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Sommerlöcher noch und nöcher

von Nicolai Busch

Es ist Sommer. Frau Merkel wandert durch Südtirol, Minister Rösler planscht mit den Kindern ausgelassen an der Ostsee und Claudia Roth genießt im grünen Badeanzug türkische Sonnenuntergänge.  Sommer, das ist die Zeit, da die Hauptdarsteller dieses Landes ruhen und all die Nebendarsteller die einmalige Chance bekommen, die ganz große Spur zu fahren und zur nie vergessenen Rampensau zu mutieren. Wenn alles Pause macht, braucht es Leute in den Medien, die mal ganz dick aufdrehen, die laut, lustig, einzigartig unanstrengend und bereit sind, dem Volk zu zeigen wie der Hase nämlich eigentlich läuft. Und es braucht Leute, wie Claudia Obert, die einfach auch dabei sein wollen.

Frau Obert ist reich und im Fernsehen

Die Selfmade-Millionärin Claudia Obert soll den Fernsehzuschauern mal sagen, wie das denn so ist, wenn man reich ist. Deshalb (und nur deshalb!) sitzt Frau Obert an diesem Abend in einer Talkshow eines großen öffentlich-rechtlichen Senders. Sie trägt ein enges, rotes Kostüm, diamantenbesetzte Ohrringe und Armbänder, eine große Uhr und eine im Licht der Studioscheinwerfer glitzernde Halskette. Wer Frau Obert sieht, der versteht: Reich sein ist super! Wäre da nur nicht die auffällige Angewohnheit Frau Oberts Fragen der Moderatorin nicht sachlich und informativ, sondern im Sinne der eigenen Promotion zu beantworten. Würde Frau Oberts Auftreten doch nur nicht den Anschein vermitteln, Mathias Richling habe sich eine Perücke übergezogen und parodiere den Stereotypus ‚Deutsch- Neureich‘. Ja, hätte Frau Obert doch nur tatsächlich etwas zu sagen – dann könnte man sie auch ernst nehmen. Man würde ihr tatsächlich zuhören wollen und müsste sich das Grinsen nicht verkneifen, wenn die Unternehmerin in so einer ‚Bitte-nehmen-Sie-es-mir-nicht-böse-aber…‘- Körperhaltung angestrengt verharren und eine ihrer unpolitischen Stammtischthesen („Ich bin sowieso der Meinung, dass es in Deutschland keine Arbeitslosen gibt, nur Arbeitsscheue“) unkontrolliert in die endlosen Weiten der Talkshow-Galaxien katapultieren würde.

Dabei sein ist Alles

Claudia Obert ist eine von sechs Gästen bei Maischberger im Ersten. Eigentlich soll in der Sendung vom 21.August mit dem Titel „Der Millionär hat’s schwer. Reiche zur Kasse bitte!“ die Möglichkeit der Versteuerung von Spitzengehältern diskutiert werden, doch dazu kommt es nicht. Denn nach der Eigenpromo von Frau Obert, muss uns der Piraten-Politiker Johannes Ponader zunächst einmal ausführlich seine persönliche Weltsicht am Beispiel seines Lieblingskinderbuchs “Frederick“ erläutern. Das alles plus das linke Gerede von Frau Wagenknecht regt den Gründer der Drogeriekette Rossmann kurze Zeit später derart auf, weshalb er beginnt hysterisch rumzuschreien. Auch Herr Schneider möchte Herrn Köppel scheinbar gerne mal an die Gurgel springen.„Aber schauen Sie sich doch die Zahlen an“; kreischt es da plötzlich von rechts und links, bevor auch Maischberger resigniert und eingesteht: „Wir kommen hier nicht einen Punkt weiter“.

„Ich bin eine Mediensau“; sagt Reiner Calmund

Es ist Sommer und die irrwitzige Ziellosigkeit der Debatte bei Maischberger ist so riesig wie die Themenlosigkeit dieser Tage. Die politische Pause hat mal wieder ein tiefes, schwarzes Loch in die Agenda der Nachrichten- und Presseagenturen gerissen, indem alles verpufft und geräuschlos verhallt. Dieses Loch gilt es zu füllen. Koste es, was es wolle.
Nicht jeder stellt sich dabei so schlecht an, wie Frau Obert und Konsorten in der ARD. Drei Seiten und neunzehn Bilder, davon zwölf Portraits in albernen Posen widmet die ZEIT in der Printausgabe  Reiner Calmund. 160 Kilo schwer, 172 Zentimenter groß und 462 bisherige Beschäftigungen im Sinne der Selbstvermarktung hat der „Calli“ vorzuweisen.  Wie ein mit Helium gefüllter Ballon schwebt Calmund durch mediale Sphären, vorbei an der Buchstabensuppe aus Maischbergers Talkrunde, bis dass man ihn vom Himmel fischt, um höflich anzufragen, ob er sich denn als überdimensionaler Stopfen nicht mit viel Witz und rheinländischem Charme in das sommerliche, kreative Vakuum einer überregionalen Qualitätszeitung pressen könne. Wenn Aktualitäten fehlen, muss Altbekanntes eben reproduziert werden.

Die Krise in der Sommerkrise

Das Konzept geht auf. Der Leser fühlt sich unterhalten. Aus der Not geboren titelt der Spiegel in dieser Woche „Droge Zucker – Die gefährliche Sucht nach dem Süßen“, das politische Magazin Cicero preist aus welchem Anlass auch immer das TV-Phänomen Tatort und die gelangweilte Netzgemeinde lässt sich begeistern von einem alten Mann, der als politisches Maskottchen auf großer Bühne zu einem Stuhl spricht. „Krise hin, Krise her“; sagt Sandra Maischberger ganz zu Beginn einer Diskussion, der an diesem Abend so recht niemand folgen möchte. „Krise hin, Krise her“ – das ist nicht nur der nationale Subton dieses Sommers. „Krise hin, Krise her“ – das symbolisiert auch eine journalistische Substanz, die sich noch bis Ende September an südlichen Stränden sonnt und bis zur Rückkehr der deutschen Lobbyisten und Politiker all denjenigen das Sprachrohr vor die Nase streckt, die schon immer mal was sagen wollten.

