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Phrasen-Schwein

Die 10 schlimmsten Phrasen

Absolut verführerisch, wenn man selber textet, und doch grottig, wenn man es dann selber lesen soll: Das sind Phrasen. Füttert nicht das Phrasen-Schwein und haltet euch fern von diesen 10 ausgelutschten Floskeln!

Die Zukunft des Journalismus

Von Jasmin Gerst

Der promovierte Politikwissenschaftler Dominik Wichmann referierte am 14. Dezember im Kupferbau der Universität Tübingen über Veränderungen des Verhältnisses zwischen Publikum und Medien sowie dessen Auswirkungen auf den Journalismus wie wir ihn kennen. Wichmann war Chefredakteur des SZ-Magazins und beim STERN, außerdem hat er vor kurzem zusammen mit Guido Westerwelle dessen Biografie „Zwischen zwei Leben: Von Liebe, Tod und Zuversicht“ realisiert.

Geizige Digital Natives?

DominikWichmannWichmann stellt zu Beginn klar, dass der Journalismus noch nie besser war – die Qualität der Inhalte steigt, trotzdem sind immer wenige Konsumenten bereit für diese Qualität Geld zu bezahlen. Eine offensichtliche Veränderung stellt das Leseverhalten der Konsumenten dar. Fakt ist, dass viel weniger Menschen eine Tageszeitung abonniert haben als früher. Und warum? Weil mittlerweile fast alles kostenlos im Netz zu finden ist. Der Kampf, den die Journalisten führen müssen, lässt an der Zukunft des Journalismus zweifeln. Wichmann ist sich jedoch sicher, dass es ihn immer geben wird, allerdings in veränderter Form und mit qualitätsvolleren Inhalten. Die jüngere Generation der Journalisten, die Digital Natives, sind sich ihrer Zukunft zwar ungewiss, bringen jedoch gewisse Vorteile mit sich: Sie können das Neue leichter adaptieren und dabei spielt das Alter eine wichtige Rolle. Da sie bereits in jungen Jahren den Umgang in der digitalen Welt erlernt haben, sind sie der älteren Generation um Längen voraus. Denn Kommunikation allein reicht nicht mehr aus: Die Konsumenten fordern mehr Expertise, aber gerade die Digital Natives sind nicht bereit für diese Expertise zu bezahlen.

Akzeptieren und Umdenken

Fakt ist also, dass sich die Zeiten geändert haben und man sich dieser neuen Zeit anpassen muss. Dazu gehört nicht nur diesen Wandel zu akzeptieren, sondern ihn auch zu „wollen“. Denn die unendlichen Möglichkeiten, die es nun auf dem Markt gibt, müssen optimiert werden. Es ist also von großer Wichtigkeit, dass der Journalismus diese Angebote wahrnimmt und sich heute viel mehr vermarkten muss als früher. Dazu gehört unter anderem stets präsent zu sein, Expertise zu erlangen, Unvoreingenommenheit sowie Form und Inhalt in Einklang zu bringen. Wichmann stellt außerdem fest, dass dieser Umbruch auch viele Widersprüche mit sich bringt. Ein Journalist muss zwei wichtige Parameter vereinen: möglichst aktuell und möglichst zeitnah sein. Das bedeutet, was die Aktualität betrifft, im digitalen Zeitalter angekommen zu sein (Stichwort Liveticker oder Twitter), sowie möglichst schnellen und guten Journalismus zu präsentieren. Dass die Qualität dadurch auf der Strecke bleibt, ist nur allzu verständlich. Nur ein wirklich guter Journalist kann diese beiden Kräfte vereinen, aber dadurch steigt ein weiterer Druck – die Möglichkeit des Scheiterns.

