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Die Gewinner des „Internationalen Wettbewerbs“

von Andrea Kroner

Eine andere Seite der DDR, die man so normalerweise nicht sieht. Ein langweiliger Schultag. Rhythmusgefühl mit schrägen Formen. Die Angst, etwas vergessen zu haben. So lassen sich die Gewinnerfilme des ITFS in Kurzform beschreiben, doch was macht sie zum Besten, das die Animationsbranche zu bieten hat?

Grausame Realität – Kaputt

Es ist sehr schwierig, eine Dokumentation in einem Animationsfilm zu verarbeiten. Doch genau das ist hier gelungen. „Kaputt“ erzählt vom Alltag im berüchtigten Frauengefängnis „Burg Hoheneck“ der DDR. Die Zellen waren vollkommen überbelegt und es lastete ein enormer Leistungsdruck auf den Gefangenen. Sie mussten Bettwäsche für westliche Konzerne in Rekordzeit produzieren und wurden dabei gegeneinander aufgestachelt. Dadurch erzielten alle hohe Gewinne, außer den Gefangenen.

Das Besondere ist, dass zwei Gefangene über ihre Erlebnisse sprechen und ihre Schilderungen im Film illustriert werden. Die Bilder sind äußerst abstrakt und einfach gehalten und zeigen deutlich die Monotonie und Einfachheit des Alltags. Alles sieht sich ähnlich und es werden kaum Farben verwendet. Dadurch wird eine starke Atmosphäre erzeugt, die den Zuschauer direkt in den Film hineinzieht. Die Jury findet es wichtig, diesen Teil der Geschichte in Erinnerung zu behalten und hat den Film deshalb mit dem „Grand Prix“ und 15.000€ Preisgeld ausgezeichnet.

Schulalltag extrem – Afternoon Class

Das Dasein eines Schülers ist nicht immer leicht. Ständig muss man aufpassen und so viel lernen. Das fällt nicht immer leicht und vor allem nachmittags lässt die Konzentration erheblich nach. Da ist die Versuchung manchmal ziemlich groß, einfach einzuschlafen. Schnarchende Nachbarn machen es dem Protagonisten nicht gerade einfacher. Und als sein Kopf auch noch so schwer wie eine Bowlingkugel oder gar ein Amboss wird, kann er der Versuchung immer schwieriger widerstehen und gibt am Ende nach. Jetzt kann sich auch der Lehrer ein Nickerchen gönnen, da sowieso niemand mehr wach ist.

Dieser Film dauert nur knapp vier Minuten, doch diese Zeit wird optimal genutzt. Das Timing stimmt perfekt und auch die Pointen stehen an den passenden Stellen. Dafür verleiht ihm die Jury den „Lotte Reininger Förderpreis für Animation“, mit 10.000€ dotiert, und erhofft sich viel für die Zukunft des Regisseurs.

Bewegung wird zu Musik – Rhizome

Am Anfang stand ein Ton von vielen kleinen Kugeln, die aneinander stießen. Doch daraus entwickelte sich immer mehr. Die Töne und auch die Formen wurden immer differenzierter und ausgefallener, bis daraus am Ende ein regelrechter Strom wurde, der alles zusammenbrachte. Die Formen verschmolzen zu einem großen Ganzen und es entstand ein richtiges Lied. Dahinter steht eine wesentlich größere Aussage: Alles im gesamten Universum hängt irgendwie zusammen und bildet dadurch eine große Einheit. Dadurch kann selbst aus den kleinsten Dingen etwas Großartiges entstehen. Leider wird der Film durch mangelnde Variation in Bild und Ton auf Dauer etwas langweilig. Für die einfallsreiche Idee erhielt das französische Studio eine besondere Aufmerksamkeit durch die „Jury Special Mention“ beim ITFS.

Was wäre wenn – Paniek!

Bestimmt jeder hat sich auf dem Weg schon einmal gefragt, ob der Ofen wirklich ausgeschaltet oder das Bügeleisen ausgesteckt ist. Wenn diese Gedanken sich jedoch verbinden, kann daraus ein wahres Schreckensszenario werden – Kopfkino vom Feinsten auf der Leinwand.

