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Der errechnete Mensch

Von Miriam Lenz

Unsere Daten sind mittlerweile überall – ob wir sie nun selbst herausgeben (z. B. indem wir ein Nutzerprofil anlegen) oder ob sie abgegriffen werden (z. B. durch die GPS-Funktion im Handy oder Cookies im Netz). Die wenigsten wissen, wer wo welche Daten von ihnen hat. Trotzdem fühlen sich viele nicht bedroht; schließlich hat man nichts zu verbergen. Was macht es schon, wenn jemand durch meine Paybackkarte weiß, was ich einkaufe?! Gleichzeitig haben aber auch immer mehr Menschen ein ungutes Gefühl, weil sie die Warnungen etlicher Experten im Kopf haben, laut denen uns unsere Unvorsichtigkeit noch teuer zu stehen kommen wird. Denn laufend werden unsere Daten gesammelt, an die Wirtschaft verkauft und dort ausgewertet, um dann wiederum gezielt Profit aus uns herausschlagen zu können. Kann man da wirklich noch behaupten, dass das Internet kostenlos ist?

Wem nutzen die Daten?

In der Zukunft und auch jetzt schon fahren wir nicht mehr einfach nur Auto. Wir produzieren dabei am laufenden Band Daten. Das Fahrzeug weiß, wann ich wie wo hinfahre. Es wird mich mithilfe dieser Daten unterstützen und mich z. B. um einen Stau herumlenken oder warnen, wenn mein Fahrstil Anzeichen von Müdigkeit aufweist. Die erzeugten Daten dienen aber nicht nur meiner persönlichen Unterstützung, sondern können auch an Versicherungen verkauft werden. Die Versicherung weiß dann, ob ich ein moderater oder aggressiver Fahrer bin, ob ich oft oder selten fahre und wie oft die Fahrzeugassistenz eingreifen musste. Je nach Daten werde ich teuer oder günstiger versichert werden. Wenn ich einen Unfall habe, werde ich mit hoher Wahrscheinlichkeit kurz darauf per Werbebanner oder Post ein Angebot für einen Neuwagen erhalten. Sei es aufgrund der vom Auto produzierten Daten, weil ich meinen Unfall in einer Mail erwähnt habe oder weil ich auf der Website eines Autoherstellers gesurft bin.

Auch im Bereich Gesundheit geht der Trend hin zu mehr Datensammeln. Fitnessarmbänder und Gesundheits-Apps erstellen ganze Datenbanken über unseren gesundheitlichen Zustand, wofür sich auch die Krankenkasse oder diverse Versicherungen brennend interessieren. Schon jetzt belohnen Krankenkassen die Kunden, die via Gesundheits-App nachweisen, dass sie sich fit halten. Wie lange wird es dann wohl noch dauern, bis diejenigen höhere Beiträge zahlen müssen, die dies nicht tun?

Die systematische Abschöpfung unserer Daten, die Erstellung riesiger Datenbanken und die Auswertung und Verknüpfung unserer Daten dringen in jeden Bereich unseres Lebens vor. Viele Anwendungen und Apps (auch die, von denen man das nicht erwartet) etwa greifen nebenbei Standortdaten, Freundeslisten, Gefällt-mir-Angaben, Adressbücher und Kalender ab. So entstehen sehr genaue Profile über unsere Bildung, Wohnsituation, Beschäftigung, Interessen, Bewegungsverhalten, Finanzen und Gesundheit. Schnell kann es da passieren, dass aufgrund der Datenbasis ein Kredit nicht bewilligt wird oder eine Beförderung bei der Arbeit ausbleibt.

Anhand der errechneten Profile und aufgrund von Statistiken versucht man vorherzusagen, wie man uns am besten manipulieren oder Profit aus uns herausschlagen kann. Apple-Nutzern werden Produkte z. B. oft teurer angezeigt als Windows-Nutzern, weil sie als finanzstärker eingeschätzt werden. Dass der einzelne Mensch unberechenbar bleibt und dass Statistiken irren können, wird der Nachteil des einzelnen sein. Gehört man statistisch zu einer Risikogruppe, kann man das z. B. in Form von teureren Beiträgen zu spüren bekommen. Da hilft es nicht mal, wenn man vorsichtig mit seinen Daten umgegangen ist: Denn je weniger Daten zu einer Person vorliegen, desto weniger ist diese einschätzbar und somit wieder ein Risiko.