Foto: flickr, doubleyou_em (CC BY-NC-ND 2.0) ; flickr, Helga Weber (CC BY-ND 2.0)

Innovation? Die BR Rundshow

von Nicolai Busch und Sebastian Luther

Es ist etwas faul im Staate Fernsehen. Die Quoten der Öffentlich-Rechtlichen sind rückläufig, gleichzeitig wird eine GEZ Pauschale beschlossen, die an Schröders Basta-Politikstil erinnert und viele auf die Palme bringt (media-bubble.de berichtete). Mittlerweile beklagen sich nicht nur Leute wie Roger Willemsen über Niveauverfall aller ortens, Innovationen Fehlanzeige. Tatsächlich? Aus dem sonst immer als konservativ gebrandmarkten Bayern kommt eine neue, progressive Sendung, deren Konzept Schule machen könnte. Könnte. media-bubble.de hat die Rundshow kritisch unter die Lupe genommen. Ein Gespräch zweier media-bubble.de-Autoren über die BR Rundshow, den Medienwandel und den Willen des Zuschauers.

Die BR Rundshow: Innovation oder sinnfreie Technikverliebtheit? 

Nicolai Busch (nb): Bevor wir in medias res gehen, klären wir doch am Besten, worum es in der Sendung geht, wie sie überhaupt aufgebaut ist.

Sebastian Luther (sl): Das Prinzip ist schnell erklärt. Die Rundshow ist eine Kombination aus verschiedenen Dingen. Es gibt Politik, Talk, ein bisschen Late-Night-Flair und vor allem Social-Media Elemente, die die Einbindung der User live ermöglichen sollen. Moderiert wird die Sendung von Daniel Fiene und Richard Gutjahr, mit Gastauftritten von Sascha Lobo ist noch zu rechnen. Während der etwa halbstündigen Sendung werden zu einem vorgegebenen Thema gleichsam Experten wie Ottonormalverbraucher befragt, die via Skype, Twitter, Facebook, E-Mail oder Telefon live zu Wort kommen. Insgesamt ein innovatives Konzept

nb: Wirklich so innovativ? Skype, Twitter und Facebook mag man zur Einbindung von Zuschauern im Fernsehen tatsächlich zuvor noch nicht verwendet haben. Der Versuch der Fusion von Web und TV ist aber ganz sicher so alt wie das Netz selbst. Man denke nur an Telefonzuschaltungen im Musikfernsehen, in Talkshows etc. Natürlich ist es heute die Regel, während des Fernsehens online zu sein. Den  wöchentlichen Tatort kann man heute im Sekundentakt auf Twitter verfolgen. Vielleicht ist die Rundshow eine Show für Menschen, die parallel zum TV online sind, was immer mehr zur Regel wird. Das ist nun wirklich innovativ.

sl: Eben! Ich möchte ja nur ungern Klischees bedienen, aber ausgerechnet aus Bayern kommt ein Format, dass maßgeschneidert sein soll, und zwar auf die Ansprüche von Rezipienten, Konsumenten oder Usern –  nenne es, wie du willst. Wie ist es denn um die Situation des Fernsehens bestellt? Schlecht. Seine Bedeutung als Infomedium nimmt immer weiter ab. Viele wollen nicht einfach nur von einem stark selektierten Angebot an Informationen abgespeist werden, sondern selbst auswählen, welche Angebote, aus welcher Quelle sie nutzen. Sie selektieren selbst, sie werden gar dazu gezwungen, weil ihnen das Web keine Wahl lässt. Von alleine passiert dort nichts, ich muss wissen, auf welche Seite ich gehen will und dort auswählen, welches Angebot ich mir genauer ansehe. Gleichzeitig tritt aber gewissermaßen ein Paradoxon auf. Denn auch das Web entfernt sich nämlich zunehmend von seinem Dasein als Pull-Medium und wird durch Live-Streams, Pop Up Banner und Ähnliches zum Push-Medium, drückt mir Informationen quasi rein.

„Die Zuschauer haben wirklich ‚Die Macht‘. Innovation!“

nb: Zurück zur Rundshow: Tatsächlich scheitert das Format doch an jenem von dir beschriebenen, paradoxen Informationsflusses des Web. Die Konvergenz von Push und Pull wird immer offensichtlicher. Die Vielzahl an Beiträgen im Web überfordert die weniger medienkompetenen Nutzer und Selektivität verkommt häufig zur seltenen Schlüsselqualifikation. Fast scheint es manchmal, als blende unsere Begeisterung über Innovationen des Web 2.0 über bestehende Möglichkeiten analoger Interaktivität hinweg. Während durch die technische Einbindung von Social Media die Interaktivität der Rezipienten in der Sendung vermeintlich gesteigert wird, verblassen Sinn, Zweck und Folgen dieser Interaktion beinahe vollständig. Im Lichte dieses Technikwahns bleiben prominente Interviewpartner, wie Stephane Hessel, völlig farblos, eine Diskussion scheint via Skype in diesem Falle kaum möglich. Tatsächlich hat es die Sendung auch bisher nicht geschafft, Skype, Twitter und andere digitale Nachrichten und Kommunikationsdienste einzubinden, ohne dass deren Funktion nicht auch durch das gute, alte Telefon bzw. die Zuschauer-E-mail hätte erfüllt werden können. Worin besteht also die einzigartige Partizipationsleistung des Zuschauers und Interviewpartners in dieser Sendung?

sl: Mit dieser Argumentation würde ein Dienst wie Skype allerdings völlig hinfällig werden. Worin bestünde denn dann noch der Vorteil darin, es ist ja nicht mal kostenlos, weil ich immer noch Anschlussgebühren zahlen muss. Offensichtlich sind wir Menschen doch von face-to-face Kommunikation, wenn auch nur per Web Cam, mehr begeistert, als von einer blechernen, mehr oder minder anonymen Stimme aus einem Lautsprecher. Um auf das Thema zurückzukommen: Es macht einen wesentlich persönlicheren, freundlicheren und vor allem menschlicheren Eindruck, wenn ich Interviewpartner überhaupt sehen kann, und zwar auch diejenigen, die nicht explizit in die Sendung gebeten wurden. Man gewährt solchen Gesprächspartnern also fast den gleichen Zugang zum Publikum wie dem eingeladenen Talk-Gast. Die von dir beschriebene Gruppe der „weniger medienkompetenten Nutzer“ ist außerdem nicht die Zielgruppe der rundshow, mal abgesehen davon, dass diese Gruppe auch immer kleiner wird. Rosamunde Pilcher Verfilmungen werden doch auch nicht für ein 18-24 jähriges Publikum produziert. Die Sendung hat Potential, sie lässt mehr Menschen zu Wort kommen und das auf einer demokratischen Ebene, wie sie vorher im Fernsehen noch nicht vorhanden war. Allein schon durch ihre App „Die Macht“! Auf ein Mal kann das Gesagte von allen Zuschauern live kommentiert werden, und nicht mehr nur durch den Applaus, bzw. dessen Ausbleiben, der Gäste im Studio. Die Zuschauer haben wirklich ‚Die Macht‘. Innovation!

