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Jungautor Alexander Karl im Interview mit media-bubble.de

von Sanja Dötting und Pascal Thiel

Alexander Karl sprach mit media-bubble.de über seinen Jugendroman, Authentizität und die große Liebe.

Alexander Karls Buch „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ erschien am 06.06.2012 und ist überall im Buchhandel erhältlich.

Fans & Fiktionen – „Kommentare pushen mich“

von Sanja Döttling

Aerith Mon-Kishu ist Fan. Und damit auch Autorin und Malerin. Wie viele Fans beteiligt sie sich in ihren Communities aktiv. Ein Interview über vielschichtige Charaktere, Sex die Leser und Final Fantasy VII.

 

Aerith Mon-Kishu – Wie bist du zu Beginn auf Fan-Communitys gestoßen?

Als ich noch in der Unterstufe war, habe ich Yu-Gi-Oh! geschaut und im Internet nach korrespondierenden Foren gesucht, um dort Hintergrundtheorien zur Serie zu lesen. Damals kamen noch Dragonball Z und X – Die Serie dazu. Das war sozusagen mein Japan-Hype.

Wann hast du aktiv angefangen zu schreiben?

Es gab keine Geschichten zu meinem Pairing – das war damals noch Ishizu und Yami aus dem Yu-Gi-Oh!-Universum.

Wer hat deine Fanfiction gelesen, wenn das Pairing so unbekannt war?

Ich habe welche gefunden, die in meinem Alter waren und nicht so hohe Ansprüche hatten. Ich hatte früher auch noch keinen Beta-, also Korrektur-Leser. Die Fanfictions habe ich auf animexx.de veröffentlicht. Damals kannte ich noch keine englischen Seiten und beherrschte die Sprache nur bedingt.

Wie bekommt man Leser?

Die Fanfiction-Autorin Aerith Mon-Kishu

Als ich mein neues Pairing, Tayuya und Orochimaru (aus Naruto) zu schreiben begann, kamen sie von ganz alleine. Für die Geschichte bekam ich 1.300 Kommentare. Die Kommentare sind oft von den selben Leuten, die gleichzeitig Leser und Freunde sind. Heute habe ich an die 10.000 Einzelleser und 1.000 regelmäßige Leser auf fanfiction.net. Auf Deviantart.com habe ich 150.000 Page Views und meine Facebook-Fanseite liegt bei 163 Likes.

Ich veröffentliche die Geschichte regelmäßig und reagiere auf saisonale Feste: So erschient Tayuyas-Geburtstags-Kapitel an dem Tag ihres Geburtstags usw.

Vertrittst du die These: „Je mehr Kommentare, desto besser“?

Ja. Meistens stimmt das bei bekannten Fandoms. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel.

Hast du dich mit den Lesern in Kontakt gesetzt, wenn sie kommentiert haben?

Immer. Sofort. Auch wenn sie nur geschrieben haben „Das ist toll, mach weiter!“ Natürlich freut man sich mehr über ausführliche Kritik, die dann zum Diskutieren einlädt. Leser können mir gerne ihre Wünsche verraten. Ich baue sie mit Freuden ein, wenn sie im Bereich des Machbaren sind.

Du hast inzwischen ja ein neues Pairing, über das du schreibst: Sephiroth und Aerith aus dem Final-Fantasy-Universum. Hast du deine Leser aus anderen Geschichten behalten?

Ja. Aber es kommen immer neue Leser dazu. Von 10 Leuten werden 4 Leute die Geschichte weiterlesen. Es geht nicht so wirklich um das Pairing, sondern darum, dass ich es schreibe. Ich habe mir aber auch ein Paar ausgesucht, dass bekannter ist als die Pairings, die ich davor geschrieben habe. Da ging es wirklich um den Bekanntheitsgrad.

Was liest du?

Man sucht sich dann schon Geschichten aus, die das gleiche Pairing haben, oder deren Stil einem gefällt. Allerdings schaue ich auch über den Tellerrand hinaus, weil ich viel und schnell lese. Ich lese zum Beispiel auch Fanfiction mit Sephiroth und anderen Frauen. Oder diese Frauen mit anderen Charakteren. Immer ein Schritt nach dem anderen.

Was schreibst du gerade?

Gerade habe ich zwei Geschichten; eine ist bisher 200 Word-Seiten lang – wobei die Hälfte davon Notizen und noch lange nicht fertig sind – die andere ist etwas kürzer. Das sind „The Promised Land“ und „Forbidden Fruit tastes The Sweetest“. Erstere ist eine schöne Liebesgeschichte, die auch tragische Momente hat. In letzterer gibt es auch „bösere“ Stellen – die Welt der Fernsehserie Tudors mit ihren Intrigen und Machtspielchen hat mich beeinflusst. Es ist also eine Alternative-Universe-Geschichte.

