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Eine Woche im Spinnennetz

von Caroline Wahl

„Das Leben wird [der Persönlichkeit] einerseits unendlich leicht gemacht indem Anregungen, Interessen, Ausfüllungen von Zeit und Bewusstsein sich ihr von allen Seiten anbieten und sie wie in einem Strome tragen, indem es kaum noch eigener Schwimmbewegungen bedarf. Andererseits aber setzt sich das Leben doch mehr aus diesen unpersönlichen Inhalten und Darbietungen zusammen, die die eigentlich persönlichen Färbungen und Unvergleichlichkeit verdrängen wollen; so daß nun gerade, damit dieses Persönlichste sich rette, es ein Äußerstes an Eigenart und Besonderung aufbieten muß“[1]

Es ist erstaunlich, wie aktuell die Worte Georg Simmels zu sein scheinen, die aus dem Jahre 1903 stammen und sich damals auf die aufkommenden Großstädte bezogen. Befinden wir uns 113 Jahre später nicht auch alle in einer riesigen digitalen Großstadt? Werden wir nicht auch von allen Seiten überhäuft mit Informationen? Wir verbringen einen Großteil unserer Zeit im Netz. Und dieses Netz wird gesponnen um die ganze Welt, jeden Tag ein bisschen dichter. Jeden Tag wird ein bisschen mehr eingesponnen. Inzwischen ist auch die schnucklige Bäckerei von nebenan im Netz. Und wir sind die Spinnen, die fleißig spinnen. Und gleichzeitig sind wir die Fliegen, die eingesponnen, die eingefangen werden, ohne richtig zu begreifen, was da mit uns passiert. Denn eigentlich ist ja alles super. Alles wird so unendlich leicht gemacht. Wir müssen nicht mehr in die Stadt gehen, um Weihnachtsgeschenke zu besorgen oder in die Bibliothek rennen, um uns Bücher auszuleihen. Stattdessen müssen wir coole Fotos hochladen, uns selbst möglichst individuell darstellen und wehe, wir sind einmal nicht erreichbar. Auch Marie spinnt fleißig mit. Ihr Tag beginnt und endet mit ihrem iPhone. Anstatt aufzustehen, landet sie bei dem Profil des besten Freundes des Bruders des Verlobten der Schwester der Freundin Fabians, einem Jungen, der zu einer Veranstaltung auf Facebook zugesagt hat. Sie versucht ihre Freunde mit Gefällt mir-Däumchen zu verletzen, anstatt mit ihnen zu reden. In dem Strom der Möglichkeiten lässt Marie sich treiben, verliert immer wieder den Kurs in Flirt- oder Spiel-Apps. Aufs Lernen kann sich die Studentin auch nicht konzentrieren. Viel zu viele spannende Ablenkungen lauern überall. So entdeckt sie Sofort-Überweisungen für sich und träumt von der Karriere als Youtuberin, anstatt ein Essay zu schreiben. Aber auch Marie merkt, dass sie nicht einfach offline sein kann, dass sie ganz im Gegenteil immer online sein muss. Denn sonst verpasst sie auf Lernplattformen hochgeladene Probeklausuren oder beleidigt Freunde, indem sie nicht auf unzählige WhatsApp-Nachrichten reagiert. Begleiten wir Marie eine Woche. Sieben Tage, in denen Marie spinnt und sich langsam bewusst wird, wie sehr sie sich selbst einspinnt in das riesige Netz. Begleiten wir Marie eine Woche und nehmen vielleicht auch einfach mal ein Buch in die Hand, anstatt das Smartphone.

Foto: flickr.com/Lukas Litz Obb (CC BY-NC 2.0)


[1] Georg Simmel: Die Großstädte und das Geistesleben. In: Rüdiger Kramte (Hg.): Georg Simmel. Aufsätze und Abhandlungen. Frankfurt 1995, S. 130.

Silicon Valley: Die Tech-Elite unter sich

Von Valerie Heck

In den vorherigen Kapiteln war immer wieder die Rede von Google, Facebook oder Apple und all diese Firmen haben eine Gemeinsamkeit: Sie haben ihren Sitz in Silicon Valley, einer kleinen Industrieregion in der Nähe von San Francisco. Dort sind viele der weltgrößten Hightech-Firmen der Telekommunikations-, Computerhardware- und insbesondere der Softwareindustrie angesiedelt. Andrew Keen bezeichnet das Silicon Valley in seinem Buch „Das digitale Debakel“ als „Epizentrum des 21. Jahrhunderts“. Wer als Ingenieur oder Informatiker dort arbeitet, hat es geschafft. Nicht nur aufgrund der exklusiven Job- und Weiterbildungsmöglichkeiten, sondern auch wegen der einzigartigen Arbeitsbedingungen in Silicon Valley. Der Arbeitgeber bietet seinen Angestellten von Freizeitangebot bis Steuererklärung jeden Service an, damit diese ihre gesamte Zeit und Mühe der Arbeit widmen können. Doch das Ganze hat auch eine negative Seite: Die Tech-Elite sondert sich von dem Rest der Gesellschaft ab. Darüber sind in Silicon Valley und San Francisco nicht alle glücklich.

„Ein exklusiver Privatclub“

Silicon Valley2Das Problem der Region ist ein immer größer werdendes wirtschaftliches Gefälle zwischen den Mitarbeitern von Technologieunternehmen und den restlichen Bewohnern. Denn inmitten des wirtschaftlichen Aufschwungs, der steigenden Unternehmensgewinne und der Rekordbörsenzahlen wurden über 40.000 Arbeitsplätze seit 2000 abgebaut; die Zahl der Obdachlosen ist um 20% gestiegen und es mussten immer mehr Lebensmittelmarken verteilt werden. Auch die Mieten von durchschnittlich 3250 Dollar in San Francisco kann sich kein Normalverdiener mehr leisten. Vermieter kündigen ihren Mietern die Wohnung mit Anspruch auf Eigenbedarf und bieten sie dann Firmen teurer an. Die quirligen Viertel von San Francisco werden für die Mitarbeiter der Hightech-Firmen gentrifiziert.

Kurz: Es findet ein „tech takeover“ statt, wie die unglücklichen Bewohner es bezeichnen. Die Leute kommen von überall nach San Francisco, zahlen die teuren Mieten und verdrängen die Alteingesessenen. Dabei bringen sie den Händlern in den Vierteln mit ihrem Geld nicht einmal ein gutes Geschäft. Sie werden fast rundum von ihrer Firma versorgt und wenn sie doch einmal etwas brauchen, gehen sie dort einkaufen, wo es schnell und effektiv geht – in Ketten. Händler verlieren ihre Kundschaft, Schriftsteller und Künstler werden verdrängt, kleine Läden werden geschlossen und auch Lehrer, Automechaniker oder Feuerwehrleute können sich das Leben dort nicht mehr leisten und gehen.

Die Stadt ist in von Arbeitslosigkeit, Armut und Kriminalität zerrüttete Ortsteile und reiche, autarke Technologiezentren gespalten. Google, Apple und Facebook haben sich von der physischen Realität der verarmten Gemeinden abgekoppelt und machen die Stadt San Francisco fast zu einem „exklusiven Privatclub“, wie es Andrew Keen in „Das digitale Debakel“ schreibt. Gourmetkantinen, Babysitter, Fitnessstudios, Waschsalons, medizinische Versorgung und sogar Wohnräume werden den Mitarbeitern von Hightech-Unternehmen kostenlos angeboten, während der Rest der Stadt immer ärmer wird.

