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Die Suche nach dem großen A

Die Suche nach dem großen A

Ob nun in Filmen, Dokumentationen oder Serien, historische Darstellungen haben Hochkonjunktur. Doch ist sie nur ein Instrument, um publikumsansprechende Welten zu schaffen, oder kann aus diesen Formaten auch Wissen gezogen werden? Wir machen uns auf die Suche nach der Authentizität in Serien und TV-Dokumentationen mit historischem Inhalt.

Rückblick hinter die Panels

von Marius Lang

Illustrationen von Henrike Ledig

Es ist bereits eine ganze Weile her, dass ich dieses Projekt begonnen habe. Schon damals war mir klar, dass Comics noch immer ein sträflich unterschätztes Medium sind. Sie werden als kindisch angesehen, als Literatur zweiter Klasse und nicht als ernstzunehmende Lektüre. Intelligente Menschen lesen richtige Bücher, keine Geschichten über unbeugsame Gallier oder Helden in Strumpfhosen. Auch in der Theorie werden Comics oft vernachlässigt. Diese Einstellung ändert sich zunehmend, wenn auch etwas verspätet und noch immer recht träge. Aber heute ist der Einfluss von Comics fest angekommen im Mainstream der Gesellschaft und nicht mehr ein bloßes eskapistisches Nischenprodukt.

Fortschritt des Mediums

Nur zehn Artikel sind eigentlich nicht genug, um das Thema ausreichend zu beleuchten. Der Comic als Medium hat so viel mehr Facetten, die dieses Projekt nicht abdecken konnte. Aber werfen wir dennoch einen Blick zurück, um unsere Erkenntnisse Revue passieren zu lassen. Ein zentrales Vorurteil, das Comics bis heute anhängt, ist die Behauptung, dass sie sich zumeist nur mit kindischen Problemen beschäftigen und keine realistischen Probleme in Angriff nehmen. Die Welt der Comics ist danach einfach zu weit von der realen Welt entfernt. Zwei Artikel dieses Projektes haben sich demgegenüber mit neueren Strömungen in und um das Medium beschäftigt. Schon der erste Artikel setzte sich mit dem wichtigen Thema von Sexismus in Comics auseinander. Es hat sich in der Geschichte des angloamerikanischen Comicraumes gezeigt, dass weibliche Haupt- und Nebencharaktere, vor allem in Superheldencomics, oft schlechter behandelt werden, als ihre männlichen Gegenstücke. Die Autorin Gail Simone konnte dies nicht mehr einfach so hinnehmen und rief die Website Women in Refrigerators ins Leben, benannt nach dem tragischen Schicksal einer spezifischen Figur, die brutal ermordet und in einem Kühlschrank zurückgelassen wurde, nur um die Entwicklung eines männlichen Charakters voranzutreiben. Es zeigt sich, dass zu oft Heldinnen ein grausameres Schicksal blüht, als Helden. In den letzten Jahren hat sich der Stand weiblicher Charaktere deutlich gebessert, sodass der Comicheld Thor schließlich sogar von einer Frau ersetzt wurde.

Mit diesem Wandel und anderen progressiven Änderungen im Status Quo des Marvel-Universums beschäftigte sich ein weiterer Artikel. Wie sich immer noch zeigt, vor allem in unserem Internet-Zeitalter, in dem jedem offen steht, seine oft schädlichen Meinungen kundzutun, ist das Comicfandom bei weitem nicht so progressiv, wie es eigentlich sein sollte. Mit der Nachricht, dass Thor eine Frau wird und Captain America künftig von einem Afroamerikaner verkörpert wird, folgte sofort ein Aufschrei rechter, rassistischer und sexistischer Gruppen im Fandom. Man erkennt, dass trotz allen positiven Änderungen, die Comicwelt und seine Fans noch immer einen weiten Weg zu gehen haben.

Filmgroßmacht Comics

Dabei sollten diese Änderungen eigentlich viel schneller vorangehen. Schließlich sind Comics derzeit die wichtigste Vorlage für das Mainstream-Kino. Fast alle großen, erfolgreichen Filme basieren derzeit auf Comics oder Charakteren. The Avengers, The Dark Knight, Kick-Ass, Deadpool, alles Filme, die auf spezifischen Comics oder Comic-Charakteren basieren. Zwei Artikel dieses Projektes haben sich mit Comics im Film auseinandergesetzt. Der erste Teil ging eher auf die Geschichte des Comicfilms ein. Doch der zweite Artikel nahm sich dann unser derzeitiges, großes Zeitalter der Comicfilme vor und untersuchte, wie Comicfilme dieser Tage die Gesellschaft wiederspiegeln. Die Filme wurden düsterer, erwachsener, die Hintergründe waren stärker verwurzelt mit der Gesellschaft, die sie hervorbrachten. Allerdings machten sie auch die Charaktere, deren Entstehung oft weit zurück lag, zugänglicher für ein modernes Filmpublikum. Auch reale Probleme werden mittlerweile in Angriff genommen und nicht nur Superschurken in bunten Kostümen. Die Interpretationen der Figuren und ihre Abenteuer sind in einem steten Wandel, ebenso wie unsere Gesellschaft selbst. Es ist jedoch auch interessant, dass die Eroberung des Kinos durch den Comicfilm  richtig begonnen hat, nachdem das wohl düsterste Kapitel der Comicgeschichte endete.

Die neunziger Jahre waren nicht so großartig, wie die selbsternannten „Nineties-Kids“ uns in ihrer verklärten Nostalgie glauben machen wollen. Vor allem für Comics war diese Zeit furchtbar, womit sich der dritte Artikel dieser Reihe auseinandersetzte. Die Comicindustrie erlebte Ende der achtziger Jahre einen enormen Aufschwung und rückte mehr ins Rampenlicht der Gesellschaft. Schlechtes Wirtschaften und eine zu große Konzentration auf düstere Geschichten und große Event-Comics führten allerdings, in Kombination mit anderen Problemen im darauffolgenden Jahrzehnt zu einem vollständigen Kollaps der Comicindustrie, von dem sie sich lange nicht wirklich erholte. Doch Grundlagen waren geschaffen und das Medium setzte seinen Weg weiter fort.

Auch im Fernsehen sind Comics mittlerweile ein fester Bestandteil des Storytellings. In einer kooperativen Arbeit behandelt ein Artikel dieser Reihe die Comicreihe The Walking Dead, die die Grundlage einer der erfolgreichsten Serien unserer Zeit bildet. The Walking Dead bildete ein Musterbeispiel einer erfolgreichen Reihe abseits des Superheldengenres, die ihren eigenen, in vielerlei Hinsicht anderen Charme hat, um den Leser bei der Stange zu halten. Man hatte einfach eine alte, durchgekaute Idee genommen und ihr einen neuen Anstrich verpasst, sie neue interpretiert und somit etwas noch nie Dagewesenes erschaffen.

Medium mit Möglichkeiten

Comics werden dieser Tage zunehmend ernster genommen, wenngleich noch nicht überall und oft unter Vorbehalten. Comics die allgemein jedoch schon seit längerem einen besseren Stand haben, vor allem in gebildeteren Umfeldern, werden oft unter dem Begriff der Graphic Novel zusammengefasst. Meines Erachtens nach ist zweifelhaft, ob der Begriff tatsächlich sinnvoll ist, nur um einzelne Vertreter vom Mainstream abzuheben. Was allerdings unbestritten ist, ist, dass einzelne Künstler das Medium des Comics nutzen, um sehr persönliche Geschichten zu erzählen. Im siebten Artikel setzten wir uns mit biografischen Comics auseinander. Comics wie Persepolis oder Maus, von Marjane Satrapi respektive Art Spiegelman, erzählen zutiefst persönliche Geschichten aus dem wahren Leben. Dabei nutzen sie die visuelle Komponente des Comics, um den Geschichten durch Bilder mehr Gewicht zu verleihen. Da Comics eine Kombination aus Bildern und Worten sind, geben sie Autoren und Künstlern einmalige Möglichkeiten, ihre Geschichten noch tiefer und persönlicher zu gestalten. Es ist dem wohl auch zu verdanken, dass Comics endlich auch in der Theorie mehr Beachtung finden. Einer der Vorreiter dabei war der Comicschaffende Scott McCloud, der Anfang der neunziger einen Comic über Comics veröffentlichte. Understanding Comics war Grundlage des letzten Artikels dieser Reihe, ein Buch, dass mit Leidenschaft über das Medium berichtet und sich dabei selbst der Möglichkeiten bedient, die Comics ihren Autoren und Künstlern bieten.

Raus aus den Panels

Es ist unklar, was genau die Zukunft für das Medium bereithält, und ob es jemals alle seine Stigmata loswerden kann. Was jedoch bereits im vollen Gang ist, ist die digitale Revolution. Einer der jüngeren Teile dieser Reihe setzte sich mit Webcomics und digitalen Vertretern des Mediums auseinander. Es zeigten sich viele Möglichkeiten für die Industrie, aber auch die Notwendigkeit, sich mit dem Thema in Zukunft noch mehr auseinander zu setzen. Ängste führen nur zu Stillstand, nie zu Fortschritt. Und wenn das Medium sich nicht weiterentwickelt, kann es nie wirklich in Zentrum der Gesellschaft ankommen.

