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That’s so gay!

von Pascal Thiel

Cybermobbing hat Konjunktur – besonders aus den USA erreichen uns ständig Schlagzeilen über neue Vorfälle. Immer wieder ist Homophobie Auslöser von jugendlichen Tragödien – und das Internet spielt dabei eine zunehmend bedeutsamere Rolle. Betroffen sind dabei, glaubt man der medialen Berichterstattung, vorrangig junge Homosexuelle. Doch diese These wird nicht nur von den unzähligen „Einzelfällen“ gespeist, sondern auch von der Existenz einer anderen, in den Augen mancher „harmloseren“ Form der Homophobie: einer homophoben Alltagssprache.

Den Beweis der Existenz liefert Twitter. Das soziale Netzwerk ist bis zum Bersten gefüllt mit homophoben Postings. Im Sekundentakt kommen neue hinzu. Einschlägige Ausdrücke wie „That was so gay“, „Faggot is in my college course“ oder „Fuck off with you gay fucking annoying laugh u faggot“ sind nur drei Beispiele homophober Sprache bei Twitter unter vielen.

Seit einigen Jahren haben sich Forscher der Universität von Alberta, Canada, dem Kampf gegen diese Tweets verschrieben: Vor drei Monaten riefen sie eine Internetseite ins Leben, die jedem Besucher in Echtzeit vor Augen führt, wie es sich bei Twitter mit homophoben Tweets verhält.

Homophobie in Daten

Die besagte Internetseite, nohomophobes.com, ist ein Projekt des „Institute for Sexual Minority Studies and Services“ der Faculty of Education der Universität von Alberta in Edmonton, Canada. Anfang Juli 2012 als „social mirror“ (Quelle: Pressemitteilung 26.09.12) ins Leben gerufen, zählt es seitdem „faggot“-, „so gay“-, „no homo“- und „dyke“-Tweets – in der Übersetzung: „Schwuchtel“-, „so schwul“-, „kein homo“- und „Lesbe“-Tweets. Die Macher sehen das Projekt als „soziales Gewissen“:

Perhaps, what this website does best, and why it has received so much international attention, is how the site serves as a form of collective social conscience, which reminds us about the powerof our words and how we have to take responsibility for our actions. (Quelle: Pressemitteilung 26.09.12)

Über 5 Millionen homophobe Tweets hat nohomophobes.com in den letzten drei Monaten gezählt. Von dieser gewaltigen Zahl zeigte sich selbst Institutsdirektor Kristopher Wells überrascht. Mit einem solchen Ausmaß habe man nicht im Geringsten gerechnet: „We never imagined the scale of casual homophobia that actually exists on social media“ (Quelle: Pressemitteilung 26.09.12).

Tatsächlich ist die Bilanz erschreckend: Im Schnitt werden auf Twitter täglich etwa 30.000 „faggot“-Tweets, 10.000 „so gay“-Tweets, 8.000 „no homo“-Tweets und etwa 3000 „dyke“-Tweets gepostet.

Homophob oder nicht?

Die Frage, ob die Verfasser tatsächlich alle homophob sind, lässt sich zwar nicht beantworten, doch es ist relativ unwahrscheinlich, dass hinter jedem besagten Tweet Hass gegenüber beziehungsweise Angst vor Homosexuellen steht.

Plausibler erscheint eine These, die von der Entstehung einer neuen Modesprache ausgeht. Während vor ein paar Jahren erste Fragmente vor allem auf Schulhöfen lediglich aus den Kehlen naiver Vorpubertierender schallten, hat sie sich bis heute zu einem hippen „Slang“ entwickelt, der jenseits von jeglich empathischen Empfinden sein Unwesen treibt. Längst haben sich Ausrufe wie „Das ist doch schwul!“ oder „So ein Homo!“ in der Sprache der Jugend festgesetzt.

Selbige Begriffe bezeichnen nach dem Verständnis vieler nicht mehr vorrangig eine andere sexuelle Identität, sondern stehen als Synonym etwa für „langweilig“ oder gar „scheiße“.

Seit dem Beginn des digitalen Zeitalters erhält diese Verschiebung der linguistischen Bedeutung besagter Begriffe nun Einzug in diversen sozialen Netzwerken. So unbewusst sich dort viele Internetnutzer dieser vermeintlichen Alltagssprache bedienen, so gefährlich ist die Konsolidierung derselben in der digitalen Gesellschaft. Denn es muss bedacht werden: Der mediale Ausdruck über Twitter geschieht hier immer auf Kosten einer gesellschaftlichen Gruppierung.

Menschen sind „desensibilisiert“

Kristopher Wells, Leiter des „Institute for Sexual Minority Studies and Services“ sieht das ähnlich. Gegenüber media-bubble.de sagt er:

While not all people tweeting are homophobic, their use of derogatory language hurts, stereotypes, and further isolates sexual and gender minorities, their friends, and families. We believe that many people have simply become desensitized to these words and the devastating impact they have in our society.  These words quite simply serve to reinforce stereotypes and are often used as powerful weapons to defile and further marginalize gay, lesbians, bisexual, and transgender people.

Gerade im Hinblick auf die geistige Entwicklung (homosexueller) Jugendlicher sei diese Desensibilisierung äußerst problematisch:

We are particularly concerned about the negative environment or climate these words have on youth who may be coming to terms with or questioning their sexual orientation or gender identity.

Die, durch die These der Modesprache, dargelegte Assoziation negativer Eigenschaften birgt zudem die Gefahr einer gesellschaftlich anerkannten Verachtung von Homosexuellen, die schließlich über soziale Netzwerke „globalisiert“ werden kann. Daher muss man sich gegen eine homophobe Sprache stellen – das will auch nohomophobes.com:

Ultimately, we hope that the website […]will encourage people to think critically before they speak or tweet! After all, words have the power to hurt, or to help. If casual homophobia is to end, we all must help to break the silence that surrounds the power of these words. If we don’t speak up, who will?

Um Wells Argumentation aufzugreifen: Internetnutzer müssen resensibilisiert werden für die Sprache, die sie verwenden – im wirklichen Leben wie in sozialen Netzwerken. Nur wenn sie sich bewusst die wahre Bedeutung ihrer Worte vor Augen führen, kann Einsicht erreicht werden.

Bilder: Pressebilder (erhalten via E-Mail)

I need a Dollar – Der virtuelle Klingelbeutel

von Sebastian Seefeldt

Crowdfunding gehört zu den Netztrends der letzten Jahre. Projekte werden mit Millionenbeträgen finanziert – freiwillig und aus privaten Haushalten. Was steckt hinter der digitalen Schwarmfinanzierung und welche Perspektiven hat sie?

Crowd-was?

Auf Kickstarter, dem führenden Crowdfundingportal im Netz, sammelte die bisher erfolgreichste Aktion 10.266.846 $. Dabei handelt es sich um eine digitale Uhr mit E-Inkdisplay. Sie gehört somit zu den glücklichen 40 bis 45 Prozent der Projekte, die ihr Finanzierungsziel erreichen. Aber warum sollte man das eigene Geld in fremde Projekte stecken?
Das besondere an Kickstarter (und den meisten anderen Crowdfundingplattformen) ist, dass jede Spende an eine Gegenleistung gebunden ist. Wer 10 $ für die Konsole OUYA abzweigt, kann sich seinen Usernamen im Vorfeld auf ihr sichern. Wer 10 000$ spendet, darf sich über eine Gravur des eigenen Namens auf allen Geräten der ersten Produktionsserie freuen. Des Weiteren werden sie zu einem privaten Dinner mit der Produktionsverantwortlichen eingeladen und erhalten (selbstverständlich) eine Konsole.

Wer bereit ist in ein Projekt zu investieren – wenn auch keine 10 000$ – kann das enorm einfach tun: Einloggen via Facebook Account, Bezahlung via Amazon Konto. Neben dem hohen Komfort ist die Seite auch sicher: Jedes Projekt wird vor der Veröffentlichung auf der Seite eingesehen. Sollte das Zielbudget nicht erreicht werden, findet auch keine Abbuchung statt. Eine Studie der University of Pennsylvania untersuchte, was aus erfolgreichen Kickstarter-Projekten geworden ist. Drei Viertel aller Projekte werden zwar später fertig, aber nur sehr wenige enttäuschten ihre Geldgeber. Kickstarter scheint wie ein Shoppingcenter für Dinge, die es noch gar nicht gibt. Mit der ursprünglichen Idee der 2009 gegründeten Seite hat dies nicht mehr viel zu tun: Zunächst war die Seite als Zufluchtsort für brotlose Künstler gedacht. Im Laufe der Zeit wurde aber aus dem Auffangbecken für Musiker ein Sammelsurium an Unterhaltungselektronik und Co.. Wie eine Statistik der New York Times zeigt, liegen die durschnittlichen Finanzierungen in diesen Kategorien mittlerweile bei ca. 12 700 $ pro bewilligtem Projekt, wohingegen die Musikkategorie nur mit 3 500$ rechnen darf.
Bei Kickstarter geht es aber nicht nur um die Sicherung einer Finanzierung, sondern immer auch darum, ein Publikum aufzubauen. Produkte können so schon vor ihrer offiziellen Markteinführung bekannt gemacht werden und alte oder neue Fancommunitys aktiviert werden. Und das alles im Rahmen eines bequemen Subskriptions-Geschäfts, das für den Kunden – anders als für einen klassischen Investor – kaum ein Risiko birgt.