Präsent sein

Ein weiteres Problem ist, dass die Leser nicht nach bestimmten Nachrichten suchen. Die Daten kommen zum Leser und nicht der Leser zu den Daten. Diese werden aufgrund von den Spuren, die der Nutzer tagtäglich hinterlässt, angepasst. Wichtig sei außerdem, dass die Inhalte dort zu finden sein müssen, wo der Leser sich aufhält (z.B. Werbung bei Facebook / Twitter / Instagram etc.). Deshalb wird es immer wichtiger auf Facebook, YouTube, Twitter usw. präsent zu sein. Dass der mediale Wandel begonnen hat, zeigt sich auch dadurch, dass hochkomplexe Themen mittlerweile über mehrere Stunden (z.B. Serie Mad Men) ausdiskutiert werden können. Problem dabei ist jedoch, dass nicht jeder Sender kooperiert und weiterhin ein „spießiges und biederes“ TV-Programm bietet. Die Digitalität ermöglicht revolutionäre Umbrüche sowie eine enorme Verfügbarkeit der Daten.

Aus Real-Time wird Before-Time

Ist es also ein Ende des Journalismus wie wir ihn kennen? Das Berufsbild wird zwar nie verschwinden, so Wichmann, aber der Journalist muss umdenken und sich deutlich mehr nach seinen Lesern richten. Außerdem wird er es deutlich schwerer haben als früher. Denn der Redakteur der Zukunft übernimmt die Rolle als Chefredakteur der Gegenwart. D.h. die Transparenz der Daten führt dazu, dass er oder sie entscheiden.

Durch diese Verfügbarkeit der Daten wird der Journalismus zu einem ganz anderen, so gravierend wird er sich verändern. Sein retrospektiver Charakter wird erweitert und eine neue Erzählform wird entstehen: aus Real-Time wird Before-Time. Um erfolgreich zu sein, fügt Wichmann hinzu, muss man das Rad nicht neu erfinden, es reicht lediglich es als erster zu importieren. Innovation wird ein großes Stichwort sein, diese ist jedoch mühsam und anstrengend. Deshalb ein weiterer Tipp von Wichmann: bestehendes Optimieren!

Foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

media-bubble.de in neuem Glanz

Schon gesehen? Die Arbeiten an unsere Webseite sind endlich abgeschlossen und sie präsentiert sich in einem neuen Look.

Was ist neu? Das Aussehen!

Wir haben die Aufmachung verändert, um euch die Bedienung zu erleichtern und die Webseite noch attraktiver zu machen. Dafür haben wir zwei Menüleisten eingebaut. Die obere (direkt über unserem Logo) umfasst alle Themen rund um die Redaktion von media-bubble und Kontaktdaten. Die untere enthält die unterschiedlichen Kategorien unserer Artikel. Von Büchern & Comics bis zur Uniwelt ist bei media-bubble alles geboten. Neben der Möglichkeit über die Kategorien zu Artikeln zu gelangen findet ihr auf der Startseite stets unsere neusten Beiträge.

Euch gefällt der neue Auftritt und euch gefallen unsere Artikel? Dann teilt sie mit euren Freunden, damit unsere Bubble noch bekannter wird!

 

Ihr habt Anregungen oder Kritik zur neuen Webseite? Dann schreibt uns entweder per Facebook oder Mail, wir sind für jede Rückmeldung dankbar.

„Coffeeshop“: Multimediales Erzählen in der ‚Literatur‘

von Alexander Karl

Das ist der Literaturbranche bestimmt nicht Latte (Macchiato): Denn Coffeeshop von Gerlis Zillgens stellt einen Bruch mit den gängigen Buchkonventionen dar. Zunächst einmal ist es kein haptisches Buch, sondern eine E-Book-Serie mit 12 Episoden (wahlweise auch als Hörbuch oder als Read & Listen Version verfügbar). Darin erlebt die Sachensucherin Sandra die unterschiedlichsten Abenteuer mit ihren drei besten Freunden, deren zentraler Treffpunkt der „Coffeeshop“ ist, das Café ihres schwulen Freundes Captain. Allein die Episodenhaftigkeit und somit die strukturelle Anlehnung an TV-Serien mag für den Literaturbetrieb ungewöhnlich sein. Dabei stellt dies aber nur Basis-Version der Erzählung dar. Denn die „Coffeeshop“-App sorgt für ein kunterbuntes Story-Erlebnis.