Ich habe diese Reihe begonnen, um Aspekte eines Mediums zu beleuchten, das mir persönlich viel bedeutet. Über die Dauer des Projektes habe auch ich vieles gelernt und hoffe, das auch nach außen getragen zu haben. Wenn die Artikel nur einen Menschen überzeugt haben, Comics künftig etwas ernster zu nehmen, ist das schon ein Gewinn. Das Medium hat großes Potential, eine reichhaltige Industrie und so viele gute Geschichten, die es zu lesen und erleben gilt. Und damit ist es aber auch an der Zeit zurückzukehren, aus der Welt hinter den Panels, hinaus in die Realität. Und dann kann man vielleicht ein paar Comics lesen.


Alle Artikel dieser Reihe:

Hinter den Panels – Das Comic als Medium

Kühlschränke, Frauen und Comics

Tod und Rückkehr der Comic-Industrie

Superhelden in Zelluloid – Teil 1

Superhelden in Zelluloid – Teil 2

Untot und trotzdem Spaß – The Walking Dead

Die Rache der Minderheiten

Ein Leben in Panels

Endlose Leinwände und digitale Comics

Ein Comic über Comics

 

Medienperspektiven à la francaise_Titelbild

Medienperspektiven à la française: eine Schlussbetrachtung

von Sonja Sartor

Einen Blick nach Frankreich zu werfen, lohnt sich. Diese Artikelreihe hat in den letzten Wochen versucht, an einzelnen Aspekten die Vielfalt der französischen Medienlandschaft widerzuspiegeln und dabei auch Themen zu betrachten, die man aus der deutschen Tagespresse weniger kennt. Wir blicken zurück auf die fabelhafte Welt der Medienperspektiven à la française.

Frankreich im Fokus

Die Artikelreihe begann mit zwei großen Medienevents: Die Filmfestspiele von Cannes zeigen jedes Jahr im Mai, das Frankreich immer noch zu den großen Playern der Cineastik gehört. Die Bedeutung des Festivals für das Autorenkino ist immens und die goldene Palme kann als wichtigster Filmpreis nach dem Oscar gesehen werden. In Cannes wird nicht nur bereits gefilmtes Material geehrt, sondern den Weg für die Filme von morgen geebnet.

Der medial weltweit verfolgte Eurovision Song Contest verbreitete Hoffnung in dem von Terror gebeutelten Land. Frankreichs Kandidat Amir landete unter den Top Ten und gab seiner Heimat ein Stück des Nationalstolzes zurück.

Frankreich auf der Leinwand

schluss2Vom französischen Volk anerkannt und verehrt ist nicht nur Amir, sondern vor allem einer der großen Charakterspieler der Grande Nation: Gérard Depardieu. Er kann auf ein turbulentes Leben und herausragende Schauspielleistungen in jeglichen Rollen und Filmgenres zurückblicken. Dass er privat öfters über die Stränge geschlagen hat, wird ihm angesichts des Ruhms, den er über die französischen Grenzen hinaus trägt, großzügig verziehen. Bleibt nur zu hoffen, dass der hünenhafte Tausendsassa mit der sanften Stimme uns noch lange mit neuen Filmen oder Fernsehserien beschenken kann.

In einer kleinen Rückschau wurden die Tabubrüche analysiert, die für das französische Kino so typisch sind. Jean-Jacques Beineix‘ Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen (1986) stellte sich als Meisterwerk des Cinéma du look heraus, das dem Zuschauer so eindringlich wie kaum ein anderer Film vor Augen führt, welche extremen Wege ein Liebespaar gehen kann, von dem eine Person an einer ausgeprägten Persönlichkeitsstörung leidet. Der Kontrast zwischen den impulsiven, wutgeladenen und den zärtlichen, zerbrechlichen Momenten Bettys zeugt von großer Filmkunst.

Frankreich hat jedoch auch aktuell interessante und einzigartige Filme anzubieten: In einer Kritik wurde der Dokumentarfilm Tomorrow – die Welt ist voller Lösungen unter die Lupe genommen. Filmemacher Mélanie Laurent und Cyril Dion stellen darin kreative Konzepte vor, die sich gegen den prognostizierten Zusammenbruch der Zivilisation stellen und dazu anregen, selbst Hand anzulegen, damit die Kinder von morgen in einer genauso gut oder sogar besser funktionierenden Welt leben können. Der Film ist ein gelungener Gegenentwurf zu Horrorszenarien rund um den Weltuntergang und ist nicht nur unterhaltend, sondern spendet auch viel Hoffnung, was die Zukunft dieser Erde betrifft.

Frankreich streitet, leidet und steht wieder auf

Weiter ging es mit einem Exkurs zur Debatte rund um das Gesetz Loi Evin. Es setzt seit 1991 relativ strenge Maßstäbe zu Werbung für Alkohol und Tabak. Jedoch ist es französischen Abgeordneten gelungen, das Gesetz im Herbst 2015 aufzuweichen. Wo Medien vorher in Beiträgen aus Vorsicht vor keinen Bezug zu Alkohol erwähnten, ist es jetzt legal, über Wein und andere alkoholische Getränke zu „informieren“. Diese Gesetzesänderung soll den Weintourismus und damit die ins Schwanken geratene französische Wirtschaft fördern. Mitunter zeigt die Debatte, dass Wein trotz aller Warnungen seitens gesundheitlicher Behörden zum französischen Leben dazugehört.

Der Artikel über französische Internettrends räumte mit dem Vorurteil auf, dass Franzosen arrogant sind und nicht über sich selbst lachen können. Anhand der Erfolgs-Webseite Viedemerde.fr wurde festgestellt, dass Internetnutzer heute die peinlichen und frustrierenden Aufreger des Tages mit Tausenden von Leuten teilen, die man früher nur dem engsten Freundeskreis erzählt hätte.

Über ein Jahr nach dem Terroranschlag auf Charlie Hebdo war es Zeit, den Status quo von französischer Satire aufzuarbeiten. Basierend auf einer langen Tradition von Karikaturen und Pamphleten, die bis in die Aufklärung zurückreicht, hat sich in Frankreich eine besonders scharfzüngige Satire ausgebildet. Kein Blatt vor den Mund nehmen, Problematiken überspitzen und Persönlichkeiten und Institutionen lächerlich machen – dies ist essenziell für die funktionierende Demokratie der französischen Republik. Charlie Hebdo hat durch das Attentat Kollegen und damit viel künstlerisches Potenzial verloren und versucht heute, eindeutigere Botschaften zu vermitteln. Aufgeben ist keine Lösung: Frankreich bleibt Charlie.

Abschließend ist zu betonen, dass diese Artikelreihe keinen Anspruch auf die vollständige Abbildung der französischen Medienlandschaft gelegt hat. Ziel war es vielmehr, den Lesern von media-bubble.de einen Einblick in interessante und wichtige französische Medienthematiken zu geben. Frankreich und Deutschland lassen sich im Hinblick auf Medien nur schwer vergleichen. Jede Medienlandschaft ist einzigartig. Einzigartig ist an der französischen Medienlandschaft die große Rolle, die Satire einnimmt. In Zeiten der permanenten Terrorangst ist es bewundernswert, welch standfeste Haltung Frankreich einnimmt, die sich auch in den Medien widerspiegelt. Im Kino hat Frankreich immer wieder neue Maßstäbe gesetzt, Filmgeschichte geschrieben und bringt auch aktuell mit neuen Konzepten frischen Wind in die Kinosäle. Internettrends zeigen, dass sich das französische Volk nicht den Humor und vor allem die Lust am Leben nimmt. Medien aus Frankreich sind besonders und vielfältig – und es wird sich auch in Zukunft lohnen, ab und zu in die französische Medienwelt einzutauchen.

Fotos: Pixabay.com , flickr.com/Becky Lai (CC BY-NC-ND 2.0)


Alle Artikel dieser Reihe:

Wenn Leid zu Glück wird –  Der Eurovision Song Contest 2016

Die Crème de la Crème des Autorenkinos

Gérard Depardieu: „Es hat sich so ergeben“

Ein bisschen Wein muss sein

Filmkritik: Tomorrow – die Welt ist voller Lösungen

Frankreich bleibt Charlie

Der Tabubruch im französischen Film

Französische Webtrends: Mit Humor geht’s besser

Der Tabubruch im französischen Film

von Sonja Sartor

Das Brechen von Tabus sorgt für Aufschreie in der Gesellschaft. Das französische Kino hat in der Vergangenheit besonders gern mit Tabubrüchen gespielt. Anhand der Filme Die Liebenden (1958) und Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen (1986) soll gezeigt werden, wie französisches Kino Tabubrüche in Szene setzt und welche Effekte diese erzielen.
„Sie hatte Angst, aber sie bereute nichts“

Mit diesem Satz endet Louis Malles Die Liebenden (1958). Die Handlung ist schnell auf den Punkt gebracht: Hausfrau Jeanne (Jeanne Moreau), verheiratet mit einem wohlhabenden Verleger, entflieht der ehelichen Monotonie nahe Dijon immer wieder mit Reisen nach Paris, da ihr die Komplimente Pariser Männer schmeicheln. Eines Tages macht ihr Auto auf der Rückfahrt schlapp und Bernard (Jean-Marc Bory), ein unprätentiöser Archäologe, fährt sie nach Hause. Dort bittet Jeannes Mann den Fremden, bei ihnen in der Villa zu übernachten. In der Nacht lernen sich Jeanne und Bernard kennen und lieben. Ohne Rücksicht auf Mann und Kind brennt Jeanne mit ihrem Liebhaber am nächsten Morgen durch.