Wie erklärst du dir die Faszination für Final Fantasy?

Final Fantasy VII habe ich mir gewollt ausgesucht; ich habe den Film gesehen und wollte dann alles darüber herausfinden. Die Faszination geht auch ganz stark von den Charakteren aus. Jeder bekommt seine eigenen Geschichte. Man braucht vielschichte Charakter, um eine Fancommunitiy zu bilden. Final Fantasy VII ist auch ein sehr storylastiges Spiel – die Geschichte lässt auch noch Leerstellen, wie die Vorgeschichten, die man ausfüllen kann.

Der Charakter Sephiroth ist seit erscheinen des Spiels 1997 sozusagen der „Godfather of Fanfiction“. Eigentlich ist er der perfekte Stereotyp eines Bösewichts; und trotzdem lässt sich viel aus ihm machen; irgendwie wünscht man ihm ein perfektes Leben, eine liebende Familie…. alles, was er niemals gehabt hat. Aber – dann wäre er niemals so, wie er jetzt ist. Dieser Zwiespalt macht die Faszination aus.

Der Zwiespalt zwischen Canon und Fanon?

Ja. Es ist das Verlangen, den Charakteren das zu geben, dass sie unserer Meinung nach verdient haben, auch wenn es nichts mehr mit ihrem zumeist tragischen Schicksal in der Originalstory zu tun hat.

Wo veröffentlichst du?

Ich veröffentliche auf animexx.de, fanfiktion.de, myfanfiction.de, fanfiction.net – für die englischen Übersetzungen meiner Geschichten – und die Bilder auf deviantart.com. Außerdem habe ich eine Fanpage auf facebook.com. Allerdings werde ich auf der deutschen Seite fanfiktion.de angefeindet. Die Leute dort mögen mein Pairing nicht: „Warum sollte Aerith ihren Mörder, also Sephiroth, heiraten?“ sagen sie…. Ich habe dafür eben meine eigene Erklärung!

Aber: „Warum sollte Sephiroth mit seinem Klon ins Bett steigen, wobei dieser ihn auf den Tod nicht leiden kann?“ könnte man bei anderen Fanfiction auch fragen. Jeder hat seine eigene Auffassung und unterschiedliche Obsessionen. Ansonsten wäre doch alles der gleiche Brei und langweilig.

Allerdings orientiere ich mich immer mehr in der englischen Community. Ich schreibe und lese auf Englisch. Da ist die Auswahl an Geschichten größer und es gibt bessere Autoren.

Was hältst du von Slash – oder yaoi, wie es in der japanischen Szene heißt?

Ich bin dessen überdrüssig geworden. Slash nimmt den größten Teil der Fanfiction-Szene ein. Viele sind grottenschlecht…. Da werden dann oft Klischees aufgewärmt und immer das gleiche geschrieben. Die älteren Autoren finden sich dann auf anderen Seiten. Aber ich kann es ihnen nicht verübeln. Ich war mit 15 auch nicht anders. Doch zum Glück wächst man irgendwann heraus oder verbessert seinen Stil soweit, dass die Yaoi Geschichten wohltuend für die Augen werden.

Also nicht alles Hochliteratur?

Nicht unbedingt. Viele Geschichten sind nicht gut. Einige wollen einfach schnell zu Sexszenen kommen. Viele schreiben sich auch selbst in die Geschichte und machen sich zur Über-Heldin, also zu Mary Sue, wie es unter Fans heißt. Das liest man einfach nicht gerne.

Aber auch in deinen Fanfictions geht es ja zur Sache. Warum?

Sex sells – so einfach. Außerdem gibt es solche Bücher kaum im Handel. Die Leser – und bei den romantischen FFs haben wir fast ausschließlich Weibliche – können sich gut in den weiblichen Hauptcharakter hinein versetzen – also eine gut getarnte Mary Sue, sozusagen.

Warum schreibst du keine Geschichten mit eigenen Charakteren?

Ich habe daran schnell die Lust verloren. Ein Original muss fertig geschrieben sein, um es zu verlegen. FFs kann ich kapitelweise schreiben und hochladen. Somit habe ich immer eine Lesergemeinschaft im Rücken. Ich brauche auch die Kommentare; die pushen mich zum Weiterschreiben.

Was machst du noch außer zu schreiben?