Crowdfunding in Deutschland

Neben dem internationalen Riesen gibt es auch deutsche Alternativen. Auf Startnext sucht beispielsweise Comedian René Marik nach Unterstützern für seinen neuen Film und bietet im Gegenzug Statistenrollen und mehr. Laut dem deutschen Crowdfunding-Monitor wird auf allen nationalen Plattformen „bis zur Jahresmitte bereits ein Betrag von knapp 640.000 € eingesammelt werden. Dieser Wert übertrifft damit schon jetzt das Jahresergebnis 2011 um rund 40 %. Insofern kann für 2012 von einem Volumen von 2 Mio. € ausgegangen werden“. Doch ganz so rosig sieht es auf dem deutschen Markt doch nicht aus, wie die Zeit berichtet.

Ein kurze Rechnung zeigt: Crowdfunding in Deutschland ist nicht rentabel (wobei die Frage ist, wie profitorientiert eine solche Seite überhaupt sein darf). Auf jedes vermittelte Projekt veranschlagen die meisten Plattformen 8-9% Vermittlungsgebühren. Wenn man von den erwarteten 2 Mio. Euro pro Jahr ausgeht, ergeben sich 180 000 Euro die einbehalten werden. 180 000 Euro die sich fünf Plattformen teilen müssen. Somit bleiben im Durchschnitt 36 000 Euro im Jahr, die auch für laufende Kosten wie Büros, Angestellte usw. herhalten müssen. Die Branche macht sich daher wenig Hoffnung, dass sich das Geschäft mit dem Geldeinsammeln kurzfristig doch noch lohnen könnte. „Alle deutschen Plattformen werden quer finanziert, meist stecken kleinere oder mittlere Kommunikationsagenturen dahinter„. Die Zahlen der Studie mögen zwar richtig sein, setzt man sie in Relation, ist sie aber mehr als ernüchternd. Gründe für das Ausbleiben des Crowdfunding-Hypes könnten unter anderen die unterschiedliche Mentalität in den USA und in anderen Ländern sein.

Die Gründe für diese ernüchternde Bilanz sind vielfältig: Zum einen graben sich die Plattformen auf dem ohnehin kleinen deutschen Markt gegenseitig das Wasser ab, zum anderen übt der amerikanische Marktführer Kickstarter mit seiner riesigen weltweiten Community eine deutlich größere Anziehungskraft auf Künstler aus. Wer kann, inseriert dort. Erschwerend kommen außerdem die deutschen Konsumgewohnheiten und die Förderstrukturen des hiesigen Kulturbetriebs hinzu. Kurz: Noch ist Crowdfunding – trotz anhaltend überschwänglicher Medienberichte – nicht im Mainstream angekommen

beschreibt zeit.de das bundesdeutsche Problem mit dem Geldsammeln.

Aber auch der internationale Riese kommt nicht ungeschoren davon: Kickstarter verbirgt erfolglose Projekte vor Suchmaschinen. So entdeckte der Technikjournalist Dan Misener, dass dem HTML-Code (der Code, aus dem eine Seite aufgebaut ist) der fehlgeschlagenen Projekte ein Metaelement hinzugefügt wurde, welches Suchmaschinen wie Google untersagt sie als Suchergebnis aufzuführen. Kurz: Erfolglose Kickstarter Projekte gibt es augenscheinlich nicht.

Und doch begeistern die Crowdfunding-Plattformen. Dank ihnen konnten viele Menschen Ideen realisieren, für die sie nie einen Bankkredit bekommen hätten. Sei es nun eine E-Ink Uhr, eine Spielekonsole oder Uli Marschners Germknödelrestaurant.

 

Bilder: flickr.com/401(K) 2012  (CC BY-SA 2.0) und flickr.com/Scott Beale (CC BY-NC-ND 2.0)

 

„Nur gucken, nicht anfassen!“ – Eifersuchtsfalle Social Media

Von Sandra Fuhrmann

„Liebe ohne Eifersucht gibt es praktisch nicht, und in gewissem Maße ist sie sogar positiv“, sagt der Berliner Psychologe Wolfgang Krüger. Eine klassische Situation: Der Partner trifft jemanden auf der Straße und unterhält sich angeregt. „Wer war das denn?“ wird die fast unvermeidliche Frage der besseren Hälfte folgen. Doch wie kann man in sozialen Netzwerken bei zweihundert oder noch mehr Freunden den Überblick über die Kontakte des Partners behalten? Laut einer Studie der kanadischen Psychologin Wera Aretz verstärkt Facebook die Eifersucht in Beziehungen.

„Früher musste ein Partner ja nicht den ganzen Tag Rechenschaft ablegen, mit wem er sich trifft und was er so tut. Heute posten die meisten freiwillig Informationen über ihr Leben“, so Aretz. Gerade diese Öffentlichkeit der persönlichen Informationen ist es laut der Psychologin, die geradezu zum Schnüffeln verführt. Damit werden auch die Partner zum potenziellen Kontrollfreak, die im nicht digitalen Leben kaum zu Eifersucht neigen – die Hemmschwelle sinkt, denn das Spionieren ist einfach und zudem unauffällig. Doch welchen Einfluss hat das auf unsere Beziehungen?

Der Lippenstift am Hemdkragen

Psychologe Wolfgang Krüger ist der Meinung, dass hinter Eifersucht die Angst steckt, verlassen zu werden. Zum einen ist Eifersucht ein Stück weit normal und kann dem Partner zeigen, dass er uns wichtig ist. Nimmt sie jedoch überhand, kann sie eine Beziehung gefährden. Soziale Netzwerke können unter Umständen einen Nährboden für diese Eifersucht liefern, indem sie private Informationen zu öffentlichen machen, die von jedem eingesehen werden können. Die meisten Leute geben diese persönlichen Informationen sogar freiwillig preis. Sie posten ihren Beziehungsstatus, veröffentlichen Bilder ihrer Partys und zeigen jedem, mit wem sie befreundet sind. Was früher der Lippenstift am Hemdkragen war, kann heute ein plötzlich neu auftauchender Freund in Facebook sein oder ein Partybild mit einer unbekannten Schönheit, auf dem man von einem Freund markiert wird. Mit genügend Phantasie und dem entsprechenden Eifersuchtspotenzial können so die heißesten Affären entstehen – wenn auch nur in der Fantasie des Partners.

Die Verführung ist groß – viele Menschen aktualisieren regelmäßig ihren Status, sammeln Freunde und versuchen sich in ihrem Profil möglichst gut zu präsentieren. Ein durchaus legitimes und zuweilen sogar ratsames Bestreben. Gerade für berufliche Zwecke, doch auch im privaten Leben, ist es heute wichtiger denn je, ein wenig Mühe in die Gestaltung seines Online-Auftritts zu stecken. Doch hier sollte differenziert werden: Welche Informationen gehören tatsächlich auf eine öffentlich einsehbare Seite und welche Dinge behält Mann oder Frau doch lieber für sich? Hat der eigene Beziehungsstatus tatsächlich etwas auf der Facebook-Profilseite zu suchen? Geht es jemanden etwas an, mit wem man am Vorabend feiern war? Letztendlich ist es eine Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss.

Das fehlende Stück Wahrheit

Ein Blick sagt mehr als tausend Worte – das gilt auch für Worte, die sich uns nur in digitaler Form auf dem Bildschirm zeigen. Die kanadische Psychologin Aretz weißt darauf hin, dass ein Stück der Wahrheit im Internet leicht verloren gehen kann. Genau deshalb ist die digitale Eifersucht auch gefährlich. Neuere Erkenntnisse in der Psychologie gehen davon aus, dass 90 Prozent unserer Kommunikation auf der nonverbalen Ebene stattfinden. Das heißt, dass diese Form der Kommunikation einen weit höheren Stellenwert einnimmt, als das, was wir in Form von Worten – ob nun geschrieben oder gesprochen – mitteilen. Verlässt man sich also nur auf digitale Informationen, ist die Chance groß, dass man einem Missverständnis unterliegt. Wer zu Eifersucht neigt, tut gut daran, sich dieses Umstands bewusst zu werden. Ein offenes Gespräch in der realen Welt könnte unter Umständen viel klären.