Die Geschichte beginnt vollkommen harmlos und unspektakulär: Eine Frau packt ihr Auto für einen Urlaub und fährt los. Doch nach und nach fallen ihr immer mehr Dinge ein, die sie vergessen haben könnte. Und gemeinsam ergeben diese Vorkommnisse das absolute Chaos, das in der Explosion des ganzen Hauses endet – zumindest in der Vorstellung der Protagonistin. Denn, als sie in heller Panik wieder zuhause ankommt, ist alles beim Alten. Doch in ihrer Eile hat sie die Handbremse vergessen und ihr Auto löst eine Verkettung von Unfällen aus. Diese lustige Produktion, in die man sich unglaublich gut hineinversetzen kann, hat den Zuschauern so gut gefallen, dass er mit dem „SWR-Publikumspreis“ und 6.000€ Preisgeld ausgezeichnet wurde.

Etwas ganz besonderes

Jeder der Filme zeigt eine ganz besondere Seite des Animationsfilms und ist auf seine eigene Art großartig. Doch die Sieger sind nur ein paar von vielen, interessanten Ideen und Herangehensweisen. So war jeder ein Sieger, der die schöne Filmvielfalt des ITFS sehen und genießen durfte.

 

Foto: ITFS

Zwei Welten prallen aufeinander – Animation Oper

von Andrea Kroner

Der Trickfilm und diese Gesangskunst scheinen im ersten Moment keinerlei Gemeinsamkeiten zu besitzen – und zusammenpassen können sie erst recht nicht, oder? Doch das ITFS beweist das Gegenteil und hat dafür wahre Schätze ausgegraben.

Mozart mal anders

Wer kennt sie nicht, „Die Zauberflöte“, eine der bekanntesten Opern Mozarts – und die meistgespielte deutschsprachige Oper überhaupt. Doch die Wenigsten wissen, dass sich die Faszination an diesem Stoff auch im Animationsfilm widerspiegelt. Seit den Anfängen des Trickfilms wurde die Oper auf unterschiedlichste Arten adaptiert. Schon Lotte Reininger erweckte mit „Papageno“ einen Teil des Meisterwerks zum Leben. Alles in Form ihrer berühmten Scherenschnitte. Doch obwohl der Film dadurch komplett in Schwarz-Weiß gehalten ist, bekommt er durch die detailreiche Gestaltung von Figuren und Hintergründen eine wunderschöne Lebendigkeit, welche die Musik perfekt ergänzt.

Oft gestaltet es sich jedoch als äußerst schwierig, Opern einem jüngeren Publikum zu vermitteln. Deshalb hat die BBC 1994 eine Opernreihe im Zeichentrickformat veröffentlicht. Darunter befindet sich neben Werken von Wagner oder Verdi auch „Die Zauberflöte“. Dafür musste radikal gekürzt werden, da eine Vorstellung normalerweise etwa 2,5 Stunden dauert. Die Filme wurden jedoch auf  etwa eine halbe Stunde reduziert. Dadurch wurden natürlich viele Details der Handlung gestrichen, aber man bekommt einen guten Überblick über die wichtigsten Figuren. Außerdem bietet das Medium Film grundsätzlich bessere Möglichkeiten, in die Fantasiewelt einzutauchen. Zu dieser Atmosphäre tragen besonders die aufwändig gestalteten Schauplätze und Kostüme bei.

Eine ganz besondere und etwas andere Annäherung hat unlängst die Komische Oper Berlin gewagt: Gemeinsam mit der britischen Theatergruppe „1927“ entwickelte sie 2012 eine Aufführung, die Sänger auf der Bühne mit Filmanimationen verbindet. Dadurch entsteht eine außergewöhnliche Zauberwelt voller Überraschungen, die Film und Oper auf eine ganz neue Art verbinden kann.

Eine Oper ohne Sänger

Mit einer klassischen Oper hat „The End“ aus dem Jahr 2012 nicht mehr viel zu tun. Es gibt weder Sänger, noch ein Bühnenbild oder ein Orchester. Dafür kann der Zuschauer in ein vollkommen neues Erlebnis eintauchen: Die erste komplett computergenerierte Oper, die voller Überraschungen steckt. Die Geschichte handelt von der jungen Animefrau Miku Hatsune, einem Star der Szene mit langen, türkisfarbenen Haaren. Für sie hat sogar ein Designer von Louis Vuitton virtuelle Kleider gestaltet.