Ein Symbol für das wirtschaftliche Gefälle

Silicon Valley (1)Das sichtbarste Symbol für den wirtschaftlichen Graben zwischen der Tech-Elite und dem Rest der Gesellschaft ist der „Google-Bus“, wie er von Rebecca Solnit bezeichnet wird. Während die „normalen“ Bewohner von San Francisco gegen einen bescheidenen Fahrpreis mit den alten so genannten Muni-Bussen mit orangefarbenen Logos zur Arbeit fahren, werden die Mitarbeiter des Silicon Valleys kostenlos mit luxuriösen Bussen mit verspiegelten Scheiben und Internetanschluss abgeholt und zur Arbeit gebracht. Und obwohl die „Google-Busse“ nicht für alle, sondern eine private Dienstleistung privater Unternehmen sind, fahren sie ebenso wie die Muni-Busse öffentliche Haltestellen an und nutzen städtische Infrastruktur, die dadurch abgenutzt wird, ohne, dass sich die Unternehmen an deren Instandhaltung beteiligen müssen.

Silicon Valley (2)Durch die „Google-Busse“ wird nicht nur das wirtschaftliche Gefälle, sondern auch die Wut der altansässigen Bewohner sichtbar. Fast jeden Tag gibt es Demonstrationen gegen und Angriffe auf die Busse. Es wurden sogar private Sicherheitsdienste von den Firmen eingestellt, um die Fahrgäste vor den aufgebrachten Anwohnern zu schützen. Mittlerweile konnte erzielt werden, dass die Firmen bescheidene Gebühren für das Halten an öffentlichen Haltestellen zahlen müssen, doch das Problem ist nicht aus der Welt.

Qualifiziertes Personal kostet seinen Preis

Nun stellt sich die Frage, wie dieser „exklusive Privatclub“ der Tech-Elite in Silicon Valley und San Francisco entstehen konnte? Warum bekommen die Technologiekonzernmitarbeiter dort alles und sondern sich so vom Rest der Gesellschaft ab?

Einer der wichtigsten Gründe ist wahrscheinlich, dass nur in Kalifornien Mitarbeiter die Firma nach Belieben wechseln können, wenn anderswo mehr Geld, Aktienoptionen oder Kopfprämien locken. Denn nur dort wird die Klausel um Konkurrenzausschluss nicht anerkannt. Das macht den Druck für die Firmen auf das Werben um neue Mitarbeiter und das Halten von alten Mitarbeitern größer. Sie müssen mit einem durchschnittlich um 20% höherem Gehalt als in der Branche in den USA üblich und einem Rundum-sorglos Paket locken. Google hat mit diesem Trend angefangen. Das Management versucht bei harter Konkurrenz die Mitarbeiter mit 30 Kantinen, Fahrrädern, Sporteinrichtungen, Massagesesseln und den „Google-Bussen“ bei Laune zu halten . Und da müssen andere Unternehmen natürlich mithalten. Es ist ein Werben um qualifiziertes Personal, unter dem der Rest der Region leidet.

Die Zukunft des Silicon Valleys

Doch nicht nur in Silicon Valley haben die Hightech-Unternehmen viel Macht, auch der Rest der Welt ist in vielen Bereichen von der Tech-Elite abhängig. Marktbeherrschende Suchmaschinen, Betriebssysteme und soziale Netzwerke, die, wie die vorherigen Artikel dieser Reihe zeigten, Alltag und Arbeit der Menschen beeinflussen, kommen aus Silicon Valley. Und nicht nur private Nutzer, auch große Firmen und Staaten sind den Hightech-Konzernen ausgeliefert. Deswegen plädieren Politiker wie Günther Oettinger für europäische Alternativen.

Aber wird das wirklich immer so weiter gehen? Wird Silicon Valley seine Macht immer weiter ausdehnen? Der US-amerikanische Ökonom und Gesellschaftskritiker Jeremy Rifkin ist skeptisch. Er sagt: „Die digitalen Innovationen der Zukunft werden sich um erneuerbare Energien, Internet of Things und vernetzte Logistik drehen und nicht mehr um Plattformen und Services.“ Wenn die Digitalisierung von analogen Inhalten ausgeschöpft ist und die Produktion und Manufaktur wieder eine größere Rolle spielen, liegen seine Hoffnungen auf Europa und China, da die USA technologisch und infrastrukturell eher rückständig sei. Doch auch das Silicon Valley hat diese langfristige Veränderung des Marktes schon bemerkt und startet neue, analoge Projekte. So plant Google zum Beispiel die Entwicklung eines selbstfahrenden Autos und macht deutschen Großunternehmen wie VW Konkurrenz. Es zeigt sich, „Silicon Valley kann mehr als nur Internet“ und wenn die Entwicklung es verlangt, werden auch die Unternehmen dort neu ausgerichtet. Daher wird die Tech-Elite wahrscheinlich auch in Zukunft ihre Vorzüge genießen und sich vom Rest der Gesellschaft abspalten können.


Fotos: flickr.com/Patrick Nouhailler (CC BY-SA 2.0), flickr.com/Maria Ly (CC BY 2.0), flickr.com/Paul Sullivan (CC BY-ND 2.0), flickr.com/Chris Martin (CC BY 2.0)

Das Identitätsdilemma im digitalen Zeitalter

Von Valerie Heck

Nur noch sehr wenige Menschen sind nicht in mindestens einem sozialen Netzwerk wie Facebook, Instagram oder Twitter angemeldet. Es wird neben der realen eine virtuelle Welt geschaffen, in der der Mensch die Möglichkeit bekommt, sich so zu präsentieren, wie er sein möchte. Doch was bedeutet dies für die eigene Identität? Gibt es noch das eine Ich, wenn im Internet eine Vielzahl virtueller Identitäten aufgebaut werden können?

Ich – Das können viele sein

Daniela Schneider ist Aktionistin für Veganismus, die regelmäßig Beiträge und Artikel zu diesem Thema auf ihrer Facebook-Seite postet. Bei Instagram heißt sie „danispics“, ist Hobbyfotografin und veröffentlicht die schönsten Schnappschüsse aus Alltag und Urlaub. Und bei Tinder ist sie „Daniela“, die gerne kocht und sportlich ist, um mit diesen Eigenschaften die Männer in der Umgebung zu beeindrucken. Es sind drei Namen und drei Identitäten, doch eigentlich steckt nur eine Frau dahinter.

Was im realen Leben nicht denkbar ist, wird in der virtuellen Welt Wirklichkeit, denn das Internet und soziale Netzwerke ermöglichen es, in viele verschiedene Rollen zu schlüpfen oder bestimmte Facetten der Persönlichkeit in den Vordergrund zu stellen. Man spricht von „virtuellen Identitäten“ und meint damit die Art und Weise, wie Menschen sich selbst in der computervermittelten Kommunikation präsentieren. Gründe für den Aufbau von virtuellen Identitäten gibt es viele.

Zum einen geht es darum, bestimmte Eigenschaften zu betonen, um mehr Akzeptanz im virtuellen Umfeld zu erlangen. Wie Daniela, die bei Facebook ihre vegane Lebensart betont, weil viele Freunde Veganer sind. Bei Instagram stellt sie ihre aktive Seite mit Fotos von Reisen und Ausflügen in den Mittelpunkt. Bei Tinder hebt sie Eigenschaften hervor, die bei Männern gut ankommen könnten. In diesem Fall sind die Grenzen zwischen den Identitäten fließend. Zum anderen ist es durch die Anonymität in Chatrooms möglich, seine wirkliche Identität vollkommen zu verbergen und eine Tarnidentität aufzubauen. Die Person macht sich dünner, erfolgreicher oder attraktiver, um befreit von Vorurteilen und sozialem Druck ernst genommen zu werden. In diesem Fall spricht man von „Selbstmaskierung“: Es wird eine virtuelle Identität konstruiert, die sich stark von der Realität unterscheidet, um etwas ausleben zu können, was im realen Leben nicht möglich ist.