 „Was will ich und was will ich nicht?“

nb: Nun, über den Begriff der „Medienkompetenz“ , sowie darüber, ob die Gruppe der weniger medienkompetenten Nutzer tatsächlich kleiner wird, ließe sich wirklich sehr ausgiebig streiten. Gerne möchte ich an dieser Stelle den Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger zitieren, der die grundlegenden Probleme sozialen Handelns, nämlich die der „Kontingenz“ und „Interdependenz“, also der Nicht-Berechenbarkeit und gegenseitigen Abhängigkeit, im Netz verschärft vertreten sieht. Die entscheidenden Fragen unserer Generation im Netz sind doch noch immer: Was will ich und was will ich nicht? Was wollen die Anderen und wie stimme ich mein Handeln mit den Andern ab? Nach Neuberger wächst mit der Zahl der Handlungsoptionen im Netz auch gleichsam das Misstrauen der Nutzer gegenüber den Erwartungen der Masse. Die Schwierigkeit im Umgang mit der Multioptionalität im Internet belegen uns Phänomene, wie jenes des inflationären Hypes, einer sekundenschnellen Überhitzung und Abkühlung der Inhalte.

sl: Du meinst also, wir brauchen Orientierung?

nb: Ja. Die Chance der Rundshow, denke ich, liegt deshalb darin, eine Orientierung zu schaffen, die zur Integration und nicht zur Fragmentierung der Inhalte im Netz beiträgt. Orientierung kann geschaffen werden, indem jene zu Wort kommen, die Ideen haben und nicht jene, die ausschließlich „empört“ sind. Orientierung kann die Sendung vor allem schaffen, indem sie die Partizipation ihrer Zuschauer nicht nur vorgaukelt, sondern tatsächlich praktiziert. Die Einbindung von Social Media darf nicht das Ventil verbildlichen, dass die Netzgemeinde regelmäßig ausrasten lässt, um sie dann wieder ruhig zu stellen. Die Innovation des Formats muss doch darin liegen, dem häufig orientierungslosen Diskurs des Internets eine Richtung zuzuweisen, um diesen erst dann mit Rezipienten sachlich, tiefgründig und interaktiv weiterführen zu können.

sl: In diesem Punkt gebe ich dir Recht. Man wird abwarten müssen, wie de Sendung angenommen wird und sich ein derartiges Konzept mittelfristig sogar etablieren kann. Insgesamt zeigt sich im Fernsehen ja ein Trend hin zur aktiveren Einbindung von Nutzern, bzw. Rezipienten, egal über welchen Kanal. Und für die Zukunft wünsche ich Gutjahr und Fiene auf jeden Fall alles Gute!

Kinderquatsch mit Dieter

von Alexander Karl

Es ist keine neue Idee, Kinder auf die Bühne zu stellen und süße Lieder singen zu lassen. Michael Schanze tat es 12 Jahre lang. Jetzt plant Dieter Bohlen eine DSDS-Kids-Version. Und prompt warnt der Deutsche Kinderschutzbund vor einer Teilnahme.

DSDS für Kids – so hart wie immer?

DSDS-Kids richtet sich an 4- bis 14 Jährige, die sich noch bis zum 31. März bewerben können – die erste Show läuft dann am 5. Mai. Bohlen selbst sagt zu dem Format: „Es gibt in unserer Show  nur Gewinner, keine Verlierer.“ Das wäre in der DSDS-Geschichte tatsächlich  neu. Immerhin ist der Juror bekannt für Sprüche wie „Ich habe nichts gehört, meine Ohren waren mit Kotzen beschäftigt“ oder „Du musst nicht traurig sein. Guck mal, Schweine können zum Beispiel nicht Stabhochspringen und sind deshalb auch nicht traurig“. Nicht unbedingt etwas, was man zu Kindern sagen sollte. Und natürlich jede Menge Tränen, wenn der große Traum vom Superstar zerplatzt. Ganz zu schweigen von den Demütigungen und Bloßstellungen, die mancher Kandidat über sich ergehen lassen musste. Auch deshalb rät der Deutsche Kinderschutzbund davon ab, sich bei DSDS-Kids zu bewerben. Aber in der Vergangenheit bewies Bohlen, dass er Kinder tatsächlich deutlich vorsichtiger behandelt, als die älteren Kandidaten. Von daher könnte man es ihm glauben, wenn er sagt: „Ich habe selber fünf Kinder. Ich werde sehr, sehr nett zu den Kindern in der Show sein. Ich werde sie alle wie meine eigenen behandeln.“ Viele Eltern scheinen davon überzeugt zu sein, dass Bohlen sein Wort hält. 2000 Eltern sollen sich bereits in den ersten 20 Stunden ihre Kinder angemeldet haben. Fraglich ist, ob dahinter tatsächlich die Lust der Kinder zum Singen oder der Profilierungswillen der Eltern steckt. Doch die Idee, dass Kinder im TV ihr Gesangtalent unter Beweis stellen, ist nicht neu.

Kinderquatsch

Von 1991 bis 2003 war es Michael Schanze, der mit seiner Sendung „Kinderquatsch mit Michael“ 4 bis 6-Jährige die Chance gab, im Fernsehen zu singen. Da war viel Spaß dabei, die Kinder durften erzählen, es war eben „Kinderquatsch“ und nicht DSDS. Natürlich hat sich das Format DSDS einen Namen durch die harte und pointierte Kritik von Bohlen gemacht, gespickt mit allerlei Schicksalsgeschichten, die RTL gerne auswälzte. Jüngstes Beispiel: Joey, den sein Vater als Kind angeblich umbringen wollte. Da besteht eine berechtigte Angst, dass es beim Kinder-Format nicht besser wird und nur Kinder aus zerrütteten Familien mit schweren Krankheiten auf die Bühne geholt werden.

Doch die Kritik daran, dass (Klein-)Kinder auf die Bühne geholt werden oder sie freiwillig betreten, sollte endlich verstummen: Bei „Kinderquatsch mit Michael“ oder „Wetten dass…?“ waren seit jeher junge Kandidaten vor der Kamera. Trotzdem hat der Medien Monitor recht, wenn er schreibt:

Eine Staffel Deutschland sucht den Superstar, in der nicht nur der eine Superstar gesucht wird, sondern alle wie versprochen die Gewinner sind, ist nicht „Deutschland sucht den Superstar“. Es wird Niederlagen geben, Tränen und Misserfolge, so viel steht fest. Und selbst die erfolgreichen Kids werden das helle Rampenlicht und seine Schattenseiten sicherlich nicht unversehrt überstehen.

