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Schnee drüber in Russland?

von Alexander Karl

Nach den Duma-Wahlen im Dezember kochte Russland. Proteste in Moskau, Aufrufe bei Facebook und die Frage, ob man Putin tatsächlich stürzen kann. Doch mittlerweile ist in Russland wieder Ruhe eingekehrt. War’s das schon mit der nächsten Online-Revolution?

Russland formiert sich online

Egal, ob es „russischer Winter“ als Anspielung auf den „arabischen Frühling“ genannt wurde oder doch „Schneerevolution“ – gemeint sind die Proteste gegen die One-Man-Show Putin und das von ihm geschaffene System. Der Ex-KGB-Agent will sich am 4. März wieder zum Präsident wählen lassen. Dieses Amt hatte er 2000 bis 2008 bereits inne, danach war er vier Jahre Premier. Schon längst werden dafür wieder die Weichen gestellt, etwa mit der Duma-Wahl am 4. Dezember, bei der offensichtlich die Ergebnisse gefälscht wurden. Die Folge: Massenproteste in Moskau, die sich mit Facebook und Co. formieren konnten. Bereits Anfang Dezember melden sich fast 30.000 Russen zur Demo in Moskau an – über Facebook, versteht sich. Und auch der amtierende russische Präsident Dmitri Medwedew musste feststellen, wie sich die Online-Welt plötzlich gegen ihn wendet. So kommentierten über zweitausend Facebook-User seine Aussage, die Wahlmanipulationen würden untersucht werden, kritisch bis höhnisch. Via YouTube verbreiteten sich schnell die Bilder der Proteste. Und als der bekannte russische Blogger Alexey Navalny inhaftiert und zwei Wochen später wieder freigelassen wurde, ging es durch die Medien, ebenso die Forderung Gorbatschows, Putin möge abdanken. Und als an Weihnachten geschätzte 100.000 Russen in Moskau demonstrierten, roch es nach Revolution.

Ruhe vor dem Sturm?

Doch das war letztes Jahr. Seit den Weihnachtsprotesten ist es ruhiger geworden um Russland, die Demonstrationen und Putin-Gegner. Diese Abstinenz ist selbst gewählt. So berichtet RP Online:

„Derweil haben die Kremlgegner beschlossen, eine Protestpause einzulegen. Weil in Russland das öffentliche Leben mit dem Jahreswechsel und dem russisch-orthodoxen Weihnachtsfest in der ersten Januarhälfte praktisch zum Erliegen kommt, soll die nächste Demonstration erst wieder im Februar stattfinden.“

Gleichzeitig fehlt der Protestbewegung ein klares Ziel vor Augen. Sie demostrieren gegen die Wahlfälschung, wollen freie Wahlen. Aber soll Putin weg? Soll Russland komplett auf den Kopf gestellt werden? Einige wollen das, andere nicht. So schreibt Dmitry Yagodin für den Blog Hyperland:

„Es scheint, als wäre die Mehrheit der Protestierenden mit einer Untersuchung der Wahlmanipulation und einer Revision des Ergebnisses zufrieden zu stellen – trotz vereinzelter “Russland ohne Putin”-Rufe. Der von vielen Medien gerne herbeigeführte Vergleich mit dem arabischen Frühling ist den Russen selbst jedoch nicht genehm: “Ich will keine Revolutionen”, war Rustem Adagamovs Antwort auf einen der Kommentare in seinem Blog. “Keiner der vernünftigen Leute will dies.”“

Und genau das weiß auch Putin, wenn er höhnt: „Was die für ein Problem haben? Es gibt kein einheitliches Programm, keine klare Zielsetzung und keine Leute, die irgendetwas Konkretes tun könnten.“

Demonstrationen, Proteste und Revolutionen brauchen ein Ziel – bestenfalls ein einheitliches mit Alpha-Tieren, die die Richtung vorgeben. Doch bisher dienten die Proteste vor allem dazu, um die Missstände der Wahl aufzuzeigen. Dafür sind Facebook und Co. ein gutes Mittel. Doch wie soll es nun weitergehen? Geben sich die Russen mit Versprechungen zufrieden? Vielleicht. Doch die Probe auf’s Exempel folgt im März, wenn Putin erneut zum Präsident gewählt wird. Daran zweifeln wohl nicht einmal die Demonstranten.

Foto: Flickr/ photo.maru (CC BY-NC-ND 2.0)

Revolution Online

von Sandra Fuhrmann

Die Helden von heute brauchen keine Schwerter mehr. Ihnen reichen abgegriffene Computertastaturen, ein kleines Zimmer und eine Dose Club-Mate. Sie heißen nicht mehr Marcus, sondern Stephan Urbach oder Alaa Abdel Fattah und das Forum Romanum unserer modernen Gesellschaft trägt die Namen YouTube, Facebook oder Twitter.