Ich zeichne Fan Arts, eigene Mangas und cosplaye. Ich gehe auch auf Buchmessen oder Cosplay-Conventions mit den Kostümen. Man kann sich dann in den Charakter reinversetzen; und seine Charakterzüge sozusagen adaptieren. Und dann mit Zitaten um sich werfen!

Was macht man dann auf solchen Conventions?

Fotoshootings, Schaukämpfe…. Man fühlt sich ein bisschen wie ein Popstar, wenn alle Bilder mit dir machen wollen, weil ihnen dein Cosplay gefällt. Da ich meine Kostüme selbst nähe, trage ich sie auch mit Stolz. Inzwischen werde ich sogar auf der Strasse erkannt.

Findet man in der Community auch Freunde?

Manche Fans sind fies – ein paar haben meine Geschichte ohne Erlaubnis als ihre hochgeladen und als ihre verkauft. Deswegen bin ich nun auch auf so vielen Seiten vertreten, damit mir das nicht noch einmal passiert. Aber die meisten Fans sind schnell gute Freunde. Man kann eben mit wenigen Menschen über diese Themen reden und sucht sich welche, die das Gleiche mögen. Manche Gleichgesinnte trifft man dann auch im „Real Life“, skypet mit Video, telefoniert und verabredet sich. Meistens lernt man sich auf Conventions kennen. Fans haben untereinander einen sehr offenen Umgang; vielleicht, weil sie alle die gleiche Faszination für einen Gegenstand teilen und ganz in einem Thema aufgehen.

 

Aerith Mon-Kishu – übrigens nicht ihr echter, sondern ihr Pen-Name – ist auf facebook.com auf ihrer Fanpage zu finden;  dort sind auch die Links zu ihren anderen Seiten angegeben. Media-bubble.de dankt für das Interview!

Blackout – Und alles steht still

von Alexander Karl

Der Autor Marc Elsberg

Es ist ein Schreckensszenario sondergleichen: Durch einen Hackerangriff wird in ganz Europa das Stromnetz lahmgelegt. Vom Fernseher bis zum Herd funktioniert nichts mehr. Kein Wasser fließt mehr, die Tankstellen bekommen das unterirdisch gelagerte Benzin nicht mehr in die Zapfsäulen. In kürzester Zeit ist die Welt, wie wir sie kennen, Geschichte: Supermärkte können nicht beliefert werden, den Krankenhäusern geht irgendwann der Notstrom aus. Eine moderne Apokalypse, ein Wettlauf gegen die Zeit für die Verantwortlichen und Poltiker.

Glücklicherweise sind große Teile dessen nur Fiktion: Der Wiener Bestsellerautor Marc Elsberg (45) sprach mit media-bubble.de über sein Buch „Blackout – Morgen ist es zu spät“, die Medien und Trittbrettfahrer.

media-bubble: Ein solch umfassendes Werk wie „Blackout“ bedarf viel Recherche. Wie sind sie vorgegangen?

Marc Elsberg: An „Blackout“ habe ich etwa vier Jahre gearbeitet. Das erste Jahr bestand aus reiner Recherche. Erst danach begann ich mit dem Entwurf der Figuren und der Handlung. Während des Schreibens musste ich laufend weiter recherchieren, da ich noch immer vieles nicht wusste und es gerade in diesem Gebiet viele aktuelle Entwicklungen gab und gibt.

Und 2011, während Sie geschrieben haben, kam Fukushima.

Ja. Als Fukushima geschah, war meine Handlung entworfen und der Text etwa zur Hälfte fertig. In „Blackout“ waren Probleme in AKWs bereits vorgesehen. Aber schon während der Arbeit wurde ich mehrmals von der Realität eingeholt, etwa durch das Auftauchen der stuxnet-Malware. Große Änderungen musste ich daher nicht mehr durchführen. Allerdings gab Fukushima einige Anregungen bei Details.

Mindestens so wichtig und aufwändig wie die Recherchen zur Technik waren jene zu den Schicksalen von Menschen in Krisensituationen. Wobei es dazu – leider – genug Quellen gibt, sei es aus Kriegs- oder Katastrophengebieten. Manchmal halfen mir dabei aber sogar Erzählungen meiner Eltern und Großeltern aus der Nachkriegszeit.

Wir informieren uns heute vor allem über das Internet oder Fernsehen. Wenn der Strom ausfällt, geht das nicht mehr. Wie schätzen Sie die Bedeutung von Medien für den Informationsaustausch im Krisenfall ein?

Die Bedeutung von (elektronischen) Medien zur Information der Bevölkerung wäre in jedem Krisenfall immens.

