nicht weiß, dass das Fluch der Karibik-Team auch hinter Lone Ranger steckt, der achte nur mal auf die klaren Ähnlichkeiten:
Ein sympathischer, rechtschaffender junger Mann, (John Reid/Will Turner), wird in den Rachfeldzug eines zwielichtigen und zu stark geschminkten Antihelden mit zweifelhafter mentaler Gesundheit (Tonto/Jack Sparrow) hineingezogen, der mit dem Schurken (Butch Cavandish/Barbossa) noch eine Rechnung offen hat. Der rechtschaffende Mann willigt ein, um die Liebe seines Lebens (Rebecca/Elizabeth) aus den Fängen des Bösewichts (Latham Cole/Barbossa) zu befreien.

Die Kampfszenen sind gut choreographiert, gewohnt übertrieben und zu viele an der Zahl. Man ersetzte eigentlich nur die Schiffe durch Pferde, die Karibik durch die texanische Wüste und teilt den Bösewicht Barbossa in ein Duo aus einem kannibalischen Psychopathen und einem skrupellosen Geschäftsmann. Soviel Faulheit beim Filmemachen kann man schlecht verschleiern. Und auch die erwartungsgemäß ansehnlichen Actionsequenzen können nicht über den abgestandenen Plot und unnötige Länge des Streifens hinwegtäuschen.

Der Schuh des Kemosabe: Extra lang

Dass der Film sich in seiner Länge verliert ist vermutlich sogar sein größtes Problem. So könnte man beispielsweise die Rahmenhandlung um den gealterten Tonto, der dem kleinen Jungen seine Geschichte erzählt, komplett weglassen. Ebenso hätte man die Szenen mit Helena Bonham Carter, die eine einbeinige Bordellbesitzerin spielt, streichen können, ohne, dass sich die Handlung des Films geändert hätte. Dreißig Minuten weniger, und der Film hätte vielleicht nicht so unter der blassen Handlung gelitten.

Positives muss man jedoch auch vermerken. So spielt William Fichtner die Rolle des psychopathischen Mörders Cavendish durchaus ansehnlich verstörend und auch Tom Wilkinson ist als Eisenbahner Latham Cole beachtlich stark. Johnny Depp dagegen wirkt, als würde er die Rolle des Piratenkapitäns Sparrow ein wenig zu sehr lieben, wie sonst würde man sich sonst erklären, dass er praktisch ein und dieselbe Figur spielt.

Fazit: Blasses Popcornkino mit wenigen Schnörkeln. Nichts, was man nicht schon besser gesehen hätte. Niemand braucht CGI-Büffel und fleischfressende Hasen haben grundsätzlich nur etwas in Monty-Python-Filmen verloren.

 

Fotos: Copyright Walt Disney

C’est une revolte? Non, c’est une revolution!

von Pascal Thiel

Xavier Dolan hat es wieder getan. Mit Laurence Anyways ist dem francokanadischen Filmautor das dritte Kunstwerk gelungen.

Ein besonderer Film

Xavier Dolan hat es also wieder getan. Bereits seine zwei ersten Werke schlugen wie Bomben ein. Der autobiografische Film I killed my mother und Les amours imaginaires, zu deutsch Herzensbrecher erregten in der Kritikerwelt erhebliches Aufsehen. Von den einen als das neue „Wunderkind“ des francophonen Films gefeiert – von den anderen als frecher Emporkömmling verachtet, polarisiert Dolan. Das wird er wohl auch mit seinem neuen Film.

Fernab vom Klischee eines braven Literaturdozenten führt Laurence Alia mit seiner Freundin Frédérique „Fred“ Belair ein alles andere als spießiges Beamtenleben. Sie sind ein verrücktes Paar. Liebe, Lust, Lebensfreude. Sturm und Drang. Frech und herrlich obszön. Doch Laurence will sich und Fred nicht mehr belügen. Inmitten einen der Redeschwälle seiner Freundin bricht es aus ihm heraus: Er wolle endlich seiner Natur folgen und eine Frau sein.