Facebook, Smartphones und der Wandel im politischen Machtverhältnis

Das Internet öffnet im Bereich der politischen Meinungsbildung und des öffentliches Diskurses Möglichkeiten, von denen wir vor einigen Jahren nicht einmal zu träumen gewagt hätten. Hinzu kommen immer neue Kommunikationstechnologien, wie beispielsweise das Smartphone, die die Internetnutzung noch flexibler und unabhängiger vom jeweiligen Standort machen. Doch reden wir nicht über Diskussion – reden wir über Revolution.

Der Arabische Frühling ist ein Paradebeispiel dafür, wie durch das Internet politische Umwälzungen nicht nur für die Weltöffentlichkeit sichtbar gemacht, sondern auch gesteuert werden können. Sowohl für den Sturz des tunesischen Präsidenten Ben Ali als auch für den von Ägyptens Präsident Mubarak wurden im Nachhinein soziale Netzwerke, allen voran Facebook, mit verantwortlich gemacht. Auch Syriens Präsident Assad hat Grund zu bangen. Erst kürzlich verhängte er ein landesweites Verbot für das iPhone von Apple. Der ausschlaggebende Grund war schätzungsweise die rasche weltweite Verbreitung von Bildern und Videos der Demonstrationen.

Ein Land verschwindet

Freie Meinungsäußerung, Anonymität, schnelle Informationsverbreitung und offene Diskussionen – welches Gefahrenpotenzial das Internet für die Regierung eines totalitären Regimes darstellt, wurde auch von den Machthabern der betroffenen Länder schnell erkannt. Am 25. Januar 2011, dem „Tag des Zorns“, begannen die Aufstände in Ägypten.  Zwei Tage später sah man dann, dass man nichts sah. „Wie Ägypten aus dem Internet verschwand“ titelte der Spiegel Online in seiner Ausgabe vom 28. Januar. Die ägyptischen Provider schalteten auf Anweisung von Mubaraks Regierung hin die Netze und Verbindungen ab. Das radikale Gelingen dieser Aktion gilt als einmalig in der Geschichte.

Ähnliches ereignete sich auch in anderen Staaten. So zum Beispiel in Libyen, das nur durch eine einzige Unterseekabel-Station mit dem Rest der Welt vernetzt ist. Oder im Iran, der schon im Juni 2009, nach der Wiederwahl von Präsident Mahmud Ahmadinedschad, bewiesen hatte, dass er zu entsprechenden Maßnahmen in der Lage ist und im August 2011 erneut mit Drohungen aufwartete. Zu einer erneuten Abschaltung kam es in diesem Fall nicht – und das aus gutem Grund.

Eine Verzweiflungstat

Vielleicht hatte Ahmadinedschad aus Mubaraks Erfahrungen gelernt. Der hatte sich mit dieser gegen sein Volk gerichteten Spitze gleichzeitig ein Loch in den eigenen Geldbeutel gerissen. Die mehrtägige Abschaltung kostet Ägypten 90 Millionen US-Dollar, was in etwa 3-4% des Bruttoinlandsprodukts entspricht. Diese Summen sind Beweis genug, dass die Abtrennung des Internets als eine Verzweiflungstat der Regierung gewertet werden darf, was zeigt, wie ernst Social- Media-Plattformen als Ort der politischen Meinungsbildung und  –verbreitung genommen werden müssen.

Der Held mit der Haartolle

Aber wie genau kann nun eigentlich eine Bedrohung aussehen, deren Abwehr sich ein Staat nicht nur eine enorme Summe an Geld, sondern auch das Vertrauen ausländischer Investoren kosten lässt? Im Fall von Stephan Urbach trägt die Bedrohung eine blaue Haartolle und eine eckige Hornbrille. Ende des vergangenen Jahres arbeitete Urbach noch als angestellter beim Online-Unternehmen AOL. Heute ist er Aktivist des Netzwerks Telecomix, das eine lose Verbindung aus Computerfreaks unterschiedlichster Nationalitäten darstellt. An seinem Einsatzort in einem WG-Zimmer in Berlin hört Urbach keine Schüsse fallen, doch trotzdem ist er mitten im Geschehen. Er kann selbst nicht verhaftet werden, doch er weiß, dass durch einen Fehler von ihm, in Libyen eventuell Leute inhaftiert oder gefoltert werden. Wie ist das möglich?