Doch es entsteht ein noch verheerenderer Schaden. Wenn ich weiß, dass überall Daten über mich existieren, ich beobachtet und analysiert werde, ändert sich mein Verhalten. Nicht, weil ich glauben würde, dass ich mich falsch verhalte, aber eben doch, um bloß keinen Zweifel aufkommen zu lassen. Ich werde vorsichtiger, verhalte mich konformer, bin weniger kreativ und werde weniger kritisch denken, geschweige denn mich äußern. Das aber entspricht nicht dem Wesen unserer teuer erkämpften freiheitlichen Gesellschaft. Warum der Schutz unserer Privatsphäre so wichtig ist und warum das Argument nicht zieht, dass wer nichts zu verbergen hat, nichts zu befürchten hat, erklärt der Journalist Glenn Greenwald in einem TED Talk. Er gehörte zu den Ersten, die Edward Snowdens Dateien einsehen durften:

Was sagt das Gesetz?

Bisher hatte jeder der 28 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union ein eigenes Datenschutzgesetz. Nun ist eine Reform geplant, die den Datenschutz vereinheitlicht und die Rechte der Nutzer stärkt. Unlängst gab es außerdem einen Durchbruch. Der Europäische Gerichtshof gab dem Österreicher Max Schrems recht, als dieser klagte, weil seine auf Facebook erzeugten Daten von der europäischen Niederlassung Facebooks in Irland an die Vereinigten Staaten weitergegeben wurden. Dort konnten bisher die Behörden und der Geheimdienst die personenbezogenen Daten nutzen.

Durch das Urteil dürfen nun Tausende von Unternehmen die in Europa gesammelten Daten nicht mehr an die Vereinigten Staaten weitergeben, dort sammeln und analysieren. Im Zuge dessen wurde nun auch das Safe-Harbor-Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union für ungültig erklärt.

Das Thema Datenschutz ist keine Frage der Wirtschaft oder der technischen Möglichkeiten, sondern primär eine politische und juristische. Nur weil wir keine direkte Bedrohung etwa in Form von Waffen spüren, heißt das nicht, dass wir sicher sind. Mit zunehmender Überwachung entsteht ein Gefängnis in unseren Köpfen, weil wir uns immer die Frage stellen müssen, ob die Daten, die durch unser Verhalten erzeugt werden, an jemanden gelangen könnten, der diese zu unserem Nachteil einsetzt.

Foto: flickr.com/Dennis Skley (CC BY-ND 2.0)

Facebook wählt die Cholera

von Sebastian Seefeldt

Die Bürger des Facebook-Staates hatten die Chance, über ein neues Grundgesetz in Sachen Datenschutz abzustimmen. Doch wer darin einen Fortschritt sieht, wird enttäuscht. Kritiker bemängeln: Die Wahl war eine bloße Farce.

Wahlbeteiligung gleich null

Facebook ist nicht irgendein virtueller Staat – in Bevölkerungszahlen ausgedrückt, ist Facebook das drittgrößte  Land der Welt. Mit seinen 900 Millionen „Einwohnern“ leben hier 11-mal mehr Menschen als in Deutschland. Umso skurriler, dass bei der Abstimmung über die neuen Datenschutzbestimmungen nur 0,0038 Prozent der Nutzer beteiligt waren – das entspricht in etwa der Einwohnerzahl der Stadt Wuppertal. Sind die Facebook-Nutzer nur uninteressierte Nichtwähler, oder steckt ein anderer Grund hinter der Wahlflaute?

Wahllokal unauffindbar

„Facebook ist stets bestrebt, ein transparenter und verantwortungsbewusster Dienstleister für unsere Nutzer zu sein, der schnell auf deren Anliegen reagiert. Deshalb suchen wir ständig nach neuen Wegen und Möglichkeiten, eine sinnvolle Nutzerbeteiligung in die Überprüfung unserer Richtlinien und Verfahren einzubringen.“

 

Dass diese Beschreibung , wie sie auf Facebook Site Governance zu lesen ist, weitestgehend unzutreffend ist, zeigt sich im Rahmen der Wahl: Wer das Dokument genau durchliest, stößt auf eine fragwürdige Passage: Das Ergebnis der Abstimmung ist erst dann verbindlich, „wenn mehr als 30% aller aktiven registrierten Nutzer daran teilnehmen. Sollten weniger als 30 % teilnehmen, so erhält die Abstimmung einen beratenden Charakter.“