Tabubruch 2Das Skandaldrama im Stil der Nouvelle Vague bricht mit den Konventionen der 50er Jahre. Das letzte Drittel des Films ist unglaublich sinnlich und romantisch. Bernard und Jeanne wandeln durch den nächtlichen Garten, sie küssen sich. Jeanne hat die Liebe wie ein Blitz getroffen. Zurück in der Villa gibt sie sich ihren Gefühlen völlig schamlos hin und es kommt zum Sex zwischen den Verliebten, während Mann und Kind ein paar Türen weiter selig schlafen. Die von Brahms Musik untermalte Szene ist ungewohnt freizügig und erotisch. Das Close-up auf Jeannes Ehering, den Bernard anschließend mit seiner Hand überdeckt, hebt hervor, dass hier gerade ein Ehebruch begangen wird. Skandalös ist, dass Jeanne die eigene Freiheit wichtiger ist als ihr Kind, das sie bei einem gefühlskalten Vater zurücklässt. Daher wurden in der deutschen Fassung die Szenen mit Jeannes Kind herausgeschnitten. Im prüden Amerika wurde der Film wegen Obszönität angeklagt. Ultrakatholische Vereine kämpften vergeblich für das Verbieten des Films bei den Filmfestspielen von Venedig. Trotzdem erlangte Louis Malle mit diesem Werk internationale Anerkennung.

Liebe am Rande des Wahnsinns

Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen erzählt die Geschichte eines Liebespaares, das versucht, sich eine Zukunft aufzubauen und gnadenlos scheitert. Die junge, extrem verführerische Betty (Béatrice Dalle) taucht eines Sommers im Leben des Hausmeisters Zorg (Jean-Hugues Anglade) auf und stellt alles auf den Kopf. Eines Tages entdeckt sie Zorgs Manuskripte und ist besessen von der Idee, dass er ein Schriftsteller-Genie ist. Als Betty in einer Phase der Wut Zorgs Bungalow in Brand steckt und er fast alles verliert, reist das Paar nach Paris. Sie kommen bei einer Freundin von Betty unter und kellnern übergangsweise in der Pizzeria von Lisas Freund Eddie. Betty tippt Zorgs Manuskripte ab und schickt sie an die Pariser Verlage. Statt einer Zusage erhält er jedoch eine vernichtende Kritik. Dies führt dazu, dass Betty dem Verleger auflauert und ihn attackiert.

Die Beerdigung von Eddies Mutter führt Betty und Zorg in ein Provinzstädtchen. Spontan entscheiden sie sich, das Klaviergeschäft der verstorbenen Frau zu übernehmen. Die Situation verschlechtert sich jedoch dramatisch, als Betty wider Erwarten erfährt, dass sie nicht schwanger ist. Völlig verstört verwüstet sie die gemeinsame Wohnung und reißt sich das rechte Auge aus. Als Zorg sie im Krankenhaus besucht, steht Betty unter Beruhigungsmitteln und  befindet sich in einer Art Wachkoma. Zorg sieht keine andere Lösung mehr und erstickt die junge Frau mit einem Kissen.

Tabubruch 3Das Drama aus dem Jahre 1986 von Jean-Jacques Beineix begeht gleich mehrere Tabubrüche: Zum einen sind da die expliziten Sexszenen, denen sich das Paar leidenschaftlich hingibt. Allein der Beginn des Films besteht aus einem mehrminütigen Liebesakt, auf den die Kamera langsam zufährt. Zum anderen ist da die unterschwellige Auseinandersetzung mit einer scheinbar wahnsinnig gewordenen Frau, die zur Selbstzerstörung neigt. Ihre Wutanfälle sind beängstigend wie faszinierend. Kleinigkeiten treiben die zerbrechliche Frau zur Weißglut und lassen sie Dinge tun, bei dem der Zuschauer nur ungläubig den Kopf schüttelt. So schüttet sie einen Eimer pinker Farbe auf den Sportwagen von Zorgs Chef, als dieser verlangt, das Paar solle die gesamte Ferienanlage von 500 Bungalows streichen. Mehrmals deuten Außenstehende mit Aussagen wie „die muss wahnsinnig sein“ darauf hin, dass Betty an einer Persönlichkeitsstörung, möglicherweise an Borderline, leidet. Der Film zeigt eindringlich, wie eine extreme Liebe und zerplatzte Träume in einem Mord enden können.

Regisseur Jean-Jacques Beineix ist mit Betty Blue einer der stilbildendsten und einflussreichsten Kultfilme der 80er Jahre gelungen. In seinem unglaublichen 178-minütigen Director’s Cut kann man die Einflüsse des Cinéma du look betrachten, in das sich Beineix einschreibt. Intensive Farb- und Lichteffekte sowie eine äußerst künstliche Kulisse charakterisieren diese Filmbewegung. Es ist einzigartig, wie dramatisch Beineix die Persönlichkeitsstörung inszeniert und so auf diese medial wenig thematisierte Störung aufmerksam macht.

Der  notorische Tabubrecher

Wenn die Rede von Tabubrüchen im französischen Kino ist, darf ein Name nicht fehlen: François Ozon. Die Filmplattform http://www.moviepilot.de/schreibt über den Ausnahme-Regisseur: „Auf fast schon sadistische Art und Weise liebt er es, seine Zuschauer zu frustrieren – Ozon erschafft gerne eine trügerische Idylle, nur um sie zunächst langsam von Innen und letzten Endes mit voller Gewalt zu zerstören“. Ozon thematisiert gerne Tabus: Homosexualität (Sitcom), Transgender (Tropfen auf heiße Steine) oder Krankheit (Die Zeit die bleibt). Ozon führt die Tradition des Tabubruchs im französischen Kino weiter.

Was macht Tabubrüche so reizvoll? Tabus sichern laut Bundeszentrale für politische Bildung die Überlebensfähigkeit der Gemeinschaft. Außerdem dienen sie der Identitätsbildung, da sie sich auf Werte berufen, die von der Gesellschaft als besonders schützenswert erachtet werden. Tabubrüche zeigen der Gesellschaft ihre selbst errichteten Grenzen auf. Sie ermöglichen, die Aufmerksamkeit auf ein Thema zu richten, das Teil der Gesellschaft ist, aber gewöhnlich totgeschwiegen wird. In Filmen können wir sehen, was mit Menschen passiert, die Tabus brechen – und uns darauf eine eigene Meinung bilden.

Fotos: flickr.com/bswise (CC BY-NC-ND 2.0), flickr.com/bswise (CC BY-NC-ND 2.0), flickr.com/startinghere71 (CC BY-NC-ND 2.0)


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Filmkritik: Tomorrow – die Welt ist voller Lösungen

Frankreich bleibt Charlie

Filmkritik: Tomorrow – die Welt ist voller Lösungen

von Sonja Sartor

Als Mélanie Laurent 2012 die Studie „Approaching a state shift in Earth’s biosphere” liest, ist die Schauspielerin geschockt. Die Autoren Anthony Barnosky und Elizabeth Hadly prognostizieren darin den Zusammenbruch der Zivilisation in den nächsten 40 Jahren. Laurent ist zu dem Zeitpunkt schwanger und die Vorhersage nimmt sie so mit, dass sie „den ganzen Tag weint“, sie ist verzweifelt. Soll ihr Kind das Ende des Ökosystems dieses Planeten miterleben? Ist es schon zu spät zu handeln?

Anstatt aufzugeben und sich dem Schicksal zu ergeben, fasst Laurent zusammen mit dem befreundeten Umweltaktivisten Cyril Dion einen Beschluss: Sie werden einen Film drehen. Aber nicht einen Film wie Dutzende davor, der ein Horrorszenario nach dem anderen durchspielt, sondern einen, der zeigt: Die Welt ist voller Lösungen.

Wie man mal kurz die Welt retten kann

Das französische Filmteam um Dion und Laurent beginnt mit seiner Reise um die Welt und das Publikum taucht in das erste Kapitel ein: Die Landwirtschaft. Während die Anbauflächen immer weniger werden, nimmt die Weltbevölkerung stetig zu. Es werden die Fragen aufgeworfen: Welche innovativen Anbaumöglichkeiten in Stadt und Land gibt es? Wie kann man verhindern, dass riesige Agrarkonzerne die Kleinbauern in den Ruin treiben?