Das Internet und auch soziale Netzwerke werden immer mehr ein Teil unseres Lebens. Eine Entwicklung, die durch technische Tools wie  Smartphones noch verstärkt wird. Warum also nicht die Regeln des realen Lebens auf die Online-Aktivitäten übertragen? Zumal es ohnehin schwer ist von zwei Welten zu reden, wo unser digitales Leben – heute vermutlich mehr denn je – unser reales beeinflusst und umgekehrt. Ist uns Ehrlichkeit in unserer Beziehung im realen Leben wichtig, dann sollte das auch für digitale Aktivitäten gelten. Und wer seinem Partner in der richtigen Welt vertrauen kann, der kann es mit großer Wahrscheinlichkeit auch online.

 

Fotos: flickr/DonDahlmann (CC BY-NC-ND 2.0); flickr/renee.hawk (CC BY-ND 2.0)

Ein Jahr im Netz

von Alexander Karl

Google verarbeitet jeden Tag etwa eine Milliarde Suchanfragen. 200 Millionen Tweets werden täglich über Twitter gejagt. Und bei Facebook 135.000 Bilder hochgeladen – pro Minute! Unvorstellbare Massen an Informationen werden sekündlich, minütlich, stündlich, täglich und monatlich online verarbeitet. Auf ein Jahr hochgerechnet heißt das: 365 Milliarden Google-Suchanfragen, 73 Milliarden Tweets und etwa 71 Millarden Bilduploads bei Facebook. Hinzu kommen Millionen von Nachrichten und Meldungen, die über jene Onlineportale recherchiert, verbreitet und kommentiert werden. Was bedeutet dies zum einen für die Rezipienten, zum anderen für die Medienmacher und schlussendlich für die Akteure, über die berichtet wird? Ein Jahr online im Blickpunkt.

Ein Jahr online = Ein Hundejahr?

Ein Hundejahr, so heißt es, entspricht sieben Menschenjahren. Und ein Onlinejahr? Ein Onlinejahr ist vor allem eines: Sehr schnell vorbei. Informationen und Daten werden in sekundenschnelle ins Web geschleudert, werden für den Rezipienten schmackhaft garniert und sind bereit zum Teilen mit anderen Usern. Für Digital Natives ist das völlig normal. Doch was früher an Informationen an die Rezipienten durchdrang, war bereits von den Gatekeepern – also Journalisten – gefiltert worden. Diese erhielten ihre Informationen auch schon damals von den Medienakteuren wie Politikern, Unternehmen oder Sportlern, doch das Rad der Zeit drehte sich noch langsam: Das Internet war ferne Zukunft. Mails hießen Briefe und die Zustellung dauerte Tage und nicht Sekunden. Die Rezipienten konnten zu Journalisten durch Leserbriefe Kontakt aufnehmen – aber erreichten mit ihrer Meinung nur selten ein großes Publikum. Die Macht lag bei den klassischen Medienmachern, der Rezipient war nur niederes Fußvolk. Doch diese one-to-many Kommunikation (eine Zeitung, die viele erreicht) ist Geschichte: Wir leben in einer Zeit der many-to-many Kommunikation: Jeder hat die Möglichkeit, seine Meinung an ein Publikum zu richten, etwa über Blogs. Beschließt die Bundesregierung ein Gesetz, sind es nicht mehr nur die Tageszeitung, die am nächsten Tag darüber berichten. Es sind die Online-Ableger der Tageszeitungen, die wenige Minuten später die Meldung bringen. Es sind Blogs, die Einschätzungen vornehmen und bewerten. Und schlussendlich sind es Twitter- und Facebook-Nachrichten, die kommentieren und teilen. In einer Welt, in der sekündlich neue Informationen verbreitet und geteilt werden, ist ein Jahr also eine ziemlich lange Zeit – die schnell vergeht.

Um nur einmal ein paar bunt ausgewählte Themen des letzten Jahres zu nennen: The Voice of Germany erfindet die Castingshow neu, Russland rebelliert gegen die Unterdrückung und Zensur, Bundespräsidenten kommen und gehen, ACTA kommt – und dann doch nicht und BILD feiert 60. Geburtstag. Viele dieser damals breit disktuierten Themen sind innerhalb kürzester Zeit aus den Medien verschwunden. Es ist nicht neu, dass – um im Medienjargon zu bleiben – irgendwann die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird. Doch längst ist es kein Dorf mehr, sondern die Welt. Und in der lassen sich schnell sehr viele Säue durch die Gegend treiben.

Beschleunigung auf allen Ebenen

Das Karusell, auch Welt genannt, dreht sich gefühlt immer schneller. Ein Grund sind tatsächlich die neuen Medien. Twitter, Facebook und Co. sorgen in kürzester Zeit für die Verbreitung von Nachrichten, Skandalen und schlichtem Gossip. Gefühlt prasseln immer mehr Informationen – und solche, die welche sein wollen – auf den Rezipienten ein. Doch nicht nur er steht unter dem Dauerbeschuss der Meldungen: Medienmacher und Akteure in den Medien ächzen unter der Informationsflut, die über sie hereinprasselt.

Der Rezipient kann, soll und muss aus einer großen Masse an Medien auswählen. So ergibt alleine die äußerst eingrenzende Suche nach „Christian Wulff Bild“ etwa 43.500 Ergebnisse bei Google. Gut möglich, dass sich viele Artikel ähneln. Trotzdem ist die Masse da und der Rezipient muss wählen, welche Meldung er liest, welcher Meldung er vertraut – und somit vielleicht andere Standpunkte ignoriert. Diese Wahlfreiheit, die die Generationen vor den Digital Natives noch nicht kannten, ist einerseits purer Luxus und zeugt von Meinungsfreiheit. Andererseits wird der Rezipient aber immer mehr in die Pflicht genommen, selbst zu entscheiden, was er lesen will oder nicht. Frei nach dem Motto: Du hast die unbegrenzte Möglichkeit dich zu informieren – dann tu es auch!

Der Medienmacher – und hier sind nicht nur Redakteure bei Zeitungen und Online-Magazinen, sondern auch Blogger gemeint – müssen immer wieder die Entscheidung treffen, worüber sie berichten und worüber nicht. Zwar bietet das Internet im Gegensatz zu Zeitungen oder Fernsehen ein nahezu grenzenloses Platzangebot, doch ein Faktor wird immer begrenzter: Die Zeit. Einerseits will man so viel wie möglich mitnehmen. Andererseits bedarf die Berichterstattung einer sorgfältigen Recherche. Zumindest im Idealfall. Denn schnell geraten Falschmeldungen in  Umlauf. Ein Grund: Man will der Erste sein, der etwas verkündet – und manchmal liegt manprompt daneben.

Die Akteure – allen voran die Politiker – versuchen sich seit geraumer Zeit daran, sich dem Druck des Internets anzupassen. Kanzlerin Angela Merkel lässt sich pro Tag 70 SMS auf ihr Handy schicken, um immer und überall auf dem aktuellen Stand über alle Entwicklungen zu sein. Hinzu kommen Pressespiegel, die sie liest sowie Pressekonferenzen, in denen sie ihren Standpunkt deutlich macht und Fragen beantworten muss. Die Politik wird beschleunigt und beschleunigt sich gleichzeitig selbst. Wer global denken und agieren will, muss global vernetzt sein.

Beschleunigung – auch wir sind schuld!

Auch media-bubble.de trägt seit einem Jahr zu dieser Beschleunigung bei. Auch wir versorgen die Rezipienten mit Informationen, fordern von den medialen Akteuren schnelle Antworten, spannende Geschichten und steile Thesen. Eins ist klar: Keiner, weder Rezipient, noch Medienmacher oder Akteur, kann sich dieser Beschleunigung wirklich völlig entziehen. Selbst ein Leben ohne Internet bringt immer noch eine tägliche Informationsflut durch andere Medien. Denn die Welt dreht sich schnell.

Ein Jahr schrumpft deshalb im Rückblick schnell auf seine Höhen und Tiefen – die großen Ausschläge – zusammen. Vergessen werden die Zwischentöne, die aber zum großen Ganzen beitragen. Das gilt für alle: Rezipienten, Medienmacher und Akteure. Die nächste Meldung oder der nächste Skandal kommen bestimmt – aber muss ich man sich deshalb auch darauf stürzen? Vielleicht kann das in Zukunft die Stärke von Blogs werden: Nicht gleich auf den nächsten Hype zu springen, sondern abzuwarten und zu reflektieren.Und vielleicht sogar zu entschleunigen. Denn sonst ballt sich tatsächlich ein Onlinejahr irgendwann zu einem Hundejahr.