Und Facebook sorgte dafür, dass diese 30 Prozent nicht erreicht werden. Wer sich, wie der Standarduser, auf Facebook einloggt, um ein wenig durch Timeline und Profile zu stöbern, wird von der Abstimmung nichts erfahren: Denn die Einladung bekam nur zu sehen, wer Facebook Site Governance abonniert hat – das sind gerademal 0,23 Prozent aller Facebook-Nutzer. Doch selbst diejenigen, die zum Kreis der Auserwählten gehörten und von der Facebook-Wahl erfuhren, konnten nicht viel ausrichten.

Pest und Cholera

„Welche Schriftsätze sollten die Nutzung von Facebook regeln?“ lautete die Frage, die zur Abstimmung stand. „Vorgeschlagene Dokumente“ oder „Bestehende Dokumente“ waren Antwortmöglichkeiten. Hinter den Dokumenten verbergen sich juristische Texte über die Datenschutzvereinbarungen, ohne Kommentare und ohne Angabe der Unterschiede. Für Nicht-Juristen also ellenlange Hieroglyphentexte. Was soll der Facebook-Normalo nun wählen? Gerademal eine Woche Zeit hatten die Facebook-Nutzer, um sich untereinander zu beraten und vor allem überhaupt auf die Abstimmung aufmerksam zu machen.

Schlussendlich blieb es eine Wahl zwischen Pest und Cholera, wie auch Facebook-Widersacher Max Schrems und seine Wiener Studentengruppe europe-v-facebook.org betonen. Kritiker bemängelten, dass sich Facebook durch die „vorgeschlagenen Dokumente“ mehr Rechte als bisher einräume. Europe-v-facebook.org kritisierte, dass aufgedeckte „Missstände“ beim Umgang mit Nutzerdaten mit den neuen Regeln legitimiert würden. Unter anderem sieht der neue Entwurf für die Datenschutzrichtlinien vor, dass Informationen länger als bisher aufgehoben werden können. In der neuen Ordnung heißt es dazu: „Wir werden Daten so lange einbehalten, wie dies erforderlich ist, um den Nutzern und anderen Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen. Diese umfassendere Verpflichtung gilt für alle Daten, die wir über Dich sammeln und erhalten, einschließlich Informationen von Werbetreibenden.“

Facebook macht sich keine Freunde

Obwohl 87 % der Wählerschaft, wie von einschlägigen Blogs empfohlen, für das bestehende Dokument stimmten, kann der Konzern machen, was er will. Da die 30%-Hürde nicht überwunden wurde, erhält die Wahl nur einen „beratenden Charakter“. Das große Medienecho blieb aus – Facebook bleibt in seiner Handlungsfreiheit uneingeschränkt und wird die „vorgeschlagenen Dokumente“ als neue Richtlinien einsetzen. Der Datenschützer Thilo Weichert nannte die Abstimmung eine „Farce“, außerdem enthielten beide Alternativen rechtswidrige Klauseln.

Facebook zeigt, auf eine ganz eigene Art und Weise, wie gut sie das Social Networking verstehen. Und vor allem, wie sie es aushebeln können. Alle für Facebook typischen Eigenschaften wie Interaktivität, Multimedia, schnelle Klicks waren bei der Abstimmung nicht vorhanden – an echter Mitbestimmung hat der Konzern offenbar kein Interesse.

Bild: flickr/smemon (CC BY 2.0)

Traumprinz sucht Froschkönig

von Sandra Fuhrmann

It’s dating time. Und das immer und überall – zumindest, dort, wo man über einen Webzugang verfügt. Laut   Singlebörsen-Vergleich haben sich seit der Jahrtausendwende 90 Millionen Deutsche bei Online-Dating-Portalen registriert. Auf den Straßen sind Millionen von Singles unterwegs – das Internet aber ist der Ort, wo man sie gezielt finden kann.

Wer heute ins Netz eintaucht, der begibt sich an einen bunten Ort der Vielfalt.  Hier wird nicht nur die Prinzessin mit Angeboten überschwemmt, wie sie garantiert den perfekten Traumprinzen findet, und manch ein Prinz bekommt auch die Gelegenheit, endlich auf den passenden Froschkönig zu treffen.