Die zentrale Frage des Stücks beschäftigt sich mit der Bedeutung des Todes und mit Sterblichkeit im Allgemeinen. Doch gestaltet es sich als äußerst schwierig, solche Fragen zu beantworten. Das muss auch Miku Hatsune am eigenen Leib erfahren. Sie wird mit der Tatsache konfrontiert, dass sie bald sterben muss und versucht deshalb auf ihre ganze eigene Art, damit umzugehen. Denn das Ende ist unausweichlich und wird mit ihrem Tod besiegelt. Doch die Handlung tritt mit der Zeit immer mehr in den Hintergrund und wird schwieriger nachvollziehbar, da die Handlungsorte und Themen immer skurriler und weltfremder werden. Dadurch bleibt sehr viel Interpretationsspielraum, aber auch vieles ungeklärt. Deshalb geht die Kernaussage in der Fülle an angeschnittenen Themen leider etwas unter.

Technisch gesehen kommt die Oper mit einem einzigen Musiker aus. Der Macher dahinter ist Keiichiro Shibuya. Er sitzt in einem viereckigen Kasten auf der Bühne und begleitet das Stück musikalisch. Ansonsten besteht das Bühnenbild lediglich aus Wänden für eine 3D-Projektion. Die Stimmen der Figuren werden mithilfe eines sogenannten „Vocaloid Synthesizers“ erzeugt und ähneln menschlichen Stimmen. Gerade Miku Hatsune ist damit sehr erfolgreich, nicht nur in der Oper. Diese Figur entstand bereits 2007 und ist seitdem vor allem in Japan immer populärer geworden – dort sind Musikalben und Konzerte einer 3D-Projektion nichts ungewöhnliches, sondern sehr beliebt.

Gegensätze ziehen sich an

Wie so oft kann man scheinbar Gegensätzliches meist besser verbinden, als es zunächst den Anschein hat und dadurch neue, einzigartige Kombinationen und Kompositionen schaffen. Wer weiß, wohin der Trend der animierten Oper in Zukunft noch führen kann. Denn eines ist sicher: Das Potenzial der Kombination lässt auf die Zukunft hoffen.

Foto: ITFS

Das Team hinter dem Film

von Andrea Kroner

Wie entsteht eigentlich ein Film aus einer Idee? Und welche Möglichkeiten gibt es, einen Animationsfilm zu produzieren? Verschiedene Studios haben sich im Rahmen des ITFS vorgestellt und einen kleinen Einblick in ihre Arbeit gegeben.

Studio Soi – Ludwigsburg

Im Jahr 2003 entschieden sich sieben Absolventen der Filmakademie, eine eigene Firma zu gründen – heute beschäftigen sie bis zu 100 Spezialisten aus aller Welt und produzieren erfolgreich Animationsfilme für Kinder. Eine ihrer bekanntesten Co-Produktionen ist „Der Grüffelo“, ein Kurzfilm über ein Ungeheuer, das von einer Maus das Fürchten lernt.

Derzeit verfolgt das Studio zwei verschiedene Projekte: Zum einen „Trudes Tier“ für „Die Sendung mit der Maus“. Die Idee dazu stammt aus dem eigenen Team und soll den Kindern helfen, mehr Vertrauen zu sich selbst zu entwickeln und fürs Leben zu lernen. Die andere Serie handelt vom Bären „Petzi“, der mit seinen Freunden zahlreiche Abenteuer bestehen muss. Hier dienen 35 Comics als Vorlage. Dadurch hat man einerseits eine Orientierungshilfe, muss sich aber auch überlegen, wie man die Inhalte am Besten in das Medium Film „übersetzen“ kann. Doch das Team hatte viele Freiheiten – oft entstand eine Episode aus einem einzigen Bild im Comic.

Il Luster – Utrecht

Dieses niederländische Studio hat sich auf unabhängige Kurzfilme spezialisiert und bisher schon mehr als 50 produziert. Gegründet wurde es 1996 von vier Produzenten, die sich seitdem ein weitläufiges Netzwerk aufgebaut haben. Im Laufe der Zeit kam auch die Produktion von Fernsehserien und zwei Langfilme hinzu. Das Publikum des ITFS konnten sie dieses Jahr so von sich überzeugen, dass der „SWR-Publikumspreis“ an einen ihrer Filme ging.

Saban Brands – Los Angeles

Die wohl bekannteste Serie dieses Studios sind die „Power Rangers“. Davon abgesehen hat es viel mit bekannten Marken gearbeitet und diese in Kinderserien verwandelt. So beispielsweise Paul Frank, dessen Tierfiguren in Vorschulalter versetzt und zu „Julius Jr.“ wurden. Auch das aktuelle Projekt „Luna Petunia“ arbeitet nach diesem Prinzip: Es nimmt die Akribatikshows des „Cirque du Soleil“ als Vorlage und macht daraus eine bunte Welt voller Überraschungen und magischer Wesen. Dabei hat sich nicht nur das Medium, sondern auch das Zielpublikum geändert. Es richtet sich an Mädchen im Vorschulalter und ist, wie alle Serien von „Saban Brands“, stark geschlechtsspezifisch.

