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Ein multimediales Franchise

Von Philipp Mang

Das Spiel ist aus. Die letzte Seite des Comics umgeblättert. Und das Serienfinale der Lieblingsserie längst ausgestrahlt. Trotzdem nehmen moderne Erzählungen einfach kein Ende. Ein gedruckter Text, so scheint es, reicht dem anspruchsvollen Rezipient von heute nicht mehr aus. Ebenso wenig wie cineastische Spektakel auf dem Flatscreen. Konsumenten wollen ein Medium nicht länger nur passiv rezipieren, sondern Zusatzinformationen über dessen gesamtes Universum erlangen. Dafür sind sie sogar bereit, sich auf eine medienübergreifende Recherchereise zu begeben. Immer häufiger werden Geschichten deshalb auf andere Medien ausgeweitet – ganz egal ob es sich dabei um die große Leinwand, Webserien oder Applikationen für das Smartphone handelt.

Ein Buzzword & was dahinter steckt

Häufig wird dieses Phänomen als Transmediales Storytelling bezeichnet. Hierbei handelt es sich um ein mediales Buzzword, das durch die Arbeiten des Medienwissenschaftlers Henry Jenkins entscheidend geprägt wurde. Es bezeichnet eine spezielle Form der Narration, bei der eine Geschichte über verschiedene Medien-Plattformen hinweg erzählt wird und jedes Produkt seinen eigenen wertvollen Beitrag zur Gesamtgeschichte leistet. Transmediales Erzählen ist damit mehr als eine bloße Vermarktungsstrategie. Durch geschickte Erweiterungen des Universums soll dem Konsument vielmehr ein neuer Blickwinkel auf die Geschichte eröffnet werden. Man rezipiert gewissermaßen ein mediales Puzzle, das sich erst am Ende zu einem großen Ganzen zusammensetzt. Dieses komplexe Erzählkonzept findet bei Fans großen Anklang – so sehr, dass auch Hollywood damit immer häufiger seine Umsätze ankurbelt. Die Matrix- oder Star Wars-Sagen gelten dabei bist heute als Paradebeispiele für plattformübergreifendes Erzählen.

Vom Comic zur Serie

4_Walt Jabsco3_Walt JabscoAuch Robert Kirkmans TWD-Franchise ist ein solch multimediales Massenphänomen. Was im Jahr 2003 mit einer Comic-Serie recht unscheinbar begann, hat sich seither zu einer gigantischen Erfolgsgeschichte entwickelt. Mittlerweile sind mehr als 100 Ausgaben der beliebten Zombie-Dystopie erschienen – und ein Ende ist immer noch nicht in Sicht. Erst kürzlich brach die Jubiläumsausgabe des Comics in den Vereinigten Staaten Verkaufsrekorde. Außerdem wurde die Reihe mit einem der begehrtesten Preise für Comic-Schaffende ausgezeichnet: dem Eisner Award. Diese Auszeichnung gebührt in erster Linie Kirkman, der sich als Autor und kreatives Hirn für so manch überraschende Wendung verantwortlich zeigt. Nicht zu verachten ist aber auch die Rolle des Zeichners Charlie Adlard, der die Panels seit der siebten Ausgabe in schnörkelloser Schwarz-Weiß-Optik illustriert.

Kopie oder Transmediale Erweiterung?

Von diesem Erfolg beflügelt, folgte im Jahr 2010 schließlich wenig überraschend die Adaption zur Fernsehserie. Damit konnten die Verkaufszahlen der Comics nicht nur beträchtlich gesteigert, sondern die Reihe auch insgesamt ihres gesellschaftlichen Nischendaseins enthoben werden. Es ist die Geburtsstunde eines globalen Franchise. Ob man hierbei allerdings tatsächlich von einer ersten transmedialen Erweiterung des Universums im Sinne von Jenkins Theorie sprechen kann – darüber gibt es in Expertenkreisen durchaus unterschiedliche Ansichten.

Vorlage vs. Adaption

photo by Scott Beale / Laughing Squid This photo is licensed under a Creative Commons license. If you use this photo within the terms of the license or make special arrangements to use the photo, please list the photo credit as "Scott Beale / Laughing Squid" and link the credit to http://laughingsquid.com.Ein kurzer Vergleich zwischen Comic und Serie soll deshalb Licht ins Dunkel bringen: Tatsächlich wird die Handlung der Vorlage hier nicht einfach nur strikt in das neue Medium Fernsehen übertragen. Stattdessen werden dem Zuschauer sogar vereinzelt neue Handlungsstränge präsentiert. So taucht das Seuchenzentrum, das die Gruppe um Rick am Ende der ersten Staffel des TV-Formats erreicht, in den Comics etwa gar nicht erst auf. Die Serienmacher führen außerdem immer wieder vereinzelt Figuren ein, die in der graphischen Vorlage überhaupt nicht existieren. Prominentestes Beispiel hierfür ist sicherlich Serienliebling Daryl Dixon. Als ebenso interessant erweist sich, dass das Schicksal der Charaktere niemals in Stein gemeißelt ist. Wer im Comic das Zeitliche segnet, muss das nicht zwingend auch in der Fernsehserie – und umgekehrt. Genau hierin liegt der Reiz für Kenner der Bildergeschichte: In Onlineforen können sich die so genannten „fan scholars“ über Änderungen mit Gleichgesinnten austauschen.

Zwischen Eigenständigkeit und Redundanz

Nichtsdestotrotz fungiert der Comic bei der Adaption unverkennbar als Blaupause. So hält sich die Serie nicht nur an die dort festgesetzten Grenzen (z.B. dass der Ursprung der Zombie-Seuche niemals verraten wird), sondern folgt auch dessen Mythologie, den Schauplätzen (Atlanta, Hershels Farm, Gefängnis usw.) und groben Handlungssträngen. Eine wirklich eigenständige Geschichte, die narrative Leerstellen füllt, wird nicht erzählt. Stattdessen finden sich in der Serie zahlreiche für Comicfans redundante Informationen. Von einer transmedialen Adaption kann deshalb nur bedingt die Rede sein.

Big Business Zombie

Als erste echte Erweiterung des TWD-Universums gelten vielmehr die so genannten Webisodes, auf die im folgenden Artikel noch einmal näher eingegangen werden soll. Mit ihrer Produktion nahm der Siegeszug des Zombie-Franchise endgültig seinen Lauf: Es folgten unzählige Videospiele, Applikationen für mobile Endgeräte, Onlineforen und Hörspiele. Mittlerweile sind sogar zahlreiche Romane erschienen, die die Hintergrundgeschichte verschiedener Charaktere beleuchten. Mit The Walking Dead Escape findet außerdem ein jährliches Event statt, bei dem Fans die Möglichkeit haben, sich wie die Protagonisten durch Schauplätze der Serie zu kämpfen. Entstanden ist damit eine Art dreidimensionale Welt. Diese kann von Fans durch nahezu jedes erdenkliche Medium betreten werden, um tiefer in die Geschichte einzutauchen. Die Verantwortlichen haben es also perfekt verstanden, ihre Marke über ein transmediales Mosaik clever zu vermarkten.

Fotos: flickr.com/Flood G. (CC BY-NC-ND 2.0), flickr.com/Walt Jabsco (CC BY-NC-ND 2.0), flickr.com/Walt Jabsco (CC BY-NC-ND 2.0), flickr.com/Scott Beale (CC BY-NC-ND 2.0)


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Gewalt als Attraktion

Mark auf dem Mars

Von Roman van Genabith

Der Film The Martian – (deutscher Titel „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“) nach dem Drehbuch von Drew Goddard und unter Regie von Ridley Scott, versucht in 144 Minuten einen Roman von rund 500 Seiten wiederzugeben; einen komplexen Plott, der eine komplexe Thematik behandelt.

Kann das gelingen?

Die Kollegen von raumfahrer.net betrachten das Werk mit Blick auf die Tradition der Mars-Filme. Im Folgenden sollen in einer vergleichenden Betrachtung von Buchvorlage und Film die erzählerischen Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Buchvorlage und Film beleuchtet werden. Die Romanvorlage ist Reelle Science-Fiction auf Tuchfühlung zum heute Möglichen, etwa vergleichbar mit GRAVITY (2013). Bleibt dieser Umstand im Film  bestehen? Abschließend wird noch kurz auf verschiedene interessante crossmediale Vertiefungen und Anschlussveröffentlichungen eingegangen.