Multimediale App

Multimedial wird Coffeeshop vor allem durch die App, die es parallel zu den anderen Produkten gibt: Jede der 12 Episoden in der App besteht nicht nur aus geschriebener Handlung, sondern reichert sie multimedial an. Kurze Filme greifen Handlungselemente auf, führen sie aus und kommentieren sie. Comicsequenzen zeigen die Gedanken der Protagonistin Sandra. Zudem werden Gespräche mit ihrem Vater auf rein auditiver Ebene eingebunden. Hinzu kommen weitere Elemente, um weiter in das „Coffeeshop“-Universum einzutauchen: Die Tagesgerichte des Coffeeshops lassen sich mittels der abrufbaren Rezepte nachkochen und Steckbriefe fassen die Eigenheiten der Protagonisten zusammen. Eine weitere Perspektive auf die Handlung wird durch die jeweils zur Episode passenden Kolumnen von Captain geboten. Hinzu kommen ein Spiel sowie Musik- und Büchertipps der Protagonistin, wobei letztere ins Web ausgelagert sind. Zusätzlich kann man sich die Episoden auch vorlesen lassen.

All das, was sonst transmedial ist

Mit dieser App geht Coffeeshop weit über das hinaus, was der Literaturliebhaber alter Couleur kennt: Statt ‚nur‘ gedruckte Worte auf Papier zu liefern, schafft Coffeeshop ein multimediales Erlebnis, das weit über die eigentliche Buchlektüre hinausgeht und innerhalb einer App all das versammelt, was in TV-Serien sonst gerne transmedial ausgelagert wird. Etwa bei der Erfolgsserie Breaking Bad, die online mit den Blogs der Figuren Marie und Hank sowie Graphic Novel Games und einigen Minisoden aufwartet – wie Jason Mittell in seinem online vorab publizierten Buch Complex TV : The Poetics of Contemporary Television Storytelling beschreibt, dienen die transmedialen Erzählungen von Breaking Bad vor allem dazu, den (Neben-)Figuren zusätzliche Tiefe zu verleihen. Ähnliches lässt sich auch bei Coffeeshop mit der Kolumne von Captain feststellen, da die eigentlichen Episoden aus Sandras Ich-Perspektive erzählt werden. Und auch die kurzen Videos ermöglichen Kommentare der weiteren Hauptdarsteller und Nebenfiguren, etwa Sandras Eltern.

Doch wie neu ist dieses Vorgehen? „Coffeeshop ist ein multimediales Projekt, bei dem erstmals ein Verlag und eine Filmproduktionsfirma zusammenarbeiten und ihre Stärken in einer neuen Form des Storytellings verbinden“, heißt es in einer Presseinformation.

Mehr noch: Coffeeshop stellt ein Beispiel für Paradigmenwechsel der Buchwelt dar, die zusehends mit hochwertig produzierten (und komplexen) TV-Serien konkurrieren muss, die als Romane der Neuzeit gefeiert werden. Daher scheint es nur logisch, die Stärken der unterschiedlichen Medien zu vereinen und dadurch ein multimediales Gesamterlebnis zu schaffen.

 

„Coffeeshop“ von Gerlis Zillgens von Bastei Lübbe, hier die Übersicht der Produkte.

 

Cover: Copyright Bastei Lübbe

Zensur mit Hintertür

von Ann-Katrin Gehrung

Von freier Meinungsäußerung, verantwortungsbewusster Veröffentlichung und einem flexiblen Umgang mit Rechtsgrundlagen ist die Rede – um was es geht? Internetzensur. Es scheint die Ära einer neuen Zensurstruktur angebrochen zu sein, die einen Spagat zwischen diesen  Anforderungen schaffen soll. Twitter macht  den ersten Schritt, der Google-Dienst Blogger folgt.

Was ist neu?