Hacker von  Organisationen wie Telecomix, Tor oder Ushahidi haben es sich zur Aufgabe gemacht dafür zu sorgen, dass Blogger in betroffenen Ländern untereinander vernetzt bleiben und ihre Nachrichten an die Öffentlichkeit gelangen. Gleichzeitig geben die Aktivisten wertvolles Wissen, beispielsweise über das anonyme Hochladen von Dateien, wie  Videos, Bildern und Texten, oder das Hacken von Regierungsservern, an die Rebellen weiter.

Ein Ping-Pong-Spiel

Die im Netz stattfindenden Kämpfe zwischen Regierungsvertretern und Aktivisten sind schwerlich noch als virtuell zu bezeichnen. Vergleichen könnte man diese Kämpfe zuweilen mit einem Ping-Pong-Spiel. Der Ball fliegt hin und her. Inhalte werden im Minutentakt gelöscht und wieder ersetzt, verfälscht und wieder korrigiert.

Im Spiel des ägyptischen Regimes gegen das U-Shahid Projekt ging der Punkt eindeutig an die Aktivisten. Ziel des Projekts war es gewesen, auf einer Internetseite die Bevölkerung über die Manipulationen der Wahl durch Regierungsvertreter auf dem Laufenden zu halten. Um der Nationalen Sicherheitsbehörde den Eindruck zu vermitteln, sie hätte Kontrolle über das Projekt U-Shahid, wurde den Staatsvertretern von den Aktivisten ein eigenes Passwort für die Plattform U-Shahid ausgehändigt. Dieses Passwort aber ermöglichte es den Aktivisten die Aktivitäten der Behörde zu verfolgen und diesen entgegenzuwirken, bis die Anhänger von Mubaraks Regime schließlich aufgaben.

Allgegenwärtig und global

Dafür jedoch, dass sich durch die Verbreitung des Internets und moderner Kommunikationstechnologien auch an der globalen Situation der Politik etwas geändert hat, braucht es längst keine Beweise mehr. Die Diskussion über das Thema ist allgegenwärtig. Genau wie die Angst vieler Staatsoberhäupter vor diesem Netz, dass sich über die alten Machtverhältnisse zu spannen und diese in Frage zu stellen scheint. Eine Angst, die nicht allein die Regime vieler arabischer Staaten betrifft.  Anlässlich des Tages der Internetzensur wurde von Reporter ohne Grenzen ein Bericht veröffentlicht. Darin heißt es, dass 2009 weltweit 60 Staaten das Internet zensiert hatten und nie zuvor so viele Blogger, Internetnutzer und Dissidenten in Haft saßen. Allein in China sind es 72 Inhaftierungen. Abschaltungen und Zensuren sind meist mit einem nicht geringen technischen und  finanziellen Aufwand verbunden.

Letztendlich zeigt sich in diesen Maßnahmen lediglich eine gewisse Machtlosigkeit der Machthaber. Denn was sind 72 Inhaftierte bei einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden und einer rasant steigenden Anzahl an Internetnutzern, die im Juli diesen Jahres 485 Millionen betrug?

Kommt es durch moderne Technologien zu einem Wandel im  Machtverhältnis zwischen Regierung und Zivilgesellschaft? Der Arabische Frühling liegt hinter uns. Für den Winter dürfen wir uns warm anziehen. Dass es einen Wandel gibt ist offenkundig. Wer diesen in der Zukunft wie nutzen wird, wird sich zeigen.

 

soto: Flickr/fishbrain.randy@sbcglobal.net (CC BY-NC-SA 2.0),  Flickr/webtreats (CC BY 2.0)

Social Web im Jahr 2012

von Alexander Karl

Auch im Jahr 2012 wird das Social Web wieder eine große Rolle für User und Unternehmen spielen – das ist klar. Doch wie könnte das Social Web sich im nächsten Jahr verändern? media-bubble.de nennt die Meinung von Experten und schaut zurück auf das Jahr 2011.

Trends 2012

David Armano ist Vizepräsident des Bereichs Global Innovation & Integration bei Edelman Digital – kurz: Er hat Ahnung von dem, was er sagt. So lag er bereits im letzten Jahr mit seiner Vermutung richtig, dass Google gegen Facebook zurückschlagen wird. Google+ war das Ergebnis. Und was prophezeit Armano für das Jahr 2012?

1) Convergence Emergence.

Social Media wird nach Armano noch transparenter und allgegenwärtiger. Er nennt beispielsweise Domino’s Pizza, die die Kundenkommentare ungefiltert auf dem Times Square einblenden lassen. Klar, so etwas bringt Gefahren für Unternehmen, die nicht kundenfreundlich sind. Wer aber Service groß schreibt, kann sein Image noch weiter verbessern. Außerdem nennt Armano Coca Colas Experiment für einen Freizeitpark, mittels Chips den Aufenthaltsort bei Facebook zu posten. Wie beim Ausleihen von Büchern in der UB kann so digital gepostet werden, was man macht. Aber es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass zu viel Transparenz bei den Aufenthaltsorten für Langfinger ein gefundenes Fressen sein kann…

2) The Cult of Influence.