Was passiert?

DF-05028_1400Während einer auf 30 Tage angelegten Mars-Expedition kommt es zu einem heftigen Sandsturm, während die Besatzung gerade dabei ist Bodenproben zu sammeln. Die Kommandantin beschließt die Mission abzubrechen und mit dem Rückkehrmodul (MRM) zu starten, das bei weiter steigenden Windgeschwindigkeiten zu kippen und die Crew somit zum Tode auf dem Mars zu verurteilen droht. Doch auf dem Weg zum Rückkehrmodul wird der Botaniker Mark Watney von umherwirbelnden Trümmern der Antennenanlage getroffen und vom Team getrennt. Dabei wird sein Biomonitor zerstört und seine Kameraden halten ihn für tot. Schließlich sind sie gezwungen zu starten, um nicht selbst getötet zu werden.

Die Geschichte entwickelt sich fortan um den widererwarten nicht ums Leben gekommenen Mark Watney, sowie die Vertreter der Raumfahrtorganisationen und die mediale Öffentlichkeit auf der Erde, die mit der unerwarteten Tragödie umgehen müssen.

Rascher Fortschritt

Schon früh zeigt sich, dass die Filmcrew versucht sich möglichst an der Romanvorlage zu orientieren und dabei auch auf Details achtet. So versucht der Pilot der Mission durch Zündung der Steuerdüsen das Rückkehrmodul zu stabilisieren, als Dieses zu kippen droht und erklärt das auch. Diskrepanzen ergeben sich vor Allem im Tempo. Während der Roman in ausgedehnten Passagen und unter Nutzung verschiedener Zeitsprünge die Zeit nach dem unglücklichen Aufbruch der Crew und die ersten Tage und Wochen danach schildert, ohne dabei anstrengende Längen zu entwickeln, ergibt sich im Film ein gefühlt recht rascher Handlungsfortschritt. Nachdem Mark, vom Antennenstück aufgespießt und in Folge starkem Druckverlusts schon ohnmächtig, durch den Sauerstoffalarm seines Expeditionsanzugs wieder zu sich kommt, wird sein Überlebenskampf und die Rückkehr in die Wohnkuppel recht ausführlich und anschaulich gezeigt. Die Romanvorlage geht hier sehr detailreich auf die Funktion der Anzüge und die Umstände, die Marks sofortigen Tod in dieser Situation verhindern ein, während der Protagonist im Film nach einer eindrücklichen „Operation“ an sich selbst knapp erläutert, dass das verdickte Blut ein weiteres Entweichen von Anzugluft verhinderte.

In beiden Fällen wird Mark zum einsamen, aber selten verzweifelten oder tragischen Helden. Während er im Roman recht lange davon überzeugt ist unausweichlich sterben zu müssen, ohne dass dadurch spürbare Verbitterung aufkommt, wirkt es im Film oft wie ein gefährliches, aber letztlich doch fantastisches Abenteuer, ein Road-Movie in ungewohnter Umgebung. Das mag einerseits über den wahren Ernst von Marks Lage hinwegtäuschen, spiegelt aber auch die ungeheure Improvisationsgabe und den eisernen Lebenswillen realer Astronauten wieder.

Die rettenden Kartoffeln, die Mark Watney in beiden Versionen pflanzt und so sein mehrjähriges Überleben auf dem Mars sichert, findet er im Buch erst relativ spät in Form einer Thanksgiving-Überraschung im Missionsgepäck, im regulären Proviant befindet sich nichts biologisch aktives. Im Film tauchen sie dagegen einfach auf, und zwar recht bald nachdem Mark Inventur gemacht hat. Während ihm, ein ordnungsgemäßes Funktionieren der autarken Lebenserhaltung der Station, die nur für 31 Tage konzipiert wurde vorausgesetzt, Luft und Wasser nahezu unbegrenzt zur Verfügung stehen, verhungert er, wenn er keine eigene Nahrung erzeugen kann. Allerdings bleibt ihm, bedingt durch die drastisch gesunkene Anzahl an Stationsbewohnern, ein komfortabler Zeitvorrat. Dieser Umstand ermöglicht es Buch und Film die Handlung nicht als hektischen Wettlauf gegen die Uhr darzustellen.

Unterschiede im Detail

DF-07708sm_1400Mark pflanzt Kartoffeln. Dafür muss er Ackerland urbar machen und benötigt somit Erde. In beiden Versionen holt er Mars-Erde in die Wohnkuppel, ein extrem aufwendiger, Zeit- und Kräftezehrender Prozess. Die häufigen Außeneinsätze verschleißen zudem die Raumanzüge. Deren hat er zwar jetzt Mehrere, trotzdem macht ihm die unumkehrbare Verschmutzung der CO2-Filter im Buch Sorgen. Im Film verläuft diese Phase relativ zügig. Eine gewisse Simplifizierung ist auch zu beobachten, als der Film nicht auf die genaue Prozedur der Erzeugung von Wasser eingeht, das Mark für seine Kartoffelfarm in weit größeren Mengen, als ihm zur Verfügung stehen, benötigt. Die Elektrolytische Reaktion und die durch Marks Unaufmerksamkeit ausgelöste heftige Explosion werden gezeigt, die Notwendigkeit den Sauerstoffanteil im Habitat durch eine komplette Stickstoffatmosphäre zu ersetzen, inklusive des nicht trivialen Kunststücks dies gegen die Lebenserhaltenden Routinen der Elektronik hinzubekommen, entfallen.

Solche Ungenauigkeiten und Vereinfachungen treten immer wieder auf. So verfügt Mark im Buch über zwei funktionierende Rover mit eigener Druckbeaufschlagung, im Film ist es nur noch einer. Dennoch benötigt er für den später notwendigen langen Weg zum Landeplatz der Nachfolgemission im Grunde deren zwei. Mark braucht den zusätzlichen Platz, um dort die Luft- und Wasseraufbereiter unterzubringen, die er zuvor aus der Basis ausbaut. Auch darauf geht der Film nicht ein, obwohl es eine Kernnotwendigkeit für Marks Lebensentscheidende Reise zum Ares IV Landeplatz ist. Schließlich hat Mark eine Art Anhänger für seinen funktionierenden Rover. Als Mark die Pathfinder-Sonde, die 1997 auf dem Mars landete und rasch verstummte, birgt und als Kommunikationsrelay verwendet, wird der im Buch höchst umständliche und herausfordernde Transport der Sonde, als auch deren Unterbringung außen an der Wohnkuppel, deutlich zügiger und glatter durchgebracht.

Diese Simplifizierung zeigt sich besonders krass bei dem Unfall, der die Wohnkuppel dekomprimiert und Marks Kartoffelfarm zerstört. Mark, der gerade die Kuppel verlassen möchte, wird durch die explosive Dekompression hinweggeschleudert, als die Luftschleuse, die er benutzt, aufgrund von Materialermüdung explodiert. Dabei wird in Buch und Film Marks Raumanzug und Helmvisier schwer beschädigt. Im Buch dauert diese Krise für Mark viele Stunden, während denen er im Inneren der dutzende Meter weggeschleuderten Schleuse zwar noch am Leben ist, da der Innendruck noch stabil ist, durch den zerstörten Helm aber zunächst keine Chance hat einen der Rover zu erreichen, die nach dem Verlust der Wohnkuppel seine letzte Chance sind. Sich und seine Schleusenkammer mit akrobatischen Kunststücken zurück zur Wohnkuppel zu rollen, dort unter den Trümmern einen intakten Raumanzug zu finden, nachdem sein Eigener nur äußerst notdürftig und für wenige Minuten zu flicken war, und schließlich einen Rover zu erreichen, um dann den Wiederaufbau der Kuppel zu planen, ist im Buch eine sehr ausgedehnte Episode und wird im Film zwar dramatisch, aber zügig abgehandelt.