Ja, die Kinder werden dadurch natürlich in die Öffentlichkeit gezogen, die zwar aktuell bei DSDS immer kleiner wird. Trotzdem besteht aber die Chance, dass Bohlen sein Wort hält und die Kinder nicht vorgeführt werden. Eben weil die Quoten des regulären DSDS fallen, könnte ein neuer und humanerer Anstrich dem Image der ganzen Sendung gut tun.

Übrigens: Wer „Kinderquatsch mit Michael“ nicht mehr kennt, kann hier einmal reinschauen.

Foto: flickr/ notsogoodphotography (CC BY 2.0)

Wissen und wissen lassen

von Alexander Karl

Fernsehen soll eigentlich nicht nur unterhalten, sondern auch Wissen vermitteln. Mittlerweile sind die Übergänge aber fließend: Willkommen in der Welt des boulevardisierten Wissens! Längst haben Programmformate wie „Galileo“ den Schritt gewagt. Und die Quoten geben ihnen recht.

Wissen light: Galileo

Wissen schaffend?

Dass das Fernsehen ein generell gutes Medium ist, um Wissen zu vermitteln, finden Elke Schlote und Claudia Maier: „… Fernsehen [eignet sich] mit der Vielzahl seiner Darstellungsmittel besonders gut für die Erklärung von wissenschaftlichen Zusammenhängen“. Aber wie kommen Wissensformate beim Zuschauer an? In einer Studie zum Rezeptionsverhalten wählten Schlote und Maier die Wissenschaftsmagazine „Galileo“, „Quarks & Co“ und „Mythbusters“ aus und befragten Rezipienten im Alter von 14 bis 16 Jahren. Über die Sendungen hieß es da etwa:

„HauptschülerInnen finden Mythbusters mindestens ebenso lehrreich wie Quarks & Co und besser verständlich, auch wegen des größeren Unterhaltungswerts. […] Galileo bleibt in seiner Serviceorientierung bei sehr konkreten Themen und kann so keinen fundierten Einblick liefern, wie die wissenschaftliche Beschäftigung mit komplexeren Fragestellungen funktioniert. Es wird von den Jugendlichen vor allem wegen seiner »Alltagstauglichkeit« geschätzt.“

Dieser Begriff der „Alltagstauglichkeit“ wird gerade bei Galileo in den letzten Jahren immer weiter gedreht: Manchmal wird aus der Wissens- eine Rankingshow, mit den „ungwöhnlichsten Fastfoodbuden„, dem „härtesten Feuerwerk der Welt“ oder den „Top 15-Sex-Mythen„. Ohne Zweifel: Auch hinter diesen (boulevardesken) Themen kann Wissen versteckt sein. Mit den 100-Sekunden versucht Galileo immer wieder, aktuelle Themen kurz und prägnant zu erklären und Antworten zu liefern – die Themen hierbei reichen von Wikipedia bis zum „Benzinwahnsinn„. Auch hier gilt: Ja, es sind relevante Themen, aber die Art der Aufmachung und die Thematisierung erinnert doch sehr an die (deutsche) Yellow Press. Und auch Galileos Fake-Check – vornehmlich wird dort die Echtheit von Internetvideos überprüft – ist eher Wissenschaft light als Wissen schaffend.

Die Kritik an Wissensformaten ist nicht neu. So sagte bereits 2006 der Medienkritiker Hans Hoff, dass es bald einen „Kater des Wissens“ geben werde. Auf der anderen Seite steht der Wissenschaftsjournalist Prof. Winfried Göpfert, der zwar einräumt, dass das „Fernsehen bei Bildung und Wissensvermittlung durchaus Grenzen“ habe – aber eben auch Türen öffnen kann. Er findet generell den „Boom von Wissens-TV sehr begrüßenswert“. Natürlich kann vermutet werden, dass die privaten Sender generell Wissen unterhaltsam aufbereiten müssen, um eine gute Quote einzufahren. Doch längst haben auch die öffentlich-rechtlichen Sender ihr Programm dem der Privaten angepasst: So wird etwa in der HR-Sendung „Alles Wissen“ getestet, wie man 24 Stunden ohne Strom auskommen kann. Oder „W wie Wissen“ fragt, ob Insekten die neue „Super-Mahlzeit“ sind. Wäre doch eigentlich auch ein Thema für Galileo, oder?

Wissen oder Unterhaltung?

Der Medien-Monitor beäugt Galileo äußerst kritisch. Da heißt es: „Und damit das nicht mit Galileo passiert, die Sendung am Ende nicht abgesetzt wird, muss es wohl krachen, muss es spannend sein. Das ist bedenklich und führt dazu, dass die Sendung kein Wissensmagazin mehr ist.“ Aber kann überhaupt noch zwischen Wissen und Unterhaltung unterschieden werden? Und macht diese Trennung überhaupt Sinn? Wer möchte einen wissenschaftlichen Bericht über den Proteingehalt von Heuschrecken sehen oder Statistiken zur Zusammensetzung des Benzinpreises, die an Uni-Texte erinnern? Wenn es in Tests, Checks und Selbstversuchen ein wenig menschelt, sinkt der wissenschaftliche Gehalt der Kernaussage nicht per se, nur der Rahmen wird verändert. Und das ist auch gut so. Denn die Versuchung der reinen Unterhaltung liegt meist nur einen Sendeplatz entfernt. Im Fall von Galileo sind es etwa „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ oder „Alles was zählt“. Und ein wenig buntes Wissen ist doch besser als gar keins. Oder?

 

Foto: Tita Totaltoll / photocase.com

Wie das Fernsehen sich selbst abschafft

von Alexander Karl

Nein, das Fernsehen wird nicht sterben. Aber es siecht langsam dahin. Wer ist Schuld daran? Das Internet? Oder doch die Menschen, die es verpasst haben, das Internet als Chance und nicht als Fluch zu sehen?

Der Patient: Lage kritisch

„Der Zuschauer darf seine Regierung wählen, also auch sein Fernsehprogramm.  Ich wundere mich auch hin und wieder über die Wahl, aber der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler.“ Dieses knackige Zitat stammt von Ex-RTL-Chef Helmut Thoma und bedeutet salopp gesagt: Ich selbst muss mein Programm nicht mögen, aber der Zuschauer. Über Jahre hinweg funktionierte das – gerade bei RTL – erstaunlich gut. Doch der Fernsehkonsument von heute ist verwöhnt. Er weiß, was er sehen will. Er hat da irgendwo auf YouTube was gesehen oder bei Facebook von gehört, vielleicht sogar bei Streaming-Plattformen geschaut. Doch das lineare TV – ohne Zeitversetzung, ohne eigene Programmplanung – ermöglicht es dem Fernsehzuschauer nicht, selbst zu wählen. Ja, er kann zappen. Aber manchmal ist das die Wahl zwischen Pest und Cholera. Um es mit Thoma zu sagen: Schon längst lechzt der Fisch nicht nur nach irgendeinem Wurm, sondern nach seinem individuellen Lieblingswurm. Und der wird ihm vom Angler einfach nicht angeboten.