Eine selbstidealisierende Maskerade

Identität

In sozialen Medien wie Facebook oder Instagram ist das virtuelle Ich aber nicht länger eine Maske, sondern eng mit dem Offline-Leben verwoben. Die Alltagswelt wird auf den Plattformen geprägt, wo größtenteils Freunde, Familienmitglieder und Kollegen aus der realen Welt durch Fotos, Videos und Kommentare einen Einblick in das eigene Leben bekommen. Das heißt allerdings nicht, dass die „Freunde“ oder „Follower“ in sozialen Netzwerken die eine „echte“ Identität präsentiert bekommen. Die präsentierte Person hat vielleicht Ähnlichkeit mit der Person in der realen Welt, aber heute ist nichts einfacher als sein Selbstbild im Netz mitzubestimmen oder zu idealisieren. Es geht dabei nicht darum zu zeigen, wer ich bin, sondern um die Frage „Wer könnte ich sein?“. Das Selfie wurde in den letzten zwei Jahren zur vorherrschenden Ausdrucksform dieses idealisierten Ichs, denn darin wird das reale Leben häufig wie auf einer Bühne inszeniert. Wer postet schon ein Foto, auf dem er traurig und alleine auf dem Sofa sitzt? Man zeigt sich in Situationen, in denen man etwas Positives aus dem eigenen Leben mitteilen möchte: „Ich habe etwas Leckeres gekocht“ oder „Ich habe eine wunderschöne Zeit im Urlaub“. Der Trend liegt darin, den eigenen Alltag zu überhöhen und so wird im Internet ein „besseres Ich“ bzw. eine idealisierte Identität geschaffen, die sich aus Status Updates, Fotos und Tweets zusammensetzt.

Insbesondere Kevin Systroms Plattform Instagram, bei der Fotos mit schmeichelnden Filtern verschönert und dann hochgeladen werden können, ist zum Sinnbild der öffentlichen positiven Selbstdarstellung geworden. Instagram liefert nämlich kein gnadenlos ehrliches Bild, sondern schmeichelhafte Bilder, die, laut Alex Williams von der NY Times jeden „ein bisschen jünger, hübscher und Cover-würdiger aussehen“ lassen. Nutzer präsentieren sich und ihr Leben „im Layout eines Hochglanzmagazins“. Leute, die durch das Instagram Profil scrollen, sollen wollen, was du hast. Beeindrucken und Selbstreklame ist hierbei vor allen Dingen bei jungen Leuten das Motto, egal wie die Realität dahinter aussieht.

Virtuelle Anerkennung als Existenzbeweis

Identität2

Ist der Urlaub eigentlich wirklich passiert, wenn ich kein Foto vom Strand auf meiner Instagram-Seite veröffentlicht und dazu Feedback in Form von Likes und Kommentaren bekommen habe? Hinter den Fotos, Kommentaren und Videos in sozialen Netzwerken steckt der Wunsch nach Aufmerksamkeit und Anerkennung, der eng mit der Identitätsfrage verwoben ist. Zugehörigkeit und soziale Akzeptanz sind im Kollektiv wichtig: Nur wenn ich von meinem sozialen Umfeld akzeptiert werde, bilde ich eine Identität.

Der Alltag wird immer mehr vom Nachrichtenstrom in den sozialen Netzwerken bestimmt. Mit Tweets und Instagram-Fotos wird das eigene Dasein bewiesen, denn wer nicht postet, hört auf, zu existieren. Jürgen Fritz, Professor am Institut für Medienforschung und Medienpädagogik in Köln, schreibt, dass Aufmerksamkeit die Essenz sei, die die virtuelle Welt mit Leben füllt und die Interaktionen ermöglicht. Über Posten wird eine eigene Relevanz geschaffen.

Mit dieser Erkenntnis wird die am Anfang gestellte Frage, ob es überhaupt noch das eine Ich gibt, wenn im Internet eine Vielzahl virtueller Identitäten aufgebaut werden, fast hinfällig. Wer ich bin wird durch das virtuelle Umfeld bestimmt und damit stellt sich die Frage: Gibt es überhaupt noch eine Identität außerhalb der virtuellen Welt?

Fotos: flickr.com/Zlatko Vickovic (CC BY 2.0), flickr.com/Kroejsanka Mediteranka (CC BY-NC-ND 2.0)

Look Up! – Viral wie ein Katzenbaby

 von Nico Busch

Du glaubst, du bist gesellschaftskritisch? Dir fällt auf, was tausenden Anderen auch schon aufgefallen ist? Dann schreib doch mal ein Gedicht darüber, trag das vor, lass dich dabei filmen und stell das Video ins Internet.

 

Baby, Baby, was ist denn bloß los mit dir?“

Mach es wie Julia Engelmann im Mai letzen Jahres. Der war nämlich aufgefallen, dass es seit 2000 Jahren etwas gibt, dass wir Lethargie nennen. Ein Gefühl der Langeweile und Tatenlosigkeit. Julia Engelmann fühlt das manchmal. Und die weiß, dass du das auch fühlst. Nämlich dann, wenn du daheim auf deiner Couch liegst und plötzlich merkst, dass dein Leben verglichen mit den Lebensentwürfen der Medien oder deiner 600 internationalen Facebook Freunde für immer nur Durchschnitt sein wird. Was die Julia aber nicht verstanden hat, ist, dass dieser Vergleich im Endeffekt bloß konsumgenerierende Einbildung ist. Und deshalb rät sie dir mit ganz viel sprachlichem Pathos in ihrem Video, nochmal so richtig auf die Kacke zu hauen, um am Ende deines Lebens bloß nicht als Langweiler dazustehen. Aus irgendeinem Grund klingt das für dich alles sehr plausibel, was die Julia da sagt. Die ist jetzt immerhin auch schon 21 Jahre alt. Da hat man eben Angst vor der Zukunft. Ja, vor was denn sonst? Du hörst noch irgendwas, das klingt wie „Mal wieder was riskieren“, oder feiern bis die Kühe lila sind, denkst dir YOLO, chillst weiter auf der Couch und fühlst dich bestätigt.

 

 Look Up? Grow up!

Oder dein Name ist Gary Turk. Du bist jung, ambitioniert, schreibst natürlich auch Gedichte (!) und hast auch online einen Namen. Du bist gebildet, aber du hast diesen naiv-optimistischen Forrest Gump-Spirit. Dein sehnlichster Wunsch ist es, irgendwann einmal auf einer Parkbank zu sitzen, Pralinen zu mampfen und glücklich auf dein Leben zurückzublicken, ohne das Gefühl zu spüren etwas verpasst zu haben. Obwohl dir etwa 3300 Menschen auf Twitter folgen, fühlst du dich einsam. Grund genug für dich anzunehmen, dass eine ganze Generation dasselbe Problem hat. Die These von der gemeinsamen Einsamkeit, die die MIT Professorin Sherry Turkle in ihrem Buch Together Alone unserem digitalen Zeitalter schon 2011 unterstellte, machst du unbemerkt zu deiner eigenen, zentralen Thematik deines Gedichts. Melancholische Hintergrundmusik begleitet deinen filmischen Vortrag, der mit einer Liebesgeschichte sein anschauliches Ende findet. Look Up, heißt dein Video und du willst damit sagen: Seht von euren Smartphones auf und stürzt euch ins reale Leben, ihr Langweiler! Deine rhythmischen Reime massieren mehr als 32 Millionen Hirne (Anzahl der Aufrufe des Videos auf YouTube, Stand 09.05.2014). Aber deine Zeilen haben gerade soviel Tiefgang, dass sie die große Masse für vielleicht zwei Wochen in absolute Betroffenheit und Nachdenklichkeit stürzen, ohne durch zuviel Komplexität zu überfordern oder irgendeine Art von Verhaltensänderung zu initiieren. Die Wirkung deines Beitrags ist von jener eines süßen Katzenbabyvideos nicht zu unterscheiden.