LAIKA – Portland

Für seine Produktionen braucht dieses Studio nicht nur Computer zum Animieren, sondern auch Arbeitsraum in der Größe von 2,5 Fußballfeldern. Denn seine Filme entstehen durch Stop-Motion-Technik. Für jeden einzelnen Film werden deshalb mittels 3D-Druck Figuren und Hintergründe erschaffen – rund 60.000 verschiedene Gesichter, von denen über 5.000 an die Hauptfigur gehen, ebenso wie etwa 50 Perücken. Dadurch haben sie es beispielsweise bei „Coraline“ geschafft, über 90% der Szenen mittels Stop-Motion zu drehen.

Bei ihrer neuesten Produktion „Kubo – Der tapfere Samurai“ ist das anders: Viele Hintergründe wie beispielsweise Wasser sind nur sehr schwer nachbaubar. Deshalb werden sie mittels Computern animiert, die Figuren jedoch weiterhin in Kleinstarbeit bewegt. Denn an einem guten Tag können maximal drei bis vier Filmsekunden gedreht werden.

A Film Production – Kopenhagen

Nach seiner Gründung 1988 hat sich das Studio hauptsächlich mit Werbung, einer guten Einnahmequelle, beschäftigt. Mit Filmen beschäftigten sie sich erst nach dem Erfolg von „Arielle, die Meerjungfrau“. Die großen Studios konnte die Nachfrage nach klassischen Animationsfilmen nur stillen, indem sie kleinere Firmen engagierten. Mit „Jungle Jack“ entstand 1993 der erste eigene Film, der 400.000 Besucher in die Kinos lockte. Doch bei Eigenproduktionen muss das Studio enorm auf seine Kosten achten, mehr als zwei Millionen Euro Kosten kann es sich nicht leisten.  Um Risiko und Ausgaben noch weiter zu senken, stützen sie sich viel auf Co-Produktionen. Ihr Hauptpartner ist „Kiddinx“ mit Serien wie „Benjamin Blümchen“ und „Bibi Blocksberg“.

Ein breites Spektrum

Wie auch bei Spielfilmen kennt man meist nur die Filme der großen Studios. Doch blickt man einmal über den Tellerrand hinaus, kann man Erstaunliches entdecken. Denn auch kleinere Entwickler schaffen oft großartige Filme – das ITFS ist der beste Beweis dafür.

Foto: ITFS

Die fabelhafte Welt des Trickfilms – das ITFS in Stuttgart

von Andrea Kroner

Voll besetzte Kinos, Filme unter freiem Himmel, Computerspiele in einer virtuellen Realität. All das und noch viel mehr  konnten die 85.000 Besucher des Internationalen Trickfilmfestivals letzte Woche erleben. Schon zum 23. Mal lud das Festival Filmbegeisterte ein, die Welt des Animationsfilms zu entdecken – mit 1000 Beiträgen aus 55 Ländern.

Das Herz des Festivals

Tosende Vulkane und die Evolution der Menschheit in Kurzform können mithilfe neuester Techniken unglaublich realistisch dargestellt werden – man vergisst dadurch fast, dass man sich in einem Animationsfilm befindet. Danach werden die klassischen Superhelden aufs Korn genommen – mit einer Frau, die wie selbstverständlich ein Ufo zerstört. So wechseln sich skurrile, lustige, spannende und nachdenkliche Themen während des „Internationalen Wettbewerbs“ im Minutentakt ab.

Dieser bildet das Kernstück des gesamten Festivals und zeigt die besten Animationskurzfilme des vergangenen Jahres. Aber nicht nur die Themen, sondern auch die verwendeten Techniken sind vielfältig: Es gibt zum einen noch viele klassisch gezeichnete Filme, aber ebenso Stop-Motion und Computeranimation. Die Farbpalette reicht von Schwarz-Weiß über wenige Farbakzente bis hin zu schillernden Regenbogen – es ist für jeden etwas dabei. Mehr über die Gewinner…