Armano meint, dass nicht nur Stars durch die Medien Menschen beeinflussen können, sondern Dank der Social Media nun jeder andere beeinflussen kann, beispielsweise mittels Posts bei Facebook. Auch hier spielen dann Reichweite und Glaubwürdigkeit eine Rolle. Und damit wird man auch für Unternehmen interessant. Das Prinzip ist in der Medienwissenschaft aber schon lange bekannt  unter dem Terminus Meinungsführerschaft.

3) Gamification Nation.

„No we’re not taking about video games. Rather, game-like qualities are emerging within a number of social apps in your browser or mobile device. […] Primarily, gamification has been used in consumer settings, but look for it in other areas from HR, to government, healthcare and even business management. “ Klingt ein bisschen nach spielerisch lernen. Keine schlechte Idee, weil Wissensvermittlung in Spielen wohl eher Spaß macht als stures Pauken.

4) Social Sharing.

Klar – mittlerweile kann alles geteilt werden. Egal ob bei der BILD oder bei Amazon: Der User kann zeigen, was er gelesen, gekauft oder bestellt hat. Damit kann man seine virtuellen Freunde schnell informieren und vielleicht sogar etwas angeben, wenn man schon wieder bei Amazon bestellt hat.

5) Social Television.

Armano nennt es „Social Televison“ und meint damit die Einbindung von Social Web-Angeboten in das „normale“ Fernsehen. In den USA kann man das mittlerweile bei X Factor oder auch The Voice beobachten. In Deutschland ist man da noch nicht so weit, hier geht derzeit wohl The Voice of Germany am weitesten, aber das ist für amerikanische Verhältnisse nun wirklich keine Revolution.

6) The Micro Economy.

Crowdsourcing ist eine mittlerweile auch in Deutschland beliebte Gangart, um Projekte zu finanzieren, in dem jeder der will ein wenig spendet – das probieren derzeit auch die Stormberg-Macher, um die Serie auf die Kinoleinwand zu holen. Armano sieht darin etwas Gutes: „These examples may point to a new future reality where economic value is directly negotiated and exchanged between individuals over institutions.“

Zwischen Ignoranz und Hoffnung

Armano hat die Trends für 2012 beschrieben und wird damit – so meine Vermutung – größtenteils ins Schwarze treffen. Auch in Deutschland werden Social Sharing und Social Televison eine immer wichtigere Rolle spielen. Doch dafür bedarf es in so manchem Medienschaffenden ein Umdenken – das zeigen aktuelle Studien. So verriet der Social Media Trend Monitor 2011, dass gerade auch Journalisten für ihre Arbeit kaum auf Social Media setzen.

Gleichzeitig aber vertrauen die Blogger den Journalisten den klassischen Medien und ziehen sie in 99 Prozent der Links als Quelle heran – das ergab eine US-Studie.

Und wem Vertrauen die Facebook-Nutzer? Den Infos von Freunden. So führte der deutsche „Social Media Atlas 2011“ zu Tage, dass „die Mehrheit (67 Prozent) äußert großes Vertrauen in Informationen, die von den persönlichen Kontakten stammen. Bei knapp jedem Vierten (24 Prozent) hat eine Empfehlung aus dem privaten Netzwerk sogar schon mal zu dem Kauf eines Produkts geführt.“ Armour würde an dieser Stelle wohl begeistert nicken. Denn das entspricht so ziemlich dem, was er „Cult of Influence“ nennt. Wir dürfen gespannt sein, wie sich die Social Media 2012 weiterentwickeln.

Foto: flickr/webtreats (CC BY 2.0)

Spion oder Freund? Eltern beim Facebook

von Alexander Karl

Über 50 Prozent der britischen Eltern spionieren die eigenen Kinder über Social Networks aus – das ergab eine Studie des Internet-Security-Diensts BullGuard. Sollte man seine Eltern also nicht zu Facebook-Freunden machen, um sich noch ein paar Geheimnisse zu bewahren? media-bubble.de fragt Tübinger Studenten.