Magische Orte

Die Zahl des homosexuellen Bevölkerungsanteils schwankt je nach Land und Informationsquelle. In manchen Städten wird sie auf 5-10% geschätzt. Diese Zahl teilt sich natürlich in Männer und Frauen auf. Lebt man als schwuler Mann oder lesbische Frau dann noch außerhalb der großen Städte, erschwert sich die Suche nach einem Partner zusätzlich. Im Cyberspace jedoch gibt es sie – jene regenbogenfarbenen Orte, wo Gleichgesinnte sich finden können.

Das Geschäft mit Dating-Sites boomt. Und der Markt für homosexuelle Portale  ist eine längst entdeckte Nische. Das Angebot reicht vom einfachen Chat, über Flirts, bis hin zu Seiten wie Gay Parship, die mit Hilfe von Persönlichkeitstest versuchen, den Partner fürs Leben zu ermitteln. Im Grunde bieten Online-Dating-Sites Homosexuellen dieselben Vorteile, die sie Heterosexuellen bieten – und noch ein paar Dinge mehr. Zum einen bietet sich Heterosexuellen hier die Möglichkeit, auf so viele Gleichgesinnte zu treffen, wie es in der realen Welt nur selten möglich ist, zum anderen gehen die Nutzungsmöglichkeiten dieser Seiten oft über die reine Partnervermittling hinaus.

Manche mögen’s heiß

Nimmt man vorweg, dass auch manche Frauen ab und an gerne einen Blick auf die für schwule Männer konzipierte Seite Gayromeo riskieren, kann man seiner Fantasie freien Lauf lassen. Schon die Startseite macht mit wechselnden Profilbildern keinen Hehl daraus, was der Suchende beim Weiterklicken finden kann. Aus diesem Grund mussten die Macher der 2002 an den Start gegangenen Seite aus jugendschutzrechtlichen Gründen ihren Sitz 2006 von Berlin in die Niederlande verlegen. „Wir sind das, was du aus uns machst„, heißt es auf den Seiten des Portals. Und damit hat der Autor dieses Satzes vermutlich nicht ganz unrecht: Gayromeo bietet seinen Usern zahlreiche verschiedene Angebote und Nutzungsvarianten. So bietet der „Health Support“ eingeloggten Usern die Möglichkeit, speziell ausgebildeten „Supportern“ beispielsweise Fragen zum Thema HIV und AIDS zu stellen. Auch Tipps  beim Coming-Out, beim Safer Sex oder bei der nächsten Veranstaltung findet man auf dem Portal.

Trotz der teils eindeutig zweideutigen Bilder muss gesagt werden, dass es vielen Usern tatsächlich nur um eines geht. Und zwar ist damit vordergründig nicht das Eine gemeint, sondern vielmehr die Absicht, Leute kennenzulernen. „Man bekommt viele Angebote unter der Gürtellinie“, sagt ein User von Gayromeo im Interview mit Media-Bubble. „Aber wenn man dem Ganzen mit ein wenig Humor begegnet, ist das eigentlich kein Problem.“

Gayromeo ist inzwischen lange kein Exot mehr unter den Anbietern von Dating-Websites. Was als Seite mit Buchtipps für Lesben begann, ist inzwischen zu Lesarion geworden. Einer Seite, die vor allem Lesben, jedoch auch Bi- Inter- oder Transsexuellen die Möglichkeit bietet, Kontakte zu knüpfen und ebenfalls über viele Extrafunktionen verfügt. 

Manche Seiten wie Singlebörsen-Vergleich und andere haben es sich dabei allein zum Ziel gemacht, dem Suchenden einen Überblick über die Fülle des Angebots zu verschaffen, wobei Seiten für Homosexuelle sogar extra aufgeführt werden.

Schluss mit der Märchenstunde

Doch nun einmal Schluss mit Prinzen und Fröschen. Schaut man in die Tageszeitung statt in das Märchenbuch, sieht die Welt leider ganz anders aus. Man muss sich nicht erst die jüngsten Ereignisse in Russland vor Augen rufen, um zu wissen, dass Homophobie längst nicht aus der Welt geschafft ist. Vielleicht mag Deutschland in seinen Gesetzen etwas liberaler sein. Gerade was das Outing am Arbeitsplatz betrifft, gibt es aber offenbar noch genug Stoff zur Diskussion. Viele Homosexuelle leben mit der Angst, sich durch ein Outing Chancen im Beruf zu verbauen. In einer Zeit, in der jeder Chef einen Internetzugang hat, Gesichtserkennungssoftwares auch in Dating-Portalen schnüffeln, und der Großteil der Internetseiten personalisiert ist und damit Nutzerdaten abspeichert, kann zu Recht die Frage gestellt werden: Wie steht es eigentlich mit Sicherheit und Datenschutz?