Allerdings können sie in manchen Krisenfällen, zum Beispiel bei einem großen Stromausfall, kaum eingesetzt werden. Die meisten Menschen können kein Internet, TV oder Hörfunk mehr empfangen, es sei denn, die besitzen ein batteriebetriebenes Radio oder ein Auto mit Radio. Zeitungen können zwar noch ein paar Tage lang gedruckt, aber immer schwerer ausgeliefert werden. Festnetz und Mobiltelefon (wenn man diese zu den Medien zählen mag) fallen auch bald aus.

Soll heißen: Die Bedeutung der meisten modernen Medien (Ausnahme: Radio) sinkt im Fall eines großen, längeren Stromausfalls gegen Null. Die Menschen wären fast ausschließlich auf mündlich weiter gegebene Nachrichten angewiesen – was da schnell an Gerüchten entsteht, kann man sich vorstellen! In einer Szene von „Blackout“ führt dies auch zu einem persönlichen Drama für eine der Figuren.

Überwiegen in Ihren Augen die Vor- oder Nachteile der modernen Informationstechnologie?

Durch die modernen Informationstechologien haben wir zahlreiche neue Möglichkeiten gewonnen. Denken wir etwa an die Kommunikation während des arabischen Frühlings.  Unter normalen Umständen überwiegen für mich klar die Vorteile – vorausgesetzt wir reden von ihrem Einsatz in einer funktionierenden Demokratie und einem funktionierenden Rechtsstaat. Wobei es selbst in diesen aufgrund der rasanten Entwicklung eine Menge Klärungsbedarf gibt, wie nicht zuletzt aktuelle Diskussionen um geistiges Eigentum oder Datenschutz zeigen.

Stichwort Datenschutz: Im Buch werden systematisch E-Mails und andere modernen Kommunikationsmittel angezapft. Entwickeln sich da nicht neue Ängste?

Nicht für mich. Ich bin mir seit Jahren bewusst, dass man meine gesamte Kommunikation verfolgen kann, wenn man will. Es würde mich auch gar nicht wundern, wenn ich aufgrund meiner Recherchen in den Stichwort-Alerts irgendwelcher Überwacher aufgetaucht bin und unter Beobachtung stand (oder stehe). Naja, jetzt wissen die ja, dass ich tatsächlich nur ein Buch schreiben wollte…

Der „gläserne Mensch“ also.

Mit dieser „Gläsernheit“, werden wir bis zu einem gewissen Grad lernen müssen zu leben, fürchte ich, so miserabel der Gedanke auch ist. Trotzdem habe ich z.B. in Österreich die Petition gegen die Datenvorratsspeicherung unterschrieben und bin auch gegen ACTA (allerdings sehr wohl für einen anständigen Schutz meiner Urheberrechte/immateriellen Güter).

Ein Ursprung des Übels in „Blackout“ sind die Smart-Meter, die digitalen Stromzähler. Was würden Sie tun, wenn Sie selbst bald ein solches Gerät in der Wohnung haben müssten?

Solange diese Geräte derart unsicher sind wie die jetzigen Modelle, würde ich versuchen, den Einbau zu verhindern. Wobei es da rechtliche Probleme gäbe. Allerdings bilden sich in mehreren Ländern langsam Initiativen dagegen.

„Blackout“ beschreibt ein Schreckensszenario, das sicherlich keiner erleben will. Verfolgen Sie mit dem Buch die Mission, die Gesellschaft aufzuwecken?

Zuallererst wollte ich eine spannende Geschichte schreiben über ein Thema, das mich selbst interessierte und darüber, wie die Menschen davon betroffen sind. Wenn ich damit erreiche, dass ich bei kritischen Themen Nachdenkprozesse anrege, freut es mich. Auf ein Blackout kann man sich bis zu einem gewissen Grad vorbereiten bzw dafür rüsten. Das habe ich getan.

Stellenweise wird sehr genau die Verwundbarkeit des Stromnetzes und der Informationskanäle angesprochen. Fürchten Sie, dass Ihr Buch Trittbrettfahrer zu solchen Taten aufrufen könnte?