Die Game Zone

Wie kann man noch mehr in das Spielerlebnis eintauchen? Wie kann man die Erfahrung noch realistischer gestalten? Damit beschäftigen sich Spielentwickler seit jeher – so entstanden „Virtual-Reality-Brillen“. Und auch in der Spielwelt des ITFS konnte man dieses Jahr die neueste Generation der Unterhaltungselektronik auf verschiedenste Arten erleben. Mit „Keep Talking and Nobody Explodes“ beispielsweise wird das Spiel mit der Realität verknüpft: Zwei Spieler müssen gemeinsam eine Bombe entschärfen. Das hört sich zunächst nicht allzu schwierig an, doch einer der beiden trägt eine VR-Brille und sieht nur die Bombe, der andere muss mithilfe eines Handbuchs Anweisungen zur Entschärfung geben. Natürlich könnte man das genauso gut an einem normalen Computer spielen, aber die virtuelle Realität macht es noch intensiver.

Kino mal anders

Wer sich keinen Festival-Pass kaufen wollte, konnte kostenlos an vielen Veranstaltungen des ITFS teilnehmen, unter anderem an den Spielen der Game Zone oder dem Open-Air-Kino auf dem Schlossplatz. Doch letzteres hatte dieses Jahr leider viel mit dem sprichwörtlichen Aprilwetter zu kämpfen. Und zusätzlich ein wenig mit der Technik – denn die 85m² große Leinwand fiel sogar komplett aus. Und das genau eine Stunde bevor der neue „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ gezeigt werden sollte. Das Problem konnte jedoch zeitnah behoben werden und dem Filmerlebnis stand nichts mehr im Wege – nicht einmal das Wetter. Insgesamt wurden an allen Festivaltagen viele spannende Filme gezeigt: Tagsüber Kurzfilme aus der ganzen Welt, die ähnlich vielfältig waren, wie das ITFS selbst. Nachmittags und abends folgten aktuelle Langfilme, darunter der diesjährige Oscar-Gewinner „Alles steht Kopf“. Die große Ausnahme bildete hierbei die Live-Übertragung der Oper „Rigoletto“ am Montag. Mehr zu Animation und Oper…

Der Animationsfilm ist schon längst kein Genre mehr, das sich nur an Kinder richtet. Dennoch bilden diese immer noch ein wichtiges Zielpublikum und wurden im Laufe der vergangenen Jahre immer mehr in das Festival mit eingebunden. In zahlreichen Workshops und Filmvorführungen bekommen sogar die Kleinsten die Möglichkeit, in die Welt der Animation einzutauchen.

Ein Highlight war es, zusammen mit richtigen Filmemachern einen eigenen, kleinen Film produzieren zu können. Es wurde fleißig gemalt, geknetet und gebastelt, um vor der Kamera das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Entstanden sind dabei verschiedenste Ideen – von einem Pinguin im Büro bis zu einer abenteuerlichen Weltraummission.

Um zu sehen, wie professionelle Filmemacher ihre Werke gestalten und sich vielleicht etwas für die eigenen Ideen abzuschauen, gab es in den täglichen Vorstellungen viel zu sehen – dabei waren häufig Regisseure anwesend, die sich den Fragen der neugierigen Kinder stellten. Am Sonntag wurde sogar der Preis für den besten Kinderfilm von einer Jury bestehend aus sechs Kindern zwischen neun und dreizehn Jahren vergeben. Er ging an die spanische Produktion „Alike“. Dieser spielt sehr stark mit verschiedenen Farben und Körpersprache, denn er funktioniert ohne Sprache. Darüber hinaus zeigt er die traurige, ernste Seite des Animationsfilms. Genau diese Andersartigkeit gefiel der Jury besonders.

Eine bunte Mischung

Insgesamt konnte das Festival wieder mit einem außergewöhnlichen und vielfältigen Programm überzeugen, das den Zuschauer abwechselnd zum Lachen, Weinen oder Nachdenken brachte.