Eltern in sozialen Netzwerken

Facebook und Co. sind längst kein Digital Native Phänomen mehr. So ergab die ARD-ZDF-Onlinestudie aus dem Jahr 2011 etwa, dass 83 Prozent der Gruppe der 30 bis 49-Jährigen mindestens einmal die Woche E-Mails verschicken, 28 Prozent sind einmal die Woche auf Online-Community-Seiten. Doch was machen unsere Eltern auf Facebook und Co.? Dies ermittelte der Internet-Security-Dienst BullGuard: Demnach spionieren über die Hälfte der Eltern ihre Kinder bei Facebook und Co. aus. Weiter heißt es: „Four in ten parents admitted to regularly checking their children’s social media status updates, 39% use the Facebook “wall” to see who’s been posting messages to their children, and 29% look through tagged images.“ 11 Prozent gaben sogar zu, nur auf einer sozialen Plattform zu sein, um die Kinder im Blick zu haben.

„Fürchtet ihr euch um eure Privatsphäre?“

Julian Engelhard, 23

Wir haben zwei Tübinger Studenten, deren Eltern bei Facebook sind, gefragt: „Fürchtet ihr euch um eure Privatsphäre?“ Frances-Kate Johnson, 22, kommt ursprünglich aus den USA und ist mit ihren Eltern bei Facebook befreundet. Die Archälogie-Studentin nutzt das Social-Network, um ihre Eltern auf dem Laufenden zu halten: „Ich bin soweit weg von zu Hause. So können sie sehen, was ich tue.“ Angst, dass die Eltern sie ausspionieren? Kein bisschen.

Facebook um die Distanz zu überbrücken: Dafür nutzte auch der Sportpublizistik-Student Julian Engelhard, 23, Facebook. Er war in den Semesterferien in Mittelamerika und hatte seine Eltern vor dem Abflug gebeten, sich bei Facebook anzumelden. „Damit sie besser verfolgen konnten, was ich gerade mache und wo ich gerade bin.“ Er hat seine Eltern auf keiner Liste platziert, sie können alles sehen, was er macht. Bisher gab es aber noch keinen Rüffel von seinen Eltern für irgendwelche Posts. „Das liegt aber auch daran, dass meine Eltern nicht sehr aktiv auf Facebook sind. Insbesondere mein Vater benutzt Facebook fast nie. Und auch meine Mutter ist selten dort online seitdem ich wieder in Deutschland bin.“ Das Gefühl, ausspioniert zu werden, hat er absolut nicht.

 

Aber nicht alle Kinder sind sonderlich glücklich über das Verhalten ihrer Eltern bei Facebook. Da werden peinliche Baby-Geschichten über Facebook verbreitet und man liest pseudo-lustige Kommentare seines Vaters. Andererseits bedeutet eine abgelehnte Freundschaftseinladung der Eltern noch lange nicht, dass sie nichts über die Online-Aktivitäten der Sprößlinge erfahren. So gibt es Internetdienste, die das Ausspionieren der Kinder übernehmen – und dafür natürlich Geld verlangen.

Im Internet finden sich auch immer wieder kuriose Sammlungen von elterlicher Kommentaren – wie man hier auch links sehen kann.

Übrigens: Wie Eltern Facebook kreativ nutzen können, zeigt ein amerikanisches Paar, die über den Plattform über den Namen ihres Kindes abstimmen ließen.

Foto: Privat

Goodbye Facebook?

von Alexander Karl

Es sind Zahlen, die Marc Zuckerberg alarmieren sollten: Die Anzahl der Neuanmeldungen in den Facebook-Hochburgen USA und Kanada flachen ab, in der Türkei, die die fünft größte Gemeinde des Netzwerks stellt, übersteigen die Abmeldungen sogar die Neuanmeldungen. Setzt tatsächlich ein Facebook Fatigue ein, wie der Blogger Gutjahr es nennt?

Abwanderung und Lethargie

Gutjahr nennt in seinem Blog das Beispiel eines wahren digital native, Michael Umlandt, der für das ZDF die social web Auftritte betreut, privat aber genug von Facebook hat – und sein Konto deaktiviert hat. Damit scheint er nicht alleine zu sein: Bereits im letzten Jahr schwappte eine Lethargiewelle durch Facebook, gerade in der Kernzielgruppe der 18-44-Jährigen, die einfach keine Lust mehr auf Netzwerk zu haben schienen. Und auch in diesem Jahr häufen sich Meldungen über Abmeldungen bei Facebook. 6 Millionen Menschen sollen Facebook im Mai 2011 verlassen haben – alleine in den USA! Natürlich muss man bedenken, dass Facebook in den USA und anderen internetaffinen Ländern nur noch schwerlich weiterwachsen kann, wenn das Gros der Bevölkerung bereits online ist. Das weiß auch Facebook.

Es stellt sich die Frage: Quo vadis, Facebook?