Tomorrow 2Den ersten Stopp machen Laurent und Dion im Norden ihres Heimatlandes und entdecken eine Gemüsefarm, die sich dem Zwischenfruchtanbau sowie der Permakultur verschrieben hat. Die Besitzer der Farm, Perrine und Charles Hervé-Gruyer, zeigen stolz ihren unübersichtlichen, aber charmanten Bio-Irrgarten irgendwo im Nirgendwo. Die Pflanzen werden auf begrenztem Raum angepflanzt, das Basilikum wächst unter der Tomate. Pestizide brauchen die Bauern nicht, denn der intensive Geruch des Basilikums hält Ungeziefer von allein fern.

6000 Kilometer Luftlinie entfernt ist das Ausmaß der industriellen sowie landwirtschaftlichen Monokultur nicht zu übersehen. Verlassene Wohnhäuser, leergefegte Kirchen und verfallene Fabrikgelände prägen das Stadtbild vieler Viertel im amerikanischen Detroit. Die Blütezeit der einstigen Autometropole ist vorbei, Firmen wanderten ab, die Zahl der Arbeitslosen stieg und Supermarktketten verschwanden aus der Stadt. Zugang zu gesunder Nahrung? Fehlanzeige. Aber Detroit hat eine kluge Lösung gefunden, mit der die 700.000-Einwohnerstadt die Lebensmittelversorgung seiner Bewohner gewährleisten kann. Das Stichwort heißt „Urban Gardening“. Brachland mitten in der Stadt wird in Gemüsegärten umgewandelt. Arbeitslose finden so eine Beschäftigung und die Detroiter haben Zugang zu lokalen und gesunden Produkten.

Tomorrow3In England finden Laurent und Dion einen Ansatz, der auch in einigen deutschen Städten angewendet wird. In dem kleinen Städtchen Totnes kann man statt in britischen Pfund auch in „Totnes Pound“ zahlen. Die Lokalwährung unterstützt die hiesigen Geschäfte. Laut den Filmemachern könnte auch in Griechenland eine regionale Währung der Schlüssel zum Erfolg sein, da erwirtschaftete Gelder in der heimischen Wirtschaft blieben und nicht in den internationalen Geldkreislauf zurückfließen würden.

Beim Thema Energie beeindruckt Island mit seiner Fortschrittlichkeit. Die Insel profitiert von seinen Geysiren, Vulkanen und heißen Quellen und versorgt mittlerweile 90 Prozent der Haushalte über Wasserdampf mit Wärme. Lösungen über Lösungen – die Welt ist voll davon.

Eine Botschaft, die alle betrifft – nicht nur Ökos

Der 118-minütige Dokumentarfilm, der bereits mit einem César ausgezeichnet wurde, setzt neue Maßstäbe. Er wühlt nicht in den unzähligen Problemen, die der Klimawandel mit sich bringt, sondern liefert konkrete und inspirierende Lösungsansätze. Nicht alle Lösungen hauen den deutschen Zuschauer vom Hocker, darunter das ambitionierte Zero-Waste-Projekt aus San Francisco, bei dem Müll vorbildlich getrennt wird. Dennoch sind solche Projekte ein Hoffnungsschimmer, der zeigt, dass auch anderen Ländern bewusst wird, dass Ressourcen kostbar sind und Wiederverwertung ein notwendiger Schritt ist. Außerdem reibt der Film dem Zuschauer nicht belehrend unter die Nase, was er im Moment alles Schlechtes tut, sondern verbreitet von Beginn an eine positive Grundstimmung. Trotz der ernsten Thematik gibt es immer wieder Momente, in denen man lacht, schmunzelt und staunt.

Besonders angenehm ist, wie sehr sich das Filmteam zurücknimmt. Selten sind die Kameraleute und die beiden Regisseure Dion und Laurent im Bild. Sie betonen damit, was wirklich zählt. Denn „Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen“ lebt vor allem von den Personen, die nicht zuschauen, sondern handeln. Und das mit vollem Einsatz und voller Begeisterung für ihr Projekt. Wenn der französische Geschäftsführer einer Briefumschlagfabrik dem Zuschauer erklärt, wie er und seine Mitarbeiter es schaffen, eine umweltfreundliche und nachhaltige Produktion auf die Beine zu stellen, bei der immer weniger Ressourcen verbraucht und in einen ausgeklügelten Kreislauf eingespeist werden, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Gern hätte man mehr davon.

Mélanie Laurent trifft auf den Punkt, was die interviewten Aktivisten auszeichnet: „Die Personen in unserem Film haben nicht darauf gewartet, bis etwas von oben kommt. Sie handeln, da wo sie können. Punkt.“ Schon während man den Film anschaut, beginnt man sich selbst zu fragen, was man im Alltag anders und besser machen könnte. Sollten wir das Auto nicht öfter mal stehen lassen? Und vielleicht auf dem Markt einkaufen anstatt beim Discounter?  Eines lehrt der Film auf eindrucksvolle Weise: Man muss im Kleinen anfangen, damit man Großes bewegen kann.

Fotos: Tomorrow-derfilm.de


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Kampf um den Schrottplatz

von Maya Morlock

In seinem Langfilmdebüt „Schrotten“ nimmt sich der Oscar-nominierte Max Zähle (Kurzfilm RAJU) einer ganz eigenen und traditionellen Kultur an: der des Schrottplatzes. Die Zukunft des Hofes steht auf dem Spiel, die Investoren kreisen wie Aasgeier über ihm – außerdem hat Mirko Talhammer einen ganz eigenen Plan; er muss dringend an Geld kommen. Schrotten ist ab dem 5. Mai in den Kinos!

Geflohen

Erster Absatz_Pressefoto_c_PortAuPrincePicturesMirko Talhammer (Lukas Gregorowicz)lebt in einer lieblos eingerichteten Wohnung in der Innenstadt und trägt einen langweiligen Anzug. Er ist davon überzeugt, dass er Karriere gemacht hat und vollkommen zufrieden mit seinem Leben ist. Der alleinstehende Mann ohne Kinder oder einem Haustier ist der Starverkäufer seiner Versicherungsagentur. Leider hat er sich verzockt und soll einen Berg Schulden begleichen, sonst droht ihm der berufliche Ruin. Zwei schmuddelige Männer betreten die Firma und wollen zu Mirko, der sie sofort aus dem Gebäude jagt. Sie stammen vom familiären Schrottplatz und haben schlechte Nachrichten dabei: Mirkos Vater, der Eigentümer des Hofes, ist gestorben. Taub für jegliche Informationen fängt sich Mirko kurzerhand eine Kopfnuss ein, die sich gewaschen hat und geht zu Boden. Gegen seinen Willen wacht er im Truck der Männer auf, der sich auf dem direkten Weg zum Schrottplatz befindet. Egal wie weit man sich von der Familie wegbewegt, sie holt einen immer wieder ein.

Ein heikler Plan

Zweiter Absatz_c_PortAuPrincePicturesFür die Talhammers, die in kleinen Häuschen oder Wohnwägen auf dem Hof leben, ist klar, dass Mirkos kleiner Bruder Letscho (Frederick Lau) den Schrottplatz weiterführen wird. Doch Schrott ist nicht mehr rentabel und das Recyclingunternehmen Wolfgang Kercher macht ein großzügiges Angebot, um den Platz zu erwerben. Das kommt für die Familie gar nicht in Frage, seit Generationen leben sie auf dem Hof. Mirko steckt in der Klemme: Einerseits möchte er einfach nur sein Maklerleben weiterführen und braucht dafür dringend Geld, das ihm sein Teil des Erbes verschaffen würde. Andererseits möchte er seine Familie nicht entwurzeln und findet sogar noch Gefallen an Luzi (Anna Bederke), einer Schweißerin auf dem Hof. Die Talhammers versichern Mirko, ihn auszahlen zu können, trotz der schlecht laufenden Geschäfte. Dieser kommt schlussendlich hinter den hirnrissigen Plan: Talhammers wollen 40 Tonnen Kupfer, einen gesamten Zugwagon, stehlen. Mirko, der als einziger studiert hat, kann nur den Kopf schütteln; die Planung ist vollkommen falsch, Parameter sind unzureichend berechnet und die Naivität der Bewohner sperrt Verbesserungsvorschläge. Der Plan ist zum Scheitern verurteilt und der Hof, samt Mirkos Erbe scheint verloren…

Ganz nett – mehr aber auch nicht

Dritter Absatz_c_PortAuPrincePictures„Schrotten“ ist ein leichtlebiger Film für zwischendurch. Nichts Großes und nichts Atemberaubendes – aber unterhaltsam. Der Kulturcrash innerhalb einer Familie ist gut inszeniert. Während Mirko dem heutigen Arbeiter und Karrieretyp entspricht, kommen die Talhammers etwas einfältig und minderintelligent daher. Es ist bei ihnen schon eine Leistung, einen Schulabschluss vorweisen zu können. Bei ihnen herrschen noch die Gesetze der Starken. Zwar entwickeln sich die Charaktere innerhalb des Filmes, doch den Stempel der „Hinterwäldler“ bekommen sie nicht los. Das riskante Spiel mit Vorurteilen glückt nicht, da Menschen aus Dörfern und Provinzen als „dumm“ dargestellt werden und nur mit der Hilfe Studierter Ziele, die außerhalb ihres Kenntnisgebietes liegen, bewältigen können. Wenn man diesen Aspekt nicht allzu ernst nimmt, macht das westernartige Schauspiel Spaß und ist ideal für einen Fernsehfilm.