 

 

Bei Risiken oder Nebenwirkungen fragen Sie ein virales Video

Egal ob Engelmann oder Turk, was heute an Gesellschaftskritik im Netz viral geht, mutet textlich nicht nur an wie allerfeinster deutscher Pop Schlager à la Unheilig, sondern liest sich auch so: Geboren, um zu leben. Wie wir leben sollen, können Engelmann und Turk so genau auch nicht sagen. Sicher ist scheinbar nur: Überall und in allen Dingen erwartet uns heute das geheimnisvolle Event, die große Herausforderung, die einmalige Chance. Wer sie nicht nutzt, aus dem wird nichts! Was soll einer später im hohen Alter mal erzählen, der in seiner Jugend nichts von Bedeutung erlebt hat? (Engelmann). Und wie soll man die große Liebe finden, wenn man doch ständig auf das Handy starrt? (Turk). Die große Gemeinsamkeit der thematisch unterschiedlichen Beiträge Gary Turks und Julia Engelmanns ist es, dass sie jedem Moment unserer Existenz eine Einzigartigkeit, Gemeinschaftlichkeit und Erlebnisorientierung unterstellen, die wir so tatsächlich weder digital, noch analog erleben und die uns auch in ihrer praktischen Umsetzung schlichtweg überfordern würde.

 

Die mahnende Erinnerung an unser fast vergessenes, romantisch verklärtes, analoges Lebens liegt trotzdem nahe. Sie ist die einfachste und medientauglichste Antwort auf das große Vorurteil der Assozialität durch digitale Kommunikation. Und sie ist alles, was uns technisch-überforderten Hypochondern momentan einfällt, auf unserer panischen Suche nach der großen digitalen Epidemie.

 

 

Fotos: flickr.com/SigfridLundberg  und  flickr.com/Phae (CC BY-NC-SA 2.0)

 

5 Möglichkeiten, wie Medien und Journalisten soziale Netzwerke nutzen können

von Alexander Karl

Die Zeiten, in denen gesellschaftliche Debatten in der Kneipe um die Ecke stattfinden, sind noch nicht vorbei. Doch mit den sozialen Netzwerken haben sich neue Orte etabliert, in denen diskutiert wird: Seit Wochen ist etwa die Große Koalition, kurz GroKo, ein zentrales Twitter- und Facebookthema. Die klassischen Medien und einige Journalisten haben Twitter und Facebook längst für sich entdeckt – und greifen über diese in die Debatten ein. Doch wofür nutzen Medien, Journalisten und Blogger soziale Netzwerke?

Variante 1: Social Media zur Distribution journalistischer Inhalte

Sicherlich haben nur die wenigsten User Zeit und Lust, alle wichtigen journalistischen Medien wiederholt am Tag zu besuchen. Abhilfe schaffen da die Medien selbst: Spiegel Online, heute.de und Co. sind auf den sozialen Netzwerken vertreten und posten dort ihre Beiträge. Followen die User bei Twitter oder Liken sie die Seiten bei Facebook, bekommen sie die News direkt auf die Timeline. Artikel und Videos erreichen die Nutzer somit da, wo sie sich sowieso befinden: In den sozialen Netzwerken.

Variante 2: Social Media als Themenlieferant und Straßenumfrage

Die Landung eines Flugzeugs im Hudson River oder News der Koalitionsverhandlungen – die Informationen haben die User wahrscheinlich zuerst in den Sozialen Netzwerken erreicht. Bei der Notlandung im Hudson River 2009 war ein Tweet „mit höchster Wahrscheinlichkeit die erste Nachricht überhaupt, die über die Beinahe-Katastrophe von New York in die Welt gesetzt wird“, wie es Spiegel Online formuliert. Bei den Koalitionsverhandlungen waren es die Politiker selbst, die die Öffentlichkeit so auf dem Laufenden hielten. Sowohl die Notlandung 2009, als auch die Twitter-Nachrichten aus den Koalitionsverhandlungen wurden von den klassischen Medien entsprechend aufgegriffen. Die sozialen Netzwerke werden so zum Themenlieferant. Doch nicht nur die Tweets von Politikern werden journalistisch aufbereitet: Auch die Tweets von Otto-Normal-Bürgern werden von etablierten Online-Medien aufgegriffen. Anstatt in Deutschlands Innenstädten Passanten nach ihrer Meinung zu fragen, stellen Journalisten die Tweets und Posts der Nutzer zu einem Thema zusammen – quasi als Straßenumfrage 2.0 (media-bubble.de berichtete).

Variante 3: Social Media als Kommunikator

Die Zeit, in der es sich die klassischen Medien erlauben konnten, auf ihre Rezipienten nicht einzugehen, ist vorbei: Journalisten suchen auf Twitter und Facebook den Diskurs – so fragte die Schwäbische Zeitung ihre Follower beispielweise nach ihrer Meinung zu den Maut-Plänen der CSU. Gleichzeitig können die Medien Fragen der User beantworten und Feedback entgegennehmen. Tweets und Facebook-Kommentare sind damit das Online-Pendant zu den klassischen Leserbriefen. Mit einem großen Unterschied: Sie sind öffentlich und für jedermann einsehbar.

Variante 4: User helfen bei der Recherche

Warum sollten Journalisten nicht unter ihren eigenen Followern oder Freunden nach Unterstützung für Beiträge suchen? Daniel Bröckerhoff fragte beispielsweise Ende November für das Medienmagazin ZAPP um Hilfe über Twitter. Für den ZDFcheck während des Wahlkampfes konnten die User gar bei der Recherche helfen. Dabei wurden die Aussagen von Politikern auf ihre Richtigkeit geprüft, die User konnten die Recherche mit Hinweisen unterstützen.

Variante 5: Journalisten werden sichtbarer

Nicht nur die Medien können sich und ihre Beiträge über Social Media darstellen und sichtbar machen, sondern auch die Journalisten selbst. Sie können ihre Community mit persönlichen Meinungen, Analysen und Linktipps auf dem Laufenden halten und sich damit gleichzeitig selbst nur Marke machen. Gerade für Journalisten, die nicht vor den TV-Kameras stehen, ist das eine Möglichkeit, sich zu präsentieren. Dabei reicht das Spektrum der twitternden Journalisten von BILD-Chefredakteur Kai Diekmann, über den Mitherausgeber der FAZ Frank Schirrmacher, bis hin zum Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Der SPIEGEL Wolfgang Büchner.

Social Media – das hat diese Übersicht gezeigt – ist von großem Nutzen für den modernen Journalismus. Gleiches gilt natürlich auch für Blogger, die in den sozialen Netzwerken unterwegs sind. Und doch ist klar: Je mehr Medien, egal ob klassische oder reine Online-Medien, die sozialen Netzwerke bevölkern, desto eher droht ihnen die Gefahr, im News-Strom nicht mehr wahrgenommen zu werden. Und dann sind es doch wieder die analogen Stammtische, die das eigentlich Wichtige herausfiltern.

 

Bilder: flickr/lioman123 (CC BY-SA 2.0), flickr/mauricevelati (CC BY 2.0)

SchülerVZ ist tot – es lebe Facebook!

von Sabine Appel

Die Uni hat gerade erst angefangen und ich bin schon wieder heftig am prokrastinieren meiner anstehenden Hausaufgaben. Natürlich auf Facebook, wo das bekanntlich am leichtesten funktioniert. Doch was habe ich nur vor Facebook getan, wenn ich eigentlich lernen sollte? Tatsächlich gelernt jedenfalls nicht. Wo waren wir, Generation Internet, eigentlich alle, bevor wir uns auf Mark Zuckerbergs virtueller Schöpfung herumtrieben? Ach ja, damals gab‘s ja noch das Schüler VZ. Man könnte es als eine Art „Vorläufer“ des Giganten Facebook beschreiben. Doch während Facebook trotz vielfacher Kritik an Datenschutz und Co. nach wie vor weltweit beliebt ist, schließt das SchülerVZ morgen seine virtuellen Türen.