Fotos: flickr/ Chris JL (CC BY-NC-ND 2.0); flickr/Theresa Thompson (CC BY 2.0); flickr/an untrained eye (CC BY-NC 2.0)

So viel bist du im Web wert

von Alexander Karl

Es ist ein Schreckensszenario: Der Wert eines Menschen wird nur noch in Likes, Kommentaren und Retweets gemessen. Das Lebewesen hinter den Posts verschwindet. Doch längst ist das Realität, zumindest dann, wenn man Klout nutzt. Die App misst nämlich die Reputation von Menschen anhand von Facebook und Twitter – und der gläserne Mensch verschwindet hinter Bits und Bytes.

Das Ideal: Justin Bieber

Klout, das ist die Schufa unter den Apps: Sie sagt, was ein Mensch im Netz wert ist. Ob anderen gefällt, was er tut. Ob er beeinflusst. Und ob er vernetzt ist. Berechnet wird das – mal wieder – über einen Algorithmus, der ähnlich wie Google verfährt. Nur werden hier keine Webseiten gerankt, sondern real existierende Menschen. Und das anhand von Twitter-Retweets und Erwähnungen, Facebook-Kommentaren, Likes und Chronik-Posts. Ist man auch bei LinkedIn oder Google+ angemeldet, werden auch dort Kommentare und Co. gemessen. Es geht also um drei Säulen: Die Verstärkung (Retweets und Co.), die Reichweite (wie viele Follower lesen meine Tweets?) und das Netzwerk (Habe ich Kontakt mit „wertvollen“ Personen?) – und fertig ist der eigene Online-Wert! Wer also mit Justin Bieber befreundet ist, viele Follower hat und der eigene Status von Lady Gaga geteilt wird, der kann sich sicher sein, auch bei Klout einen hohen Wert zu erreichen. Außerdem hilfreich: Viel posten und das am besten immer wieder zum gleichen Thema. Der Maximum-Wert bei Klout ist 100 (den hat Justin Bieber), der Durchschnitt liegt bei 20, und bei null – dann existiert man quasi nicht.

Klout-Scores ist auch für Firmen interessant, um Meinungsmacher zu finden. Denn wer beeinflusst, kann für das Unternehmen nützlich sein. Dann bekommt man Geschenke, etwa ein Windows Phone, weil die Firmen um den Einfluss der Privatperson wissen – und sie mit Werbegeschenken dem eigenen Produkt zuneigen wollen. Was sich im ersten Moment als ein nettes Gadget anhört, nimmt gerade auch in den USA erschreckende Züge an. Dort werden Leute mit 15 Jahren Berufserfahrung nicht eingestellt, weil ihr Klout-Score zu niedrig ist, andere mit höheren Scores bekommen den Job.

Wertlosigkeit 2.0

Die Analogie zur Schufa macht durchaus Sinn: Die Reputationswürdigkeit jedes Einzelnen ist nur einen Klick entfernt. Und wer nichts auf der hohen Kante hat, der ist raus. Aber kann man Klout und seinen Bewertungen überhaupt vertrauen? Der Blog netzwertig.com hat da so seine Zweifel:

Auch die Tatsache, dass der US-Jungstar Justin Bieber mit einer Klout Score von 100 nach Erkenntnis des kalifornischen Startups einen größeren Einfluss hat als Barack Obama (Klout Score 93), stellt die Validität der Klout-Algorithmen in Frage – es sei denn, man sieht Klout Scores tatsächlich als reinen Indikator der Onlinereputation, der vollkommen von Image und sozialer Stellung einer Person im “realen Leben” losgelöst ist. Doch eigentlich wollen wir im Jahr 2012 ja genau diese Separation von Online und Offline hinter uns lassen.

Und was den Datenschutz angeht – da muss man erhebliche Bedenken haben. Denn anscheinend wird jeder – egal ob bei Klout registriert oder nicht – im Vorfeld ein Wert zugewiesen, der dann bei der Anmeldung angezeigt wird.

Klout ist vor allem eines: Eine bittere Pille, wenn man ein normales Leben führt. Der Durchschnittsuser, der ein Facebook-Profil hat, wird bei Klout sicherlich keinen Spaß haben. Eher jene, die im Netz viel unterwegs sind und auch selbst posten. Aber in der Ideologie von Klout geht es dabei nicht um die Pflege und Intensität von Freundschaften, sondern von reiner Oberflächlichkeit und Massentauglichkeit: Poste ich etwa einen kritischen Artikel über das (Nach-)Leben im Web, ist das wohl nicht so massenkompatibel, wie wenn ich jeden deutschen Sieg bejubel und dafür Likes von Gleichgesinnten sammele. Aber sollte man deswegen nur noch mit dem Strom schwimmen? Bei jeder Freundschaftsanfrage erst einmal den Klout-Wert checken? Diese Ideologie führt im Endeffekt nur wieder zu einer Blase, in der nicht mehr das Individuum, sondern nur noch die Masse zählt – die Masse an Likes, Freunden und massentauglicher Freunden. Doch das sollte wohl kaum der Sinn des Internet sein. Denn trotzdem sind wir noch mehr als Bits und Bytes.

Übrigens: Mein Klout-Score beträgt derzeit 45. Ich bin also nicht einmal halb so viel Wert wie Justin Bieber. OK, damit kann ich trotzdem irgendwie leben.

Fotos: Screenshot klout.com (19.06.2012)

Innovation? Die BR Rundshow

von Nicolai Busch und Sebastian Luther

Es ist etwas faul im Staate Fernsehen. Die Quoten der Öffentlich-Rechtlichen sind rückläufig, gleichzeitig wird eine GEZ Pauschale beschlossen, die an Schröders Basta-Politikstil erinnert und viele auf die Palme bringt (media-bubble.de berichtete). Mittlerweile beklagen sich nicht nur Leute wie Roger Willemsen über Niveauverfall aller ortens, Innovationen Fehlanzeige. Tatsächlich? Aus dem sonst immer als konservativ gebrandmarkten Bayern kommt eine neue, progressive Sendung, deren Konzept Schule machen könnte. Könnte. media-bubble.de hat die Rundshow kritisch unter die Lupe genommen. Ein Gespräch zweier media-bubble.de-Autoren über die BR Rundshow, den Medienwandel und den Willen des Zuschauers.

Die BR Rundshow: Innovation oder sinnfreie Technikverliebtheit? 

Nicolai Busch (nb): Bevor wir in medias res gehen, klären wir doch am Besten, worum es in der Sendung geht, wie sie überhaupt aufgebaut ist.

Sebastian Luther (sl): Das Prinzip ist schnell erklärt. Die Rundshow ist eine Kombination aus verschiedenen Dingen. Es gibt Politik, Talk, ein bisschen Late-Night-Flair und vor allem Social-Media Elemente, die die Einbindung der User live ermöglichen sollen. Moderiert wird die Sendung von Daniel Fiene und Richard Gutjahr, mit Gastauftritten von Sascha Lobo ist noch zu rechnen. Während der etwa halbstündigen Sendung werden zu einem vorgegebenen Thema gleichsam Experten wie Ottonormalverbraucher befragt, die via Skype, Twitter, Facebook, E-Mail oder Telefon live zu Wort kommen. Insgesamt ein innovatives Konzept

nb: Wirklich so innovativ? Skype, Twitter und Facebook mag man zur Einbindung von Zuschauern im Fernsehen tatsächlich zuvor noch nicht verwendet haben. Der Versuch der Fusion von Web und TV ist aber ganz sicher so alt wie das Netz selbst. Man denke nur an Telefonzuschaltungen im Musikfernsehen, in Talkshows etc. Natürlich ist es heute die Regel, während des Fernsehens online zu sein. Den  wöchentlichen Tatort kann man heute im Sekundentakt auf Twitter verfolgen. Vielleicht ist die Rundshow eine Show für Menschen, die parallel zum TV online sind, was immer mehr zur Regel wird. Das ist nun wirklich innovativ.

sl: Eben! Ich möchte ja nur ungern Klischees bedienen, aber ausgerechnet aus Bayern kommt ein Format, dass maßgeschneidert sein soll, und zwar auf die Ansprüche von Rezipienten, Konsumenten oder Usern –  nenne es, wie du willst. Wie ist es denn um die Situation des Fernsehens bestellt? Schlecht. Seine Bedeutung als Infomedium nimmt immer weiter ab. Viele wollen nicht einfach nur von einem stark selektierten Angebot an Informationen abgespeist werden, sondern selbst auswählen, welche Angebote, aus welcher Quelle sie nutzen. Sie selektieren selbst, sie werden gar dazu gezwungen, weil ihnen das Web keine Wahl lässt. Von alleine passiert dort nichts, ich muss wissen, auf welche Seite ich gehen will und dort auswählen, welches Angebot ich mir genauer ansehe. Gleichzeitig tritt aber gewissermaßen ein Paradoxon auf. Denn auch das Web entfernt sich nämlich zunehmend von seinem Dasein als Pull-Medium und wird durch Live-Streams, Pop Up Banner und Ähnliches zum Push-Medium, drückt mir Informationen quasi rein.