Der Branchendienst DWDL.de hat eine Vielzahl von Punkten zusammengefasst, bei denen es im Fernsehen krankt: Mutlosigkeit, der Blick auf Marktanalysen und ins Ausland (was übrigens an den Buchmarkt erinnert). Innovation? Nein, danke. Jüngstes Beispiel: „Gottschalk live“. Der große Entertainer erreicht mittlerweile nur noch knapp 1,2 Millionen Zuschauer. Die Reaktion: Raus aus Facebook, raus mit der Redaktion, rein mit dem Live-Publikum und einem Sidekick. DWDL.de führt die Absurdität der Fernsehbranche vor Augen:

Mehrere TV-Produzenten geben ihre in Deutschland entwickelten Ideen inzwischen im Zweifel an ihre britischen Mutterhäuser ab, die diese dann umsetzen. Und mit dem Label des „erfolgreichen britischen Formats“ kauft es dann schon irgendwann jemand in Deutschland.

Ja, natürlich gibt es auch die berühmte Ausnahme – in diesem Fall Danni Lowinsky. Die erfolgreiche Comedy-Serie schaffte den Sprung in die USA. Aber wie gesagt: Ein Einzelfall. Denn ansonsten ist das deutsche Fernsehen eine große Version von „stern TV„: eine „Wundertüte“ mit „Tiere, Kinder, Kochen.“ Gut, die Kinder findet man mittlerweile primär bei der „Super Nanny“ (in Zukunft wohl ohne Katja Saalfrank) oder in den zahllosen Scripted Reality-Formaten. Tiere werden gefühlt weniger, während das Kochen immer beliebter wird. Bestes Beispiel: Das perfekte Dinner  – noch immer ein Quotenhit.

Was tun?

Nach dem Rieplschen Gesetz wird das Fernsehen nicht sterben. Es ist wahrscheinlich, dass noch immer Menschen fernsehen wollen, genauso, wie es Tageszeitungsleser oder Buchkonsumenten geben wird. Aber sollte man nicht vielleicht trotzdem versuchen, dem Medium einen letzten Dienst zu erweisen und es zu retten versuchen?

Die Schritte dazu wären gar nicht mal so schwer: Eine Überlegung wäre die Möglichkeit des interaktiven Fernsehens. Beispielsweise die Möglichkeit, dargestellte Produkte sofort kaufen zu können. Etwa Carrie Bradshaws Kleider oder Manolo Blahniks. Oder ein wenig mehr Kreativität zu wagen! Jüngst kauften US-Sender zehn israelische Serien ein – weil sie frisch und kreativ waren. Es sind nämlich nicht immer nur die amerikanischen Studios, denen die glorreichen Ideen zufliegen. Bekannte Beispiele sind etwa die Adaption von „The Voice“ aus den Niederlanden oder „Queer as Folk“ aus England.

Und natürlich  – endlich! – den Weg ins Internet zu finden. Ich möchte die Nachrichten – egal auf welchem Sender – online sehen können, sobald sie im TV ausgestrahlt werden. Nicht nur entweder im Livestream oder eine Stunde später. Ich möchte in Deutschland ein ähnliches Programm wie hulu.com haben, in dem ich legal alle aktuellen Serien schauen kann. Denn die deutsche Streaming-Mentalität liegt oftmals daran, dass es die einzige Chance ist, die gewünschte Serie im Internet zu schauen. Und bis die gemeinsame Mediathek von RTL und ProSieben-Sat1 kommt, wird es anscheinend noch dauern.

Das sind die Würmer, die mir als Fisch schmecken. Aber die Angler weigern sich beharrlich, mich damit zu ködern.

Foto: flickr/Funky64 (www.lucarossato.com) (CC BY-NC-ND 2.0),  photocase.com/ Tita Totaltoll

Fußball ade! Der neue Trend Headis.

von Bartosz Bujar, Julian Engelhard, Malik Danjo

Literatur im Fernsehen? Unsexy!

von Alexander Karl

Literatur gibt es im Fersehen (fast) nicht mehr. Das ‚Literarische Quartett‚ ist seit über zehn Jahren Geschichte und doch vor allem Dank Marcel Reich-Ranicki als die Literatursendung schlechthin präsent. Aktuell gibt es zwar ‚Das blaue Sofa‚ im ZDF und eine Hand voll anderer Angebote in der ARD – aber wer schaut die schon? Sie laufen am späten Abend und sprechen eine Zielgruppe an, die sowieso schon liest und dazu nicht unbedingt animiert werden muss. Trotzdem sind die Quoten schlecht. Passen Bücher und Fernsehen einfach nicht zusammen?

Bücher im Fernsehen – zwei Welten?

Wenn man nicht gerade zielsicher die Literatursendungen einschaltet oder plötzlich bei ihnen aufwacht, bekommt der  Otto-Normal-Verbraucher von Literatur im Fernsehen nichts mit. Gerade bei den Privaten spielt Literatur keine Rolle, außer, wenn Philipp Lahm ein Buch schreibt und darüber bei Stern-TV berichtet wird. Aber auch die Öffentlich-Rechtlichen lassen die Buchkultur – außerhalb ihrer im Sendeplan integrierten halben Stunde – nur selten aufblitzen. Etwa dann, wenn Johannes B. Kerner oder andere „Talkmaster“ prominente Gäste wie Eva Hermann begrüßen und über ihre (Skandal-)Bücher sprechen. Das war’s.

Aber warum findet man so selten Literatur im Fernsehen? Die FAZ sagt, das Fernsehen sei einfach kein Medium für die Literatur:

Doch das eigentliche Problem liegt woanders. In vielen Redaktionen herrscht Ratlosigkeit, wie man so grundverschiedenen Medien wie Literatur und Fernsehen am besten zusammenbringt. Welches Konzept könnte formal und inhaltlich Programmmacher, Zuschauer und Branchenkenner gleichermaßen überzeugen? Gesprächsrunden oder Magazin-Beiträge? Verrisse oder Empfehlungen? Lesungen oder Homestorys?