Eine weitere, für Mark lebensbedrohliche Krise, entfällt im Film vollständig. Auf seiner über 3000 km langen Reise zum rettenden Fluchtschiff gerät er in einen marsianischen Staubsturm. Anders als die heftigen Sandstürme zu Beginn ist dieses Phänomen zwar für die beobachtenden NASA-Forscher auf den Satellitenbildern klar erkennbar, zeigt sich Mark aber zunächst nicht. Der Effekt wird lediglich in einem langsamen, aber stetigen Verlust an Arbeitsleistung spürbar, die Marks aus der Wohnkuppel ausgebaute Solarpanele erbringen. Das wird durch die sinkende Lichtdurchlässigkeit der Atmosphäre bewirkt und als Mark die richtigen Schlüsse zieht, ist er bereits mehrere Tage in die Ausläufer des Phänomens eingetaucht und es ist im Grunde zu spät für ihn es zu umfahren oder umzukehren. Dennoch findet er einen Weg. Dieser ist zwar nachvollziehbar, zugegebenermaßen aber nur schwer filmisch darstellbar. Diese Episode ist im Buch eine ausgedehnte Krise, die sich viele Tage hinzieht und weniger durch sichtbare Action, als durch analytisches und planvolles Handeln entschärft wird.

Deutliche Diskrepanzen zu Gunsten filmischer Dramatik sind bei der Rettung Marks durch die Hermes, das interplanetare Raumschiff, mit dem die Astronauten des Ares-Programms zwischen Mars und Erde pendeln, zu konstatieren. Während die Demontage des Rückkehrmoduls der Ares IV zwecks Gewichtsersparnis, um einen höheren Orbit erreichen zu können, glaubhaft abläuft und der Film auch beim Start, dem Anpassen von Abfanggeschwindigkeit und Distanz nah am Buch bleibt, weicht er ab, als die Distanz am Ende trotz aller Bemühungen zu groß ist, um Mark einzusammeln. Während das Buch hier eine kühne Idee Marks erwähnt, bei der er seinen Anzug aufschneidet und durch ausströmende Luft am Handschuh Diesen als Schub- und Steuerdüse verwenden möchte, diese Idee von aber der Kommandantin verworfen wird, greift er im Film darauf zurück. Auch geht die Kommandantin statt des Arztes Chris Beck nach draußen, um Mark zu holen. Eine eher zweifelhafte Änderung, da Beck bereits in Position und Zeit ein kritischer Faktor ist.

Gemeinsamkeiten

Obwohl das Drehbuch hier und da vom Roman abweicht und Manches vereinfacht, bleibt es bei Vielem auch nah am Original. So sind zahlreiche Dialogstellen, etwa in Marks Videolog, das in Film und Buch eine zentrale Erzählkomponente darstellt, fast Wortgetreu übernommen worden. Die vertrackten Umstände, durch die die erste Sonde mit Versorgungsgütern in brennenden Trümmern ins Meer stürzte, werden nachvollziehbar präsentiert. Auch der teils extreme Zeitversatz, bedingt durch die doppelten Signallaufzeiten der Botschaften zwischen Mars und Erde, werden akkurat übernommen. Die Gesamtstimmung im Buch findet der Zuschauer im Film ebenfalls wieder. Auf überzogene Dramatik und Emotionalität wird weitgehend verzichtet. Es dominiert fast durchgängig ein Klima zurückhaltender Hoffnung, durchsetzt mit trockenem, aber nicht bitterem Humor.

Interessant: Trotz Beteiligung Chinas, dessen Verhältnis zur westlichen Welt traditionell gespannt ist, schaffen es Buch und Film politische Ränkespiele minimal zu halten. Zu keinem Zeitpunkt wird von einem der beteiligten Akteure erwogen den Einsamen vom Mars einer knappen Budgetpolitik zu opfern. Viel mehr fiebert  am Ende die ganze Welt dem Ausgang der riskanten Aktion entgegen, was sich sehr treffend im Untertitel der deutschen Synchronisierung des Films widerspiegelt: Rettet Mark Watney. Hier hat das filmische Medium einen Vorteil: Die gespannt wartenden Massen, die sich rund um die Welt versammeln, um den Übertragungen der Fernsehstationen zu folgen, können ins Bild gebracht werden.

Ein spezieller Unterschied zum Buch ergibt sich über dies zum Schluss. Während häufig Filme nach der finalen Schlusskrise und der Erfüllung, oder dem Tod Aller, zu Ende sind und Bücher noch einen Epilog aufweisen, ist es hier anders herum. Das Buch endet mit der Rettung Marks im Orbit des Mars. Im Film wird er als Lehrer für Astronautenanwerter gezeigt, den Abschluss bildet der Start einer weiteren bemannten Mission des Raumfahrtprogramms; eine schöne Botschaft: Die Reise geht weiter.

Implikationen

Der Marsianer ist Real-Science-Fiction, die sich in weiten Teilen an existierender Technologie und Organisationsstrukturen orientiert. Die Mission liegt wenige Jahrzehnte in der Zukunft. Sie greift zum Teil auf Technologie zurück, die noch nicht gebaut wurde, die aber in der Theorie plausibel durchgerechnet und machbar ist. Im Speziellen zu nennen ist hier das interplanetare Raumschiff, das in dieser Form mit Nuklearer Energieversorgung, Ionenantrieb und durch Rotation erzeugter künstlicher Schwerkraft zwar denkbar ist, jedoch noch nie gebaut wurde.

Kritiker vergleichen den Film mit dem SF-Blockbuster Interstellar, doch auf den zweiten Blick greift dieser Vergleich nicht. Einerseits kommt Der Marsianer ohne die Notwendigkeit zur Brechung physikalischer Gesetze aus, durch den einfachen Umstand, dass eine zentrale Zutat der meisten Science-Fictionwerke, Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit, hier nicht vorkommt. Warpantriebe oder Wurmloch, obgleich Bestandteil zahlreicher großartiger Filme und Serien, sind hier nicht nötig, um eine spannungsgeladene, aber weitgehend realistische Handlung zu schaffen. Auch gibt es bei Der Marsianer nicht den Bruch, den viele Filme dieses Genres im letzten Drittel ihrer Laufzeit aufweisen. Ein Solcher bleibt auch bei Interstellar nicht aus, dessen Plot gegen Ende zunehmend ins Absurde abgleitet und nicht mehr nachvollziehbar ist.

Fazit

Auch ein anderes viel bemühtes Klischee speziell der Mars-Filme kann Der Marsianer vermeiden: Es ist auf absehbare Zeit weder wünschenswert, noch angestrebt, dauerhafte Kolonien auf dem Mars oder einem anderen Himmelskörper im Sonnensystem zu errichten. Während die Initiative Mars One einen Plan zur Gründung von Mars-Kolonien betreibt, zeigt das vorliegende verfilmte Buch eindeutig die Unsinnigkeit dieser Idee. Der Mars ist wissenschaftlich ein spannendes Ziel für Generationen, das rechtfertigt dessen Erforschung, vielleicht zukünftig auch unter Beteiligung von Menschen. Aber seine Umwelt ist beinahe so tödlich wie der Weltraum. Und auch Mark Watney ist die ganze Zeit des Films über bestrebt zu seiner Heimat zurückzukehren. Er ist somit ein Terraner.

Crossmediale Rezeption

Der Film, der überwiegend wohlwollende bis eindeutig positive Kritiken erhalten hat, brachte inzwischen einige intermediale Ergänzungen hervor. So veröffentlichten verschiedene Raumfahrtagenturen, darunter das zur ESA gehörende Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) Aufnahmen, die Handlungsorte des Films auf Basis von Aufnahmen zeigen, die heutige Mars-Sonden geliefert haben. Dazu zählt unter anderem ein Überflugvideo, das von deutschen Planetenforschern erstellt wurde und Marks Weg von seiner Wohnkuppel zum Landeplatz der Nachfolgemission zeigt, wo er sein Rettungsgefährt besteigt. Der Mars wirkt in diesem Video noch ein Stück unfreundlicher, viele Felsen, weniger Sand, weniger rot. Kein Ort zum Bleiben.

In einem für iPhone- und iPad erschienen Spiel müsst ihr Mark am Leben halten und durch seine Mission führen. Der Marsianer profitiert von Handlungsorten, die zwar hinter dem irdischen Horizont liegen, aber dennoch nicht aus der Welt sind.

Fotos: © 2015 20th Century of Fox

Roman van Genabith ist freier Journalist und unter Anderem Autor für das Astronomieportal raumfahrer.net.  Ferner schreibt er für ein Apple-Magazin und ein ostwestfälisches Nachrichtenangebot.

media-bubble.de in neuem Glanz

Schon gesehen? Die Arbeiten an unsere Webseite sind endlich abgeschlossen und sie präsentiert sich in einem neuen Look.