Dem Microblogging-Dienst Twitter ist es zukünftig möglich, einzelne Tweets auf Länderbasis zu sperren und auf diesem Wege gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.  Einerseits ermöglicht es dem Unternehmen einen flexiblen Umgang mit den jeweils  länderspezifisch geltenden Gesetzen und Vorschriften, andererseits werden somit Sperrungen auf globaler Ebene vermieden und die Inhalte bleiben für den Rest der Welt auch weiterhin zugänglich.
Des Weiteren wäre die Existenz von Twitter ohne Zensurmaßnahmen vor allem in repressiven Staaten fragwürdig. Durch solch eine „individuelle“ Sperrung nach den Vorgaben der Regierung kann den nationalen Vorschriften Rechnung getragen werden und ein Bestehen im jeweiligen Land gesichert werden.
Und zu guter Letzt gewährt Twitter seinen Mitarbeitern auf diesem Wege Schutz vor Restriktionen, da diese im jeweiligen Land für die veröffentlichten und verbreiteten Inhalte haftbar gemacht werden können.

Kritik und Anerkennung

Einige Organisationen sprechen bereits von Zensur – aber Twitter rechtfertigt seinen Schritt:
„Wir versuchen, Inhalte zu bewahren, wann und wo immer es uns möglich ist“, so das  Unternehmen. Doch was sich zunächst als Maßnahme der verantwortungsbewussten Veröffentlichung ausgibt, wird von Kritikern mit deutlichen Worten bewertet. So meldete sich unter anderem die Electronic Frontier Foundation (EFF) zu Wort und urteilt: „Let’s be clear: This is censorship“.
Laut Twitter kam die Zensurmethode bisher noch nicht zum Einsatz, nichtdestotrotz hält EFF an ihrer Warnung fest: „’if you build it, they will come,’- if you build a tool for state-by-state censorship, states will start to use it.”
Allerdings schlägt die Organisation im selben Atemzug auch mildere Töne an. Wohlwollend werden Twitters Ankündigungen aufgenommen, alle zukünftig anfallenden Sperrungen für die User kenntlich zu machen und im Sinne der Transparenz auf der Website ChillingEffects.org zu veröffentlichen.

Erste Follower

Der Vorstoß Twitters findet im Web schnell Nachahmer – etwa den Google-Dienst Blogger. Er agiert in ähnlicher Manier. „[…]promoting free expression and responsible publishing while providing greater flexibility in complying with valid removal requests pursuant to local law.“, lautet die im Januar dieses Jahres veröffentlichte Erklärung des Unternehmens. Indem die Blogs auf eine länderspezifische Domain umgeleitet werden, kommt es auch hier zu einer möglichen Blockierung von Inhalten auf der jeweiligen nationalen Ebene, wodurch die anfallenden Sperrungen für möglichst wenige Nutzer Konsequenzen haben sollen und eine Blockade auf globaler Ebene umgangen wird.
So werden beispielsweise Nutzer aus Indien, die Blogs auf blogspot.com ansteuern, auf blogspot.in umgeleitet und bekommen möglicher Weise andere Inhalte zu sehen, als Nutzer, die dies in Australien versuchen und auf blogspot.au umgeleitet werden.

Schlupfloch lautet das Zauberwort

So weit, so gut – doch der eigentliche Clou der neuen Zensurmaßnahmen steht im Kleingedruckten: Umgehungsmöglichkeiten.
Dabei handelt es sich nicht um technische Hochleistungen, die nur durch Expertenwissen durchführbar sind, sondern um offensichtliche, unkomplizierte und ohne technischen know how durchführbare Maßnahmen, die es auch dem durchschnittlichen Internetuser ermöglichen, die Sperrungen und Blockaden auf einfachstem Wege zu hintergehen.

So basieren die Zensurmaßnahmen von Twitter für die nationalen Sperrungen von Inhalten auf der von den Nutzern selbst angegebenen Konto-Einstellung der Länderangabe. Solange das Unternehmen auf das so genannte IP-Geoblocking, bei dem der Standort des Computers mittels IP-Adresse ermittelt wird und somit der Zugriff auf eine Website verweigert werden kann, verzichtet, kann der User durch eine manuelle Eingabe bzw. Änderung dieser Konto-Einstellung selbst festlegen in welchem Land er sich gerade befindet und welchen Zensurvorschriften er sich unterwerfen möchte. So ist es also auch Nutzer in repressiven Staaten mit strengen Zensurvorschriften auf diese Weise möglich, die technischen Barrieren zu umgehen und die gesperrten Inhalte einzusehen.