Fakt ist: Eine Castingshow kann man mit Literatur (leider) nur schwerlich machen. Bücher zu schreiben ist ein langwieriger Prozess, den man nicht in ‚DSDS‘- oder ‚Germany’s next Topmodel‘-gleiche Formate packen könnte. Und auch beim ‚Supertalent‘ wird wohl demnächst kein Schriftsteller gewinnen – was soll er denn auch tun? Sich beim Schreiben zuschauen lassen? Vorlesen? Es wäre wohl die etwas andere Castingshow, aber wohl auch eine, die es nie geben wird.

Buchclub 2.0

Oprah engagiert sich nicht nur für Bücher, sondern wie hier auch in der Politik.

Was also tun? Ein Vorschlag wird in dem gleichen FAZ-Artikel zwar genannt, aber sofort in der Luft zerrissen: Ein Buchclub à la Oprah Winfrey.  Oprah Winfrey ist in den USA in etwa Thomas Gottschalk, Günther Jauch und Stefan Raab in einer Person. Sie hat Macht. Sie hat Geld. Und ein Herz für Literatur. Mache sprechen sogar von einem Oprah-Effekt. Die FAZ aber meint:

Eines jedoch steht fest: Ein Remake von „Oprah’s Bookclub“, in der die Moderatorin das Buch ihrer Wahl in 9Live-Pose in die Kamera hält und zum kollektiven Download aufs Kindle aufruft, wird es in Deutschland nicht geben. So verzweifelt sind wir hier dann doch noch nicht.

Warum denn nicht? Bücher sind eine Ware. Waren müssen angepriesen werden. Und gerade Bücher! Sie vermitteln Kultur und Wissen. Und doch gibt es viele, die nie „Verblendung“ oder „Der Herr der Ringe“ lesen würden – gibt es ja als Film. Ein Buchclub der Marke Oprah würde Deutschland zumindest nicht schaden. Tatsächlich könnte man das, was ‚Gottschalk live‘ derzeit versucht, prima mit Büchern machen: Die Vernetzung zwischen Sendung und Zuschauer. Vor der Sendung könnte man Auszüge des Buches bei Facebook online stellen, den Autor in die Sendung einladen und ihm die Fragen der Zuschauer stellen. Oder ihm sagen, was den Leuten nicht gefällt. Und darüber diskutieren. Oder sie eine Szene des Buches nachdrehen lassen, umschreiben, vertonen und den Zuschauer so vollkommen einbinden. Die Möglichkeiten wären unbegrenzt.

Bücher sind nicht unsexy und auch nicht per se fernsehresistent. Es kommt nur darauf an, wie man sie zur Schau stellt. Und auf welchem Sendeplatz sie laufen. Aber vielleicht wird ja bald wieder einer in der ARD frei. Zumindest montags bis donnerstags kurz vor der Tagesschau. Außer, Gottschalk modelt die Sendung zu einem Oprah-ähnlichen Buchclub um. Unwahrscheinlich, das die Quoten dadurch noch schlechter werden.

Foto: Sophie Kröher, flickr/Kelly Ida Scope (CC BY-NC-SA 2.0)

Was Hollywood versäumt hat

von Alexander Karl

Die Traumfabrik produziert weiterhin Erfolge: So spielten US-Filme im Jahr 2010 insgesamt 23,6 Milliarden Dollar ein, auch dank der neuen 3D-Technologie. Mit verantwortlich dafür sind auch die Sequels, die vor allem im Jahr 2011 wieder viele Fans in die Kinos lockten: Der letzte Teil der Harry Potter–Saga zog fast 6,5 Millionen Deutsche ins Kino, andere Fortsetzung von Twilight über Hangover bis Fluch der Karibik waren ebenfalls Zuschauermagneten. Doch die Zahl derer, die diese Filme auch außerhalb des Kinos gesehen haben, liegt wohl deutlich höher – dem Internet sei Dank. Mit Streaming-Portalen wird das Bett zum bequemen Kinosessel, ohne Werbung und natürlich ohne Kosten. Und daran ist Hollywood größtenteils selbst schuld.

Anachronismen in Zeiten der digitalen Revolution

Die Filmindustrie hat das Internet verschlafen. Zwar nutzt sie es, um den Kinofan mit Werbung zu bombardieren und Trailer auf YouTube zu stellen, doch ein richtiges Filmangebot gibt es nicht. Stattdessen erinnert die Verwertungskette der Filmindustrie an eine Zeit vor dem Internet: Wenn man kein Kinoticket kaufen wollte, musste man warten, bis der Film im Fernsehen lief oder ihn auf Video kaufen. Heute steht – meist noch am Tag der Veröffentlichung – der Film schon längst auf diversen Plattformen online.

Ein Beispiel: Der aktuelle Filmhit Ziemlich beste Freunde erscheint erst am 7. September 2012 auf DVD. Das ist in sieben Monaten. Bis dahin wird der Film millionenfach online – und umsonst – angesehen werden.

Die Unterhaltungsindustrie versucht nun mittels SOPA und Co. die Online-Piraterie einzuschränken. Dabei wäre der sinnvollere Weg, endlich Filme legal online zur Verfügung zu stellen. Wie das gehen kann, zeigt ein Blick auf die Musikbranche: Die Tauschbörsen wurden als Grund für den Niedergang der Musikindustrie angesehen und wären es schlussendlich wohl auch geworden, hätte sich Apple nicht ein Herz gefasst und mit iTunes allen Usern die Möglichkeit gegeben, Musik legal und einfach herunterladen zu können. Denn ohne Zweifel gibt es im Netz eine Gratiskultur, doch wie die Musikindustrie erkannt hat, sind User bereit, Geld für (guten) Conent zu bezahlen – man muss ihn nur anbieten.

Wie einst die Musiktauschbörsen sind die Streaming und Downloadportale nicht das Grundübel der Unterhaltungsindustrie, sondern die Symptome für die verpassten Chancen. Würde es die Möglichkeit geben, aktuelle Kinofilme auch online zu schauen, würden viele User dafür auch Geld ausgeben – daran besteht kein Zweifel. Und jene, die immer noch einen physischen Gegenstand haben wollen, werden auch Geld dafür ausgeben. Dies sieht auch Andreas Busche, Autor des Freitag, so: „Diejenigen, die es immer noch vorziehen, ein fertiges Produkt in den Händen zu halten, wird auch dies nicht abschrecken, viele von ihnen übrigens auch nicht, nachdem sie den Film bereits illegal aus dem Netz gezogen haben.“

Innovation? Fehlanzeige.

Selbst der sonst so innovative Online-Shop Amazon setzt mit Lovefilm.de auf eine ziemlich altertümliche Variante: So können Filme physisch – also als DVD oder Blu-ray – ausgeliehen werden, die dann mit der Post hin- und hergeschickt werden. Der Video on Demand-Bereich ist noch ziemlich klein, zu finden sind hier natürlich keine aktuellen Kinofilme, sondern solche, die bereits auf DVD erschienen sind. Wahrscheinlich würde Amazon das gerne anders haben – für mehr Umsatz würde es definitiv sorgen.