Nein. Die Idee von Angriffen auf Infrastrukturen ist nicht neu. Ich bringe einige Beispiele auch in „Blackout“. Schon in der „Südtiroler Feuernacht“ 1961 wurden Strommasten gesprengt. 1972 starb Giangiacomo Feltrinelli, der italienische Verleger (Doktor Schiwago, Der Leopard, das berühmte Che Guevara-Bild) und spätere Terrorist, bei dem Versuch, einen Strommast zu sprengen. „Blackout“ ist die zeitgenössische Interpretation des Themas. In „Die Hard 4″ rettet John McClane“ schon 2007 die USA vor einem ähnlichen Szenario. Abgesehen davon wurde ich auch hier von der Realität eingeholt, wenn auch in kleinerem Rahmen: Im Mai 2011, als der Text weit fortgeschritten war, legte ein Brandsatz die Berliner S-Bahn und Teile des Telefonnetzes lahm. Das ist letztlich nichts anderes, als ich in „Blackout“ beschreibe – ein Terrorangriff auf wichtige Infrastrukturen. Zum Glück kamen damals keine Menschen ernsthaft zu Schaden.

Vielen Dank für das Gespräch, Marc Elsberg!

Foto: Clemens Lechner

„Man muss Gayromeo mit Humor sehen“

von Sandra Fuhrmann

In dem Beitrag „Traumprinz sucht Froschkönig“ berichtete media-bubble.de über Dating-Sites für Homosexuelle im Internet. David ist seit etwa drei Jahren User der Seite Gayromeo, die sich nicht nur in Deutschland großer Beliebtheit bei schwulen Männern erfreut. Im Interview mit Media-Bubble berichtet er über seine Erfahrungen.

 

Media-Bubble: Gayromeo bietet ja nicht nur die Möglichkeit, Leute kennenzulernen und sich zu verabreden. Das Angebot reicht von Clubs über AIDS-Beratung bis hin zu Tipps zum Coming-Out. Welche Funktionen schätzt du daran am meisten oder ist es mehr die Angebotsbreite an sich?

David: Also ich nutze im Prinzip nur das Angebot, andere Leute kennenzulernen. Mein Coming-Out hatte ich teilweise schon, bevor ich mich bei Gayromeo angemeldet habe und ehrlich gesagt ist mir gar nicht aufgefallen, dass es dort auch Tipps zum Coming-Out gibt. Ganz am Anfang war ich bei einem schwulen Forum angemeldet, das glaube ich Boypoint hieß. Hier bekommt man sicher besser Hilfe, wenn es um Outing-Probleme etc. geht.

 

Was war für dich überhaupt der ursprüngliche Grund, dich anzumelden?

Ich habe mich einfach angemeldet, um andere schwule Leute kennenzulernen. Ich komme vom Land und da gibt es einfach kaum offen schwule Leute, mit denen man sprechen kann und vor der schwulen Szene in Stuttgart hatte ich zu der Zeit noch etwas Respekt. Der größte Vorteil ist es einfach, sich unverbindlich und wenn gewollt anonym, mit anderen Schwulen zu unterhalten.

 

Siehst du Vorteile in Internetportalen wie Gayromeo, die sich bei der Kommunikation außerhalb des Internets nicht bieten? Kommt man zum Beispiel an Informationen und Kontakte, an die man sonst nicht kommen würde?

Wie bei jeder Kommunikation im Internet gibt es bei Gayromeo auch die soziale Entkontextualisierung. Oft werden die Regeln der höflichen Kommunikation übergangen. Viele reden über Sachen oder geben Sachen im Profil an, die sie niemals in einem Club erzählen würden. Die Hemmschwelle, sexuelle Informationen preis zu geben, ist bei vielen sehr gering. Das kann von Vor- oder auch von Nachteil sein. Jedenfalls sind die Leute im Internet doch sehr direkter und sagen gleich, was sie wollen.

Anonymität ist sicher ein wichtiges Stichwort bei dem Thema. Vielen ist es verständlicherweise zuerst einmal wichtig, die eigene Identität zu schützen. Auch GR hat seine eigenen Datenschutzbestimmungen. Wie gut siehst du deine Identität als User bei Gayromeo geschützt?

Ich sehe meine Identität als User bei GR sehr gut geschützt und habe auch schon einige kennengelernt, die ungeoutet sind und das auch bleiben. Da muss man sich meiner Meinung nach keine Sorgen machen. Das Einzige, was man angeben muss, ist eine E-Mail-Adresse bei der Anmeldung, die aber für alle unsichtbar bleibt. Man ist selbst Herr darüber, was man preisgibt und was nicht.

 

Gibt es etwas, das du Leuten, die sich neu anmelden wollen, diesbezüglich raten würdest?