Gewöhnlich finden sich bei den Anbietern von Dating-Seiten Datenschutzbestimmungen, die für die User einsehbar sind. Testberichte zeigen jedoch, dass es bei der Sicherheit große Unterschiede zwischen den Anbietern gibt. „Die Testsieger sind nicht ohne Grund Testsieger“, sagt Pamela Moucha von der Testseite Singlebörsen-Vergleich. Doch egal, wie gut die Bestimmungen der Anbieter sind, vor Gesichtserkennungssoftwares schützen sie nicht. Wer also nicht von vornherein offen mit seiner Sexualität umgeht, dem sei zur Vorsicht geraten.

An dieser Stelle noch ein Wort zu Märchentanten: Die gibt es übrigens auch in Dating-Portalen zuhauf. Nur werden sie hier als „Faker“ bezeichnet. Die mehr oder weniger gegebene Anonymität des Internets kann auch ihne Schattenseiten haben. Wer bei seinen Kontakten im Internet keinem falschen Profil auf den Leim gehen will, der sollte sich also besser durch zusätzliche Informationen über die entsprechende Person absichern. Wie im Grunde für das Internet generell gilt: Es bietet eine großartige Fülle an Möglichkeiten. Und gerade wenn man gezielt nach bestimmten Personengruppen sucht, ist es so hilfreich, wie keine Kontaktanzeige in der Zeitung es sein könnte. Großartig sind jedoch auch seine Tücken. Wer sich dessen aber bewusst ist und damit umgehen kann, dem kann man nur viel Spaß beim nächsten Date wünschen.

Fotos: flcikr/Roberto Verzo (CC BY 2.0) und „Lena Sachse“ / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Dieser Text ist ein Beitrag zur Aktion der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld zum “Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie”  am 17.5.2012. Auf media-bubble.de gibt es dazu auch eine Aktionsseite.

Durch Googles Brille – Verbesserte Realität

von Sebastian Luther

Was ins Deutsche übersetzt ein wenig irritierend klingen mag, beschreibt tatsächlich eine Forschungsrichtung mit weitreichenden Konsequenzen. „Enhanced Reality“, eine verbesserte Realität also, in der den Menschen mittels permanent zugänglicher Technik das Leben in jeder Situation erleichtert werden soll.

Erweiterte Realität

Enhanced Reality steht so nicht für sich alleine, sondern ist Teil des „Augmented Reality“ Konzepts. „Als Erweiterte Realität oder Augmented Reality wird eine computergestützte Wahrnehmung bezeichnet, bei der sich reale und virtuelle Welt vermischen. Über die gerade betrachtete reale Welt werden in Echtzeit Textinformationen und Grafiken geblendet. Die Anwendungszwecke reichen von der Information über die unmittelbare Umgebung, […] bis hin zu Spielen.“ In ihren Grundformen ist uns Augmented Reality schon lang bekannt, wenn auch gleichsam nicht so genannt wurde. Denn schon das Einblenden von rudimentären Grafiken, etwa in der Wettervorhersage im Fernsehen, fällt unter eben dieses Prinzip, dass die Realität um ein paar erläuternde Informationen ergänzt wird. Die Erscheinungsformen der Augmented Reality fassen mittlerweile auch langsam in unserem Alltag Fuß. Das, was der Youtube User „leelefever“ in seinem Video treffend zusammenfasst, also dass wir uns per Smartphone Informationen zu unserer Umgebung einblenden lassen, ähnlich dem Head-Up-Displays eines Kampfpiloten, wird durch die steigende Zahl der Smartphonebenutzer immer populärer. Und, wie es scheint, hat Google im Bereich der Innovationen wieder mal die Nase vorne.