Also: Muss erst wieder Apple mit seiner Interpretation des Fernsehens an die Türen der Film- und Serienmacher rütteln um die Revolution voranzutreiben? Immerhin: Bei Serien entwickelt sich langsam aber sicher ein Verständnis für die Online-Kultur. Die deutschen Erfolgsserie Danni Lowinski kann man sofort nach der TV-Ausstrahlung online schauen, die US-Serie Sons of Anarchy lief legal bei MyVideo, bevor sie im Laufe des Jahres bei Sat.1 oder ProSieben laufen soll. Und auch in den USA haben die legalen Serienangebote Hulu und Netflix weiterhin gute Umsätze – leider kann man sie nicht von Deutschland aus nutzen. Es ist an der Zeit, dass auch Hollywood endlich die Online-Welt für sich entdeckt – und das nicht nur in Sachen Marketing.

Foto: flickr/sugu (CC BY-NC-ND 2.0); Sophie Kröher

Fernsehen über sich selbst: „Fatal!“

von Sanja Döttling

Sie toben, sie lästern – und ganz oft geben sie einfach jede Hoffnung auf.  Das Fernsehprogramm der Bundesrepublik sorgt nicht nur bei den Zuschauern, sondern auch bei Fernsehmachern für Verzweiflung.

„Warum verdächtigen Sie mich genau?“ fragt der Atomlobby-Vorsitzende. „Weil das den Zuschauern gefällt“, erwidert die Kommissarin trocken. Kurz darauf, Verhörraum. „Blödsinn! Ich kanns gar nicht gewesen sein!“, ruft der Verdächtige. „Wieso?“ fragt die Kommissarin, und er darauf: „Weil wir erst in der Mitte des Tatorts sind.“

Fernsehen über Fernsehen

Walulis sieht fern – und lässt und Glücklicherweise mitschauen. Gerade: Tatort in 123 Sekunden. In zwei Minuten ein Möchtegern-Tatort, der überraschend genau an das Original herankommt: mit „verkrampftem Sozialkritischen Einschlag“, Product Palcement Produktionshilfe und leeren Requisiten.

Walulis macht Satire über Fernsehen. Im Fernsehen. Wie die Medien selbst, so auch ihre Wissenschaft: Die Medien- und Kommunikationswissenschaften reden ebenfalls gerne über sich selbst. Das nennen Wissenschaftler Autologieproblem und bedeutet „Kommunikation über Kommunikation“. Was im Einführungswerk trockentheoretische Schachtelsätze sind, wird im Fernsehen über Fernsehen zu Unterhaltung, für die man sich hinterher nicht zu Schämen braucht.

Walulis, der Mann mit dem zungenbrecherischen Namen, ist Fernsehmacher – aber irgendwie auch Medienwissenschaftler. Denn er prüft, analysiert und seziert seinen Berufstand ganz genau. Damit folgt er Sendungen wie Switch (reloaded) und Kalkofes Mattscheibe, die schon seit Mitte der 90er dem täglichen Fernsehwahnsinn auf die Finger klopfen. Was neu ist bei Walulis ist die Verbindung von Sketch-Einlagen, die Sendungen gekonnt auf die Spitze treiben, und spaßigen, gleichzeitig aber interessanten Antworten auf die Frage: „Warum?“ Warum, zum Beispiel, schauen wir Hartz IV-TV schlechte Dokuserien, deren Wirklichkeitsgehalt man stark bezweifeln kann? Walulis gibt uns den Grund: Die Abwärtsversicherung. Wir wollen sehen,  dass andere Menschen ärmer, schussliger und dümmer sind als wir selbst.

Die Sketche brechen gerne die sogenannte Vierte Wand, das heißt, dass sich die Figuren ihrer Fiktionalität bewusst werden. Im Fake-Tatort unterhalten sich die flennende Kommissarin und der verraffte Kommissar über Charakterzeichung im Film: „Ich weiß, es bringt die Handlung nicht voran“, sagt sie, schniefend. „Außerdem nimmt es die Spannung raus“, mault er. Und sie: „Is aber wichtig für die Bindung an den Zuschauer.“ Und so sagt die Moderatorin in der von Walulis und Co. gedrehten, satirischen Dokusoap „Landwirt sucht Liebe“: „Es geht lediglich darum, sich an minderbemittelten Menschen zu ergötzen und – Quote natürlich.“

Die Medienkritik kam aber nicht mit Scripted Reality ins Fernsehen, sondern ist so alt wie die Massenmedien selbst. Bertolt Brecht warnte in Bezug auf das Radio schon vor 70 Jahren: „Man hatte plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich überlegte, nichts zu sagen.“

Medienkritik – aber lustig

So unterhaltsam wie mit Walulis, Mattscheibe und Switch ist Medienkritik selten. Witz ist nichts, was es im deutschen Fernsehen zu viel gibt. Wenn Witz und Kritik zusammenkommen, schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe. Philipp Walulis sagt das der Süddeutschen so: „Ich will die Leute unterhalten und ihnen nebenbei ein bisschen Kritik unterjubeln. Nichts ist schrecklicher, als aktiv belehrt zu werden, mit erhobenem Zeigefinger. Eine Sendung muss Spaß machen, sonst bleibt keiner dran.“

Das lehrt uns zweierlei: Erstens: Die Deutschen sind ganz und gar nicht humorlos. Und Zweitens: Der stereotype, dumme Zuschauer ist nicht so weit verbreitet, wie große Fernsehstudios annehmen. Denn wie sonst lassen sich 300,000 Aufrufe des Tatort-Clips und im Schnitt 14 Prozent Marktanteil, also fast zwei Millionen Zuschauer bei der werberelevanten Zielgruppe, für switch reloaded erklären?

Denn satirische Fernsehsendungen, wie switch reloaded machen furchtbares Fernsehen wieder unterhaltsam, denn es gibt auch im Altbekannten viel Neues zu entdecken: Die FAZ schreibt : „Die Hingabe ihrer Macher an das von vielen verachtete, gegen seinen Bedeutungsverlust kämpfende Fernsehen hat durchaus etwas Altmodisches: Sie schauen so genau hin wie sonst fast niemand mehr.“ Denn ja: Fernsehen kann Spaß machen. Nur ernst nehmen sollte man das Programm nicht. Wem bei Diskussionen über den Zuckergehalt von Bioprodukten dennoch die Haare zu Berge stehen, der kann sich an den Kindermoderator Peter Lustig halten, der die beste Lösung für Fernseh-Probleme hatte: „Abschalten„.