Damit beginnt ein Film, der mehr ist, als die bloße Darstellung eines Kampfes gegen gesellschaftliche Widerstände. Dolan selbst beschreibt seinen Film als

homage to the ultimate love story: ambitious, impossible, the love we want to be sensational, boundless, the love that we don’t dare hope for, the love that only cinema, books and art provide.

Es beginnt ein Film, der eine Liebesgeschichte ist, die Leidenschaft auf eine ganz neue Art und Weise transportieren soll. Ein Film, der Gefühle bildhaft eindrucksvoll so drastisch und schön wie wohl kaum ein anderer offenbart, den manche als „speziell“ titulieren mögen – und tatsächlich eine wichtige Rarität ist in einer Welt der Blockbusteroberflächlichkeit.

Ein Mann, der zur Frau werden will. Das Sujet des Films ist vermeintlich schnell gefunden: Transsexualität. Doch da ist nicht nur die „Metamorphose“ von Laurence, da ist auch die Beziehung zu und mit Fred. So erzählt der Film aus zwei unabhängigen Perspektiven – und gewährt, wie unten deutlich wird – beeindruckende Einsichten in die Gefühlswelten seiner Protagonisten.

Die werden gespielt von einem grandiosen Melvil Poupaud und einer noch grandioseren Suzanne Clément. Mit im exzellent erwählten Ensemble: Nathalie Baye (als Laurence‘ Mutter) und Monia Chokri (als Freds Schwester) – Dolan greift auf neue und bewährte Schauspieler zurück. Im Gegensatz zu seinen ersten beiden Filmen, entdeckt man Dolan selbst nur einige wenige Sekunden auf der Leinwand, die Aufmerksamkeit gilt den Protagonisten.

Le Cinéma Dolan

Xavier Dolan versteht es in seinen Filmen immer wieder, im Zusammenspiel verschiedener Elemente perfekte Situationen zu kreieren. So auch in Laurence Anyways. Er ist ein Kunstwerk geworden.

Geradezu ein Paradebeispiel ist die Szene, die in Laurences „Outing“ mündet. Am Abend seines 35. Geburtstags überrascht Fred Laurence mit einem Trip nach New York. Und ein „Trip“ ist es wirklich.

In perfekter Dolan-Reizüberflutung geht es in Richtung USA: Fred plappernd, wild herumkreischend und durch die Luft fuchtelnd, vollkommen zugedröhnt am Steuer ihres knatternden 80er-Jahre-Mobils. Wackelnde Kameraschwenks wechseln hin- und her – zwischen Fred und Laurence. Bis die Situation in einer Waschanlage schließlich – Bürsten schlagen gegen das Auto, unterlegt – nein überlagert – von einem hetzendem Prokofiev – ihren Höhepunkt findet. So drastisch die Dramaturgie des perfekten Sinneschaos in Richtung Climax drängt, so gewaltig schreit Laurence den Überdruss seines Daseins mittenhinein: Er werde sterben (siehe oben).

Oder sein erster Auftritt in der Schule. Laurence schüchtern und steif in den ersten Momenten vor einer peinlich berührten bis geschockten Klasse, alles in eine unerträgliche Stille gehüllt. Und: Laurence wie auf einem Laufsteg durch die Schule stolzierend, die Blicke der anderen ertragend – oder genießend? – unterlegt von eindringlichem hippen Elektrogequietsche.

Das ist die laute, schrille, freche Seite des Xavier Dolan. Doch er kann auch anders – mit einem Element, einem Stilmittel, das seinen Filmen zu ihrer Großartigkeit verhilft. Besonders deutlich in Laurence Anyways: unerwartete Cuts. Radikal werden Szenen, wird die Handlung abgebrochen – was passiert, wird dem Zuschauer erst später präsentiert. Wie etwa bei Laurence‘ Ausbruch: Gezeigt wird lediglich Freds Reaktion. Es folgen vage Bilder, schemenhaft gezeichnet. Nichts weiter passiert. Zeit für den Zuschauer, sich über den Fortgang selbst Gedanken zu machen. Eine Denkpause.