Ähnliche Hilfestellungen gibt es derweilen auch bei Blogger. Indem die Nutzer den Zusatz „/ncr“ (No Country Redirect) verwenden, kann eine Weiterleitung auf die länderspezifische Domain verhindert werden und der angesteuerte Blog ist somit für den User in seiner ursprünglichen Form unter der ursprünglichen Domain weiterhin zugänglich. So kann auch hier die automatische Umleitung auf einfachste Weise umgangen werden.

 Ein Fragezeichen bleibt

Doch wozu das Ganze? Wem nutzen Zensurmaßnahmen, die offensichtlich auf die einfachste Art und Weise umgangen werden können? Alarmierte Leser melden sich zu Wort. Getreu dem Motto „Wenn Möglichkeiten zur Zensur vorhanden sind, werden sie auch genutzt“, ist in ihren Kommentaren beispielsweise von  einer PR-Beruhigungspille die Rede, die aufgebrachte User besänftigen soll.  Denn auf Druck der Regierungen würden sich die bisher möglichen Schlupflöcher ganz einfach stopft lassen und somit ein Umgehen der Zensur deutlich erschwert werden. Andere sehen in dem Vorgehen der Unternehmen ein rein kommerzielles Streben: „So hat Twitter vor, die Zahl der aktiven Nutzer von derzeit 100 Millionen aktiven Nutzern auf mehr als eine Milliarde zu steigern.“ Um dies zu erreichen dienen die Zensurmaßnahmen der Existenzsicherung in einzelnen Ländern, wodurch einer weitere Expansion und einer weiteren Einnahmequelle des Unternehmens nichts mehr im Wege stehen soll.

Wieder andere vertreten die Auffassung eines Täuschungsmanövers. So geht auch Martin Weigert in seinem Beitrag der Frage nach, wie sich das Vorgehen des Unternehmens erklären lässt, das zwar bewusst Platz für einfachste Umgehungsmaßnahmen bietet, diese jedoch offiziell unbenannt lässt. „Sollen demokratiefeindliche Staaten auf diese Weise im Glauben gelassen werden, Twitter würde ihnen ein wertvolles Zugeständnis machen? Schwer vorstellbar, immerhin wird es nicht lange dauern, bis das Twitter-Universum und die Medien verstanden haben, wie bewusst transparent und löchrig Twitter die Maßnahme gestaltet hat“, so die Gedanken des Autors.

Ob und wenn ja welche dieser Prophezeiungen sich zukünftig überhaupt bewahrheiten wird, bleibt abzuwarten und solange dies noch nicht entschieden ist, sollte man sich die Vorhersage der EFF doch zu Nutze machen: ’if you build it, they will come,’ – wenn Schlupflöcher zur Umgehung der Zensur ermöglicht werden, dann werden Nutzern sie auch nutzen.

 

Foto: flickr/ Scott Beale/Laughing Squid (CC BY-NC-ND 2.0)

 

Autor will Blogger wegen schlechter Rezensionen verklagen

von Alexander Karl

Ein Autor und dessen Verlegerin wollen eine Bloggerin verklagen, weil sie eine schlechte Rezension über ein Buch verfasst hat? Nein, das ist kein Witz, es scheint bittere Realität zu sein! Während sich die Bloggerin auf die Meinungsfreiheit beruft, wittert der Autor mafiöse Strukturen. Aber der Reihe nach.