Fotos: © Port Au Prince Pictures

CINELATINO – Wo, wenn nicht im Schwabenland?

Von Valerie Heck

Foto: Alexander Gonschior

Bei der Eröffnung des CINELATINO 2016 am 13. April begrüßten nicht nur die Festivalleitung, bestehend aus Paulo de Carvalho, Kathrin Frenz und Pola Hahn, die zahlreichen Besucher, sondern auch der mexikanische Konsul Dr. Horacio Aarón Saavedra Archundia. Er erzählte, dass er vom Präsidenten Enrique Peña Nieto bei dessen Staatsbesuch in Hamburg den Auftrag bekommen habe, einen Ort zu finden, wo die mexikanisch-deutsche Beziehung gestärkt werden konnte. Wo, wenn nicht im Schwabenland war die Antwort von Dr. Saavedra Archundia und so besuchte er das nun schon zum 23. Mal als CineLatino und zum 13. Mal als CineEspañol stattfindende Festival in Tübingen.

Mexiko zu Gast in Tübingen

Alex Gonschior 2Und tatsächlich stellte sich das Festival, das neben Tübingen auch in Stuttgart, Freiburg und Rottenburg zahlreiche Besucher anlockte, als sehr guter Ort für die Entwicklung einer Freundschaft zwischen der deutschen und der mexikanischen Kultur heraus, denn in diesem Jahr bildete Mexiko den Länderschwerpunkt. Nachdem bereits das dritte Mal in Folge der mexikanische Regisseur Alejandro G. Iñarritu einen Oscar gewann, wurde es Zeit, dass in Deutschland auch andere mexikanische Filmtalente in den Fokus rückten. Einer von ihnen ist der Regisseur Fernando Eimbcke, der mit seinem Film „Club sándwich“ das Festival besuchte und die Sources of Inspiration Lecture im Rahmen des Sources 2 Script Development Workshops hielt. Auch Cutter Omar Guzmán Castro alias Julia Pastrana kam extra aus Mexiko zu Besuch, um den Film „Navajazo“ vorzustellen. Dieser handelt von Prostituierten, Drogendealern und einem Pornofilmregisseur, die an der Grenze zu den USA ums Überleben kämpfen. Das Besondere an dem Film: Er zeigt das echte Leben von Menschen in Tijuana zwischen Obdachlosigkeit, Drogenabhängigkeit und Sexualität – schonungslos und brutal. Ein weiterer mexikanischer Film füllte nicht zuletzt wegen der Anwesenheit der Regisseurin Tatiana Huezo den Tübinger Kinosaal am Dienstagabend, den 19.04. In „Tempestad“ wird in beeindruckenden Bildern das Schicksal der „Pagadores“, die unschuldig des Menschenhandels beschuldigt wurden, beleuchtet.

Von Spanien bis Ecuador

Das diesjährige Festival zeichnete sich neben einem herausragendem Rahmenprogramm mit Open Festival Space in der Tübinger Innenstadt, einer Hommage an Frida Kahlo im Club Voltaire und der Vernissage zur Ausstellung „Streetart Colombia“ im Blauen Salon vor allen Dingen durch seine zahlreichen Gäste aus. Neben den bereits erwähnten mexikanischen Filmemachern waren zehn weitere Regisseure, Cutter, Produzenten und Experten aus dem spanischsprachigen Raum von Madrid bis Ecuador zu Besuch und bereicherten das Festival mit interessanten Publikumsgesprächen und guter Stimmung

Foto: Alexander Gonschior

Aus Spanien war unter anderem Regisseur Zoe Berriatúa mit dem Film „Los heróes del mal“ zu Gast. Beim Publikumsgespräch im Anschluss an die Filmvorführung ließ es sich der Spanier nicht nehmen, die spanische Filmförderung, die mit Bestechungen Zensur betreibe, zu kritisieren. Laut Berriatúa werden dort nur Filme unterstützt, die positiv ausgehen – eine Vorgabe, die er mit seinen Filmen nicht einhalten mag. Doch mit Álex de la Iglesia als Produzenten am Bord konnte er, nachdem er zehn Jahre am Drehbuch saß und kein Geld bekam, den Film doch noch verwirklichen. Ergebnis ist ein Film, der zum Nachdenken über den Ursprung von Gewalt anregt. Vom Sohn des Oscarpreisträgers Fernando Trueba wurde der Film „Los exiliados románticos“ gezeigt. Fast ohne Drehbuch gedreht, zeigt er besonders authentisch und realitätsnah, wie sich drei Freunde mit einem Bulli von Madrid auf den Weg nach Paris machen und dabei die ein oder andere romantische Begegnung haben. Der Festivalgast Ángel Santos stellte sein Werk „Las altas presiones“ vor – ein Film über verpasste Chancen und die lähmende Angst, vermeintlich falsche Schritte zu tun.

Beendet wurde das Festival am Mittwochabend, 20.04., mit dem spanischen Film „El apóstata“ von Federico Veiroj. Hauptdarsteller und Drehbuchautor Álvaro Ogalla war anwesend, um von den Dreharbeiten des Films, der sich um den Atheisten Gonzalo dreht, der mit Mitte dreißig noch keine großen Erfolge in seinem Leben verbuchen kann und beschließt mit dem Austritt aus der katholischen Kirche etwas zu ändern, zu berichten. Ein angemessener Abschluss für eine solch erfolgreiche und aufschlussreiche Festivalwoche.

Fotos: Alexander Gonschior

Die Dystopie in den Medien: eine Schlussbetrachtung

Von Antje Günther

Auch wenn das Thema der Dystopie noch viele andere Facetten aufweist, so ist es nun an der Zeit Lebewohl zu sagen. Die wichtigsten Erkenntnisse dieser Reihe werden hier noch einmal zusammengefasst und bilden den Abschluss dieses Ausflugs in die Welt der Dystopie.

Über Unterschiede und Gemeinsamkeiten: Die Genregeschichte

Artikel 11 (1)Im Verlauf der verschiedenen Artikel dieser Reihe wurden die unterschiedlichsten Facetten der Dystopie beleuchtet. Angefangen mit der grundlegenden Frage nach der Definition des Genres wurde die Dystopie zunächst von den verwandten Genres der Utopie und Anti-Utopie abgegrenzt und ihre zentralen Merkmale vorgestellt. Dabei stand insbesondere der Kampf des Einzelnen gegen das Regime und die Verbindung von System- und Gegennarrativ im Mittelpunkt. Darüber hinaus wurde in den ersten Artikeln die Genregeschichte der Dystopie behandelt. Obwohl noch ein recht junges Genre, so hat die Dystopie doch einige Veränderungen durchgemacht: Von Orwells 1984 bis hin zu aktuellen Young Adult Dystopien wurde ihre Entwicklung nachgezeichnet und die jeweiligen Themen und Formveränderungen diskutiert. Standen beispielsweise in den 30er Jahren vor allem Sozialismus und Technophobie im Mittelpunkt der Werke, so dominieren heute das „coming-of-age“ Narrativ und der Romantik-Subplot das Genre. Im Anschluss an diese Betrachtung der Genregeschichte, die insbesondere die Unterschiede zwischen den Epochen betonte, zeigte Artikel sechs, wie stark sich die Ausführungen der Dystopie dennoch ähnelten. Es konnten sechs Machtwerkzeuge identifiziert werden, die sich in vielen Werken widerfanden, darunter beispielsweise die Kontrolle von Sprache und Erinnerung oder die Abschottung des Territoriums nach außen.

Gesellschaftskritik und die Dystopie im Film

Der siebte Artikel dieser Reihe widmete sich dagegen dem kontroversen Thema, ob die Young Adult Dystopie überhaupt noch dem gesellschaftskritischen Anspruch des Genres entspricht. An ausgewählten Szenen des Filmes Divergent wurde aufgezeigt, dass auch die Young Adult Dystopie noch kritische Elemente enthält, auch wenn anderen Aspekten in der öffentlichen Diskussion um die Young Adult Dystopie mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Dieser Artikel bildete auch die Überleitung in die Welt des Films, wo die Dystopie ebenfalls prominent vertreten ist. Einige Höhepunkte des dystopischen Films wurden in den Artikeln acht und neun vorgestellt, darunter Science-Fiction Klassiker wie Metropolis und Blade Runner, aber auch neuere Werke wie Alfonso Cuaróns Children of Men (2006).