Foto: flickr/Thomas Hawk (CC BY-NC 2.0)

Regenbogenbuntes TV

von Alexander Karl

Bei ‚Bauer sucht Frau‘ finden sich zwei Männer,‘X-Diaries‘ wartet mit schwulen Protagonisten auf und nicht zu vergessen die ‚Lindenstraße‘, die Homosexualität im TV salonfähig machte. Und natürlich all die US-amerikanischen Serien, die in Deutschland laufen – etwa ‚Desperate Housewives‘ oder ‚Six feet under‘. Kurz: Im deutschen TV sind homosexuelle Charaktere allgegenwärtig. Aber führt diese Konfrontation auch zu mehr Toleranz? Kann man ein medienwissenschaftliches Modell heranziehen?

Homosexualität im Bewegtbild

Wenn man sich die Entwicklung von homosexuellen Inhalten in Film und Fernsehen näher ansehen will, kommt man natürlich nicht an Hollywood vorbei. Doch gerade in den Staaten war es zunächst problematisch, nicht-heterosexuelle Charaktere darzustellen. Als der Film laufen lernte, kam Homosexuellen zumeist nur eine Rolle zu: Sie dienten als komisches Element, als etwas, über das man sich amüsieren konnte. Der Motion Picture Production Code verbot sogar ab 1934 explizit die Darstellung von Homosexualität, bis er 1968 von dem noch heute existenten Rating System abgelöst wurde. Mit dem Aufkommen der sexuellen Revolution und Pornographie Mitte der Siebziger Jahre setzte eine Art Gegenströmung zur vorherrschenden heteronormativen Ansicht ein, bis mit dem Ausbruch von AIDS, welches bei den ersten Patienten noch GRID (Gay-related immune deficiency) hieß, ein erneuter Tiefpunkt erreicht wurde. Erst 1993 griff Hollywood das Thema in dem Film ‚Philadelphia‘ auf . Eine ähnliche Entwicklung wie der Film nahm auch das amerikanische Fernsehprogramm. Homosexualität spielte selten eine Rolle, erst mit Beginn der 1990-Jahre eroberten Homosexuelle auch das TV. So gab es etwa bereits bei ‚Xena‘ [1995-2001] einen homosexuellen Subtext. 1997 war es Ellen DeGeneres, die sich und ihre Serienrolle gleichermaßen in der Show ‚Ellen‘ [1994-1998] outete, aber bereits 1998 wieder den Bildschirm verließ.

Mit der Comedyserie ‚Will&Grace‚, die im US-Fernsehen auf NBC lief, wurde ein neues Kapitel in der Geschichte der Gleichstellung aufgeschlagen: Erstmals nahmen ein schwuler Charakter (Will) und seine beste Freundin (Grace) die Rolle der Protagonisten im Mainstream-Programm ein. Darüber urteilten Battles und Hilton-Morrow: “This increased visibility is, for some, a sign of society’s growing acceptance of the gay community”. Ferner sagen sie: “[…] we will argue that Will & Grace makes the topic of homosexuality more palatable to a large, mainstream television audience by situating it within safe and familiar popular culture conventions, particularly those of the situation comedy genre.” Dies rührt beispielsweise auch daher, dass der Charakter des Will eben kein Stereotyp ist, sondern stattdessen durch seine optische Heterosexualität vermeintlich unangreifbar ist . Mit Beginn der 2000-Jahre tauchten homosexuelle Charaktere in fast allen bedeutenden TV-Serien auf: Von ‚Sex and the City‘ bis ‚Six feet under‘ oder ‚Desperate Housewives‚  sind überall schwule, lesbische oder bisexuelle Charaktere vertreten. Aktuell stellt die glaad-Studie, die das Auftauchen homosexueller Charaktere im Fernsehen untersucht, daher fest: „The study shows that LGBT representations will account for 3.9% of all scripted series regular characters in the 2010-2011 broadcast television schedule, up from 3% in 2009, 2.6% in 2008, and 1.1% in 2007. The number of regular LGBT characters on cable has also increased following a two year decline, up to 35 from a count of 25 last year.“

Selbstbild und Toleranz

Homosexuelle – und speziell Schwule – sehen sich aber in den Serien nicht treffend dargestellt. Hier muss wohl – wie so oft – differenziert werden. Während die schwulen Charaktere in ‚Desperate Housewives‘ und ‚Sex and the City‘ durchaus sehr sterotyp und tuckig sind und wie ein Paradiesvogel daher kommen, entsprechen sie in ‚Six feet under‘ einem eher heterosexuellen Männerbild.

Doch woher kommt nun diese häufigere Darstellung von Homosexuellen? Ein medienwissenschaftlicher Ansatz wäre die Verstärkerhypothese von Klapper, die besagt, dass die Medien eine Einstellung zu einem Thema nicht verändern, aber verstärken können. Dies würde bedeuten, dass die gesellschaftliche Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben nicht durch das TV entstanden ist, sondern die Medien die Akzeptanz nur verstärken – auch, in dem sie versuchen, die Wirklichkeit abzubilden.

Führt man sich noch einmal Battles und Hilton-Morrows These vor Augen, die besagt: “This increased visibility is, for some, a sign of society’s growing acceptance of the gay community” spricht dies für eine Verstärkerhypothese. Die Medien bestätigen quasi den gesellschaftlichen Wandel. Auf der anderen Seite sagen sie aber: “[…] we will argue that Will & Grace makes the topic of homosexuality more palatable to a large, mainstream television audience by situating it within safe and familiar popular culture conventions, particularly those of the situation comedy genre.” Dadurch also, dass viele Menschen mit Schwulen und Lesben – in dem vermeintlichen ’sicheren‘ Umfeld einer Comedy-Serie –  konfrontiert werden, entsteht Akzeptanz. Dies könnte man als eine Form der Meinungsführerschaft sehen, in der die Senderchefs die Meinungsführer sind und die Zuschauer die Höhrigen.

Andere Ansätzen – etwa das Stimulus-Response-Modell – sind wohl weniger zielführend, denn nur, weil man Homosexuelle im TV sieht, findet man sie nicht sympathisch oder wird selbst schwul. Und wieder einmal stellt sich das auch von Merten beschriebene Problem der Wirkungsforschung: Es ist ziemlich schwer, kausale Zusammenhänge eindeutig zu identifizieren. Doch manche gläubigen US-Amerikaner jedoch sehen dort einen Zusammenhang, der ziemlich stark an das stimulus-response-Modell erinnert…

 

Foto: flickr/incurable_hippie (CC BY-NC 2.0)