Eine Rezension – und die Klage droht

Der Blog Bücherzeit bespricht das Buch „Twin-PRYX. Zwillingsbrut“. Die Bloggerin Myriel gibt offen zu, nur 90 Seiten des 900 Seiten starken Werks gelesen zu haben: „Denn auf diesen Seiten sind mir schon so viele Dinge aufgefallen und haben mir quer im Magen gelegen, so dass ich gar nicht erst wissen möchte, wie es weiter geht.“ Dementsprechend fällt auch die Rezension aus: „Noch einige mehr dieser Ungereimtheiten sowie eine ziemlich schwerfällige Sprache haben die Lektüre für mich zu einer Qual gemacht, so dass ich nicht mal ein Zehntel dieses Ziegelsteins geschafft habe. Daher kann ich auch kein einziges Indianer-Armband für unsere Dracula-Nachfahren vergeben.“

Das ist für einen Autor vielleicht nicht schön zu hören, aber nun mal eine Kritik, mit der man Leben muss, wenn man ein Buch schreibt. Anscheinend nicht für John Asht. Denn er antwortet im Kommentarfeld:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Damit jedoch nicht genug! Denn die Verlegerin schaltet sich nun ein (hier der komplette Antwortpost). Kurz gesagt wirft sie der Bloggerin eine „feindliche und destruktive Kampagne“ gegen Autor und Verlag vor, kritisiert den „Decknamen“ (man nennt es im Internet auch Nickname) und hält es für nicht professionell, bereits nach 90 Seiten aufzugeben. Während sich die Bloggerin auf den Artikel 5 des Grundgesetzes beruft, kontert die Verlegerin erneut: „Es tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, dass ich mich John Asht anschließen werde und ab Montag gerichtlich gegen Sie vorgehe, falls Sie diese Rezension nicht sofort entfernen.“

Meinungsfreiheit oder Narrenfreiheit?

Soweit zur ersten Runde. Doch John Asht lässt das nicht auf sich sitzen und schreibt in seinem Blog wiederum:

Heute aber, im zweiten und vielleicht auch letzten noch freien Internetjahrzehnt, kann jeder veröffentlichen, was er will – egal ob er etwas drauf hat oder auch nur eine frustrierte Niete ist: Er veröffentlicht vor allem Texte, weil’s nix kostet – und weil er irrtümlich glaubt, dass das „Freie Internet“ einen vor Strafverfolgung schützt – oder weil er „Meinungsfreiheit“ mit „Narrenfreiheit“ verwechselt.

Es folgen einige diffamierende Worte gegen eine „Studienhopperin“ (anscheinend die Autorin des Bücherzeit-Blogs), deren Buch bei einem Verlag abgelehnt wurde und sich nun rächen will – mit einer schlechten Rezension. So schildert zumindest Asht die Vorgänge. Nun sind wir wieder an dem Punkt der Anzeige – wie John Asht sagt „wegen Verstoßes gegen § 15 UWG „Geschäftlicher Verleumdung““. Und weiter heißt es in einem Nachtrag: „Er [Ashts Blog] hat viel Staub aufgewirbelt und mir letztendlich den erhofften Beweis erbracht, dass es tatsächlich so etwas wie „Rezensenten-Mafia für geistig Arme“ gibt.“

Doch damit nicht genug. Asht schreibt auf seinem Blog weiter:

Nach drei Tagen Provozier-Blog ist nun die Falle definitiv zugeschnappt – der Jäger zählt seine Beute: etliche 700 Screenshots von kriminellen Negativ-Rezensionen meines Romans „TWIN-PRYX, Zwillingsbrut“ – samt Namen, Blogadressen, Homepages, Foren, Gruppen, etc. Kriminell darum, weil keiner dieser gehässigen Rezensenten jemals das thematisierte Buch in der Hand gehalten hat, geschweige denn gelesen. Und jetzt drehen wir ganz sachte den Spieß um – seine Spitze heißt UWG.

Doch die Spitze des Eisbergs ist noch nicht erreicht: Wie der Blog „Kotzendes Einhorn“ schreibt, finden sich in einer früheren Version des Blogbeitrags von Asht (hier als Screenshot)  eine „explizit zweideutige Formulierung im Nachtrag zu Ashts Rant, die man als Vergewaltigungsaufruf missverstehen könnte“.