Der Boom der Dystopie

Artikel 11 (2)Nach diesem Ausflug in die Filmwelt kehrte der zehnte und letzte Artikel der Reihe zum literarischen Genre der Dystopie zurück und stellte die Frage, warum gerade heute die Dystopie unsere Bücherregale und Kinosäle wieder so sehr füllt. In Verbindung mit der Theorie der „Culture of Fear“ und dem crossover Phänomen in der Literatur wurde versucht, eine Antwort auf diese Frage zu geben und auch zu zeigen, warum es gerade die Young Adult Dystopie ist, die heute so boomt. Aufgrund ihres so wandelbaren Erscheinungsbildes kann sich die Dystopie immer wieder den aktuellen gesellschaftlichen Gegebenheiten anpassen und so ist zu vermuten, dass sie nicht nur heute, sondern auch in Zukunft ein wichtiges und interessantes Genre in Literatur und Film darstellen wird. Ihre Wandelbarkeit macht sie auch zu einem spannenden Untersuchungsobjekt in den Wissenschaften; insbesondere die Utopian/Dystopian Studies in der englischsprachigen Literatur- aber auch Kulturwissenschaft widmen sich ihr im Detail. Diese Reihe vermochte nur einen kurzen Einblick in dieses Feld zu geben und einzelne Ansätze aufzuzeigen, hat es aber hoffentlich dennoch geschafft, das Interesse an der (wissenschaftlichen) Untersuchung von Genreliteratur und insbesondere der Dystopie ein wenig zu wecken. Sie bietet ein abwechslungsreiches Forschungsfeld, welches sich weiter zu entdecken lohnt.

Fotos: flickr.com/Craig Duffy (CC BY-NC 2.0), flickr.com/Patrick Hoesly (CC BY 2.0), flickr.com/Roey Ahram (CC BY-NC-ND 2.0)


Alle Artikel dieser Reihe:

Wie man mit sechs Werkzeugen eine dystopische Gesellschaft erschafft

Pubertätsnöte und Regimekämpfe – Die Teenager erobern die Dystopie

Der Silberstreif am Horizont: Die kritische Dystopie

Das große Lied vom Scheitern

Von Unterdrückung und Gedankenkontrolle – Das Genre Dystopie

Big Brother is still watching you – Dystopie in den Medien

Die Young Adult Dystopie – nur noch Kitsch?

Die Dystopie auf der Leinwand (1)

Die Dystopie auf der Leinwand (2)

Der Reiz der Dystopie

Filmtipp: Das Tagebuch der Anne Frank

Von Maya Morlock

Hans Steinbichler (Regie) und Fred Breinersdorfer (Drehbuch) wagen sich an eine deutsche Verfilmung des Tagebuchs von der Jüdin Anne Frank. Durch die Veröffentlichung ihres Tagebuchs nach dem Krieg durch ihren Vater Otto (im Original: „Het Achterhuis“ – zu Deutsch „Das Hinterhaus“) wird Anne zu einem Symbol der Opfer des Holocausts. Die eindrucksvolle Geschichte der wohl berühmtesten Zeitzeugin erstaunt auch noch im Jahre 2015. Ab dem 3. März ist die hervorragende deutsche Produktion im Kino zu bewundern.

Samstag, 15. Juli 1944

Bild_057-0385„Das ist das Schwierige in dieser Zeit: Ideale, Träume, schöne Erwartungen kommen nicht auf, oder sie werden von der grauenhaften Wirklichkeit getroffen und vollständig zerstört. Es ist ein Wunder, dass ich nicht alle Erwartungen aufgegeben habe, denn sie scheinen absurd und unausführbar. Trotzdem halte ich an ihnen fest, trotz allem, weil ich noch immer an das Gute im Menschen glaube.

Es ist mir nun mal unmöglich, alles auf der Basis von Tod, Elend und Verwirrung aufzubauen. Ich sehe, wie die Welt langsam immer mehr in eine Wüste verwandelt wird, ich höre den anrollenden Donner immer lauter, der auch uns töten wird, ich fühle das Leid von Millionen Menschen mit. Und doch, wenn ich zum Himmel schaue, denke ich, dass sich alles wieder zum Guten wenden wird, dass auch diese Härte aufhören wird, dass wieder Ruhe und Frieden in die Weltordnung kommen werden.

Inzwischen muss ich meine Vorstellungen hochhalten, in den Zeiten, die kommen, sind die vielleicht doch noch auszuführen!“, schrieb Anne Frank 20 Tage bevor sie und die anderen Bewohner des Hinterhauses verraten und verhaftet wurden. Ende Februar/Anfang März 1945 stirbt sie an einer Krankheit im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Das Hinterhaus

Die jüdiBild_060-5304sche Familie flieht von Frankfurt nach Amsterdam, um dem Nationalsozialismus zu entkommen. Die jüngste Tochter Annelise Marie, genannt „Anne“, (Lea Van Acken) bekommt zu ihrem 13. Geburtstag ein Notizbuch geschenkt, welches sie in den folgenden zwei Jahren als Tagebuch nutzt. Denn nur kurz nach ihrem Ehrentag bricht auch in den Niederlanden Alarmstufe rot für alle Juden aus – es heißt fliehen oder einen sicheren Unterschlupf finden. Annes vorausschauender Vater (Ulrich Noethen) hat schon vor Wochen damit begonnen eine etwa 50 Quadratmeter große Wohnung in der Prinsengracht 263 (Haus seiner Firma) zu möblieren und den Eingang hinter einem großen Bücherregal zu verstecken. Dort leben die Franks (Anne, ihre große Schwester Margot, die Mutter Edith und der Vater Otto) mit einer weiteren jüdischen Familie (Peter, Petronella und Hans Van Daan) und dem einsamen Doktor Fritz Pfeffer über zwei Jahre auf engstem Raum. Die Wohnung dürfen sie nicht verlassen und die Fenster müssen stets geschlossen bleiben. Zwischen Bombenangriffen und misstrauischen Arbeitern, die hin und wieder meinen Geräusche gehört zu haben, leben die Bewohner des Hinterhauses in ständiger Angst. Doch auch ein Alltagsleben mit Streit, Trauer, Liebe und der großen Hoffnung auf das Kriegsende sind ständige Wegbegleiter.

Kitty – die beste Freundin

Bild_039-6196In dieser Zeit ist das Tagebuch Annes beste Freundin. Das eher in sich gekehrte Mädchen personifiziert es und fängt an Briefe an die „neue beste Freundin und engste Vertraute“ Kitty zu schreiben, in denen sie sich völlig öffnen kann. Dem Tagebuch (Kitty) vertraut sie ihre intimsten Gedanken, ihre scharfsinnigen Beobachtungen der Hausbewohner, ihre erschütterte Beziehung zu ihrer Mutter und ihre Träume für die Zukunft an. Schriftstellerin möchte sie werden – eine berühmte Schriftstellerin!

Unvergänglich – unvergessen

Bild_152-1022Dieser Film erzählt nichts Neues – das muss er aber auch nicht! Es gibt Lieder und Geschichten, die unvergänglich sind, die den Nerv der Zeit immer zu treffen scheinen. Die Persönlichkeit der Anne Frank, die durch die historische Überlieferung ihres Tagebuches weiterlebt, ist wohl ein Paradebeispiel. Auch wenn speziell diese Geschichte nicht neu ist, so spiegelt sie den allgegenwärtigen Fremdenhass wieder, der sich derzeit auch in unserer Generation verbreitet. Nun mag wohl so mancher genervt die Augenbrauchen Richtung decke ziehen und laut stöhnen: „Schön, ein weiterer Film, bei dem alle Welt mit erhobenem Finger auf den bösen, bösen Deutschen zeigt, so langsam ist aber auch mal gut! Diesen Zweiflern sei zu sagen, dass es dieser Film durch eine authentische Art schafft, ganz nah am Geschehen und an der Gedankenwelt der Anne Frank zu sein. Diese ist, wohl gemerkt trotz der Verbrechen der Nazis nicht voll mit Hass. Diese zwei Stunden sollen nicht verurteilen, vielmehr ist man daran interessiert das Leben im Hinterhaus zu rekonstruieren, den Zuschauer nah an der Situation, aber auch am klugen Geist eines jungen Mädchens, sein zu lassen. Die nachgebildete Wohnung samt der ganzen Utensilien aus dieser Zeit, die enge Anlehnung an die Buchvorlage, die Kleidung und Maske der Schauspieler und die überwältigend passende Musik tragen dazu bei, dass dieses Ziel geglückt ist.