Vergisst Facebook bei all der Profitmaximierung die User? Der im nächsten Jahr angestrebte Börsengang könnte massig Geld in die Kasse spülen, ja, vielleicht sogar historisch sein: Positiv wie negativ. Kritiker und Experten wittern schon eine neue platzende Blase, wenn das auf 100 Milliarden Dollar geschätzte Unternehmen an die Börse geht und seine Versprechen nicht halten kann.

Doch all die Kritiker und Skeptiker wissen, dass Facebook nicht nur eine globale Marke , sondern mittlerweile der Inbegriff von Globalisierung und Social Web ist. Noch immer ist Facebook – global betrachtet – das größte und wichtigste soziale Netzwerk. So sehr Google+ derzeit von den Medien als Alternative gepriesen wird: An Facebook kommt es trotz allem nicht heran. Es ist mit seinen 25 Millionen Usern ein elitärer Kreis, mehr aber auch nicht. Meldungen, dass Facebook drei Jahre gebraucht hat, um 25 Millionen Mitglieder zu finden, wirkt bei genauerem Hinsehen lachhaft. Denn Facebook war der Primus seiner Gattung, während Google+ sich in das von Zuckerberg gemachte Nest setzen konnte.

Der Blog Gutjahr’s zitiert den ZDF-Web-Experten Michael Umlandt mit den Worten: „70 bis 80 Prozent, von dem, was meine ‚Freunde’ dort posten, ist mehr oder weniger sinnbefreit. Das will ich nicht mehr lesen.“ Doch genauso, wie wir Spam-Mails ignorieren und/oder filtern, werden wir über kurz oder lang auch Facebook-Nachrichten als Junk aussortieren, was ja mittlerweile durch die Einstellungen möglich ist.

Gleichzeitig aber muss sich auch Facebook seiner Rolle als Klassenprimus bewusst werden und endlich verstehen, dass hinter den User-Daten Menschen stecken, die keine Lust haben, ein vollständig gläsernes Leben zu führen. Diese Erkenntnis scheint mittlerweile angekommen zu sein. In den USA stimmte Facebook nun Datenschutz-Auflagen zu: „Teil der Vereinbarung mit der Handelskommission FTC ist die Verpflichtung, in den kommenden 20 Jahren regelmäßig die Datenschutz-Richtlinien von unabhängigen Prüfern inspizieren zu lassen. Außerdem darf Facebook Einstellungen zur Privatsphäre nicht ohne ausdrückliche Zustimmung der Nutzer verändern.“ Auch Zuckerberg selbst erklärte im Facebook-Blog, dass man „a bunch of mistakes“ begangen habe. Eine wichtige Einsicht, gerade auch im Hinblick auf den Börsengang. Es wäre natürlich aus Unternehmenssicht schlecht, kurz vor dem Gang an die Wall Street die User zu verärgern und zu verprellen. Aber Selbsterkenntnis ist ja sprichwörtlich der erste Schritt zur Besserung.

Foto: flickr/Sean MacEntee (CC BY 2.0)

‚The Voice‘ mit wenig Gezwitscher

von Alexander Karl

Die US-Erfolgsshow ‚The Voice‘ hat nun auch den Sprung nach Deutschland geschafft – das Prinzip ist gleich: Nationale Hochkaräter in der Jury und starke Stimmen auf der Bühne. Doch was ‚The Voice‘ in den Staaten besonders vorbildlich betrieb, war die Social Web Einbindung. Das versuchen nun auch ProSieben und Sat.1.

Die Show in den USA

Mit starken Stimmen und starken Quoten gelang es ‚The Voice‘, den Zuschauern den US-Sommer zu versüßen. Dahinter steckt ein innovatives Konzept, welches sich durch zwei wichtige Faktoren von anderen Shows abhob:

In der Jury saßen Vollblutmusiker wie Christina Aguilera und Maroon 5-Sänger Adam Levine, die auch kein Problem damit hatten, selbst live zu singen. Gleichzeitg ging es zunächst um eines: Eben die Stimme der Kandidaten, nicht um Aussehen oder Performance. Denn die Jury saß zu Beginn mit dem Rücken zu den Kandidaten und entschied, ob er oder sie in das Team der Jurors sollte.

Und das zweite Novum: Die intensive Einbindung von Social Media in die Sendung. Über Twitter wurde zwischen den Shows immer wieder aus dem Nähkästchen geplauert, es wurden erste Teaser der Proben gepostet und die Follower-Gemeinde dazu aufgerufen, abzustimmen. Etwa 200.000 Tweets, die mit „The Voice“ zu tun haben, gab es pro Show.