„Google Goggles-Goggles“

Wie die New York Times berichtet, arbeitet der Internetriese nämlich an einer Brille, die man in Anlehnung an populärkulturelle Artefakte am ehesten mit der Brille des Terminators aus den gleichnamigen Filmen vergleichen könnte. Das Augmented Reality Prinzip funktioniert hier nicht mehr durch den vergleichsweise umständlichen Blick auf den Bildschirm des Smartphones. Und jeder, der sich bei Benutzung seines Telefons schon mal zu sehr vom eigenen Weg hat ablenken lassen, wird Googles Entwicklung an dieser Stelle begrüßen. Die Daten, die man durch Googles hauseigene Software Goggles bekommt, werden dann nämlich direkt in der Brille eingeblendet, sodass der Nutzer jederzeit den Überblick über die Realität behält, mit Metainformationen gespickt. Ganz unproblematisch ist das allerdings nicht. „Internally, the Google X team [Googles Entwicklerteam; Anm. d. Aut.] has been actively discussing the privacy implications of the glasses and the company wants to ensure that people know if they are being recorded by someone wearing a pair of glasses with a built-in camera.” Die Transgression von der virtuellen in die reale Welt, die Google hier bewirkt, provoziert eine Weiterentwicklung unseres Konzepts von „Privatsphäre“. Wird man auf der Straße nach seinem Namen gefragt, kann man lügen – oder nichts sagen. Wird man allerdings unauffällig per Gesichtserkennungssoftware erfasst und auf potentiell passende Porfile auf Facebook oder anderen sozialen Netzwerken überprüft, dann wird einem diese Anonymität schlagartig entrissen. Ein Gedanke, der mit seiner Tragweite von George Orwell hätte stammen können.

 

Foto: flickr/sndrv (CC BY 2.0)

Verführerisch einfach und ein bisschen ‚evil‘

von Jelena Hauß

Eine Veränderung und zwei Sichtweisen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: „Datenschutz bleibt höchste Priorität“, sagt Google.Google will User komplett überwachen“, schreibt Andreas Müller auf netzpolitik.org. Der Internetkonzern ändert zum 1. März 2012 die Geschäftsbedingungen für alle seine Dienste und wird hierbei erwartungsgemäß von der Netzpolitik-Community genau beobachtet. Doch auch für nicht interessierte Mediennutzer sind die Veränderungen relevant, ist es doch heute kaum möglich, sich ohne Google im Netz zu bewegen. Welche Inhalte und welche Vor- und Nachteile diese neuen Geschäftsbedingungen mit sich bringen, soll der folgende Überblick klären.

Einfacher ist besser!

In diesen Tagen „bewirbt“ Google massiv die neue Geschäftsgrundlage: Auf jeder Suchmaschinenseite und bei allen anderen Diensten finden sich Hinweise, Gmail-Nutzer bekamen sogar eine der seltenen Mails direkt vom Konzern. Wer angebotenen Link folgt, um „Mehr erfahren“ zu können, findet in ansprechendem Look die wichtigsten Argumente (und Neuerungen) für die geänderte Geschäftsgrundlage: „Die mehr als 60 verschiedenen Datenschutzbestimmungen für die unterschiedlichen Google-Produkte werden durch eine zentrale, kompaktere und verständlichere Version ersetzt. Wir möchten Ihnen eine unkomplizierte und intuitive Nutzung der Google-Produkte bieten“, liest man dort. Auch eines seiner charmanten Videos bietet der Konzern zur Erklärung an. In dessen zweiter Hälfte wird klar, welches Interesse vermutlich im Mittelpunkt der Neuerungen steht: Es werden die Nutzerdaten einzelner (eingeloggter) Personen über alle Dienste hinweg gebündelt, unabhängig davon, welches Endgerät genutzt wird. Genau diese Tatsache erklärt die harsche Kritik von netzpolitik.org oder auch einen Tweet, in dem es heißt: „‘Be Evil‘ is a simplified and easier to understand version of ‚Don’t be Evil‘“.

Ist einfacher besser?

Ein wichtiges deutsches Onlinemedium schlägt jedoch zunächst andere Töne an: „[U]nbestreitbar Vorteile“ sieht heise online in den neuen Geschäftsbedingungen, böten diese tatsächlich alle Informationen gebündelt an einem Ort, zudem seien diese einfacher zu verstehen als bisher. Golem.de betont zudem, dass viele Dienste weiterhin ohne Anmeldung genutzt werden können, wie etwa die Suchmaschine oder das Kartenmaterial, und, dass personenbezogene Daten nicht an Dritte weitergegeben werden. Die aus der Datenverknüpfung entstehenden Angebote können für den Einzelnen tatsächlich einen Mehrwert bieten – gerade für jene, die sich um die Privatheit ihrer Daten nicht sorgen. Denn: je mehr Google über den Einzelnen weiß, desto passgenauer können Routineaufgaben unterstützt oder passgenaue Angebote offeriert werden.