Ich würde ihnen raten, am Anfang nicht alles von sich preiszugeben. Man braucht nicht seine gesamte Lebensgeschichte in sein Profil schreiben und am besten alle sexuellen Vorlieben noch dazu. Aber man sollte auch nicht zu schüchtern sein. Ein Profil, das kein Bild UND keinen Text enthält, interessiert schlichtweg niemand, dann kann man sich die Anmeldung auch sparen. An dieser Stelle kann ich vielleicht auch zur Sprache bringen, dass man GR nie zu ernst nehmen sollte. Man bekommt viele Angebote unter der Gürtellinie und am Anfang ist man da schon etwas geschockt, aber wenn man dem Ganzen mit ein wenig Humor begegnet, ist das eigentlich kein Problem. Man kann auf jeden Fall nette Leute kennenlernen und findet eigentlich immer das, was man sucht, allerdings braucht man dafür Geduld!

 

Die eigene Anonymität soll meist gewahrt bleiben. Die Anonymität anderer dagegen kann ja ganz schnell auch mal zum Problem werden. Wie sehr traust du generell anderen Profilen? Hast du jemals Erfahrungen mit sogenannten Fakern gemacht?

Ich persönlich habe noch nie Erfahrungen mit Fakern gemacht. Es sei denn, ich habe mit jemandem nur gechattet, da weiß man natürlich nie, was stimmt. Man hört schon viel von Fakern. Bei einem Treffen hatte ich aber noch nie das Pech, was aber wohl auch daran liegt, dass ich gewisse Regeln beachte. Ich verlange immer ein Bild, telefoniere meistens vorher mit demjenigen und treffe mich nach Möglichkeit an öffentlichen Plätzen. Wenn man das beachtet, kann eigentlich nichts passieren.

 

Wie steht es mit der Anonymität des Anbieters? Worauf sollte man deiner Meinung nach achten, um darauf vertrauen zu können, dass die eigenen Daten in guten Händen sind?

Ehrlich gesagt haben mich da die hohen Anmeldezahlen überzeugt. Es gibt so viele Leute, die bei GR angemeldet sind und ich habe auch über Freunde von der Seite erfahren, sodass ich einfach auf die Meinung der Mehrheit vertraut habe.

 

Gayromeo enthält auch Inhalte, die nicht gerade jugendfrei sind. Wie offen gehst du selbst mit deinem Gayromeo-Profil im Alltagsleben um? Reagieren Leute manchmal komisch, wenn sie davon erfahren?

Also wegen eines Gayromeo-Profils reagiert eigentlich niemand komisch. Die meisten haben schon einmal davon gehört und finden es gerade bei Schwulen klar, dass man sich im Internet “Hilfe” sucht, um andere Leute kennenzulernen, die so sind wie man selbst. Also wer Schwule an sich akzeptiert, hat nach meiner Erfahrung auch kein Problem mit Gayromeo.

 

Die Situation für Lesben und Schwule in Deutschland ist heute deutlich besser als noch vor einigen Jahren. Dennoch sind Vorurteile und Diskriminierung lange nicht aus der Welt geschafft. Oft gilt das auch für Arbeitgeber. Angaben im Internet sind außerdem ja global einsehbar. Hast dir je Gedanken gemacht, ob dein Profil bei Gayromeo im Berufsleben je zum Problem werden könnte?

Ja, ich habe mir darüber schon Gedanken gemacht. Aber Gayromeo schützt seine Daten eigentlich sehr gut, besser als beispielsweise Facebook. Wenn man seinen richtigen Namen nicht angibt, ist man höchstens durch Bilderkennungsprogramme auffindbar und selbst dann kann das Profil ausschließlich von Personen angesehen werden, die selbst angemeldet sind. Letzen Endes kommt es aber auch einfach darauf an, was man angibt. Ich habe auf meinem Profil keine Dinge stehen, die ich nicht jeder anderen Person auch erzählen würde. Und ich glaube die Wahrscheinlichkeit ist, da ich im größten Bereich geoutet bin, größer, dass jemand einem Arbeitgeber von meiner Homosexualität erzählt oder ich mit einem anderen Mann gesehen werde, als die, dass jemand das über mein Gayromeo-Profil entdeckt.

 

Foto: „Marie Fleur Borger“ / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Dieser Text ist ein Beitrag zur Aktion der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld zum “Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie”  am 17.5.2012. Auf media-bubble.de gibt es dazu auch eine Aktionsseite.