Was ist neu? Das Aussehen!

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Von Unsicherheit und Selbstzweifeln

Von Jasmin M. Gerst

Wir alle müssen es irgendwann tun: Entscheidungen treffen, die alles verändern können. In ihrem ersten Roman „Was will ich und wenn ja, wie viele?“ schreibt die Mainzer Autorin Felicitas Pommerening über entscheidende Veränderungen im Leben von drei Freundinnen und deren Auswirkungen.

Die Qual der Wahl

Der Roman erzählt die Geschichte von Workaholic Andrea, Familienmensch Lotta und Akademikerin Doreen. Die drei Frauen verbindet nicht nur eine enge Freundschaft, sondern auch die Frage, wie es mit dem Leben weitergehen soll. Alle stehen vor der Qual der Wahl – ob beruflich oder privat.

Andrea ist frisch mit ihrem Freund zusammengezogen, hat aber nur ihre Karriere im Sinn. Als sich ihr eine große berufliche Chance bietet, nutzt sie diese, ohne es vorher mit ihrem Freund zu besprechen. Dieser ist davon gar nicht begeistert und so beginnt sie zu zweifeln, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hat. Karriere oder Liebe? Lotta heiratet ihren Florian und ist überglücklich. Aber wann ist der perfekte Zeitpunkt für Kinder? Diese Frage lässt Lotta fast verzweifeln, vor allem, da es für sie beruflich endlich gut läuft. Und Doreen ist genervt von ihrem Zustand als Dauersingle und verliebt sich ihrer Meinung nach immer in den Falschen.

Obwohl alle drei unterschiedlicher nicht sein können, stellen sie sich alle die gleiche Frage: Was will ich wirklich in meinem Leben und wie soll es weiter gehen?

Kein Ratgeber und trotzdem hilfreich

Die drei Freundinnen werden sehr sympathisch dargestellt – schön ist auch, dass man sich mit mindestens einer von ihnen identifizieren kann bzw. mit ihren Problemen. Jeder weiß, spätestens ab 30 stehen die meisten großen Veränderungen an – man heiratet, muss sich beruflich an einen speziellen Ort binden oder man bekommt ein Kind. Es sind genau die Fragen, die man sich zwangsläufig nach Studium oder Ausbildung stellt, wenn das „richtige“ Leben beginnt. Und genau mit diesen Veränderungen beschäftigen sich Andrea, Lotta und Doreen. Dadurch, dass jedes Kapitel abwechselnd aus der Sichtweise einer der Frauen geschrieben ist, bekommt der Leser einen kleinen Einblick in das Leben jeder einzelnen.

Aber, wer hier einen Ratgeber sucht, ist falsch. Denn jeder Mensch trifft andere Entscheidungen, wie man an diesen drei Frauen sehen kann und jede Entscheidung hat seine Vor- und Nachteile. Aber der Roman liefert Ideen, auf die man gar nicht gekommen wäre und vielleicht hilft er dem einen oder anderen ja doch. Es ist ein schöner Frauenroman, der sich damit auseinandersetzt, was man im Leben eigentlich will – es gibt schließlich viele Optionen: Karriere? Mann und Hochzeit? Und dann Kinder? Oder vielleicht doch lieber den Traumjob annehmen, obwohl man dann eventuell vom Partner getrennt sein muss? Oder verlässt man den Traumjob für ein Kind?

Pommerening kennt sich mit Entscheidungen aus

 Felicitas Pommerening sind solche Probleme bekannt – nach ihrem Studium der Filmwissenschaft, Publizistik und Psychologie hat sie fast jährlich den Job und Wohnort gewechselt, bis sie keine Lust mehr hatte. Irgendwann wollte auch sie sich binden und wohnt bis heute mit ihrem Mann und ihren Kindern in Mainz. 2011 hat sie ihre medienwissenschaftliche Doktorarbeit abgeschlossen und kurz darauf erschien ihr erstes Buch „Weiblich, jung, flexibel: Von den wichtigsten Momenten im Leben und wie man sie am besten verpasst“. Anfang 2014 brachte sie ihren ersten Roman „Was will ich und wenn ja wie viele“ heraus.

Da Pommerening selbst Mutter von zwei Kindern ist, kennt sie sich mit Entscheidungen und Fragen wie „Wann ist der beste Zeitpunkt, Kinder zu bekommen?“ aus. Vielleicht wurde sie dadurch dazu inspiriert, uns am Leben von Andrea, Lotta und Doreen und an deren Suche nach Antworten teilhaben zu lassen.

Meiner Meinung nach ist der Roman sehr unterhaltsam und spannend. Und da bald der große Sommerurlaub ansteht, ist er eine weitere perfekte Lektüre für den Strand.

Foto: Berlinverlag.de

Die perfekten Schmöker für den Sommer

Ein ganzes halbes Jahr – Jojo Moyes

Von Jasmin M. Gerst

Für mich ist Ein ganzes halbes Jahr von Jojo Moyes ein Must-have für jeden Urlaub. Es ist die Geschichte von Lou und Will: Lou ist eine junge Frau mit schrägem Modegeschmack, Will ein Genießer des Lebens. Ein Leben ohne Action und Abenteuer kann er sich nicht vorstellen – bis zu dem tragischen Unfall, der sein Leben für immer verändert hat. Lou kommt durch Zufall zu einem neuen Job und lernt dabei den depressiven Will kennen.

Auch wenn es zunächst so klingt, ist es aber keineswegs nur eine banale Liebesgeschichte, die dieser Roman erzählt, sondern er dreht sich um die Schattenseiten des Lebens und regt zum Nachdenken an. Genau deshalb hat er für mich alles, was man im Urlaub braucht: er zaubert ein Lächeln auf die Lippen, bringt zum Lachen, aber auch zum Weinen.

Passagier 23 – Sebastian Fitzek

Von Antje Günther

Ein Kreuzfahrtschiff, ein Mann, der seine Familie verloren hat und… ein Teddy. So beginnt die Geschichte um Martin Schwartz, dessen Ehefrau und Sohn vor Jahren auf einem Kreuzfahrtschiff verschwanden. Nun taucht auf demselben Schiff der Teddy seines Sohnes wieder auf. Und Martins verzweifelte Suche beginnt.

Auch wenn es bei den meisten Studenten vom Budget her doch eher auf ein Tretboot als auf ein Kreuzfahrtschiff geht – der Schauplatz übt einen ungeheuren Reiz aus. Das Schiff „Sultan of the Seas“ ist wie eine eigene Stadt mit Krankenhaus, Unterhaltungsmöglichkeiten, aber ohne Polizei. Es gibt vornehme Damen in Kasinos und Taschendiebe, welche die Kabinen ausräumen und lange, verwinkelte Gänge und Bereiche, die nie ein Gast betreten hat. Und schließlich sind die Reling und das Meer nicht weit und wer über Bord geht, ist verloren.

Vor dieser Folie entwickelt Fitzek seinen Psychothriller, der wie immer nichts für schwache Nerven ist. Auch wenn die Auflösung teilweise schon früh klar wird, ist ihr Ausmaß doch überraschend und nicht wirklich vorhersehbar. Es ist nicht Fitzeks bestes Buch, aber gerade wenn man es auf einem Schiff liest (bei mir war es die Fähre von Stockholm nach Helsinki ) bereitet es großen Lesespaß. Wer also im Urlaub neben Entspannung auch mal etwas Spannung machen möchte und idealerweise noch ein Boot besitzt (Stocherkahn zählt auch), der wird mit Passagier 23 seine Freude haben.

Der Schatten des Windes – Carlos Ruiz Zafón

Von Valerie Heck

Es ist zwar schon ein paar Jahre her, dass ich Der Schatten des Windes von Carlos Ruiz Zafón gelesen habe, aber in meinem damaligen Sommerurlaub war es die perfekte Strandlektüre.

Der Roman spielt in Barcelona und handelt von dem jungen Mann Daniel Sempere, der sich als Junge auf dem „Friedhof der vergessenen Bücher“ ein Buch aussuchen soll, für das er die Verantwortung übernimmt. Seine Wahl fällt auf das Buch „Der Schatten des Windes“ von einem Julian Carax. Diese Geschichte wird das restliche Leben von Daniel, seine Beziehungen und seine Entscheidungen maßgebend prägen – eine in sich verworrene, spannende Geschichte, die man nicht einfach mal zwischen Uni und Arbeit lesen kann, sondern für die es sich lohnt, die freie Zeit in den Ferien zu nutzen.