„Wir machen‘s kurz: Es ist vorbei“

Die VZ-Gruppe, bestehend aus SchülerVZ, StudiVZ und meinVZ, gehört inzwischen der Investmentgesellschaft Vert Capital. Während  StudiVZ und meinVZ zunächst weiter bestehen, wird dem SchülerVZ nun radikal der Garaus gemacht. Von 5 Millionen Nutzern sind nur noch 200 000 übrig geblieben. Aus 200 Mitarbeitern wurden 12 Angestellte, die nur noch für die Verwaltung zuständig sind, statt Hoffnung in das Projekt zu setzen. Anfang April geht die Nachricht an alle Nutzer, dass sie zum Ende des Monats automatisch gelöscht werden und vorher am besten noch ihre persönlichen Andenken sichern sollten.  Nach sechs Jahren ist das SchülerVZ am Ende und auch der Schlusssatz „Statt dem üblichen ‘Lebewohl‘ sagen wir:  Man sieht sich“ wirkt nicht so richtig überzeugend.  Was ist da eigentlich passiert?

Als mich die Nachricht erreicht, muss ich erst einmal  grübeln, ob mein SchülerVZ Account eigentlich noch existiert. Ich war schon Jahre nicht mehr auf der Plattform, bin allerdings auch nicht unbedingt gründlich, was die Entsorgung von persönlichen Karteileichen angeht. Probeweise starte ich einen Versuch, mich einzuloggen. Fehlanzeige – ich habe meinen Account wohl irgendwann  doch gelöscht, spätestens nach dem Abitur. Dann gehört man schließlich auch nicht mehr ins SchülerVZ, auch wenn dieses für ein Nutzeralter von 10 bis 21 Jahren freigeschaltet ist. Kurz überlege ich mir, mir für die letzten Stunden noch einmal einen Account anzulegen, um die Funktionen noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Leider muss ich mich jedoch von der Idee des neuen Accounts verabschieden, da nur eingeladene Nutzer ins Verzeichnis aufgenommen werden und keiner meiner Freunde noch einen SchülerVZ-Account besitzt. Mensch, ich werde alt. Oder ist die Plattform alt geworden?

Hühnerbrüste und Duckfaces

Einst unter Schülern und sogar Eltern sehr beliebt, nicht zuletzt aufgrund von Datenschutzpolitik und Nutzerbetreuung, ist SchülerVZ inzwischen in Vergessenheit geraten. Ohne neuen Account muss ich mich hier auf meine Erinnerung verlassen. Und die fördert folgende Bilder zutage: Selbstdarstellung in weiblichen „me, myself and I“ Fotoalben inklusive erster Duckfaces, nackte Hühnerbrüste von 16-jährigen Jungs, die gerade das Fitnesstraining entdeckt haben und private Nachrichten mit dem ersten richtigen Schwarm. Neben einem Steckbrief mit Beziehungsstatus, Lieblingsfilmen und Zitaten gab es da zum Beispiel „Gruppen“, denen man beitreten konnte, und die kleine Communities waren. Eigentlich. In Wirklichkeit dienten sie nur dazu, im Profil aufgezählt zu werden, um eine für das Image schmeichelhafte Bulletpoint-Liste von lustigen Sprüchen neben dem hübschen bearbeiteten Profilfoto zu bilden. Die perfekte Mischung aus Schönheit, Witz und Selbstironie – das war angesagt. Zusätzlich gab es eine Pinnwand auf jedem Profil, an der wir Sympathien, Herzchen und sozialen Status sammelten. Irgendwann kam die „Buschfunk“ Funktion  hinzu, mit der man einen aktuellen Status kundtun konnte. Ach, war das alles schön! Und es klingt  gar nicht so viel anders, als heutzutage auf Facebook – oder?

Von Facebook überholt

Das SchülerVZ gab es seit 2007, Facebook entstand schon 2004. Bevor die große Facebook-Welle jedoch auch nach Deutschland überschwappte, dauerte es ziemlich lange: Ich selbst erinnere mich, 2009 meinen Account erstellt zu haben und damals noch zu den ersten meiner Freunde gehört zu haben. Im SchülerVZ war ich wie viele andere von Anfang an dabei – dadurch konnte das Netzwerk sich vor Facebooks Zeiten in Deutschland etablieren. Der große Unterschied: Während Facebook spätestens 2009 als globale Epidemie im Stil der Amerikanisierung ausbrach, waren und bleiben die VZ Netzwerke bundesweit ausgelegt. Dazu kommt die Altersbegrenzung, die gerade  SchülerVZ zu einem sehr limitierten Netzwerk macht.

Und Facebook hat letztendlich schlichtweg mehr zu bieten: Nicht nur die Reichweite ist größer, sondern auch der Funktionsumfang. Die Basics sind ähnlich, doch etwas Entscheidendes ist anders: Facebook zeigt Entwicklung. Während man im SchülerVZ noch ziemlich suchen musste, indem man auf die einzelnen Profile seiner Klassenkameraden klickte, liefert Facebook den kompletten Livestream über das aktuelle Geschehen im Leben der anderen. Es sind dadurch nicht mehr nur die Profile der engsten Freunde, die man sich regelmäßig anschaut. Es sind je nach Abonnement verschiedenste Mitmenschen, Organisationen, vielleicht sogar berufliche Chancen, die man täglich verfolgt. Durch die Timeline steht Facebook beinahe schon an der Grenze zum Push-Medium, von dem man zum Austausch oder wenigstens zur Kenntnisnahme gezwungen wird, sobald man die Plattform betritt. Klingt irgendwie fies, passt aber auch zum voyeuristischen Bedürfnis der Gesellschaft und erlaubt eine angenehme Faulheit.

Der vom VZ bekannte  Exhibitionismus kommt bei Facebook nicht zu kurz: Man kann sein Leben in Beiträgen verschiedenster Art sowie mit sozialen Interaktionen dokumentieren und präsentieren wie sonst nirgends. Die ultimative Selbstbestätigung folgt durch den Like-Button. Selbstdarstellung ging auch im SchülerVZ – aber lange nicht so gut wie bei Facebook, da der Entwicklungsfaktor fehlt. In der Facebook-Chronik kann man nicht nur die Beiträge von Freunden einer Person nachverfolgen, was schon bei der VZ-Pinnwand funktionierte, sondern auch die Kundgebungen der Person selbst. Der „Buschfunk“-Status im VZ war selbstlöschend, sobald man einen neuen schrieb, Facebook speichert jede öffentliche Aussage chronologisch. Für immer. Fakt ist: Facebook ist spannender als das lang gleichbleibende SchülerVZ-Profil und es erlaubt mehr Chancen zur Kommunikation.

Das Konzept ist sich sehr ähnlich, an manchen Stellen, Stichwort Nutzerbetreuung, bei SchülerVZ besser.  Dennoch haben die Entwickler der VZ-Netzwerke nicht gut genug aufgepasst. Im Vergleich wirkt SchülerVZ wie eine antiquierte, unausgereifte Version von Facebook mit weniger Funktionen. Es ist ein Abstand, der vor allem durch die globale Vormachtstellung von Facebook nicht mehr aufzuholen ist – und das ist vermutlich auch der Grund, warum das SchülerVZ morgen seine virtuellen Türen für immer schließt und Vert Capital sich weitere Liebesmühe spart. Wir verabschieden uns von einem sozialen Netzwerk, das schon vor Verkündung der Schließung nostalgisch werden ließ. Nutzt die verbleibenden Stunden, um eure Jugendsünden noch einmal Revue passieren zu lassen. Und dann heißt es: Lebewohl, SchülerVZ!

Fotos: Privat



„‚The Voice‘ hat auch nicht mehr Talente als DSDS.“

von Alexander Karl

Deutschland hat gesucht und fand im Jahr 2009 ihn: Daniel Schuhmacher, Jahrgang 1987, gewann die sechste Staffel von ‚Deutschland sucht den Superstar‘. Mit ‚Anything But Love‘ eroberte er die Spitze der deutschen Charts, aktuell arbeitet er an seinem neuen Album, das im Frühsommer 2013 erscheinen soll.

Mit media-bubble.de sprach Daniel Schuhmacher über ‚The Voice‘, die aktuelle DSDS-Staffel und die Bedeutung von Social Media.