Noch einmal: Es geht hier um einen kleinen Verlag und einen Autor, die Rezensenten mit juristischen Schritten drohen – nämlich auf Basis des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG). Ich bin kein Jurist, doch schaut man sich einmal den Gesetzestext zum Thema „Geschäftliche Verleumdung“ an, kann ich als Laie keinen Verstoß erkennen – außer, man würde das Internet als einzigen Verstoß betrachten.

Denn dann wäre jede Amazon-Rezension potenziell geschäftsschädigend, jeder Kommentar zu dem YouTube-Video eines noch weitgehend unbekannten Künstlers könnte seine Karriere zerstören und so weiter. Um Ashts Überlegungen aber noch weiter zu drehen: Darf ich im Freundeskreis meine Meinung über ein Buch äußern, dass ich bisher erst angelesen habe? Darf ich auf Facebook einen Kommentar dazu posten? Darf ich behaupten, dass ich Justin Bieber nicht mag, obwohl ich nur eine Hand voll Songs von ihm kenne und nicht die komplett Diskografie?

Was vor oder hinter den Kulissen gelaufen ist oder in welcher Beziehung Autor und Bloggerin zueinander stehen, ist mir nicht bekannt. Vielleicht ist dies der Grund für den kleinen Skandal, vielleicht auch nicht. Fakt aber ist: Ein Autor, der sein Werk veröffentlicht, muss sich darauf gefasst machen, dass es nicht jedem gefallen kann. Es ist diskutabel, ob man für eine Rezension das Buch komplett gelesen haben muss – ich finde nicht. Denn Literaturagentur wie auch Lektoren lesen maximal fünf Seiten eines Buches, bevor sie zu einem ersten Urteil kommen – nämlich ob Potenzial vorhanden ist oder nicht. Wenn eine Leserin nach 90 Seiten kapituliert und dies offen zugibt, dann ist das ihr gutes Recht. Und kein Grund, um die deutschen Gerichte zu bedienen. Erschreckend ist zudem der Ton, mit dem Asht gegen Blogger zu Felde zieht: Denn ohne das Internet und die Möglichkeit zu bloggen, würde man auf sein Buch kaum aufmerksam werden und er selbst könnte seine Tiraden nicht öffentlich machen.

Übrigens: Im Internet formiert sich Widerstand gegen dieses Verhalten: Lesekreis.org, rezensionen-sam und natürlich zahlreiche Kommentare bei Bücherzeit. Und ich überlege mir gerade, ob das nicht eine (zugegeben schlechte) Werbekampagne ist…

Foto: flickr/Maria Reyes-McDavis (CC BY 2.0); Screenshot: buecherzeit.wordpress.com/2011/11/16/john-asht-twin-pryx-zwillingsbrut/ (24.01.2012)

 

Tod des geschriebenen Blogs?

von Alexander Karl

Airen ist kein Sascha Lobo, keiner, der von Talkshow zu Talkshow tingelt und sein Gesicht in die Kamera hält. Im Gegenteil: Airens Charme war und ist es, nicht öffentlicht zu sein, sondern nur seine Worte in Blogs oder Büchern sprechen zu lassen. Anscheinend war davon auch eine gewisse  Helene Hegemann begeistert, die sich durch seinen Blog „inspirieren“ ließ. Und erst, als Hegemanns „Montage“ bekannt wurde, wurde es auch Airen.

Worte sind Schall und Rauch

Trotz seiner positiven Erfahrungen mit dem schriftlichen Bloggen beschwört Airen in einem aktuellen Artikel der ‚Welt‚ zunächst das Ende des geschriebenen Blogs:

Bloggen, das ist vorbei. Wer setzt sich denn heute noch hin und liest, old school, Texte mit Buchstaben und so? Die Zehnerjahre gehören eindeutig dem Vlog, dem Video-Blog, der Real-Time-Selbstinszenierung im Netz.