„Die Zuschauer haben wirklich ‚Die Macht‘. Innovation!“

nb: Zurück zur Rundshow: Tatsächlich scheitert das Format doch an jenem von dir beschriebenen, paradoxen Informationsflusses des Web. Die Konvergenz von Push und Pull wird immer offensichtlicher. Die Vielzahl an Beiträgen im Web überfordert die weniger medienkompetenen Nutzer und Selektivität verkommt häufig zur seltenen Schlüsselqualifikation. Fast scheint es manchmal, als blende unsere Begeisterung über Innovationen des Web 2.0 über bestehende Möglichkeiten analoger Interaktivität hinweg. Während durch die technische Einbindung von Social Media die Interaktivität der Rezipienten in der Sendung vermeintlich gesteigert wird, verblassen Sinn, Zweck und Folgen dieser Interaktion beinahe vollständig. Im Lichte dieses Technikwahns bleiben prominente Interviewpartner, wie Stephane Hessel, völlig farblos, eine Diskussion scheint via Skype in diesem Falle kaum möglich. Tatsächlich hat es die Sendung auch bisher nicht geschafft, Skype, Twitter und andere digitale Nachrichten und Kommunikationsdienste einzubinden, ohne dass deren Funktion nicht auch durch das gute, alte Telefon bzw. die Zuschauer-E-mail hätte erfüllt werden können. Worin besteht also die einzigartige Partizipationsleistung des Zuschauers und Interviewpartners in dieser Sendung?

sl: Mit dieser Argumentation würde ein Dienst wie Skype allerdings völlig hinfällig werden. Worin bestünde denn dann noch der Vorteil darin, es ist ja nicht mal kostenlos, weil ich immer noch Anschlussgebühren zahlen muss. Offensichtlich sind wir Menschen doch von face-to-face Kommunikation, wenn auch nur per Web Cam, mehr begeistert, als von einer blechernen, mehr oder minder anonymen Stimme aus einem Lautsprecher. Um auf das Thema zurückzukommen: Es macht einen wesentlich persönlicheren, freundlicheren und vor allem menschlicheren Eindruck, wenn ich Interviewpartner überhaupt sehen kann, und zwar auch diejenigen, die nicht explizit in die Sendung gebeten wurden. Man gewährt solchen Gesprächspartnern also fast den gleichen Zugang zum Publikum wie dem eingeladenen Talk-Gast. Die von dir beschriebene Gruppe der „weniger medienkompetenten Nutzer“ ist außerdem nicht die Zielgruppe der rundshow, mal abgesehen davon, dass diese Gruppe auch immer kleiner wird. Rosamunde Pilcher Verfilmungen werden doch auch nicht für ein 18-24 jähriges Publikum produziert. Die Sendung hat Potential, sie lässt mehr Menschen zu Wort kommen und das auf einer demokratischen Ebene, wie sie vorher im Fernsehen noch nicht vorhanden war. Allein schon durch ihre App „Die Macht“! Auf ein Mal kann das Gesagte von allen Zuschauern live kommentiert werden, und nicht mehr nur durch den Applaus, bzw. dessen Ausbleiben, der Gäste im Studio. Die Zuschauer haben wirklich ‚Die Macht‘. Innovation!

 „Was will ich und was will ich nicht?“

nb: Nun, über den Begriff der „Medienkompetenz“ , sowie darüber, ob die Gruppe der weniger medienkompetenten Nutzer tatsächlich kleiner wird, ließe sich wirklich sehr ausgiebig streiten. Gerne möchte ich an dieser Stelle den Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger zitieren, der die grundlegenden Probleme sozialen Handelns, nämlich die der „Kontingenz“ und „Interdependenz“, also der Nicht-Berechenbarkeit und gegenseitigen Abhängigkeit, im Netz verschärft vertreten sieht. Die entscheidenden Fragen unserer Generation im Netz sind doch noch immer: Was will ich und was will ich nicht? Was wollen die Anderen und wie stimme ich mein Handeln mit den Andern ab? Nach Neuberger wächst mit der Zahl der Handlungsoptionen im Netz auch gleichsam das Misstrauen der Nutzer gegenüber den Erwartungen der Masse. Die Schwierigkeit im Umgang mit der Multioptionalität im Internet belegen uns Phänomene, wie jenes des inflationären Hypes, einer sekundenschnellen Überhitzung und Abkühlung der Inhalte.

sl: Du meinst also, wir brauchen Orientierung?

nb: Ja. Die Chance der Rundshow, denke ich, liegt deshalb darin, eine Orientierung zu schaffen, die zur Integration und nicht zur Fragmentierung der Inhalte im Netz beiträgt. Orientierung kann geschaffen werden, indem jene zu Wort kommen, die Ideen haben und nicht jene, die ausschließlich „empört“ sind. Orientierung kann die Sendung vor allem schaffen, indem sie die Partizipation ihrer Zuschauer nicht nur vorgaukelt, sondern tatsächlich praktiziert. Die Einbindung von Social Media darf nicht das Ventil verbildlichen, dass die Netzgemeinde regelmäßig ausrasten lässt, um sie dann wieder ruhig zu stellen. Die Innovation des Formats muss doch darin liegen, dem häufig orientierungslosen Diskurs des Internets eine Richtung zuzuweisen, um diesen erst dann mit Rezipienten sachlich, tiefgründig und interaktiv weiterführen zu können.

sl: In diesem Punkt gebe ich dir Recht. Man wird abwarten müssen, wie de Sendung angenommen wird und sich ein derartiges Konzept mittelfristig sogar etablieren kann. Insgesamt zeigt sich im Fernsehen ja ein Trend hin zur aktiveren Einbindung von Nutzern, bzw. Rezipienten, egal über welchen Kanal. Und für die Zukunft wünsche ich Gutjahr und Fiene auf jeden Fall alles Gute!

Fans & Fiktionen – Es war einmal…

von Sanja Döttling

DeviantArt bestreitet einen Teil seines Seiten-Traffics mit Fan Arts, auf archiveofourown.org sammeln sich Fan-Autoren aus der ganzen Welt, und der Blog-Seite Tumblr ist die Fan-Spielweise schlechthin – mit gemalten Bildern, manipulierten Fotos, Freunden und Fanfiction. Heute sind Fan Comunities im Internet zuhause, doch ihre Geschichte beginnt lange vor der virtuellen Realität.

Wo beginnen?

Den Anfang der Media-Fan-Bewegung zu finden, ist nicht ganz einfach. Seit dem Anfang des Geschichten-Erzählens werden Ideen übernommen, geklaut, verändert und in neue Kontexte gestellt – also genau das, was heutige Media-Fans mit ihren geliebten Büchern oder Serien tun. In ihrem Essay „Achontic Literature“ unterscheidet Abigail Derecho, Doktorantin an der Nothwestern University, drei verschiedene Definitionen von Fan Fiction und damit auch drei verschiedene geschichtliche Startpunkte:

1. Fan Fiction gibt es seit der ersten Geschichte und bis heute; Fan Fiction sind dabei sowohl Geschichten von Fans innerhalb der Community als auch von Autoren, die sich eines bekannten Stoffes bedienen. (Wie zum Beispiel Wolfgang Holbeins Roman „Thor“, der sich mit den Geschichten der Edda beschäftigt.)

2. Fan Fiction sind Produkte einer konkreten Fan Culture, die als solche entweder 1920, mit den ersten Sherlock Holmes-Clubs und Jane-Austen-Societies, oder 1960, mit den ersten Star-Trek-Fanzines, also Zeitschriften von Fans für Fans, begannen. Sie enthielten Hintergrundinformationen und Fanfiction.

3. Fan Fiction müssen zwischen der ersten, sehr weiten Variante und der zweiten, zu engen Variante angesiedelt werden. Derecho schlägt deshalb vor, besondere Merkmale von Fanfiction herauszuarbeiten, um sie von Literatur abgrenzen zu können; für sie ist Fan Fiction „Archontic Literature“.