Jedoch mehren sich im Netz vor allem kritische Stimmen: Zunächst stehen Befürchtungen im Raum, die stets im selben Atemzug wie die Idee der Personalisierung genannt werden; die Filter Bubble kann hier wohl als bekannteste Kritik des vergangenen Jahres genannt werden. Abseits dieser Gefahr der Hoheit über Wirklichkeitskonstruktionen drohen jedoch viel größere Gefahren, im Extremfall sogar Lebensgefahr, wie Zeit Online thematisiert: Im Netzwerk Google+ müssen sich Nutzer mit Klarnamen anmelden. Durch die Protokollierung von Nutzerverhalten und Aufenthaltsorten über alle Dienste hinweg können so beispielsweise Dissidenten in totalitären Staaten in ernsthafte Schwierigkeiten bekommen, wenn ihre Daten in falsche Hände geraten.

Juristisch alles andere als eindeutig

Eine interessante Analyse aus juristischer Sicht bietet Thomas Stadler vom Blog Internet Law. Er belegt auf Basis der Texte von Google, dass das Unternehmen tatsächlich sicherstellt, dass das Nutzerverhalten umfassend protokolliert werden darf. Gleichzeitig zweifelt er jedoch einzelne Passagen an, die im Konflikt zum deutschen Telemediengesetz (TMG) stehen könnten. Schließlich verweist er auf ein grundsätzliches Problem, das so etwa auch für Facebook gilt: „Die Datenverarbeitungsprozesse die bei einem Unternehmen wie Google anfallen, das verschiedenste Services (Suchmaschine, soziales Netzwerk, E-Mail-Dienst, Werbeplattform, Statistik-Tools etc.) anbietet, lassen sich über das Prinzip der informierten Einwilligung nicht mehr abbilden, weil dafür das Informationsdefizit des Nutzers gegenüber dem Anbieter zu groß ist.“ Derweil haben die Datenschutzbeauftragten der EU noch kein abschließendes Urteil gefällt. Sie baten gar Google um Aufschub der Einführungsfrist, um die neue Geschäftsgrundlage eingehend prüfen zu können – wozu das Unternehmen jedoch keinen Anlass sieht. Es bleibt zu hoffen, dass die Brüsseler Experten ebenso wie Thomas Stadler genau hinschauen und handeln – wobei er selbst in seinem oben zitierten Artikel Zweifel über das tatsächliche Eingreifen der EU äußert.

Nutzerdaten als Wettbewerbsvorteil

Ein anderer Blogger nennt die Neuerungen einen „Paukenschlag“, mit dem Google frühere Prinzipien über Bord wirft: Habe man sich zu anderen gegen Zeiten die nun kritisierte Verknüpfung ausgesprochen, beschreite Google jetzt neue Pfade. Zeit Online gibt einen Einblick, warum dieser Richtungswechsel notwendig wurde: Es könnte dem Hauptgeschäft des Konzerns, den Anzeigen, neuen Aufwind geben und höhere Preise für Werbeflächen rechtfertigen. Und so sind die neuen Geschäftsbedingungen auch ein Indikator für das Internet zu Beginn des Jahres 2012: Dort wird der Kampf um Nutzer, ihre Daten und damit zusammenhängende Verdienstchancen immer entschlossener geführt. So bringt Google sein Netzwerk „+“, den wohl einzigen ernst zu nehmenden Konkurrenten zum Giganten Facebook, auch durch die neuen Geschäftsbedingungen in eine bessere Position.

Der Onlineprotest gegen SOPA und ACTA in den vergangenen Wochen hat gezeigt, dass sich im Web tatsächlich auch Bewegungen hinsichtlich netzpolitischer Themen bilden können. Es bleibt zu hoffen, dass die Nutzer auch zunehmend für das Gebaren Googles sensibilisiert werden und so Veränderungen erwirken können. So lange gibt es für die Nutzer jedoch nur zwei Möglichkeiten: Akzeptieren, was da kommen möge – oder sich abmelden vor dem 1. März.

 

Foto: flickr/surrealpenguin (CC BY-SA 2.0)