Lea Van Acken

Bild_052-2822Merkt euch diesen Namen! – Lea Van Acken! Zunächst etwas verwirrt erkennt man nicht allzu viele Ähnlichkeiten zwischen ihr und der wahrhaftigen Anne Frank. Doch zu einem Großteil ist es ihre schauspielerische Darbietung, die diesem Film einen neuen Glanz verleiht. Die Wandlung vom unbeschwerten Kind, bis hin zu einer jungen Frau, die durch das tagtägliche Leid viel zu schnell erwachsen werden musste, bekommt Van Acken vortrefflich hin. Wenn sie lacht, so scheint sie tatsächlich unbeschwert, und wenn sie weint, dann kullern echt Tränen. Eine kindliche Stimme aus dem Off, die Tagbucheinträge vorliest, die tiefsinnig und voller Lebenserfahrung sind. Zeilen voller Beobachtungen aus ihrem mittlerweile kleinen Umfeld und Worte der Hoffnung. Und zuletzt ein markdurchdringender Blick des Gebrochen-Seins – die Gewissheit verloren zu haben. Zutiefst beeindruckt von der Leistung der gerade erst 16-jährigen Jungschauspielerin ziehe ich meinen Hut vor Lea Van Acken!

Fazit

Ohne Ausnahme ist dieser Film ein Muss. Fröhlichkeit, Anspruch, beste szenische Techniken, Ernsthaftigkeit. Ein Stoff, der einen ein paar Tage nicht mehr loslässt, da man der Anne Frank näher ist als zuvor. Ein imposantes Werk, das die Balance zwischen der Bewunderung und Wut über den Nationalsozialismus hält. Das tragische Ende ist nicht zu leugnen und ihr Gedenken macht die Verbrechen der Massenvernichtung keineswegs besser – es ist eine warnende Instanz, sowie das Festhalten an etwas Gutes. Nach dem Motto: „Es ist schön, eine solch kluges und tapferes Mädchen gekannt zu haben“.

„Trotzdem halte ich an ihnen fest, trotz allem, weil ich noch immer an das Gute im Menschen glaube“, schrieb Anne kurz vor ihrer Verhaftung. Wenn eine junge Frau, der so viel Leid angetan wurde das kann, so sollte so manch anderer tief in sich gehen und darüber nachdenken, ob er das nicht auch kann!

Fotos: © 2015 Zeitsprung Pictures, AVE & Universal Pictures Productions

And the Oscar goes to…

Es ist nun schon Tradition, dass unsere Redakteure ihre Oscar-Favoriten präsentieren. Auch dieses Jahr waren Jasmin und Marius bereit sich dieser Aufgabe zu stellen und ihre Tipps abzugeben.

Wie immer gilt: Wer am häufigsten danebenliegt, muss zur Strafe den schlechtesten Film 2015 anschauen. Diese Wahl überlassen wir wieder dem Komitee der Goldenen Himbeere. Diese ernennen traditionell am Vorabend der Oscars ihre Favoriten in schlechtester Leistung.

Jasmin M. Gerst Marius Lang

Favorit

© 2015 Twentieth Century Fox

© 2015 Twentieth Century Fox

Der diesjährige Favorit ist keine Überraschung. Mit zwölf Nominierungen steht THE REVENANT von Alejandro G. Iñárritu ganz oben auf der Liste, dicht gefolgt von Mad Max mit zehn und DER MARSIANER – RETTET MARK WATNEY mit sieben Nominierungen. Ich war unter anderem noch von Spotlight richtig begeistert, der sich mit dem leider immer noch aktuellen Thema des Kindesmissbrauchs unter katholischen Priestern auseinandersetzt – ein sehr ehrlicher und bewegender Film.

Dennoch wird THE REVENANT der große Abräumer des Abends werden: Sowohl bei den Golden Globes als auch beim British Academy Film Award konnte er viele Nominierungen in Auszeichnungen verwandeln.

 Puffer

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© 2016 Warner Bros. Entertainment Inc.

© 2016 Warner Bros. Entertainment Inc.

Nachdem Alejandro González Iñárritu bereits im letzten Jahr groß abräumen konnte, und unter anderem die Preise als bester Regisseur und für den besten Film mit nach Hause genommen hat, gilt sein neuer Film THE REVENANT auch in diesem Jahr und mit 13 Nominierungen als einer der großen Favoriten des Abends. Der packende Rachewestern im verschneiten Ödland überzeugt durch starke Darstellungen und fantastische Bilder. Dicht auf den Fersen sind ihm Ridley Scotts erster guter Film seit Jahren, THE MARTIAN und mein persönlicher Favorit des Abends und meines Erachtens nach der beste Film des Jahres, MAD MAX: FURY ROAD, mit jeweils sieben, respektive zehn Nominierungen. Beides Sci-Fi-Filme mit verschiedenen Herangehensweisen, einmal als optimistischer Weltraumeroberungsfilm und einmal als grelle Postapokalypse. Alle drei Filme können sich gute Aussichten auf die technischen wie auch die ganz großen Kategorien machen.

Generell sind fast alle Filme, die nominiert sind, nicht zu verachten. gerade in der wichtigsten Kategorie könnte es doch noch eine Überraschung geben, wenn beispielsweise THE BIG SHORT oder SPOTLIGHT die begehrteste STATUE abholen. Ich meinerseits drücke MAD MAX die Daumen etwas fester als den anderen Filmen.

 

Verlierer

© 2015 20th Century of Fox

© 2015 20th Century of Fox

Wie auch schon letztes Jahr sind unter den nominierten Schauspielern nur Weiße und unter den Regisseuren keine Frau. Aus diesen Gründen musste die Academy erneut viel Kritik bereits nach der Bekanntgabe der Nominierungen einstecken.

Es dürfte also spannend werden, da deshalb einige Prominente den Oscars fernbleiben wollen. Darunter zum Beispiel Will Smith, der mit seinem Film ERSCHÜTTERNDE WAHRHEIT nicht ein einziges Mal nominiert wurde. Haben sie vielleicht deshalb Chris Rock mit der Moderation beauftragt?

Und nun zum Wesentlichen: Mit ganzen zehn Nominierungen startet der Actionfilm MAD MAX: FURY ROAD von George Miller. Für mich ein paar Nominierungen zu viel, SPOTLIGHT oder ROOM hätten dafür ein paar mehr verdient. Für MAD MAX: FURY ROAD, aber auch für DER MARSIANER – RETTET MARK WATNEY wird es schwer werden, da die Konkurrenz meines Erachtens einfach zu groß ist.

 

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© Universal Pictures

© Universal Pictures

Alle Jahre wieder und bereits im Vorjahr kritisiert ist der große Verlierer leider erneut die Diversität in den nominierten Filmen. Großartige Filme, die eine deutlich diverseres Team hatten, wie etwa der brillante BEASTS OF NO NATION sind gar nicht oder nur in geringerem Maße nominiert. Unter den Schauspielern und Regisseuren ist nicht ein einziger Schwarzer und in letzterem Fall auch keine Frau zu finden. Die Sache ist symptomatisch für die Academy, die zum Großteil aus alten, weißen Männern besteht. Viele afroamerikanische Gäste wollen nun die Verleihung boykottieren.

Wirklich schräg ist allerdings, dass einige große, afroamerikanische Filme des Jahres zwar nominiert sind, aber nur in den Kategorien in denen die Preisträger dann weiß wären. CREED, ein Meisterwerk schaffte es tatsächlich nur eine Nominierung zu erhalten, für Sylvester Stallone, als Nebendarsteller und die beiden nominierten Drehbuchautoren von STRAIGHT OUTTA COMPTON sind, Überraschung, auch weiß.

Ungeachtet dieses schweren Fauxpas der Academy werden wohl auch einige der großen Filme des letzten Jahres leer ausgehen. THE DANISH GIRL hat zwar ein wichtiges Thema, geht daran jedoch wieder auf völlig klischeehafte Weise heran und ist auch sonst kein guter Film. Verdientermaßen wird es hier keine Preise geben. Auch BRIDGE OF SPIES, Stephen Spielbergs Spionagethriller, macht sich Hoffnungen auf die großen Kategorien, wird dabei jedoch wohl auch leer ausgehen.

 

Missachtet

Mir blutet das Herz, wenn ich die wenigen Nominierungen bei CAROL (6) oder THE DANISH GIRL (4) sehe. Beide Filme sind wirklich genial: schauspielerische Leistung, Kamera, Kostüme und Szenenbild. Für die so prüde Academy ein bisschen zu viel Sexualität auf einmal, wie es mir scheint. Dennoch sehr sehenswerte Filme mit ausgezeichneten Schauspielern. Diese Entscheidung der Academy wirft zudem kein besseres Licht auf die kommende Verleihung.

 

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Ganz klar, einer meiner liebsten Filme des Jahres, CREED, wurde völlig missachtet, mit Ausnahme von Stallone als bestem Nebendarsteller gab es keine Nominierungen und in den wichtigen Kategorien hätte er fast immer eine verdient gehabt. Ryan Coogler hätte durchaus als bester Regisseur neben den anderen genannt werden müssen und Michael B. Jordan wäre meines Erachtens die einzige ernstzunehmende Konkurrenz im Feld des besten Darstellers gewesen. Auch der Harte Thriller SICARIO hätte seinen Platz in den großen Kategorien verdient gehabt und auch Schauspieler Idris Elba hätte für seine gewaltige Darstellung in BEASTS OF NO NATION eigentlich in einer der Darsteller-Kategorien Beachtung finden müssen.