Doch die eigentliche Revolution fand während der Sendung statt: Im sogenannten „V-Room“, eine Art Greenroom der angehenden Stars mit Tablet-PCs, sollten die Künstler live ihre Impressionen posten. Gleichzeitig aber konnten die Zuschauer und Fans Fragen stellen, die live beantwortet wurden. Und: „Immer wieder gibt es zwischen den Auftritten Schalten in den V-Room zur V-Korrespondentin Alison Haislip, die aktuelle Twitter- und Facebook-Fragen vorliest und die Kandidaten interviewt.“ Daraus resultiert, dass #TheVoice zum Trending Topic auf Twitter wurde.

Mix in Deutschland

Während die Show in den US vor allem auf Twitter setzte, gibt es in Deutschland einen multimedia Mix aus Facebook, Twitter und Livekommentaren der Redaktion. Das liegt auch daran, dass in Deutschland nur 460.000 User den Microblogging-Dienst nutzen. Zum Vergleich: Facebook hat in Deutschland über 21 Millionen Nutzer! Über die ‚The Voice of Germany‘ -Homepage kann man sich mit seinem Facebook-Account einloggen und mit Freunden über die Show chatten – und natürlich die Twitter-Kommentare verfolgen. Das nennt sich dann ‚The Voice of Germany Connect‘. Außerdem gibt es einen Livestream, der wohl gerade die junge und mobile Generation ansprechen soll.

Aber doch nicht alles scheint man aus den USA übernommen zu haben: Die Jury, bestehend aus Allzweckwaffe Nena, Schmusesänger Xavier Naidoo, Rea (Leadsänger der Band ‚Reamonn‘) und zwei Jungs von ‚The Boss Hoss ‚ twittern und facebooken – soweit es ersichtlich ist – nicht um die Wette und um die Gunst der Zuschauer. Das übernimmt dann wieder die Facebook-Fanpage der Show.

Ob es in Deutschland auch einen ‚V-Room‘ geben wird wie in den Staaten, muss sich noch zeigen. Denn auch dort kamen die Backstageberichte der Kandidaten erst ab der Battle-Round. Bis dahin läuft aber über ‚Connect‘ außerordentlich viel – auch das zeigt, wie wichtig ProSieben und Sat.1 die Show ist. Immerhin läuft sie abwechselnd bei beiden Tochtersendern – und muss heute sogar gegen ‚Das Supertalent‘ antreten. Übrigens zeigt X-Factor auf VOX, wie gut die Zuschauer auf eine multimediale Einbindung reagieren.

Voting 2.0

Auch die Abstimmung bei der amerikanischen Variante von ‚The Voice‘ kann man vorbildlich nennen: Neben dem kostenlosen Telefonvoting gibt es eine NBC Live App, über die abgestimmt werden kann. Aber auch die Songs der Kandidaten können per iTunes direkt nach der Show kostenpflichtig herunter geladen werden, was gleichzeitig als eine Stimme gezählt wird. Außerdem ist auch die Abstimmung über die Webseite des Senders nbc.com möglich. Und in Deutschland? Ob man dort auch über das Weiterkommen der Kandidaten ohne 50-Cent-Telefongebühr entscheiden darf, ist fraglich. Immerhin kann man  bei ‚The Voice of Germany Connect‚ über andere Fragen abstimmen, etwa  „Gefiel euch der Auftritt der Jury?“ oder „Für wen entscheidet sich Kandidat X?“

 

Aber eines muss man doch ehrlich sagen: Die US-Jury ist schon noch etwas cooler als die deutsche…

Foto: Screenshot, http://connect.the-voice-of-germany.de/ (24.11.2012)

Kaffee-Nachrichten

von Alexander Karl

„Schreib mir mal bei Facebook“ ist ein Satz, der das klassische „lass uns mal einen Kaffee trinken“ fast ersetzt hat. Denn: Beides ist vollkommen unverpflichtend, gerade dann, wenn es ein unter Bekannten dahingesagter Satz ist. Stattdessen könnte man auch einfach sagen: „Warten wir mal, bis wir uns einmal wieder über den Weg laufen.“ In der Offline-Welt war dies noch relativ unverfänglich (außer, man sagte ihn zu seinem Nachbarn). Da wurde die Kaffee-Sache nur dann eingelöst, wenn man sich tatsächlich über den Weg lief. Das aber passiert bei Facebook nun zwangsweise.

Doch wenn das (positive) Desinteresse aber nicht bei beiden Vorhanden ist, sondern der eine wirklich gerne einen Kaffee trinken gehen würde, stellt sich die Frage: Soll ich ihn wirklich anschreiben?