Afrika – Heinz Strunk

Von Marius Lang

Der erholsamste Urlaub ist immer noch der, in dem möglichst wenig passiert. Das heißt im Klartext: keine Safaris, keine Städtereisen, keine Dschungeltouren und kein Tauchschein. Nach diesem Ethos macht Heinz Strunk, Autor, Komiker und Gründungsmitglied des legendären Studio Braun, seit Jahren um die Weihnachtszeit Urlaub mit einem Freund. Irgendwann treibt es die beiden nach Kenia. Wohin genau? Völlig egal, Hauptsache, das Hotel ist gepflegt, hat Meerblick und ist irgendwo in direkter Nähe zu einem Spielcasino gelegen. In der ersten Woche bleibt alles beim Plan, doch als in der zweiten Woche plötzlich Gewehrschüsse durch die Luft hallen, als Folge der Präsidentschaftswahlen von 2007, sind die beiden Freunde allen Warnungen zum Trotz, nicht davon abzuhalten, nach Mombasa City zu reisen, um alles aus nächster Nähe zu erleben. Afrika ist, wie gewohnt von Heinz Strunk, natürlich in erster Linie zum Brüllen komisch. Seine schrägen Philosophien unterhalten durchweg und selbst banalste Ereignisse, oder am Anfang noch Nichtereignisse schaffen es einen immer wieder zum Lachen zu bringen. Für mich persönlich perfekte Urlaubslektüre, kurz, unterhaltsam und wunderbar zu lesen.

The Bees – Laline Paull

Von Henrike Ledig

Erst vor ein paar Tagen habe ich The Bees (in der deutschen Ausgabe Die Bienen) von Laline Paull quasi blind geschenkt bekommen und kann es nun schon als mein Sommerbuch des Jahres 2015 weiterempfehlen.

Wir folgen dem Lebensjahr der Protagonistin Flora 717, die in die unterste Arbeiterinnen-Kaste des streng totalitären Bienenstaates geboren wurde. Eine Warnung vorweg: Das Buch ist brutal und grausam und schreckt vor keiner eindrücklichen Beschreibung zurück. Aber so ist das Leben in einem Bienenstock eben: gnadenlos und konsequent auf das Gemeinwohl ausgerichtet. Jeder hat seine Aufgabe, die erledigt werden muss. Wer nicht funktioniert wird der Erlösung zugeführt. Ganz nach dem Credo des Schwarms: „Akzeptiere. Gehorche. Diene.“

Getragen wird alles von einem wunderschönen und absolut ungewöhnlichen Schreibstil. Wo andere Autoren mit detaillierten Bildern arbeiten, zeichnet Laline Paull den Bienenstock vor allem mit Gerüchen. Das mag am Anfang ungewohnt sein und ich habe mich gefragt, wie wohl Misstrauen oder Hingabe riechen, aber genau das ist es, was am Ende die Faszination ausmacht.

Das Buch passt schwer in ein Genre, hat aber sehr viel zu bieten. Es ist ein bisschen Fabel und ein bisschen Abenteuerroman. Ob man „The Bees“ als Metapher über Individualismus und Mut liest oder einfach das Abenteuer genießen möchte, ist eigentlich egal. „The Bees“ ist das perfekte Buch, um im Freien zu lesen, den Sonnenschein zu genießen und dabei vielleicht auch die Wesen zu beobachten, deren Überleben gerade stark gefährdet ist.

Der Architekt des Sultans – Elif Shafak

Von Anne-Mareike Täschner

16. Jahrhundert, Osmanisches Reich. Mitten im Zentrum des blühenden Orients legt der junge Inder Jahan zusammen mit einem weißen Elefanten am Hafen an. Der Elefant ist ein Geschenk seines Schahs für die Menagerie des Sultans. Jahan muss sich von nun an als Dieb zu Hofe durschlagen, doch eines Tages ändert sich alles. Der berühmte Baumeister der islamischen Welt und Hof-Architekt Sinan wählt ihn als einen seiner Meisterschüler aus. Zusammen schaffen sie prachtvolle Moscheen, Paläste, Aquädukte und Mausoleen, die alle Zeit überdauern sollen.

Jahan und sein weißer Elefant Chota durchleben mehr als 40 Jahre osmanischer Geschichte: Politische und persönliche Intrigen, eine zarte, unglückliche Liebe, Kriege, Brandkatastrophen. Man schmeckt den Blütenduft, die Parfüms des Harems, begegnet der Exotik der Menagerie und erliegt dem Aberglauben der Zeit, ihrem Zauber, ihrem Reichtum, ihrer Erbärmlichkeit, ihrer Grausamkeit, ihrer Willkür. Der Architekt des Sultans von Elif Shafak ist ein Buch über Freundschaft und zeichnet ein Bild des Orients vergangener Tage. Mehr Orientfeeling geht eigentlich nicht. Wer sich also im Sommer in exotische Welten flüchten will, sollte dieses Buch lesen!

Foto: Flickr.com/mattdwen (CC BY-NC 2.0)

Antik ist out – oder?

von Andrea Kroner

Schon zum 54. Mal findet in Stuttgart die Antiquariatsmesse statt – gleichzeitig läuft in Ludwigsburg die Antiquaria. Beide präsentieren das Schönste aus fünf Jahrhunderten Buchdruck und Buchkunst und zählen zu den wichtigsten Veranstaltungen ihrer Art auf der ganzen Welt. Und sie haben vieles zu bieten: Von breit aufgestellten Antiquariaten über Spezialisten für Handschriften bis hin zu Experten einer bestimmten Epoche oder der östlicher Schriftkultur ist alles vertreten.

 

Highlights der Messe

Wenn man nur den Gesamtpreis aller Werke von etwa 5 Millionen Euro betrachtet, lässt das bereits viele Highlights erwarten: Das teuerste Buch liegt bei 760.000 Euro und stammt aus der Feder des französischen Dichters Octavien de Saint-Gelais aus dem Jahr 1494. Es ist ein Gesamtkunstwerk, mit Bildern aus kräftigen Farben und mit Gold verziert. Im Gegensatz dazu stehen die Zeichnungen Oskar Schlemmers aus dem 20. Jahrhundert. Seine Studien „Familie“ thematisieren seine Zerrissenheit zwischen Familienglück, Ausstellungsverbot  und Todesangst während des zweiten Weltkriegs in leuchtenden Farben. Obwohl das Kunstwerk noch nicht einmal ein Jahrhundert alt ist, muss man dafür 48.000 Euro bezahlen.

Auch Spielzeug gibt es auf der Messe zu finden: Nicht nur ausgefallene Pop-up-Bücher, sondern auch ein dänisches Papiertheater in Miniaturform aus dem Jahr 1884 ist zu bewundern. Äußerst detailgetreu gearbeitet, bietet es mit über 100 Figuren zahlreiche Möglichkeiten, Theaterstücke nachzuspielen oder selbst zu erfinden – wenn man 4.500 Euro dafür ausgeben möchte.

 

„Frauenpower“ im Antiquariat?

„Frauenpower“ – unter diesem Motto stehen die beiden Messen in diesem Jahr. Denn wie viele andere Berufsfelder auch, scheint das Antiquariatswesen von Männern dominiert zu werden. Es finden sich kaum Frauen in diesem Arbeitsbereich – von 217 Mitgliedern des Verbandes Deutscher Antiquare sind lediglich 39 weiblich. Und auch auf den beiden Messen waren nur 21 Antiquarinnen unter den 160 Ausstellern. Doch kann man deshalb gleich von einer Männerdomäne sprechen? Nein, meinen die Ausstellerinnen: Denn sie haben sich ihren Platz und ihre Berechtigung über die Jahre durch harte Arbeit und viel Fleiß redlich verdient.

Nicht nur im Bereich der Antiquare, sondern auch auf dem Büchermarkt sind Frauen zahlreich vertreten – schon seit Jahrhunderten als eines der Hauptthemen der Literatur, werden sie seit dem 19. Jahrhundert auch als erfolgreiche Autorinnen immer bedeutender.