Daniel, du hast im Jahr 2009 ‚Deutschland sucht den Superstar‘ gewonnen. Wie sehr nervt dich die Frage von Journalisten, ob du ein Superstar bist?

Ich habe zwar DSDS gewonnen, aber das heißt nicht, dass ich ein Superstar bin. Das ist einfach der Titel der Show. Kein DSDS-Gewinner ist so weltberühmt wie Madonna oder Justin Timberlake. Aber durch den Sieg konnte ich in der Musikbranche Fuß fassen, Musik machen und mit coolen Leuten zusammen arbeiten.

Aktuell läuft die 10. Staffel, aber die Quoten waren auch schon besser. Was ist der Grund für den Abwärtstrend von DSDS?

Es gibt einfach zu viele Castingshows. Der Zuschauer weiß gar nicht mehr, was er anschauen soll. Aber bei DSDS kommt mittlerweile auch die Musik ein wenig zu kurz. Klar, es wird gesungen, aber auch mit Halb-Playback und Effekten auf den Stimmen. Das ist etwas ganz anderes, als mit einer Liveband zu arbeiten wie in unserer Staffel. Es klingt einfach anders, wenn die Musik live gespielt wird und nicht vom Band kommt. Das Eigentliche – das Talent und der Gesang – treten mehr und mehr hinter der Show zurück.

In eurer Staffel wurde auch noch weniger getanzt als heute, oder?

Wenn wir getanzt haben, mussten wir das alleine machen ohne viele Tänzer. Natürlich ist es legitim und auch ganz cool bei Dance-Songs ein paar Tänzer dabei zu haben. Aber manchmal kommt es mir so vor, als würden in jede Performance auf Biegen und Brechen Showelemente und Tänzer eingebaut werden – egal ob das passt oder nicht. Der Fokus sollte wirklich auf den Kandidaten liegen. Ich will die wahre Stimme des Sängers hören und keine extrem bearbeiteten Stimmen mit Echos und so weiter.

Würdest du dann heute – wenn du 2009 nicht DSDS gewonnen hättest – eher bei ‚The Voice‘ mitmachen?

Gute Frage, ich hab keine Ahnung. DSDS ist das Original, es war das erste Format, das nach einem Solo-Act gesucht hat. Alle anderen Formate sind ein bisschen von DSDS abgekupfert. Ich würde mir glaube ich einfach nur überlegen, ob ich zum Original gehe. Denn was mich nervt – unabhängig davon, dass ich es gewonnen hab – ist, dass die Medien DSDS immer als Schmuddelkind darstellen und ‚The Voice‘ oder ‚X Factor‘ in den Himmel loben. ‚The Voice‘ hat auch nicht mehr Talente als DSDS. Schlussendlich ist das alles Fernsehen, die wollen alle gute Quoten, die wollen alle Geld verdienen und die wollen alle erfolgreich sein.

Du warst in der aktuellen Staffel auch zu sehen – du hast im Casting einem Kandidaten gezeigt, wie man ‚Ain’t No Sunshine‘ singt. Wie hat es sich angefühlt, noch mal vor der DSDS-Jury zu stehen?

Eigentlich sollte ich den Kandidaten, die es in den Recall geschafft hatten, ein paar Tipps geben und Fragen beantworten. Und plötzlich hat mich Dieter Bohlen zur Jury gerufen und mich gebeten, den Song vorzusingen. Aber mir hat der Kandidat auch leid getan, ich wollte da ja niemanden bloßstellen oder so. Aber es war auch cool zu zeigen, wer ich heute bin. Ich wurde danach auch ganz, ganz oft gefragt, ob mein spontanes Vorsingen geplant war – es war definitiv nicht geplant.

Du schaust dir die Show ja auch weiterhin an. Wie ist es, das alles noch mal vom Bildschirm aus zu erleben?

Natürlich schaue ich mir DSDS anders an als ein ganz normaler Zuschauer, der keine Ahnung hat, was für ein riesiger Apparat hinter der Show steckt. Ich weiß, wie sich der Kandidat in der Situation fühlt, was da bei den Interviews vielleicht gemacht, irgendwie hingedreht wurde. Die Kandidaten sind noch unerfahren im Umgang mit den Medien, das war ich damals auch. Aber als Redakteur will man Dinge über die Kandidaten herausfinden und kitzelt die Antworten aus ihnen heraus. Da werden die Fragen so gestellt, dass man in die Falle tappt. Aber das ist einfach das TV-Geschäft.

Als Sieger von DSDS hattest und hast du natürlich viele Fans, auch bei Facebook. Letztens hast du Fanfragen in Videos beantwortet und diese online gestellt. Warum nutzt du Social Media so aktiv?

Für mich als Castingshow-Gewinner sind Facebook und Co. die größte Chance, um mein Publikum zu erreichen. Wir DSDS-Sieger und Kandidaten werden nicht im Radio gespielt und auch im TV haben wir es nicht unbedingt leicht. Durch Social Media kann ich meine Fans an meinem Leben und meiner Karriere auch teilhaben lassen.

Gibt es auch Sachen, die für dich zu privat sind, als dass du sie online posten würdest?

Ich war da anfangs, nachdem ich DSDS gewonnen hatte, ziemlich offen und hab da alles beantwortet und oft ziemlich viel Preis gegeben. Ich habe aber gemerkt, dass ich da eine Grenze finden muss, denn sonst ist das Privatleben nicht mehr privat. Über meine Familie, aber auch über meine Freunde poste ich wenig. Ich habe mir das Leben in der Öffentlichkeit ausgesucht, nicht sie. Anfangs haben Leute meine Eltern angerufen, sie oft auch Mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt – das fand ich extrem unverschämt.

Zum Schluss noch dein Tipp zur aktuellen Staffel – wer wird der diesjährige DSDS-Sieger?

Ich drücke Susan die Daumen. Sie ist am besten und singt sicher, auch wenn sie nicht die einzigartigste Stimme der Welt hat. Aber es heißt ja immer, dass bei DSDS keine Mädels gewinnen können… Auch dieses Mal gibt es mit Erwin den typischen Mädchenschwarm, aber bei den Jungs sehe ich gesanglich Ricardo weit vorne.

 

Fotos: J. Andreasson, aufgenommen beim Konzert von Daniel Schuhmacher am 29. November 2012 in der Stadthalle Pfullendorf.

Die dunkle Seite hat Kekse: Wie Cookies Nutzer analysieren

von Sebastian Seefeldt

Das Internet ist eine Keksdose und alle greifen beherzt zu. Bei jeder Internetsitzung sammeln sich auf den Computern Unmengen Cookies an. Dass es sich bei einigen Cookies um hinterlistige Spione handelt, wissen viele Nutzer nicht.

Inhaltsstoffe

Ein Cookie ist  eine kleine Textinformation. Sie ermöglicht es unter anderem, dass sich eine Webseite an den Browser des Nutzers „erinnert“. Denn HTTP, das Protokoll auf dem Webseiten basieren, ist zustandslos. Das bedeutet, dass jeder Zugriff auf eine Webseite als „neu“ gewertet wird: Das Internetprotokoll, erinnert sich nicht von alleine an vorherige Zugriffe.

Jetzt kommen die Cookies ins Spiel. Sie beinhalten beispielsweise eine sogenannte Session-ID, eine Zahlenkombination, durch die Nutzer eindeutig wieder zu erkennen ist. Somit sind längere Nutzungen möglich, bei denen nicht jeder Aufruf einer Unterseite die erneute Eingabe des Passworts erfordert. Außerdem werden so persönliche Einstellungen beibehalten – auch Warenkörbe basieren auf Cookies.

Cookies werden durch das Öffnen einer Website, auf dem Rechner platziert – ohne den Nutzer zu fragen. Wird die Internetseite erneut besucht, werden die Cookie-Informationen wieder dem Server übermittelt.