Die Kunst des Interviews

von Mira Keßler

Journalisten bezeichnen sich gerne – begründet durch den Artikel 5 des Grundgesetzbuches, der die Pressefreiheit gewähren soll – als so genannte Vierte Gewalt, die die Öffentlichkeit aufklärt und das Ziel hat zwischen Politik und Bürgern zu vermitteln. Doch wie sieht es eigentlich aus, wenn Journalisten ihre eigene Meinung –  statt eine umfassende objektive Berichterstattung – der Öffentlichkeit nicht nur anbieten, sondern auch propagieren? Und wie sieht es eigentlich aus, wenn diese Journalisten in der Medienlandschaft zu richtigen „Stars“ aufsteigen?

Die Rollen der Interviewer

Das Interview ist für den Journalisten ein Bestandteil der Recherche. Der Interviewer kann hier als Stellvertreter der Empfänger, als Promoter der Befragten oder als Selbstdarsteller auftreten. Als Selbstdarsteller finden sich Journalisten vor allem im Kulturbereich. In den USA polarisieren die  so genannten ‚Shock Jocks’, wie beispielsweise Howard Stern, durch provokantes und zum Teil anrüchiges Auftreten. Sie versprechen den Sendern damit hohe Werbeeinahmen und Abo-Gebühren.

In Deutschland haben sich Interviewer in Print und Fernsehen durch einen eigenen Stil der Gesprächsführung selbst zu Prominenten entwickelt. Michel Friedmann (Studio Friedmann, N24) geht in seinen TV-Interviews mit strenger Schärfe vor. Er bedrängt und demaskiert seine Interviewpartner, provoziert und verunsichert sie. Als ‚geistiger Anarchist’, wie er sich selbst bezeichnet, will er vor allem Politiker auf den Prüfstand stellen und hinter ihre vorgefertigten Formulierungen kommen. Arno Luik (Stern) lässt seine Gesprächspartner immerhin, anders als Friedmann, zu Wort kommen. Aber auch er definiert Kritikfähigkeit und Schärfe als Zeichen des Qualitätsjournalismus. Mit den Lesern im Hinterkopf will er aber auf unterhaltsame Weise informieren. Durch akribische Vorbereitung und direkte und mitunter provozierende Fragen will er an den emotionalen Kern des Interviewpartners gelangen. So begann er das Gespräch mit dem  Brandopfer Hans Hammerstingl mit den Worten: „Sie sehen schrecklich aus, richtig furchterregend.“ Moritz von Uslar (Magazin der Süddeutschen Zeitung) überschüttet seinen Gesprächspartner mit abwegigen Fragen, beispielsweise „Welche ist ihre Lieblingsfarbe?“, die den gewohnten Interviewablauf unterwandern. Der Ausschluss von Tiefsinn macht hierbei für ihn den Reiz aus. Durch die Übernahme subjektiver Beobachtungen verwendet er ein Element des so genannten New Journalism, eine Bewegung, in der die Autoren ihre Subjektivität und ihr literarisches Schaffen in den Vordergrund stellen! Die Frage ist nun: Was passiert dadurch eigentlich mit dem Anspruch auf die Vierte Gewalt, was mit der objektiven Berichterstattung?

Journalisten sind, wie jeder andere Mensch auch,  soziale Akteure mit einer bestimmten Erziehung, Bildung und einem bestimmten sozialen und beruflichen Werdegang (Raabe 2005). Durch ihren ‚Habitus’ sind ihre Wahrnehmung, ihr Denken und ihre Handlungen geregelt, ihre kulturellen Orientierungen und Weltanschauungen definiert. So ist bei Michel Friedman deutlich, der der jüdischen Religionsgemeinschaft angehört, dass er sich stark mit dem Thema der Judenverfolgung und des Rassismus auseinandergesetzt hat. Arno Luik hat bei der Diskussion um Stuttgart 21 gezeigt, dass er – emotional motiviert – Gegner des Projektes ist und seine Meinung dementsprechend vertritt. Seine Rolle als Journalist ist also keine neutrale. Den objektiven Journalisten kann es also gar nicht geben. Das Rollenverständnis des Journalisten als 4. Gewalt, die Informationen zur Verständlichkeit übermittelt und zwischen Politik und Bürger vermittelt, wird besonders vor dem Hintergrund dieser ‚Star- Interviewer’ fraglich, vor allem dann, wenn sie sich noch nicht einmal um eine Objektivität bemühen und ihre eigene Person ins Zentrum des öffentlichen Interesses rücken.

Die Kunst des Interviews- der  Journalist als „Dienstleister“

Der Auftrag der Journalisten, den Bürger umfassend und objektiv zu informieren, ist nicht nur durch die Praktizierung des Selbstkultes eingeschränkt. Das Auftreten von Personen in der medialen Öffentlichkeit, sei es im Fernsehen, im Radio oder in der Zeitung, begründet verstärkt die Reflexion der eigenen Handlung – was nimmt wer wie von mir wahr? – und den Wunsch, auf die Außenwirkung Einfluss zu nehmen.