Wie immer liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Im Zusammenhang dieser Serie erscheint es allerdings sinnvoll, die zweite Definition zu bevorzugen, da das Feld der Media-Fans so eng gehalten werden kann.

Von Science-Fiction zu Star Trek

In ihrem Essay „A Brief History of Media Fandom“ gibt Francesca Coppa eine kurze Übersicht über die Entwicklung der Fan Communities seit 1930 und damit seit dem ersten FanZine. Das hieß „The Comet“ und war eine Zeitschrift, die von und für Leser von Science Fiction-Stories produziert wurde. Bekannte Autoren wie Ray Bradbury veröffentlichten hier ihre ersten Geschichten. Ende der 30er Jahre fanden die ersten Fantreffen – Conventions – statt. In dieser Zeit etablierte sich auch der Fan-Jargon mit ausdrücken wie „fanboy“ oder „con“.

Von den SF-Lesern war es nur ein kleiner Sprung zu den ersten Media-Fans; erst die Serie The Man frum UNCLE und dann, mit ungleich größerem Echo: „Star Trek“. Jetzt waren es auch die Frauen, die anfingen, Fanaktivitäten zu übernehmen. Während Gene Roddenberry, Erfinder der Serie, die Copyrightverletzungen durch Fans ignorierte, begannen sich FanZines zu vermehren. Die ersten Beziehungs-Fanfiction wurden geschrieben. Schnell grenzten sich SF-Fans von den Trekkies, also den Star Trek Fans, ab; die blieben fortan unter sich.

Plötzlich ging es in den Geschichten weniger um den Science-Fiction-Hintergrund; die Beziehungen und Freundschaften der Charaktere rückten immer mehr in den Vordergrund der Fanfiction. Die ersten Mary Sues – weibliche Über-Charaktere, die alles können – tauchten auf und kommandierten die Männer herum. Die nächste große Teilung innerhalb der Autoren betraf den Unterschied zwischen K&S-Geschichten (Kirk und Spock in freundschaftlicher Beziehung) und K/S-Geschichten, auch als Slash bekannt – sie waren romantischer Natur.

Männliche Helden und weibliche Fans = schwul

Neue Fernsehserien wie Starsky and Hutch und The Profesionals zogen Ende der 70er das Augenmerk der Fans auf sich. Diese sogenannten „Buddy Shows“ hatten ganz bestimmte Bausteine, die sie für Fans von den oben genannten Beziehungs-Geschichten attraktiv machten: Die beiden Hauptprotagonisten waren

a) Problem-Löser und Abenteurer

b) standen außerhalb der Mainstream-Gesellschaft

c) und waren voneinander abhängig.

Das machte es den (weiblichen) Zuschauern leicht, homoerotische Untertöne in Beziehungen zu interpretieren. Ein weiterer technischer Fakt verstärkte diese Interpretation. In Coppas Essay zitiert sie Camille Bacon-Smith mit den Worten:

„When actors are shot in sufficient close up for the viewer to read facial expressions clearly, they cannot maneuver appropriate social distances and still look at each other while they are speaking…. so actors portraying friends consistently break into each other’s spheres of intimate space.“

Ein Science-Fiction-Blockbuster belebte das tot geglaubte Genre ebenfalls: Star Wars. Damit begann die Zeit der diversen, sich voneinander abgrenzenden Fandoms.

Damals war alles besser (selbst Film und Fernsehen)

Fortsetzungen und neue Filme, wie Indiana Jones oder Blade Runner, erweiterten in den 80er Jahren den Horizont für Fans.  Der Blick richtete sich nun auch nach England; die BBC ist bis heute offener Geheimtipp unter Fans. Damals wie heute inspirierte die Serie Doctor Who viele Fans. Auch im amerikanischen Fernsehen tat sich etwas: In Serien wie Hill Street Blues wurde eine komplexere Erzählstrategie eingeführt. Die ersten weiblichen Heldinnen eroberten die Leinwand und machten den Weg für fem slash – Fanfiction mit lesbischen Paaren – frei. Die ersten Crossover-Geschichten wurden entwickelt: Sie vereinen verschiedene Charaktere aus unterschiedlichen Serien.

Fans und Internet: Ein Traumpaar

Anfang der 90er Jahre begann der Siegeszug der Fan Communities im Internet. Schon immer bedienten sich Fans den einfachsten und billigsten Verbreitungsmitteln, da ihre Tätigkeit rein ehrenamtlich und unbezahlt war. Nun also zogen die Fans zum Austausch ins sogenannte Usenet, einen Zweig des Internets, der lange vor dem WWW existierte. Es folgt einer Ähnlichen Strukturen wie Web-Foren heutzutage und diente dem weltweiten Austausch von Fans in jeweiligen Gruppen. Bald darauf folgten die ersten Mailing-Listen und Archive. Zum ersten Mal konnten sich Slash-Fans offen austauschen und wurden teil des Fan-Mainstreams, verließen also ihre frühere „Schmuddel-Ecke“.

Neue Serien wie Buffy, X-Files, Highlander und Xena eroberten die Bildschirme. Der Zugang zu Fan-Archiven wurde leichter. Immer mehr Leute konnten sich virtuell austauschen. Zu den reinen Media-Fans gesellten sich Comic-, Musik- und Anime-Fans zur Koexistenz im Internet.

Postmoderne Fan Community

Im neuen Jahrtausend verändert sich die Fan-Landschaft im Internet so rapide, ist so groß und unübersichtlich geworden, dass es kaum möglich ist, sie in ihrer Gänze zu erfassen. Seit 1998 ist fanfiction.net wohl die größte Sammlung internationaler Fan Fiction zu allen Fandoms. Die Zahl der Geschichten geht in den Millionen-Bereich. Fast 600,000 Geschichten gibt es allein zum Fandom Harry Potter. Daneben sind die neuen gewählten Stars: Herr der Ringe, Twilight, Naruto und Inuyasha, Star Wars und Supernatural.

Blog-Seiten wie LiveJournal.com und heute tumblr.com mit seiner Re-Blog-Mentalität sind zu Treffpunkten für Fans geworden. Die Verlegung der Fan-Aktivitäten ins Internet beeinflussen die Verbreitung, Rezeption, Produktion, Interaktion und Demografie des Publikums. Fans werden jünger, weil das Web frei zugänglich ist und kostenlos. Manche Fans lesen Fanfiction, ohne sich in der Community zu beteiligen – sie werden Lurker oder Schwarzleser genannt. Inzwischen wandern die Fanfiction aus dem Internet zurück in die Handtasche: E-Book-Reader lassen den Unterschied zwischen Buch und Fanfiction, zumindest in Erscheinungsbild, verschwimmen.

Quellen:

– Hellekson, K., Busse, K. 2006; Fan Fiction in the Age of the Internet

A (very) brief History of Fanfic, Super Cat.

– Fotos: Sanja Döttling

 

 

 

Online regieren.

von Pascal Thiel

Das digitale Zeitalter hat nun auch die Politik erreicht. Man hat erkannt, dass das Internet nicht nur eine „Modeerscheinung“ ist, sondern zum eigenen Vorteil genutzt werden kann. Da kamen clevere Politiker auf eine geniale Idee: Warum nicht online regieren? Sie entwickelten ein Konzept und nannten es „E-Government“.

Doch was kann man nun darunter verstehen? Wählt man ab sofort per Mausklick statt im Wahllokal? Kommt der Personalausweis per E-Mail? Wird jemanden anzeigen so leicht werden wie Pizza bestellen? Kann ich mit meinen Behörden chatten?

Die Wahl per Mausklick könnte eines Tages tatsächlich Realität werden, jedoch ist das noch Zukunftsmusik. Das E-Government steckt noch in den Kinderschuhen.

E-Government

Doch was ist nun „E-Government“? Das Forschungsinstitut für öffentliche Verwaltung der Deutsc

hen Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer definiert E-Government als einen Überbegriff der „Abwicklung geschäftlicher Prozesse im Zusammenhang mit Regieren und Verwalten (Government) mit Hilfe von Informations- und Kommunikationstechniken über elektronische Medien“. Das bedeutet vereinfacht: regieren und verwalten im Internet.

E-Government umfasst demnach nicht nur, wie allgemein angenommen, die internetbasierte Kommunalverwaltung („E-Workflow“ oder „E-Administration“), sondern darüberhinaus interaktive Partizipationsmöglichkeiten („E-Democracy“). Während der Begriff der „E-Administration“ Systeme und Anwendungen zur Verwal

tung unter sich vereinigt, umschließt „E-Democracy“ moderne politische Informations-, Kommunikations- und Partizipationsmöglichkeiten, beispielweise Systeme für Online-Durchführungen von Wahlen, Volksabstimmungen, etc.