Cookies ermöglichen den Internet-Nutzern Bequemlichkeit. Durch Cookies erhält das Internet seinen Komfort, den kaum einer missen möchte. Beinahe jeder Internetservice basiert auf ihnen – sei es nun Online-Shopping oder Facebook.  Die Alternative zu Cookies wäre die Speicherung der IP-Adressen auf den Servern der genutzten Seite, diese würde ihnen die eindeutige Identifikation ihrer Nutzer ermöglichen. Cookies sorgen so, eigentlich, für besseren Datenschutz.  Doch Werbeagenturen und soziale Netzwerke machen sich das gutmütige Vertrauen der Nutzer, oder ihre Bequemlichkeit, auf andere Art zunutze.

Datensammler

Wer hat sich nicht schon mal gefragt, warum der Zalando-Schuh, den man fast gekauft hätte, einen noch tagelang quer durchs Netz verfolgt? Ein Grund hierfür sind Cookies. Diese kommunizieren nicht nur mit dem Server der Webseite, wenn die entsprechende Seite geöffnet ist. Cookies „telefonieren“ auch dann nach Hause, wenn diese Seite Werbung auf einer anderen, aktuell aufgerufenen Seite schaltet. Wichtig ist nur, dass es eine „Verbindung“ zum Heimatserver gibt. So können Webseitenanbieter und Webwerbeargenturen ihre Nutzer durch das halbe Netz verfolgen.

Besonders soziale Netzwerke benutzen diese Art des Trackings. Hinter allen „Share-Buttons“, wie sie auf beinahe jeder Website zu finden sind, verbergen sich solche Verbindungen durch die Daten an den Server vermittelt werden. Damit Facebook weiß, dass man Sascha Lobos Blog ließt, muss man diesen nicht einmal „liken“. Es reicht, die Seite zu öffnen. Die Websites wissen daher immer, wann und wo sich der Nutzer im Netz umhertreibt. Doch was passiert mit den gesammelten Daten?

Web Analysis

Zunächst ein Grundgedanke: Die meisten Websites des Internets sind umsonst. Wir konsumieren Inhalte, für die wir teilweise in Offlinemedien zahlen müssten – sei es nun Spiegel Online oder Youtube. Der Grund, warum diese Inhalte gratis verfügbar sind, ist die Werbung. Durch sie können Webseiten laufende Kosten wie die Gehälter der Redakteure oder die Webseitenpflege decken.

Die über Cookies eingeholten Daten über Nutzer dienen dazu, diesem personalisierte, also persönlich abgestimmte, statt zufälliger Werbung anzuzeigen. Cookies, die von den großen Webwerbeagenturen platziert werden, sind auf einer Großzahl der besuchten Seiten des Netzes vertreten. Installiert man ein Browser Plug-In, dass die Cookies sichtbar macht, wird dies sehr deutlich. Dank Tracking, also der Auswertung der Netzaktivitäten der User, vermindern die Agenturen so die Streurate und zeigen wirklich nur die Werbung, die für den Einzelnen von Belang ist – ihn also wirklich interessieren könnte. Die Agenturen können dank Cookies abzählen, wie oft eine Werbung bereits gesehen wurde, wodurch die Werbung immer unaufdringlicher wird.  Somit entsteht effektivere Werbung. Werbung, die das Netz am Laufen hält.

Opt-in statt Opt-out

Deutschen Datenschützern geht diese Vorgehensweise zu weit. Hauptproblematik: Die Nutzer sind nicht mehr Herr über ihren Datenverkehr. Denn hierzulande gilt das soggenannte Opt-Out Verfahren. Statt den Nutzer bei der Platzierung eines Cookies zu fragen, ob er diesen möchte (Opt-In), kann dieser nur im Nachhinein regeln, welche Cookies er möchte. Im Jahr 2009 wurde eine EU-Richtlinie erlassen, die es nur dann erlaubt Cookies zu platzieren, wenn diese für den technisch reibungslosen Ablauf nötig sind. Die Umsetzung in Deutschland bleibt allerdings bis heute aus. Hierdurch ist der Nutzer dazu gezwungen, sich selbst zu behelfen, wenn er der zugeschnitten Werbung entfliehen möchte. Die großen Webagenturen bieten beispielsweise Opt-Out Cookies an, die zehn Jahre ab Aktivierung alle Trackingaktivitäten der Agentur blockt.

Auf meine-cookies.org findet sich eine Liste der großen Anbieter. Alternativ gibt es auch Browserprogramme, die effektiv alle unerwünschten Cookies blockieren. Ghostery beispielsweise erkennt Cookies nicht nur. Das Programm bietet auch die Möglichkeit, sich über die Firma, die hinter dem Cookie steckt, zu informieren. So kann man anschließend entscheiden, ob man den Cookie behalten will. ShareMeNot bietet die Möglichkeit, Sharebuttons ihrer Trackingfunktion zu berauben ohne die eigentlich Funktion, das Teilen von Inhalten, zu verlieren.

Tools wie diese ermöglichen es zwar das Keksproblem privat zu lösen, für die Gesellschaft als Ganzes sind sie aber keine angebrachte Lösung. Bedenkt man alleine, wie gering der Anteil an Internetnutzern ist, die überhaupt wissen, dass Cookies nicht nur Süßwaren sind, wird klar, dass eine bessere Informationspolitik her muss. Der Nutzer sollte darauf hingewiesen werden, was er tut: Lieber Opt-In statt Opt-Out.

 

Fotos: flickr.com/stallio (CC BY-SA 2.0) flickr.com/ssoosay (CC BY 2.0)

 

 

Der Kommunikationszwang

von Alexander Karl

Piepsende Smartphones und aufploppende Facebook-Nachrichten gehören längst zum Alltag eines Digital Natives und auch vieler Digital Immigrants. Sie sind es gewohnt, ihr Leben im Netz darzustellen und dort oftmals auch (weiter)zuleben. Doch zeitweise scheint dieses Leben zu einem Kommunikationszwang zu werden, der uns Dank unserer smarten Telefone überall hin begleiten kann.

Mit „LG ; -) Wie wir vor lauter Kommunizieren unser Leben verpassen“ ist nun ein Buch erschienen, das sich genau mit dieser Thematik befasst (siehe Rezension). Die Autorin des Buches, Nina Pauer, Jahrgang 1982, arbeitet als Redakteurin im Feuilleton der ZEIT.

Im Interview mit media-bubble.de spricht die Autorin über Facebook, Offline-Romantik und Wege aus dem Kommunikationszwang.

Frau Pauer, Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie die neuen Kommunikationsformen immer mehr unser Leben bestimmen. Wie oft am Tag checken Sie Ihre Mails und Ihre Facebook-Seite?

Ehrliche Antwort? Ich habe keine Ahnung – es ist viel zu oft, um es zu zählen.

Haben Sie schon einmal überlegt, Ihren privaten Facebook-Account zu kündigen?

Nein, ehrlich gesagt nie. Aber ich habe sehr oft darüber nachgedacht, wie ich mich von Facebook distanzieren kann, um es gesünder zu nutzen. Zusätzlich zum privaten Account habe ich ja auch noch einen Autorenaccount, also noch eine virtuelle Identität mehr…

Sie kritisieren in Ihrem Buch vor allem, dass man immer und überall erreichbar ist und technische Geräte wie Smartphones fester Bestandteil unseres Lebens sind. Kann man sich gegen diese Entwicklung überhaupt noch wehren, ohne im Job und im Privaten isoliert zu sein oder isoliert zu werden?

Ich bin mir sicher, dass man das kann. Man muss nur wieder den Zustand herstellen, dass wir diese Sphären und Geräte steuern und nicht umgekehrt sie uns. Wir müssen nicht andauernd erreichbar sein, unsere Freunde und Kollegen und Bekannte werden es ganz sicher respektieren, wenn wir unser Verhalten ändern. Wir müssen es uns und ihnen nur antrainieren, indem wir unser Kommunikationsverhalten drosseln.

Denken Sie, dass wir eines Tages genug vom Internet haben und uns wieder auf die Offline-Welt zurückbesinnen?