Bester Film

THE REVENANT räumte schon bei den bisherigen Verleihungen ordentlich ab und das auch verdient. Großartiger und mitreißender Film, der nicht nur die Nominierung sondern auch den Oscar verdient hat. Nicht nur visuell überragend, sondern auch überzeugend gespielt – für mich ein gelungenes Westen-Drama!

Hoch im Kurs stehen bei mir außerdem noch ROOM und SPOTLIGHT – die beide sehr aktuelle Themen behandeln und mich in ihren Bann ziehen konnten. Gegen THE REVENANT werden sie sich allerdings nicht durchsetzen können.

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Kurioserweise ist dies die Kategorie, in der man noch am ehesten überrascht werden könnte. Der brutale Western THE REVENANT gilt als die wahrscheinlichste Wahl, doch auch alle anderen Filme haben ihre Anhänger und Chancen. Einzig BROOKLYN scheint, als eher langweilige, zu sichere Alternative ganz aus dem Spiel zu sein. Da fragt es sich eher, warum dieser Film überhaupt in dieser Kategorie zur Debatte steht. Eine Möglichkeit ist, dass sich THE REVENANT und MAD MAX: FURY ROAD die Kategorien als bester Film und beste Regie teilen. Hierbei muss ich allerdings mit meinem Herzen gehen und als besten Film MAD MAX in den Raum stellen, einen der kompromisslosesten und härtesten Filme seit langem. Allerdings würde ich mich auch für die anderen nominierten Filme freuen.

Beste Regie

© 2015 Twentieth Century Fox

© 2015 Twentieth Century Fox

Wow, Alejandro G. Iñárritu haut schon wieder einen Film mit phänomenalen Kritiken raus. Letztes Jahr gewann er vier Oscars mit BIRDMAN und auch dieses Jahr hat der mexikanische Regisseur gute Chancen. Iñárritu überzeugt mit seiner technischen Affinität zur Kamera und hat meiner Meinung nach auch die Academy ein weiteres Mal überzeugt. Er schafft es, dem Zuschauer die Natur in einer Weise zu zeigen, dass man sich wie mittendrin fühlt und mitleidet.

Wie bereits erwähnt ist THE REVENANT visuell einfach nur genial und kaum zu toppen, deshalb auch ein verdienter Oscar an Alejandro G. Iñárritu.

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Flickr.com/Eva Rinaldi (CC BY-SA 2.0)

Flickr.com/Eva Rinaldi (CC BY-SA 2.0)

Auch hier ist das Rennen eng. Adam McKay liefert seine bisher beste Arbeit mit THE BIG SHORT, ein Film über Finanzkrise und einen Haufen unsympathischen Typen, die darin Gewinne machen und auch Lenny Abrahamson konnte mit ROOM eine solide Arbeit einreichen, wenngleich auch eine furchtbar deprimierende. Doch auch hier sind die Favoriten Alejandro González Iñárritu für THE REVENANT und George Miller für MAD MAX: FURY ROAD. Einziger ernsthafter Konkurrent ist hierbei wohl Tom McCarthy, der mit SPOTLIGHT einen der besten Filme des Jahres lieferte, eine packende Geschichte um Journalisten, die tiefgehenden Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche von Boston aufdecken. Auch hier wäre der Preis gegönnt. Doch wie zuvor muss ich auch dieses Mal mit meinem Herzen gehen und fordern, dass George Miller den Oscar mit nach Hause nehmen darf.

Bester Haupt-/Nebendarsteller

© 2016 Twentieth Century Fox Film Corporation

© 2016 Twentieth Century Fox Film Corporation

Obwohl es für Leonardo DiCaprio bereits die vierte Nominierung ist, blieb der Platz für die goldene Trophäe auf seinem Kaminsims bisher leer. Aber mit seinem neusten Film THE REVENANT hat das Warten meiner Meinung nach nun ein Ende. Für diese schauspielerische Leistung muss er ihn einfach bekommen – ich habe ihm mit ihm gelitten und mit ihm gekämpft und diese harte Arbeit sollte endlich mal belohnt werden. Er hat sich mal wieder selbst übertroffen und wieder einmal alles aus sich rausgeholt! Grandios!

Auch Tom Hardy hat einen guten Job in THE REVENANT gemacht, aber für ihn wird es eng werden. Mark Ruffalo (SPOTLIGHT) und Mark Rylance (BRIDGE OF SPIES) kämpfen unter anderem gegen ihn an. Dennoch denke ich, dass Mark Rylance in seiner Rolle in BRIDGE OF SPIES das Rennen machen wird. Dieser war nämlich so gut, dass er Tom Hanks fast die Show gestohlen hat!

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© 2016 Warner Bros. Entertainment Inc.

Die Kategorie des besten Hauptdarstellers ist vermutlich die, die mich am unzufriedensten gestimmt hat, da weder Michael Fassbender noch Eddie Redmayne (der überschätzteste Schauspieler der vergangenen Jahre) hier zu Recht stehen. Stattdessen fehlt vor allem Michael B. Jordan, der in dem fabelhaften Sportdrama CREED so grandios spielte, hier völlig. Wie dem allerdings auch sei, dieses Jahr ist es soweit. Leonardo DiCaprio nimmt seinen Oscar für THE REVENANT nach Hause und verdient diesen auch. In der Rolle des Trappers Hugh Glass lieferte DiCaprio eine der besten Darstellungen seiner Laufbahn ab und der Preis für eine derartige Leistung kann nicht mehr lange warten lassen.

In der Kategorie des besten Nebendarstellers sind auch in diesem Jahr wieder eine Reihe großer Leistungen vertreten. Am meisten stechen jedoch Tom Hardy, wiederum für THE REVENANT, und Sylvester Stallone für seine bislang beste Filmleistung in CREED heraus. Hier tritt Stallone erneut in die Rolle des alten Boxers Rocky Balboa der den Sohn eines alten Freundes trainiert. Eine fantastische Leistung und mein Favorit in dieser Kategorie.

Beste Haupt-/Nebendarstellerin

© Universal Pictures Room

© Universal Pictures Room

Mit ihrer Leistung in ROOM hat Brie Larson viele überrascht. Sie spielt eine junge Mutter, die gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn festgehalten wird und dann versuchen sie zusammen zu fliehen. Die Romanverfilmung basiert auf dem Fall Fritzl, der seine eigene Tochter jahrelang im Keller gefangen hielt. Als Vorbereitung auf ihre Rolle soll sich Larson für einen Monat abgeschottet haben. Für dieses Engagement und ihre überzeugende Leistung ist sie für mich die Siegerin dieser Kategorie.

Bei den weiblichen Nebendarstellerinnen wird es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Kate Winslet in STEVE JOBS und Alicia Vikander in THE DANISH GIRL werden.

Vikander spielt an der Seite von Eddie Redmayne die Frau des transsexuellen Malers Einar Wegener. Sie zeigt uns die Welt einer starken Frau in den zwanziger Jahren. Jeder der den Film gesehen hat, wird mir zustimmen, dass Alicia Vikander absolut beeindruckt hat – mit einem schauspielerisch hervorragenden und gefühlvollen Drama.

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© Wilson Webb  DCM

© Wilson Webb DCM

Einer meiner liebsten Filme des letzten Jahres, CAROL, handelte von einer Liebe zwischen zwei Frauen. Allerdings nicht auf die klischeehafte „Oh, die sind homosexuell und deswegen ist ihr Leben schwer“-Art, die Hollywood so oft darstellt, sondern ganz normal als gefühlvolle Liebesgeschichte zwischen zwei liebenswerten Menschen, die zufällig beide Frauen sind. Dieser Film hatte zwei Hauptdarstellerinnen. Nur eine davon ist allerdings hier als Hauptdarstellerin nominiert. Cate Blanchett wird diesen Preis auch mit nach Hause nehmen, allerdings hätte auch ihr Gegenpart, gespielt von Rooney Mara in dieser Kategorie nominiert werden sollen. Denn so ist die einzige ernsthafte Konkurrenz für Blanchett Brie Larson, aus ROOM, wo sie eine Mutter spielt, die mit ihrem Kind nach jahrelanger Gefangenschaft endlich in die Freiheit kommt.

Rooney Mara hat es in dieser Kategorie leider schwer, auch wenn ich mich sehr freuen würde, wenn sie hier den Preis gewinnen würde. Doch der Favorit ist ganz klar Jennifer Jason Leigh als die Gefangene Daisy Domergue in THE HATEFUL EIGHT. Leigh spielte sich die Seele aus dem Leib und wird wohl auch dafür ihren Preis erhalten. Erneut ist hier THE DANISH GIRL nominiert, diesmal vertreten durch Alicia Vikander und erneut völlig unverdient. Allerdings wird somit das Feld der Konkurrenz ausgedünnt für Leigh und Mara.

Vorschaubild: flickr.com/lincolnblues (CC BY-NC-ND 2.0)