 

Digitale Konkurrenz

Mittlerweile kauft bereits ein Großteil der Leser seine Bücher im Internet. Oft handelt es sich bei der online gekauften Version auch nicht mehr um die gedruckte Ausgabe, sondern um ein eBook. Das hat den Buchhandel in eine große Krise gestürzt und stärkt die Vormachtstellung einiger weniger Internetanbieter, auch wenn diese schon seit längerem in die Kritik geraten sind.

Diese Tendenz lässt sich auch bei antiken Büchern erkennen: Der Antiquitätenmarkt im Netz floriert und was einst selten und heiß begehrt war, gibt es nun in zahlreichen Versionen – sogar in Erstausgaben. Durch diese Ausweitung des Marktes werden Preise besser vergleichbar und transparenter und die Bücher können günstiger angeboten werden. Das ist für den Liebhaber zwar von Vorteil, zwingt aber viele Antiquariate zur Schließung. Doch sie haben der Übermacht auch etwas entgegenzusetzen: Einzigartigkeit. Viele spezialisieren sich und bieten ihren Kunden nur bestens erhaltene Exemplare exklusiv im Geschäft an.

 

Antik ist definitiv nicht out

Selbst wenn man sich als Student keines der ausgestellten Bücher leisten kann, ist es dennoch ein einmaliges Erlebnis, diese Schätze der Vergangenheit einmal in echt erleben zu können – allein schon des besonderen Flairs wegen, der die ganze Messe umgibt. Und diese Meinung teilen viele, denn beide Messen sind gut besucht.

 

Foto: flickr.com/Hoffnungsschimmer (CC BY 2.0)

Breaking Bad: Unglaublich. Und unterhaltsam.

von Alexander Karl

Breaking Bad ist auch bei deutschen Serienliebhabern längst Kult. Seit 2008 kocht der krebskranke Walter White die Droge Crystal Meth und wird – wie der Serientitel sagt – böse. Nun ist mit „Breaking Down BREAKING BAD“ ein Buch veröffentlicht worden, das sich mit der Dramaturgie und Ästhetik der Serie auseinandersetzt.

Unglaublich. Und unterhaltsam.

Mit Breaking Bad schuf Vince Gilligan eine Serie mit einem außergewöhnlichen Plot: Der Chemielehrer Walter White (Bryan Cranston) erkrankt an Krebs. Um seine Familie nach seinem Ableben finanziell abzusichern, steigt er ins Drogengeschäft ein und kocht Crystal Meth. Was in wenigen Worten völlig absurd klingt, entfaltet sich in fünf Staffeln zu einer atemberaubenden Story, die die Zuschauer in ihren Bann zieht. In den USA läuft die Serie seit 2008, der zweite Teil der fünften Staffel soll dort im Sommer 2013 ausgestrahlt werden. In Deutschland lief Breaking Bad zunächst auf AXN, einem Pay-TV-Sender, und im Free-TV auf ARTE. Aktuell zeigt RTL Nitro die Serie.

Rezension: „Breaking Down BREAKING BAD“

Nun ist in Deutschland mit Breaking Down BREAKING BAD. Dramaturgie und Ästhetik einer Fernsehserie“ im Wilhelm Fink Verlag ein Buch erschienen, das die Erfolgsserie aus wissenschaftlicher Perspektive beleuchtet. Wie der Titel des Buches bereits verrät, wird vor allem die Dramaturgie und Ästhetik von Breaking Bad untersucht. Dabei gehen die Autoren Christine Lang und Christoph Dreher auch auf die implizite Dramaturgie in Breaking Bad ein. Im Gegensatz zur expliziten – quasi sichtbaren – Dramaturgie betrachtet die implizierte Dramaturgie das Mitschwingende, das Subtile. Etwa die Bedeutung von Farben und Symbolen, die durch das kulturelle Hintergrundwissen des Zuschauers zu einer zusätzlichen Bedeutungsebene werden. Welche zusätzlichen Lesarten Breaking Bad über die bewusste Nutzung von Codes schafft, wird durch Beispielanalysen einzelner Folgen gezeigt. Sowohl der Pilot als auch die 2. Folge der 1. Staffel werden untersucht, aber auch die Fliegen-Episode aus der dritten Staffel.

Diese Analysen sind äußerst gelungen und enthalten schlaue Hinweise: So wird etwa die metaphorische Bedeutung von Walter Whites Spiel mit dem Feuer am Pool seines Hauses hervorgehoben – auf der audiovisuellen Ebene durch das Entzünden von Streichhölzern dargestellt. Denn Räume, Orte, ja die gesamte Mise-en-scène sind in einem durchkomponierten Werk wie Breaking Bad von Bedeutung. Der Zuschauer wird somit zum Mitdenken angeregt und wenn man als Breaking Bad-Zuschauer „Breaking Down BREAKING BAD“ liest, gibt es einige Aha-Effekte. Das liegt auch an der verständlichen Sprache; die Fachtermini zur Narration und Dramaturgie werden zusätzlich in einem Glossar erklärt. Lesenswert ist auch das Kapitel über ambivalente Figuren, das Breaking Bad in eine Beziehung zu den erfolgreichen (und ebenso anspruchsvollen) Serien The Sopranos und Dexter stellt: Sie alle haben keine moralisch einwandfreien Protagonisten, sondern Helden mit mörderischen Ecken und Kanten.

Ein Wermutstropfen bei „Breaking Down BREAKING BAD“ ist aber sicherlich, dass die letzte Staffel Breaking Bad noch nicht vollständig ausgestrahlt wurde und somit daraus resultierende Entwicklungen in dem vorliegenden Buch noch nicht berücksichtigt werden konnten. Außerdem verwundert es, dass auf Seiten mit Fußnoten die Seitenzahlen fehlen – ungeschickt für das wissenschaftliche Arbeiten.

Insgesamt ist aber ein lesenswertes Buch entstanden, das nicht nur Breaking Bad-Fans viele interessante Aspekte der Serie aufzeigt und sie mit wissenschaftlichem Fundament untermauert.

Christine Lang, Christoph Dreher: Breaking Down BREAKING BAD. Dramaturgie und Ästhetik einer Fernsehserie. 1. Aufl. 2013, 150 Seiten. 19,90 Euro. ISBN: 978-3-7705-5443-0

Buchcover: Copyright Wilhelm Fink Verlag; Bild: flickr/bjhale (CC BY-NC-SA 2.0)

„Medien durchdringen den politischen Alltag“

von Sanja Döttling

Herr Prof. Bernhard Pörksen hat zusammen mit 23 Studenten der Medienwissenschaft das Buch „Die gehetzte Politik“ auf den Markt gebracht. Es stellt in Interviews an Politiker und Journalisten die Frage: Wie funktioniert die Machtverteilung zwischen Politik und Medien?

Ein Interview mit Herr Prof. Pörksen und der Medienwissenschafts-Studentin Ildiko Mannsperger, die im Rahmen dieses Projektes unter anderem Sahra Wagenknecht und Walter Kohl interviewte.

 

media-bubble.de: Das Buch „Die gehetzte Politik“ ist, wie schon einige Bücher davor, in Kooperation mit Studentinnen und Studenten des Studiengangs Medienwissenschaft entstanden. Herr Pörksen, wie beschreiben Sie Ihre Rolle im Entstehungsprozess des Buches?

Pörksen: Ich glaube, dass sich ein solches Projekt nur stemmen lässt, wenn man in ganz verschiedenen Rollen unterwegs ist. Als Organisator, als jemand, der die nötigen Gelder einwirbt und natürlich in der Rolle eines Menschen, der früher einmal als Journalist gearbeitet hat und sich Gedanken darüber macht, wie Journalismus funktioniert. Aber auch in der Rolle eines Menschen, der andere Leute anregt, sie herausfordert, so dass sie in Kontakt kommen mit ihrer eigenen Kraft und ihren Begabungen.

Sie haben das Interviewtraining als „mit bewusster Schärfe inszeniert“ und „gelegentlich sicher sehr hart“ bezeichnet. Ildiko, wie ging es dir dabei?

Ildiko: Es wurde schnell deutlich, dass wir selbst eine gewisse Schärfe entwickeln sollen. Es wurde kein Kuschelkurs gefahren, sondern es wurde von uns erwartet, dass wir uns engagieren. Das war gut: Man lernte seine eigenen Grenzen kennen.

Wo waren deine persönlichen Grenzen?