Nein, ganz sicher nicht. Ich glaube nicht an diese „Offline-Romantik“ à la: Stecker ziehen und dann haben wir unser eigentliches, wahres, wirkliches Leben zurück. Unser Leben passiert ja auch online, wir halten dort Beziehungen am Leben, beginnen oder beenden sie. Mit dem Internet ist es deshalb wie bei der Erfindung des Telefons: es ist einfach ein neues Medium und das wird sich nicht wieder abschaffen lassen. Ich denke auch nicht, dass das erstrebenswert ist. Das Internet ist ja nicht per se böse. Wir sind nur in der Anfangsphase, in der wir noch nicht wirklich mit diesem neuen Medium klar kommen.

Was sind Ihre Tipps, um sich Freiräume aus dem Kommunikationszwang zu schaffen?

Für mich heißt die Lösung „Intervallkommunikation“. Das heißt, Pausen zwischen dem Abrufen von Twitter, Facebook, den Emails einzulegen, das Telefon mal nicht mit zum Einkaufen oder Kaffeetrinken gehen. Solche kleinen Übungen reichen ja schon, um das Gefühl wiederzuerlangen, dass wir die Kontrolle über die Situation haben und nicht andersherum alles auf uns einprescht ohne das wir es steuern können. Und ansonsten: Yoga, Schwimmen gehen, irgendeine Art von Aktivität eben, bei der man nicht mal eben nebenbei noch schnell eine Nachricht schreiben kann.

Rezension: Nina Pauer: „LG ; -) Wie wir vor lauter Kommunizieren unser Leben verpassen“

Mit „LG ; -)“ ist Nina Pauer ein unterhaltsames Buch gelungen, in dem sich wohl viele Digital Natives (und Digital Immigrants) wiedererkennen: Ständige Erreichbarkeit ist in vielen Momenten äußerst nützlich und angenehm, hat aber auch seine Schattenseiten. Die Protagonisten des Buches bewegen sich zwischen dem Wunsch nach Kommunikation und gleichzeitiger Ablehnung derselben. So sorgt das Ausbleiben von Nachrichten für Unruhe, das Vorhandensein aber auch für Stress. Nina Pauer gelingt es, den Lesern einen Spiegel vorzuhalten, der schlussendlich klar macht, dass man selbst das Kommunikationsverhalten bestimmt.

Nina Pauer: „LG ; -) Wie wir vor lauter Kommunizieren unser Leben verpassen“. S. Fischer Verlag. 240 Seiten. ISBN: 978-3100606303. 14,99 Euro. Erschienen am 26. September 2012

 

Foto: flickr/webtreats (CC BY 2.0); Foto Nina Pauer: Dennis Williamson; Buchcover: S. Fischer Verlag

„Nur gucken, nicht anfassen!“ – Eifersuchtsfalle Social Media

Von Sandra Fuhrmann

„Liebe ohne Eifersucht gibt es praktisch nicht, und in gewissem Maße ist sie sogar positiv“, sagt der Berliner Psychologe Wolfgang Krüger. Eine klassische Situation: Der Partner trifft jemanden auf der Straße und unterhält sich angeregt. „Wer war das denn?“ wird die fast unvermeidliche Frage der besseren Hälfte folgen. Doch wie kann man in sozialen Netzwerken bei zweihundert oder noch mehr Freunden den Überblick über die Kontakte des Partners behalten? Laut einer Studie der kanadischen Psychologin Wera Aretz verstärkt Facebook die Eifersucht in Beziehungen.

„Früher musste ein Partner ja nicht den ganzen Tag Rechenschaft ablegen, mit wem er sich trifft und was er so tut. Heute posten die meisten freiwillig Informationen über ihr Leben“, so Aretz. Gerade diese Öffentlichkeit der persönlichen Informationen ist es laut der Psychologin, die geradezu zum Schnüffeln verführt. Damit werden auch die Partner zum potenziellen Kontrollfreak, die im nicht digitalen Leben kaum zu Eifersucht neigen – die Hemmschwelle sinkt, denn das Spionieren ist einfach und zudem unauffällig. Doch welchen Einfluss hat das auf unsere Beziehungen?

Der Lippenstift am Hemdkragen

Psychologe Wolfgang Krüger ist der Meinung, dass hinter Eifersucht die Angst steckt, verlassen zu werden. Zum einen ist Eifersucht ein Stück weit normal und kann dem Partner zeigen, dass er uns wichtig ist. Nimmt sie jedoch überhand, kann sie eine Beziehung gefährden. Soziale Netzwerke können unter Umständen einen Nährboden für diese Eifersucht liefern, indem sie private Informationen zu öffentlichen machen, die von jedem eingesehen werden können. Die meisten Leute geben diese persönlichen Informationen sogar freiwillig preis. Sie posten ihren Beziehungsstatus, veröffentlichen Bilder ihrer Partys und zeigen jedem, mit wem sie befreundet sind. Was früher der Lippenstift am Hemdkragen war, kann heute ein plötzlich neu auftauchender Freund in Facebook sein oder ein Partybild mit einer unbekannten Schönheit, auf dem man von einem Freund markiert wird. Mit genügend Phantasie und dem entsprechenden Eifersuchtspotenzial können so die heißesten Affären entstehen – wenn auch nur in der Fantasie des Partners.

Die Verführung ist groß – viele Menschen aktualisieren regelmäßig ihren Status, sammeln Freunde und versuchen sich in ihrem Profil möglichst gut zu präsentieren. Ein durchaus legitimes und zuweilen sogar ratsames Bestreben. Gerade für berufliche Zwecke, doch auch im privaten Leben, ist es heute wichtiger denn je, ein wenig Mühe in die Gestaltung seines Online-Auftritts zu stecken. Doch hier sollte differenziert werden: Welche Informationen gehören tatsächlich auf eine öffentlich einsehbare Seite und welche Dinge behält Mann oder Frau doch lieber für sich? Hat der eigene Beziehungsstatus tatsächlich etwas auf der Facebook-Profilseite zu suchen? Geht es jemanden etwas an, mit wem man am Vorabend feiern war? Letztendlich ist es eine Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss.

Das fehlende Stück Wahrheit

Ein Blick sagt mehr als tausend Worte – das gilt auch für Worte, die sich uns nur in digitaler Form auf dem Bildschirm zeigen. Die kanadische Psychologin Aretz weißt darauf hin, dass ein Stück der Wahrheit im Internet leicht verloren gehen kann. Genau deshalb ist die digitale Eifersucht auch gefährlich. Neuere Erkenntnisse in der Psychologie gehen davon aus, dass 90 Prozent unserer Kommunikation auf der nonverbalen Ebene stattfinden. Das heißt, dass diese Form der Kommunikation einen weit höheren Stellenwert einnimmt, als das, was wir in Form von Worten – ob nun geschrieben oder gesprochen – mitteilen. Verlässt man sich also nur auf digitale Informationen, ist die Chance groß, dass man einem Missverständnis unterliegt. Wer zu Eifersucht neigt, tut gut daran, sich dieses Umstands bewusst zu werden. Ein offenes Gespräch in der realen Welt könnte unter Umständen viel klären.

Das Internet und auch soziale Netzwerke werden immer mehr ein Teil unseres Lebens. Eine Entwicklung, die durch technische Tools wie  Smartphones noch verstärkt wird. Warum also nicht die Regeln des realen Lebens auf die Online-Aktivitäten übertragen? Zumal es ohnehin schwer ist von zwei Welten zu reden, wo unser digitales Leben – heute vermutlich mehr denn je – unser reales beeinflusst und umgekehrt. Ist uns Ehrlichkeit in unserer Beziehung im realen Leben wichtig, dann sollte das auch für digitale Aktivitäten gelten. Und wer seinem Partner in der richtigen Welt vertrauen kann, der kann es mit großer Wahrscheinlichkeit auch online.

 

Fotos: flickr/DonDahlmann (CC BY-NC-ND 2.0); flickr/renee.hawk (CC BY-ND 2.0)