Was Dolans Filme auszeichnet, ist zudem die eindrückliche Darstellung von innerlichen Gefühlen.

Da ist der Schmetterling, der Laurence‘ Mund entflattert, als er Fred zwischenzeitlich an einen anderen zu verlieren droht. Noch immer Schmetterlinge im Bauch? Da ist der Wasserfall, der durch Freds Wohnzimmer rauscht, nachdem sie in Laurence‘ Gedichtsband versunken ist. Noch immer voller Sehnsucht? Und da sind die durch die Luft wirbelnden Kleider nach ihrem Wiedersehen auf der Île au Noir. Wiedergewonnene Freiheit? Eine Hommage an ihre frühe Liebe? Die herbstlich tanzenden Blätter am Ende des Films als Symbol der endgültigen Befreiung voneinander?

Mehr als Transsexualität

Mit seinen über 160 Minuten sprengt der Film jegliche Spielfilmkonventionen. Dolans bewegte Bilder beeindrucken – ihre Sinnlichkeit, ihre Schönheit. Sie offenbaren das Innenleben zweier Menschen über Jahre hinweg so schonungslos wie kaum andere.

Auf der einen Seite ist Fred, noch immer verliebt in Laurence, die aber ihre neu gewonnene Sicherheit, ihr Haus, ihren Mann, ihre Familie aufzugeben nicht bereit ist. Fred, die Laurence einst, bis den Tränen nahe, verteidigt hat, nun aber doch das Andere nicht respektieren kann, die die Gebundenheit der Liebe an einen Körper nicht überwinden kann. Eine Beziehung zu Laurence ist trotz des zwischenzeitlichen glücklichen Wiedersehens unmöglich geworden – das Bürgertum und seine eigenen Gesetze haben Fred sich einverleibt. Ihre Offenheit, ihre Unbeschwertheit liegen weit in der Vergangenheit.

Auf der anderen Seite Laurence, der eine Wandlung durchgemacht, der viele Hürden überwunden hat und ein neuer Mensch geworden ist. Laurence, der nicht verstehen will, warum nicht alle diesen Weg gehen wollen. Selbstgerecht scheint er auf Fred herabzuschauen. Auch er hat sich verändert: Vom bescheidenen, eher schüchternen, zurückhaltenden Mann zur konfrontativen, aufrechten Frau.

So zeigt der Film mehr als ein „Trans-Outing“. Der Film zeigt zwei Charaktere, zwei Lebenswandel im Spiegel der Zeit. Er zeigt Leidenschaft und Gefühle. Und so verschwimmt im Hinterland des Films das Sujet der Transsexualität immer mehr, bis es schließlich wie selbstverständlich der Liebesgeschichte weicht.

Laurence Anyways ist zu lang, zu komplex, um in einer Kritik umrissen zu werden. Xavier Dolan hat gezeigt, dass von ihm noch viel zu erwarten ist. Viele gute Schauspieler. Viele exzellente Soundtracks. Viele eindrucksvolle Bilder. Viele glitzernde Kostüme und intelligente Dialoge.

 

Bilder: FilmPressKit

Was Hollywood versäumt hat

von Alexander Karl

Die Traumfabrik produziert weiterhin Erfolge: So spielten US-Filme im Jahr 2010 insgesamt 23,6 Milliarden Dollar ein, auch dank der neuen 3D-Technologie. Mit verantwortlich dafür sind auch die Sequels, die vor allem im Jahr 2011 wieder viele Fans in die Kinos lockten: Der letzte Teil der Harry Potter–Saga zog fast 6,5 Millionen Deutsche ins Kino, andere Fortsetzung von Twilight über Hangover bis Fluch der Karibik waren ebenfalls Zuschauermagneten. Doch die Zahl derer, die diese Filme auch außerhalb des Kinos gesehen haben, liegt wohl deutlich höher – dem Internet sei Dank. Mit Streaming-Portalen wird das Bett zum bequemen Kinosessel, ohne Werbung und natürlich ohne Kosten. Und daran ist Hollywood größtenteils selbst schuld.