Ildiko: Es war spannend, aber auch schwierig, sich in ein Feld einzuarbeiten, das man sonst nicht so kennt und das nicht mein Expertengebiet ist. Und es gab ein Interviewmit Walter Kohl in dem das Aufnahmegerät nicht funktioniert hat und ich alles aus dem Gedächtnis rekonstruieren musste. Dann musste ich Walter Kohl anrufen und ihm das gestehen. Das war für mich eine große Überwindung. Aber nun kann ich jedes Telefongespräch führen.

Was hat das Interviewtraining für dich für den Ernstfall gebracht?

Ildiko: Es hat mir geholfen, mich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen. Du lernst, dass du das Gespräch als Interviewer in der Hand hast und die Fragen stellst. Wenn dann mal eine Gegenfrage kommt, dann lässt du dich nicht mehr verunsichern und bleibst in der Rolle. Auch die angesprochene Schärfe haben wir gelernt, dass man sich auch traut und nicht zu nett, sondern kritisch hinterfragt.

Wenn jetzt ein Kommilitone morgen Angela Merkel interviewen müsste, welchen Tipp würdest du geben?

Ildiko: Ich würde sie nicht als Angela Merkel, sondern als Mensch sehen. Und Ruhe bewahren, das ist das Wichtigste. Und vielleicht nicht so viel zu planen.So war es bei unserem Interview mit Sahra Wagenknecht, die den Interviewtermin mehrmals verschoben hat und dann nur noch die Hälfte der geplanten Zeit für uns hatte.

Wie lief die Themenwahl? „Die gehetzte Politik“ stellt die Beschleunigung der Berichterstattung durchs Internet, die Verknüpfung von Medien und Politik dar.

Pörksen: Es ist das fünfte Projekt dieser Art. Die letzten Bücher haben vergleichbare Themen behandelt. Schlüsselfragen waren: Wie funktioniert die Selbst- und Fremdinszenierung unter den aktuellen Medienbedingungen? Wie gestaltet sich das Verhältnis von Medien und Prominenz? Wie funktioniert die Logik der Skandalisierung? Bei diesem Projekt lautet die Frage: Wie stellen sich Politiker dar? Wie werden sie von den Medien, getrieben, behandelt, misshandelt? Wenn Sie so wollen, ist das Buch Teil einer Serie, die sich dem Nachdenken über die Macht der Medien widmet.

„Die gehetzte Politik“ ist der Titel des Buches. Gehetzt wird die Politik von den Medien. Sind sie also an allem schuld?

Pörksen: Es wäre schön, wenn es so einfach wäre! Aber in der Tat ist die Frage: Wer regiert eigentlich wen? Wer ist mächtiger, Politik oder Medien? Ich würde sagen: Das ist in der Tendenz entschieden. Medien sind einflussreicher, Medien durchdringen den politischen Alltag in einer derart massiven Weise, dass man sagen kann, die medialen Einflüsse sind an erster Stelle zu setzen.

Können Politiker anders handeln?

Pörksen: Sie sind in jedem Fall aufgerufen, auf ihre eigene Autonomie, Ideen, Konzepte zu bestehen, abseits und jenseits der Medienlogik. Es ist eine Aufgabe von Politik heutzutage, ein Stück Medienverweigerung zu betreiben. Zu registrieren, dass die Zeit, die politische Entscheidungsfindung braucht, eine andere ist als die Zeit der Medien. Die Online-Schlagzeilen online wechseln im Extremfall alle halbe Stunde – das simuliert ein Tempo und eine Hektik von Politik, die es nicht geben kann. Auch der Zwang, dauernd Stellung zu nehmen, verändert Politik massiv.

Ist das ein Teufelskreis?

Pörksen: Man kann es als Teufelskreis und als einen in zweifacher Hinsicht gefährlichen Prozess. Zum einen ist die Beschleunigung zu massiv; sie passt nicht zu der Eigenzeit des Politischen und führt nach meinem Dafürhalten zu einem ständigen inneren Alarmzustand des Politikers. Zum zweiten gibt es auch eine zunehmende Angst vor der Sofort-Skandalisierung in der Politik.

Das führt dann du dem „Politiker-Deutsch“, so dass eigentlich gar nichts mehr gesagt wird.

Pörksen: Dann haben Sie Leute, die eine völlig distanzierte, rundgeschliffene Sprache verwenden, genau.

Gibt es noch eine Heilung für die Politik?

Pörksen: Es gibt da kein Rezept. Sicher ist nötig, dass wir klar machen, wie die aktuelle Mediengesellschaft funktioniert, und nach welchen Inszenierungsmustern gearbeitet wird. Das ist auch das Ziel der Bücher: Sie wollen die Hinterbühne medialer Inszenierung sichtbar machen und deutlich machen, wie ein ein womöglich auch ungesunder Wettlauf um dem nächsten neuen Skandal entsteht. Darüber aufzuklären, ist kein Allheilmittel, aber es ist ein Anfang des Bewusstmachens, wie massiv die Medien in den politischen Prozess eingreifen.

Das ist also das Ziel des Buches?

Pörksen: Ich würde sagen: Es gibt zwei Ziele. Zum einen gilt es, die Selbstaufklärung der Mediengesellschaft voranzutreiben. Zum anderen ist es auch ein Versuch, engagierten Studenten eine journalistische Visitenkarte zu verschaffen, sie vielleicht auch in Situationen zu bringen, die eine Herausforderung darstellen. Sie lernen ein gutes Interview mit jemandem zu führen, den man vielleicht erst wieder interviewt, wenn man Ressortleiter oder Chefredakteur ist. Es ist für mich sehr schön zu sehen, was aus diesen Projekten erwächst. Ich habe inzwischen ein Regal voll mit Büchern, die ehemalige Studierende selbst geschrieben haben – im Anschluss an derartige Seminare.

 

Das Buch „Die gehetzte Politik“ ist seit gestern im Handel erhältlich.

Foto: Copyright, Sanja Döttling

Der Kommunikationszwang

von Alexander Karl

Piepsende Smartphones und aufploppende Facebook-Nachrichten gehören längst zum Alltag eines Digital Natives und auch vieler Digital Immigrants. Sie sind es gewohnt, ihr Leben im Netz darzustellen und dort oftmals auch (weiter)zuleben. Doch zeitweise scheint dieses Leben zu einem Kommunikationszwang zu werden, der uns Dank unserer smarten Telefone überall hin begleiten kann.

Mit „LG ; -) Wie wir vor lauter Kommunizieren unser Leben verpassen“ ist nun ein Buch erschienen, das sich genau mit dieser Thematik befasst (siehe Rezension). Die Autorin des Buches, Nina Pauer, Jahrgang 1982, arbeitet als Redakteurin im Feuilleton der ZEIT.

Im Interview mit media-bubble.de spricht die Autorin über Facebook, Offline-Romantik und Wege aus dem Kommunikationszwang.

Frau Pauer, Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie die neuen Kommunikationsformen immer mehr unser Leben bestimmen. Wie oft am Tag checken Sie Ihre Mails und Ihre Facebook-Seite?

Ehrliche Antwort? Ich habe keine Ahnung – es ist viel zu oft, um es zu zählen.

Haben Sie schon einmal überlegt, Ihren privaten Facebook-Account zu kündigen?

Nein, ehrlich gesagt nie. Aber ich habe sehr oft darüber nachgedacht, wie ich mich von Facebook distanzieren kann, um es gesünder zu nutzen. Zusätzlich zum privaten Account habe ich ja auch noch einen Autorenaccount, also noch eine virtuelle Identität mehr…

Sie kritisieren in Ihrem Buch vor allem, dass man immer und überall erreichbar ist und technische Geräte wie Smartphones fester Bestandteil unseres Lebens sind. Kann man sich gegen diese Entwicklung überhaupt noch wehren, ohne im Job und im Privaten isoliert zu sein oder isoliert zu werden?

Ich bin mir sicher, dass man das kann. Man muss nur wieder den Zustand herstellen, dass wir diese Sphären und Geräte steuern und nicht umgekehrt sie uns. Wir müssen nicht andauernd erreichbar sein, unsere Freunde und Kollegen und Bekannte werden es ganz sicher respektieren, wenn wir unser Verhalten ändern. Wir müssen es uns und ihnen nur antrainieren, indem wir unser Kommunikationsverhalten drosseln.