Und hiermit wären wir bei einer neuen Wachablösung durch Facebook. Die Frage „Soll ich ihn/sie anrufen oder nicht?“ wird heutzutage oftmals durch „soll ich ihn/sie anschreiben oder nicht?“ ersetzt. Beides zeigt aber zweierlei. Zum einen nämlich Interesse am Gegenüber, zum anderen aber auch eine gewisse Schwäche. Denn man wartet nicht, bis man angeschrieben wird, nein, man macht selbst den ersten Schritt. Gut, man könnte das selbstständige Anschreiben natürlich auch als Forschheit oder Selbstbewusstsein auslegen, doch der Punkt auf den ich hinaus will ist:

Warum sind manche Freunde daueronline und manche nie?

Warten die Daueronliner darauf, dass man die Kaffee-Versprechen wirklich einlöst? Flehen sie quasi um ein wenig Zuwendung und wollen uns mit ihrem ständig grünen Licht darauf hinweisen, dass wir uns doch bitte mal wieder bei ihnen melden sollen? Wohl kaum.

Denn in den meisten Fällen sitzen die Daueronliner natürlich nicht die ganze Zeit vorm PC oder Smartphone. Sie gehen zwischendurch auf Toilette, essen, kochen, schlafen, manche arbeiten sogar im richtigen Leben. Aber die eigentliche Frage ist, warum sie die ganze Zeit online sind. Wollen sie damit einfach nur immer verfügbar sein? Oder gibt es ihnen die Möglichkeit bei unliebsamen (Kaffee-) Nachrichten zu sagen: „Du weißt ja, ich bin immer online, aber les die Nachrichten nicht immer sofort. Ich hab geschlafen/gearbeitet/gelesen/…“?

Und auf der anderen Seite des Spektrums die Offliner: Wollen sie sich rar machen, um interessant zu sein? Oder scheuen sie den Kontakt und können daher sagen: „Ich bin so gut wie nie online – deshalb konnte ich auf deine Nachricht von vor zwei Wochen nicht reagieren“?

Und irgendwo dazwischen pendelt der Normalo-User, der ab und an online ist, aber sich fragt, wieso es eigentlich die Extreme gibt. Macht man sich mit der ein oder anderen Art interessanter?

Um den inneren Konflikt des Anschreibens-oder-nicht noch einmal aufzugreifen: Ist es nun besser, auf eine eingehende Nachricht zu warten und damit den längeren Atem zu beweisen oder muss man den ersten Schritt gehen, weil ihn nun einmal einer gehen muss?

Gerade dann, wenn man ein Zweisamkeitsinteresse am Gegenüber hat, stellt sich diese Frage und gerade Männer tendieren dazu, die Frau den ersten (und teilweise auch zweiten) Schritt machen zu lassen. Denn wenn sie es nicht tun und stattdessen selbst die Initiative ergreift, wird man schnell zum Stalker abgestempelt. Tut man es aber nicht, muss man sich den Vorwurf gefallen lassen, kein Interesse zu zeigen.

Das Internet macht anscheinend doch nicht alles einfacher, denn die multiplen Kommunikationsformen ziehen auch multiple Entscheidungen nach sich. Und so eine simple Entscheidung wie on oder offline/ anschreiben oder nicht anschreiben kann einen Rattenschwanz von Entwicklungen nach sich ziehen. Manchmal wünscht man sich doch das unverfängliche „Lass uns man einen Kaffee trinken“ wieder.

 

teemoe / photocase.com

Mein digitales Ich

von Alexander Karl und Sophie Kröher (Fotos)

Über 20 Millionen Facebook-User gibt es allein in Deutschland – Tendenz stetig steigend. Sie alle präsentieren sich auf der Plattform nicht nur ihren Freunden, sondern auch dem Rest der Welt. Und so versuchen sie sich alle von ihrer besten Seite zu zeigen – oder zumindest jener, die sie von sich preisgeben wollen.

Drei Studenten zeigen auf media-bubble.de ihre aktuelles Facebook-Bild und ihr wahres Gesicht hinter der digitalen Maske.

 

 

Frances Kate, 22,  hat ein fröhliches Bild auf einer Straße gewählt. Warum? „ Ich tanze gerade in der Straße, jemand hat ein Foto gemacht und ich finde, das sieht süß aus.“

 

 

 

 

 

Dass man sich nicht verstecken muss, findet auch die 21-jährige Melina. Zu ihrem Facebook-Bild sagt sie: „Ich fahre gerne in meinem Cabrio – und das war ein sehr schöner, heißer Sommertag.“

 

 

 

 

Der 24 Jahre alte A. hingegen findet, dass man nicht zu viel von sich zeigen muss: „Auch im Internet kann man anonym sein.“

 

Facebook Party