Anachronismen in Zeiten der digitalen Revolution

Die Filmindustrie hat das Internet verschlafen. Zwar nutzt sie es, um den Kinofan mit Werbung zu bombardieren und Trailer auf YouTube zu stellen, doch ein richtiges Filmangebot gibt es nicht. Stattdessen erinnert die Verwertungskette der Filmindustrie an eine Zeit vor dem Internet: Wenn man kein Kinoticket kaufen wollte, musste man warten, bis der Film im Fernsehen lief oder ihn auf Video kaufen. Heute steht – meist noch am Tag der Veröffentlichung – der Film schon längst auf diversen Plattformen online.

Ein Beispiel: Der aktuelle Filmhit Ziemlich beste Freunde erscheint erst am 7. September 2012 auf DVD. Das ist in sieben Monaten. Bis dahin wird der Film millionenfach online – und umsonst – angesehen werden.

Die Unterhaltungsindustrie versucht nun mittels SOPA und Co. die Online-Piraterie einzuschränken. Dabei wäre der sinnvollere Weg, endlich Filme legal online zur Verfügung zu stellen. Wie das gehen kann, zeigt ein Blick auf die Musikbranche: Die Tauschbörsen wurden als Grund für den Niedergang der Musikindustrie angesehen und wären es schlussendlich wohl auch geworden, hätte sich Apple nicht ein Herz gefasst und mit iTunes allen Usern die Möglichkeit gegeben, Musik legal und einfach herunterladen zu können. Denn ohne Zweifel gibt es im Netz eine Gratiskultur, doch wie die Musikindustrie erkannt hat, sind User bereit, Geld für (guten) Conent zu bezahlen – man muss ihn nur anbieten.

Wie einst die Musiktauschbörsen sind die Streaming und Downloadportale nicht das Grundübel der Unterhaltungsindustrie, sondern die Symptome für die verpassten Chancen. Würde es die Möglichkeit geben, aktuelle Kinofilme auch online zu schauen, würden viele User dafür auch Geld ausgeben – daran besteht kein Zweifel. Und jene, die immer noch einen physischen Gegenstand haben wollen, werden auch Geld dafür ausgeben. Dies sieht auch Andreas Busche, Autor des Freitag, so: „Diejenigen, die es immer noch vorziehen, ein fertiges Produkt in den Händen zu halten, wird auch dies nicht abschrecken, viele von ihnen übrigens auch nicht, nachdem sie den Film bereits illegal aus dem Netz gezogen haben.“

Innovation? Fehlanzeige.

Selbst der sonst so innovative Online-Shop Amazon setzt mit Lovefilm.de auf eine ziemlich altertümliche Variante: So können Filme physisch – also als DVD oder Blu-ray – ausgeliehen werden, die dann mit der Post hin- und hergeschickt werden. Der Video on Demand-Bereich ist noch ziemlich klein, zu finden sind hier natürlich keine aktuellen Kinofilme, sondern solche, die bereits auf DVD erschienen sind. Wahrscheinlich würde Amazon das gerne anders haben – für mehr Umsatz würde es definitiv sorgen.

Also: Muss erst wieder Apple mit seiner Interpretation des Fernsehens an die Türen der Film- und Serienmacher rütteln um die Revolution voranzutreiben? Immerhin: Bei Serien entwickelt sich langsam aber sicher ein Verständnis für die Online-Kultur. Die deutschen Erfolgsserie Danni Lowinski kann man sofort nach der TV-Ausstrahlung online schauen, die US-Serie Sons of Anarchy lief legal bei MyVideo, bevor sie im Laufe des Jahres bei Sat.1 oder ProSieben laufen soll. Und auch in den USA haben die legalen Serienangebote Hulu und Netflix weiterhin gute Umsätze – leider kann man sie nicht von Deutschland aus nutzen. Es ist an der Zeit, dass auch Hollywood endlich die Online-Welt für sich entdeckt – und das nicht nur in Sachen Marketing.

Foto: flickr/sugu (CC BY-NC-ND 2.0); Sophie Kröher