Die Internetseite des Deutschen Bundestages ist ein Musterbeispiel der „E-Democracy“. Hier kann man sich über die Geschäfte des Parlaments informieren, mit den Körperschaften kommunizieren (über eine Adressenliste) und durch den Download von zum Beispiel Petitionsformularen am politischen Geschäft partizipieren. Für diese breite Auswahl wurde die Internetseite 2007 mit dem World Summit Award in der Kategorie „E-Government“ ausgezeichnet.

E-Rules

Die Bundesregierung sieht in der „Informationsgesellschaft große Chancen auch für die öffentliche Verwaltung“. Daher ist die Förderung des E-Governments im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und FDP von 2009 festgeschrieben: „Wir werden […] E- Government weiter fördern und dazu wo und soweit notwendig, rechtliche Regelungen anpassen (E- Government-Gesetz).“ (Seite 102). Anmerkung: Diese Pläne gehen bisher nicht über die „E-Administration“ hinaus.

Seit März 2012 liegt ein entsprechender Gesetzesentwurf vor. Dieser sieht vor, die grundlegenden Voraussetzungen der „E-Administration“, zu schaffen und hält die Kommunen an, „ihre Akten elektronisch auf dauerhaften Datenträgern führen“ und dabei „die Grundsätze ordnungsmäßiger Aktenführung“ zu beachten. (Art. 1, Abschn. 2, § 6, Abs. 1). Dabei soll laut dem Bundesinnenministerium ein „effizientes, nutzerfreundliches und prozessorientiertes E-Government“ entstehen und Hindernisse wie etwa Medienbrüche, also Hindernisse beim Übersetzen von Daten vom einen Medium ins andere (z.B. handschriftliche Formulare in Onlineformulare), verhindert werden. Wann und gegebenenfalls mit welchen Änderungen der Entwurf behandelt und verabschiedet wird, ist allerdings noch unklar.

Die Kanzlerin versuchte sich schon im Rahmen des „Zukunftsdialogs“ am Internet (wir berichteten). Da steckten die Partizipationsmöglichkeiten aber noch in den Kinderschuhen.

E-Benefits

Dabei könnten durch das „E-Government“ und besonders durch die „E-Administration“  enorme Kosten eingespart werden. Bei der E-Government-Initiative „BundOnline 2005“ wurden durch die internetbasierte Verwaltung beispielweise 400 Millionen Euro eingespart – Vorteil für den Steuerzahler. Zudem verbessert die „E-Administration“ den Kontakt zwischen dem Bürger und der Behörde, da rund um die Uhr Informationen erreichbar sind, Eingaben getätigt und automatisch bearbeitet werden können. Damit ist der Bürger nicht von starren – zumeist durchaus ominösen – Öffnungszeiten abhängig.

Auch der Staat verbucht Positives: Er spart nicht nur – wie oben beschrieben – enorme Kosten ein, sondern auch Personal, das aufgrund von automatisierten Prozessen nicht mehr notwendig ist.

Vorteile gibt es zu guter Letzt auch für Unternehmen, da aufgrund der Digitalisierung Behördengänge überflüssig werden, somit der bürokratische und administrative Aufwand stark reduziert wird.

E-Data

Sollte „E-Government“ in das Verwaltungswesen Einzug erhalten, befürchten viele große Probleme mit den neuen, immensen Datenmengen. Daher stellen sich elementare Fragen: Wird die Privatsphäre weiterhin geachtet bleiben? Sind die Daten sicher? Wie können die Daten geschützt werden? Welche neuen Gefahren entstehen?

Gerade in Bezug auf die Privatsphäre gibt es einen lebhaften Diskus. Kritiker befürchten, über die Frage, „E-Government“ führe geradewegs zum Schreckensszenario des „Gläsernen Menschen“. Sie warnen vor virtuellen Datenabbildern der Menschen und einer damit verbundenen Auflösung der Grenzen zwischen Privatem und öffentlich Zugänglichem.

Doch ist eine Digitalisierung der Verwaltung und somit auch der persönlichen Daten nicht überfällig? Wenn die Antwort darauf positiv ausfallen soll, so reiht sich die Frage nach dem Schutz der Daten hintenan. Denn dieser stellt womöglich die größte Herausforderung dar: Die speicherbedürftige Datenmenge würde mit Einführung des „E-Governments“ enorm ansteigen. Doch beim Transport wie auch im verarbeitenden System sind die Daten Hackerangriffen, Trojanern und Viren bei Fehlen einer lückenlosen Sicherheitssoftware schutzlos ausgeliefert. Davor warnen insbesondere die Datenschutzbeauftragten von Bund und Länder: Die Nutzer dürfen sich keine Sorgen über die Sicherheit ihrer Daten machen müssen.

Viele offene Fragen mit Klärungsbedarf: Zweifelsohne wird E-Government eines Tages Realität werden, nur wann ist fraglich. Zwar gibt es bereits einige Angebote und Konzepte, doch umfassende staatliche Problemlösungen sind noch Mangelware. Das heißt für den normalen Bürger bis auf weiteres: Pizza online, Anzeigen im realen Leben.

 

Foto: flickr/Flyinace2000 (CC BY-SA 2.0)

Ein Lexikon schafft sich ab!

von Nicolai Busch

Es ist das Ende einer Ära: Nach 244 Jahren wird der Druck der Encyclopedia Britannica aufgrund gesunkener Verkaufszahlen innerhalb der letzten Jahre komplett eingestellt. Der Verlag möchte sich in Zukunft ausschließlich auf den eigenen Online-Auftritt, sowie auf die Vermarktung seiner E-Learning Angebote und Apps konzentrieren. Das bisher weltgrößte, analoge Lexikon feiert die Anpassung an das digitale Zeitalter. Die vollständige Digitalisierung der Bestände sei “nur ein weiteres historisches Datum in der Entwicklung des menschlichen Wissens“, lässt man stolz verkünden.

Wissen als Kapital einer Wissensgesellschaft

“Some people will feel sad about it. But we have a better tool now. The Web site is continuously updated, it’s much more expansive and it has multimedia.” – Jorge Cauz, Präsident der Encyclopaedia Britannica Inc.

Keine Zeit für Nostalgie? Nun, sicherlich nicht allzu viel, denn natürlich sind wir eine Wissensdienstleistungsgesellschaft, wir sind Wissensarbeiterinnen und -arbeiter, wir sind Teile von Wissensnetzwerken und wir rufen Wissen aus Wissensdatenbanken ab. Unsere Existenz basiert auf  Informationstechnologie. Das heißt, wir konsumieren, verarbeiten, kombinieren, transformieren, repräsentieren, modellieren, visualisieren, kopieren, speichern und bewerten nicht allein die Information, sondern unbewusst auch die Technologie, das Medium. The medium is the message. Das Medium Internet begeistert uns! Das Medium Buch? Immer weniger.

Mensch + Internet + freie Information = Knowledge Society. So einfach ist das. Dachte sich auch Encyclopedia Britannica, wo bereits Mitte der 70er Jahre mit der Digitalisierung der Wissensbestände begonnen wurde, bevor man 1994 die erste eigene Website schaltete und ab 2011 fleißig mit Apple kooperierte. Vermeintlich seit nun knapp vierzig Jahren im Fokus: Der freie Zugang zu Information und Bildung für Jedermann. Diesem prominenten Slogan des Netzzeitalters darf man als interessierter Leser der Encyclopedia Britannica nur bedingt Glauben schenken. Kosteten die bereits erschienenen 32 Bände in Druckausgabe satte 1400 Euro, so beläuft sich der Jahresbeitrag zur unbegrenzten Nutzung von www.britannica.com doch immerhin noch auf etwa 53 Euro. Viva la Revolution digital! Nicht so vorschnell. Denn obwohl die Internetnutzung weiter zunimmt, nutzen etwa 27% der in Deutschland lebenden Personen kein Internet. Es sind vor allem ältere, bildungsferne und einkommensschwache Bevölkerungsschichten. Für sie ist bereits der Zugang zum Netz nicht frei, sondern teuer. Zu teuer. Und das obwohl gerade diese sozialen Gruppen von Wissensangeboten stark profitieren würden.