Erving Goffmann beschreibt das Öffentlichkeitsverhältnis von Kommunikation, damit ist auch jedwedes Auftreten gemeint,  als Theatermetapher und teilt sie in eine Vorder– und eine Hinterbühne (1969). Auf der Vorderbühne findet regelkonformes Verhalten statt, das der sozialen Norm entsprechen soll. Die Hinterbühne ist der Schutzraum, der sich abseits der Öffentlichkeit befindet. Dazwischen befindet sich die ‚middle region’ als Übergang. Die moderne Mediengesellschaft erzwingt von jedem ein ‚Mittelbühnenverhalten’. Durch das Internet und portable Kameras wird alles medial gespiegelt. Beim ‚Impression Management‚ ringen die Gesprächspartner von Interviews um Vorder- und Hinterbühne, also darum was „gesehen“ werden darf und was nicht „gesehen“ werden soll.  Images sollen erzeugt und gesteuert werden. Somit ist es ein Bestandteil der PR wünschenswerte Wirklichkeiten durch gezielte und kontingente Konstruktionen zu erzeugen und Images zu festigen. In diesem Rahmen lässt die Bühne der massenmedialen Öffentlichkeit den Journalisten zum Dienstleister werden.

Bei Prominenten – vor allem Politikern – hat sich im Print immer mehr das ‚Verlautbarungsinterview´ gefestigt. Im meist vorher festgelegtem Gespräch ist der Journalist nur noch Bestandteil der PR-Arbeit der Prominenz. Während der Autorisierung haben neben dem Interviewten u. U. sogar Manager und Berater Einfluss auf die Textgestaltung. Bei der Veröffentlichung kann der Leser der „gelenkten“ Informationen nur noch die Vorderbühnenimages antizipieren, also nur noch das, was nach außen dringen durfte. Er erfährt nichts von den Prozessen der Gestaltung auf der Hinterbühne, also wer was nicht so stehen lassen wollte. Da Print- Interviews letztlich konstruiert sind, kann man von einer „einvernehmlich vorgenommenen Irreführung“ des Lesers sprechen.  Eine mangelnde Transparenz der Produktion gibt es aber auch beim Fernsehen. Der Glaube an die Authentizität der Kamera und an die Technik verstärkt die Illusion einer „wirklichen“ Wirklichkeit, also den Eindruck, dass medial vermittelte Berichte wahr sind und die Kameras eine sinnlich erfassbare und abbildbare Wirklichkeit wiedergeben. Die mediale Entwicklung lässt sogar u. U. Pseudoereignisse entstehen, die nur für die Berichterstattung veranstaltet werden. Inszenierte Demonstrationen oder das Händeschütteln von Politkern bei Auslandsreisen auf einem Podest vor einem roten Teppich, würden ohne die mediale Berichterstattung nicht stattfinden. Mediatisierte Ereignisse sind hingegen zwar nicht nur für eine mediale Berichterstattung inszeniert, aber der Ablauf und ihre Ausgestaltung werden von ihr beeinflusst. Als besonders echt wird von dem Publikum die Live-Aufnahme empfunden, obwohl diese ebenso das Ergebnis der Operation von Medien, wie der Kameraführung, dem Schnitt, der Lichtgestaltung, den Effekten und den Retuschierungen ist.

Foto: Sophie Kröher

Literatur

Friedrichs, Jürgen/ Schwinges, Ulrich (1999): Das journalistische Interview. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Goffmann, Erving (1969): Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. München : Piper.

Haller, Michael (1992): Das Interview. Ein Handbuch für Journalisten. Frankfurt am Main: Verlag Sauerländer.

Pörksen, Bernhard/ Loosen, Wiebke/ Scholl, Armin (Hg.) (2008): Paradoxien des Journalismus. Theorie, Empirie, Praxis. Festschrift für Siegfried Weischenberg. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Raabe, Johannes (2005): Die Beobachtung journalistischer Akteure. Optionen einer empirisch-kritischen Journalismusforschung. Wiesbaden : VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Waterstraat, Swantje (2007): Die Autorisierung politischer Presseinterviews. Spielregel zwischen Politik und Presse. Saarbrücken : VDM.

Weischenberg, Siegfried (2005): Interview. In: Siegfried Weischenberg/Hans J. Kleinsteuber/Bernhard Pörksen (Hg.): Handbuch Journalismus und Medien. Konstanz: UVK. S. 118-12.