Er stellt Menschen vor, die regelmäßig ihr Gesicht in die Kamera halten, um via YouTube Tipps für alle Lebenslagen zu geben. Der Preis dafür ist aber auch der Erfolg: Man erhält im besten Fall Aufmerksamkeit, wird erkannt, wird bekannt. Manche Video-Blogger wollen genau das: Bekanntheit erlangen und bestenfalls dafür noch bezahlt werden. Denn laut Airen lässt YouTube die Egozentriker mit ihrer Pseudo-Hilfe nicht mehr leer ausgehen, sondern beteiligt sie an den Werbeeinnahmen. Einer dieser Vlogger ist übrigens HerrTutorial, der mit seinen über 270.000 Abonnenten mehr als 10 Mal so viele hat wie der ZDF-YouTube-Kanal. Herr Tutorial liefert etwa Tipps zum Kuss-Verhalten oder wie man sich richtig rasiert – und das alles witzig, ein wenig überdreht und ziemlich sympathisch. Einher geht aber immer der Appell: Folgt mir bei Facebook! Und Twitter! Klickt gefällt mir! Abonniert meinen Kanal! Jetzt! Sofort! Los!

Oder doch nicht?

Doch Airen, der selbst eine Blogger-Vergangenheit hat, die man in dem guten, aber extremen Buch ‚Strobo‚ nachlesen kann, bricht auch eine Lanze für das geschriebene Online-Wort:

Spannend wurde es bei geschriebenen Blogs immer dann, wenn jemand diese Plattform für sich selber nutzte: um Unverarbeitetes Unbekannten mitzuteilen, um den Thrill dieses gefährlichen Gemischs aus halb versteckter Anonymität und grenzenloser Ehrlichkeit auszukosten. Das war keine Selbstdarstellung, sondern maximale Selbstentblößung. […] Ich kenne keinen guten Blogger, der seine Texte gefahrlos vor einer Kamera vortragen könnte. Vielleicht wäre er auch zu hässlich oder zu nervös oder redete undeutlich und hätte Angst, sich vor Menschen zu präsentieren. Er hätte es auch gar nicht nötig: Seine Worte sind stark genug.

Ohne Zweifel haben VBlogs ihren Reiz, HerrTutorial zuzusehen hat einen gewissen Unterhaltungswert. Doch sind es oftmals solche Fast-Food-Videos, deren Mehrwert für Klimawandel- und Atomkraftdebatten relativ gering sind. Video-Blogs leben von ihrer Lebendigkeit, wahrscheinlich auch einem gewissen Witz und etwas Ironie. Denn um komplizierte Sachverhalte  darzustellen, bedarf es mehr als einer kleinen Kamera und eigenen Erfahrungen, sondern fundierter Recherche und am besten auch noch Grafiken und jeder Menge Bewegtbild. Dadurch steigt aber auch der Aufwand, denn die Sachverhalte werden dann nicht nur in Form von Text beschrieben, sondern müssen mit Bildern untermalt sein, wenn man nicht unablässig selbst vor der Kamera stehen will. Natürlich wäre auch das eine legitime Möglichkeit für manchen Selbstdarsteller, doch bei harten Themen würde wohl der Unterhaltungswert sinken – und damit die Klicks.

Schlussendlich kommt auch Airen zu dem Schluss, dass VBlogger einen Unterhaltungswert haben, aber wohl kaum einem Mehrwert:

Wenn alles öffentlich ist, wenn der Name und die Stimme und das Gesicht für jeden abrufbar sind, ist Offenheit unmöglich. Vlogger haben einfach nichts zu verstecken. Und deswegen auch so extrem wenig zu erzählen.

Also ist geschriebene Blog nicht tot? Nein (grammatikalisch korrekt ‚Ja‘), geschriebene Blogs wird es wohl noch eine ganze Weile geben. Denn die Langlebigkeit eines Mediums ist verblüffend – so erschien Airens Artikel auch in einem anderen bereits oftmal zum Tode verurteilen Medium: Der Zeitung.

Foto: Screenshot des Videos HerrTutorial/XTREMES RASIEREN!!! 1×1 – So Rasiert man sich Richtig! –