Warum uns Wissen kostet

Was trotzdem auffällt: Schwinden die technischen Grenzen des publizierenden Mediums, sinkt erst einmal auch der Wert der Botschaft (bzw. des Wissens) am Markt. Ein beinahe paradoxer Zusammenhang, der darauf schließen lässt, dass sich www.britannica.com aus marktstrategischen Gründen dazu gedrängt sah, Wissen im Gewand exklusiver Multimedialität anzubieten. Denn nur durch die zusätzliche Bereitstellung von Videos und interaktiven Illustrationen, sowie durch die Kooperation mit EBSCO Information Services und anderen Online-Diensten ist es Encyclopedia Britannica im Netz heute noch möglich, lexikalisches Wissen als hochwertiges Immaterialgut vergleichsweise teuer zu verkaufen.

Sinn und Zweck des innovativen Geschäftsmodells von Encyclopedia Britannica erscheinen letztendlich noch fraglicher, wenn man sich der Regeln dieses künstlichen Wissensmarktes vergewissert. Dieser wirbt mit der enormen Vervielfältigung und Erleichterung der Zugriffsmöglichkeiten auf dokumentiertes, menschliches Wissen, fördert aber gleichzeitig die Ungleichverteilung von Wissen in den Gesellschaften weltweit.

Multimediale Gleichgültigkeit

Noch etwas anderes fällt auf: Im Netz ermöglicht uns Schrift, symbolische Welten zu kreieren und zu erkunden, ein digital visualisiertes Gemälde vermittelt ganz sicher irgendeinen Eindruck und auch Musik überliefert Gefühle scheinbar mediumsunabhängig. Was wir aber manchmal vergessen, ist, dass sich in den virtuellen Welten des Internets all diese unbeschreiblichen Abstraktionen und Metapherwelten von Schrift, Bild und Ton bis zur Unkenntlichkeit vereinigen, “was zu einer Universalität von Zwecken, ja, einer Indifferenz gegenüber jedweder Intention führt“, so Prof. Dr. Hans-Dieter Kübler in seinem Werk „Mythos Wissensgesellschaft“. Während wir durch diesen multimedialen Zirkus tanzen und den vermeintlichen Mythos informationeller Selbstbestimmung leben, können wir oftmals gar nicht anders, als unsere Gleichgültigkeit gegenüber der akademischen oder künstlerischen Absicht einer Information zu verdrängen. Wenn uns heute der medientechnische Optimismus eines Marshall McLuhan begeistert, dann doch auch, weil wir, die Bürger “globaler Dörfer“, uns damit abgefunden haben, dass sich die eigentliche Bedeutung von schriftlich vermitteltem Wissen durch die Multimedialität des Internets mehr oder weniger völlig auflöst.

Auch in Zukunft werden sich nur wenige Sammler der goldenen Letter auf dem Kunstoffeinband, sowie des bildungsbürgerlichen Hochgefühls der Sicherheit beim Anblick der 32 gedruckten Bände im Regal erfreuen können. Viele andere wird man auf kunterbunten Websites Lernen und Gedankenarbeit mit medialem Edutainment verwechseln lassen. Es bedarf deshalb Wissensdatenbanken, die aufgrund ihrer Kostenfreiheit weniger multimedial und exklusiv, jedoch aus unverfälscht gemeinnütziger Absicht Wissen vermitteln und den geistigen Austausch fördern. Es bedarf einer größeren Anzahl spenden-finanzierter Enzyklopädien, wie Wikipedia, die den Marktplatz der Ideen vor allem als öffentlichen Raum gestalten, um Wissen kostenfrei wissenswerter zu machen.

Foto: flickr/Mike Licht, NotionsCapital.com (CC BY 2.0) , flickr/Alexander Speckmann (CC BY-NC-SA 2.0)

Wie das Fernsehen sich selbst abschafft

von Alexander Karl

Nein, das Fernsehen wird nicht sterben. Aber es siecht langsam dahin. Wer ist Schuld daran? Das Internet? Oder doch die Menschen, die es verpasst haben, das Internet als Chance und nicht als Fluch zu sehen?

Der Patient: Lage kritisch

„Der Zuschauer darf seine Regierung wählen, also auch sein Fernsehprogramm.  Ich wundere mich auch hin und wieder über die Wahl, aber der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler.“ Dieses knackige Zitat stammt von Ex-RTL-Chef Helmut Thoma und bedeutet salopp gesagt: Ich selbst muss mein Programm nicht mögen, aber der Zuschauer. Über Jahre hinweg funktionierte das – gerade bei RTL – erstaunlich gut. Doch der Fernsehkonsument von heute ist verwöhnt. Er weiß, was er sehen will. Er hat da irgendwo auf YouTube was gesehen oder bei Facebook von gehört, vielleicht sogar bei Streaming-Plattformen geschaut. Doch das lineare TV – ohne Zeitversetzung, ohne eigene Programmplanung – ermöglicht es dem Fernsehzuschauer nicht, selbst zu wählen. Ja, er kann zappen. Aber manchmal ist das die Wahl zwischen Pest und Cholera. Um es mit Thoma zu sagen: Schon längst lechzt der Fisch nicht nur nach irgendeinem Wurm, sondern nach seinem individuellen Lieblingswurm. Und der wird ihm vom Angler einfach nicht angeboten.

Der Branchendienst DWDL.de hat eine Vielzahl von Punkten zusammengefasst, bei denen es im Fernsehen krankt: Mutlosigkeit, der Blick auf Marktanalysen und ins Ausland (was übrigens an den Buchmarkt erinnert). Innovation? Nein, danke. Jüngstes Beispiel: „Gottschalk live“. Der große Entertainer erreicht mittlerweile nur noch knapp 1,2 Millionen Zuschauer. Die Reaktion: Raus aus Facebook, raus mit der Redaktion, rein mit dem Live-Publikum und einem Sidekick. DWDL.de führt die Absurdität der Fernsehbranche vor Augen:

Mehrere TV-Produzenten geben ihre in Deutschland entwickelten Ideen inzwischen im Zweifel an ihre britischen Mutterhäuser ab, die diese dann umsetzen. Und mit dem Label des „erfolgreichen britischen Formats“ kauft es dann schon irgendwann jemand in Deutschland.

Ja, natürlich gibt es auch die berühmte Ausnahme – in diesem Fall Danni Lowinsky. Die erfolgreiche Comedy-Serie schaffte den Sprung in die USA. Aber wie gesagt: Ein Einzelfall. Denn ansonsten ist das deutsche Fernsehen eine große Version von „stern TV„: eine „Wundertüte“ mit „Tiere, Kinder, Kochen.“ Gut, die Kinder findet man mittlerweile primär bei der „Super Nanny“ (in Zukunft wohl ohne Katja Saalfrank) oder in den zahllosen Scripted Reality-Formaten. Tiere werden gefühlt weniger, während das Kochen immer beliebter wird. Bestes Beispiel: Das perfekte Dinner  – noch immer ein Quotenhit.

Was tun?

Nach dem Rieplschen Gesetz wird das Fernsehen nicht sterben. Es ist wahrscheinlich, dass noch immer Menschen fernsehen wollen, genauso, wie es Tageszeitungsleser oder Buchkonsumenten geben wird. Aber sollte man nicht vielleicht trotzdem versuchen, dem Medium einen letzten Dienst zu erweisen und es zu retten versuchen?

Die Schritte dazu wären gar nicht mal so schwer: Eine Überlegung wäre die Möglichkeit des interaktiven Fernsehens. Beispielsweise die Möglichkeit, dargestellte Produkte sofort kaufen zu können. Etwa Carrie Bradshaws Kleider oder Manolo Blahniks. Oder ein wenig mehr Kreativität zu wagen! Jüngst kauften US-Sender zehn israelische Serien ein – weil sie frisch und kreativ waren. Es sind nämlich nicht immer nur die amerikanischen Studios, denen die glorreichen Ideen zufliegen. Bekannte Beispiele sind etwa die Adaption von „The Voice“ aus den Niederlanden oder „Queer as Folk“ aus England.

Und natürlich  – endlich! – den Weg ins Internet zu finden. Ich möchte die Nachrichten – egal auf welchem Sender – online sehen können, sobald sie im TV ausgestrahlt werden. Nicht nur entweder im Livestream oder eine Stunde später. Ich möchte in Deutschland ein ähnliches Programm wie hulu.com haben, in dem ich legal alle aktuellen Serien schauen kann. Denn die deutsche Streaming-Mentalität liegt oftmals daran, dass es die einzige Chance ist, die gewünschte Serie im Internet zu schauen. Und bis die gemeinsame Mediathek von RTL und ProSieben-Sat1 kommt, wird es anscheinend noch dauern.

Das sind die Würmer, die mir als Fisch schmecken. Aber die Angler weigern sich beharrlich, mich damit zu ködern.

Foto: flickr/Funky64 (www.lucarossato.com) (CC BY-NC-ND 2.0),  photocase.com/ Tita Totaltoll