Denken Sie, dass wir eines Tages genug vom Internet haben und uns wieder auf die Offline-Welt zurückbesinnen?

Nein, ganz sicher nicht. Ich glaube nicht an diese „Offline-Romantik“ à la: Stecker ziehen und dann haben wir unser eigentliches, wahres, wirkliches Leben zurück. Unser Leben passiert ja auch online, wir halten dort Beziehungen am Leben, beginnen oder beenden sie. Mit dem Internet ist es deshalb wie bei der Erfindung des Telefons: es ist einfach ein neues Medium und das wird sich nicht wieder abschaffen lassen. Ich denke auch nicht, dass das erstrebenswert ist. Das Internet ist ja nicht per se böse. Wir sind nur in der Anfangsphase, in der wir noch nicht wirklich mit diesem neuen Medium klar kommen.

Was sind Ihre Tipps, um sich Freiräume aus dem Kommunikationszwang zu schaffen?

Für mich heißt die Lösung „Intervallkommunikation“. Das heißt, Pausen zwischen dem Abrufen von Twitter, Facebook, den Emails einzulegen, das Telefon mal nicht mit zum Einkaufen oder Kaffeetrinken gehen. Solche kleinen Übungen reichen ja schon, um das Gefühl wiederzuerlangen, dass wir die Kontrolle über die Situation haben und nicht andersherum alles auf uns einprescht ohne das wir es steuern können. Und ansonsten: Yoga, Schwimmen gehen, irgendeine Art von Aktivität eben, bei der man nicht mal eben nebenbei noch schnell eine Nachricht schreiben kann.

Rezension: Nina Pauer: „LG ; -) Wie wir vor lauter Kommunizieren unser Leben verpassen“

Mit „LG ; -)“ ist Nina Pauer ein unterhaltsames Buch gelungen, in dem sich wohl viele Digital Natives (und Digital Immigrants) wiedererkennen: Ständige Erreichbarkeit ist in vielen Momenten äußerst nützlich und angenehm, hat aber auch seine Schattenseiten. Die Protagonisten des Buches bewegen sich zwischen dem Wunsch nach Kommunikation und gleichzeitiger Ablehnung derselben. So sorgt das Ausbleiben von Nachrichten für Unruhe, das Vorhandensein aber auch für Stress. Nina Pauer gelingt es, den Lesern einen Spiegel vorzuhalten, der schlussendlich klar macht, dass man selbst das Kommunikationsverhalten bestimmt.

Nina Pauer: „LG ; -) Wie wir vor lauter Kommunizieren unser Leben verpassen“. S. Fischer Verlag. 240 Seiten. ISBN: 978-3100606303. 14,99 Euro. Erschienen am 26. September 2012

 

Foto: flickr/webtreats (CC BY 2.0); Foto Nina Pauer: Dennis Williamson; Buchcover: S. Fischer Verlag

50 Shades of Sex

von Alexander Karl

Es ist DAS (Pseudo-)Skandalbuch des Jahres: Der Erotik-Roman Shades of Grey. Von Boulevard bis Feuilleton wird es besprochen, mal mit mehr, mal mit weniger positiven Kritiken. Fakt aber ist: Es sorgt für Gesprächsstoff. Und ist doch nicht neu.

Fanfiction goes Independent

Was kaum einer weiß: Der Ursprung der Triologie Shades of Grey liegt in einer aufgepeppten – oder aufgesexten – Version von Twilight. Sex in Fanfiction ist nichts Neues. Dass daraus dann aber plötzlich ein Bestseller wird schon. Erika Leonard, die das Buch unter dem Pseudonym E. L. James auf den Buchmarkt brachte, veröffentlichte die formalige Fanfiction auf der Seite 50shades.com – damals noch unter dem Namen Master of the Universe. Jetzt, nachdem das Buch ein riesiger und weltweiter Erfolg ist, schauen sich Fans der Bücher die veröffentlichte und die frühere online Variante an – und stoßen auf einige Ähnlichkeiten, wie Galleycat berichtet:

Blogger Jane Litte used the Turnitin plagiarism detection program to measure similarities between the two books. She reported: “According to Turnitin, the similarity index was 89%.  There are whole swaths of text wherein just the names were changed from MoTU to 50 Shades.”

Mittlerweile sind die Spuren zu den Wurzeln des Buches aber aus den Weiten des Webs verschwunden – nur noch wenige Screenshots existieren. Doch die Zeiten, in der das Buch ein Insidertipp in Fanforen war, sind vorbei. Shades of Grey, wie das Buch in Deutschland heißt, wurde hierzulande mit einer Auflage von 500.000 Stück geradezu auf den Markt geworfen – und das mit viel Wirbel. So wurden etwa auf bild.de vorab Auszüge aus dem Buch veröffentlicht. Die Überschrift zum Artikel: „Shades of Grey“: Dieses Buch ist schärfer als Porno„. Wie scharf das Buch ist, das ist Geschmackssache. Es dauert einige Seiten, bis der Multi-Milliardär die 21-jährige und jungfräuliche Ana rumbekommt – und ihr zunächst zeigt, was er unter Blümchensex versteht. Denn Christian Grey, nachdem das Buch benannt ist, steht auf harten Sex. SM um genau zu sein – und so findet Ana in seiner Wohnung ein Spielzimmer mit Andreaskreuz und bekommt schnell eine Verschwiegenheitsklausel plus Vertrag vorgelegt – letzteres, um sich als Sub (die vornehme Bezeichnung für Sklave) zu verpflichten.

Sex sells

Und so kommt es, dass viele Stellen äußerst sexuell sind (Stichwort Mommy Porn), wie es aus der Vorab-Veröffentlichung von bild.de vorgeht:

Verdammte Scheiße, tut das weh! Ich gebe keinen Laut von mir, doch mein Gesicht ist schmerzverzerrt. Ich versuche, mich ihm zu entwinden – angetrieben vom Adrenalin, das durch meine Venen pumpt. „Halt still“, knurrt er, „sonst muss ich noch länger weitermachen.“ Inzwischen reibt er meine Pobacke, dann kommt der nächste Schlag. Er verfällt in einen steten Rhythmus: streicheln, tätscheln, schließlich ein kräftiger Schlag. Ich muss meine volle Konzentration aufbieten, um die Schmerzen zu ertragen. Mein Kopf ist wie leer gefegt, während ich versuche, die Schläge wegzustecken. Mir fällt auf, dass er nie zweimal hintereinander auf dieselbe Stelle schlägt, sondern den Schmerz gleichmäßig verteilt.

An dieser Stelle lässt sich natürlich ein zweifelhaftes Frauenbild vermuten: Die völlig unerfahrene Ana unterwirft sich körperlich wie emotional einem deutlich erfahreneren Mann. Bisher hat man aber noch keinen Aufschrei von Alice Schwarzer gehört – nur in der Presse rumort es schon. Beispiel Hamburger Abendblatt. Da heißt es:

Nur die Emanzipierten dürften mit dem Kopf schütteln: Was ist das denn für ein Rollenbild, bitte? Frau mit guter Ausbildung und gesellschaftlichem Selbstvertrauen lässt sich heimlich auspeitschen und sexuell demütigen. Was ist das: Postfeminismus?

Und auch das Wort „Schocker“ oder „Skandal“ ist für Shades of Grey zu viel des Guten: Geschockt wird ein wenig, da ist sich die Presse einig: Sowohl in American Psycho als auch in Geschichte der O geht es härter zur Sache. Trotzdem eignet es sich – da muss man der Schwäbischen Zeitung zustimmen – als Urlaubslektüre. Aber nicht nur Zwecks Eskapismus, sondern, weil der menschliche Voyeurismus par excellence bedient wird – und das nicht zu knapp. Auch deshalb stellen die Verkaufszahlen selbst Harry Potter in den Schatten. Deshalb steht nun halb Hollywood für die Filmrollen Schlange – aber nicht die Stars aus Twilight, die ja immerhin indirekt als Imspiration dienten. Übrigens: Auch Stephenie Meyer, Autorin der Twilight-Saga, äußert sich zu dem Buch: „I haven’t read it. I mean, that’s really not my genre, not my thing,“ she said with a laugh. „I’ve heard about it; I haven’t really gotten into it that much. Good on her — she’s doing well. That’s great!“

Foto: Presse