Foto: ITFS

Eine Woche Zeichentrick – das ITFS geht zu Ende

von Marius Lang

Wieder einmal ist das Gloria voll besetzt. Wer keinen Sitzplatz mehr bekommen hat, steht auf dem Gang des Kinosaals. Es ist an der Zeit, das ITFS ausklingen zu lassen und die diesjährigen Preisträger zu würdigen. Der Festakt beginnt mit einer Clipshow, bestehend aus den Highlights des diesjährigen Festivals. Und davon gibt es eine ganze Menge. Kein Wunder, waren doch die letzten sechs Tage vollgepackt mit interessanten Veranstaltungen rund um den Animationsfilm. Gezeigt wurden Ausschnitte aus der Vergabe des Animationssprecherpreises (Sieger: Ralf Schmitz), Eindrücke von der Game Zone mit Besuch von Nils Bomhoff (Rocket Beans TV und ehemals MTV GameOne) oder einer Show mit Simpsons-Macher David Silverman und Schwabenkomiker Dominik „Dodokay“ Kuhn („Die Welt auf Schwäbisch“), ein Opern-Flashmob, Bilder vom Open-Air-Kino auf dem Schlossplatz und viele weiter Highlights die in diesem Jahr das ITFS wieder einmal unvergesslich gemacht haben. Ja, jeder einzelne Tag hatte seine besonderen Höhepunkte, kein Wunder, bei etwa 200 einzelnen Veranstaltungen rund um ein einziges Thema: Trickfilme.

Laola für Team und Partner

Dies schlug sich auch in den Besucherzahlen nieder. Rund 80.000 Trickfilmfans pilgerten dieses Jahr nach Stuttgart, trotz widriger Umstände. Den Streik habe man gespürt, meinen die ITFS-Geschäftsführer Dittmar Lumpp und Ulrich Wegenast. Da fragt man sich, wie viele Besucher gekommen wären, hätte die Bahn nicht gestreikt.

„Ich kann schon sagen, dass wir sehr zufrieden sind“ fasst Ulrich Wegenast seine Eindrücke von 6 Tagen ITFS zusammen. „Wir hatten ein tolles Festival, ein intern harmonisches Festival“ setzt Dittmar Lumpp fort. Klar, dass dies nicht ohne die rund 80 Kooperationspartner und das engagierte Festivalteam möglich gewesen wäre. Bei der Abschlussveranstaltung wird das gesamte Team auf die Bühne geholt und sowohl das Team als auch die Partner des ITFS werden vom Publikum mit je einer Laola-Welle verabschiedet.

Preise in Massen

Dann ging es schon an die Vergabe der Preise. Einige davon waren bereits im Vorfeld vergeben worden, darunter der oben erwähnte Animationssprecherpreis oder die bereits am Freitag in einer eigenen großen Veranstaltung vergebenen Animated Com Awards, die Preise für angewandte Animation in den Bereichen Werbung, Technologie und Kommunikation. Der Hauptpreis ging hierbei an „League of Legends: Warriors“ unter der Regie von Arnaud & Jérôme. Doch es gab noch immer mehr als genug Preise, oder Trickstars, wie die Preise des ITFS genannt werden, zu verleihen.

Den Auftakt des Preisregens machte hierbei der Tricks for Kids-Award für den besten animierten Kurzfilm für Kinder. Die Jury für diesen Preis bestand aus einer bunten Truppe Zehnjähriger, die zur Vergabe allesamt auf die Bühne kamen. Der Preis ging an Neige/Snow aus Frankreich. Da die Regisseure des Films nicht anwesend sein konnten, schickten sie ihre Danksagung per Videobotschaft ins Gloria.

Schnell, Schnell

Doch es blieb wenig Zeit zum Verweilen. Der Zeitplan für diese letzte Veranstaltung war eng gestrickt, wie so oft bei solchen Preisverleihungen. Verständlicherweise konnten so auch nicht alle ausgezeichneten Filme in voller Länge gezeigt werden. Doch immerhin werden immer wieder Ausschnitte aus den Filmen gezeigt, vereinzelte Filme schaffen wegen ihrer kurzen Laufzeit sogar den Sprung, in voller Länge gezeigt zu werden.

Dies galt freilich nicht für Resan Till Fjaederkungens Rike/Beyond Beyond, eine schwedisch-dänische Koproduktion und der Gewinner des Preises in der Kategorie Animovie für den besten animierten Langfilm. Auch hier war der Regisseur des Films nicht zugegen, doch seine Produzentin nahm den Preis entgegen.

Wie wir bereits berichtet haben, ging der Preis in der Kategorie Young Animation für den besten Studentenfilm an My Milk Cup Cow aus Japan. Die junge Regisseurin Yantong Zhu von der Tokyo University of the Arts ist bereits ein bekannteres, junges Gesicht beim ITFS. Bereits im Vorjahr war sie zu Gast beim Festival und als Teilnehmerin des 48-Stunden-Jams, bei dem in nur 48 Stunden ein neuer, vollständiger Animationsfilm entstehen soll, dabei. In ihrem Film geht es um ein kleines Mädchen, deren Vater ihr versichert, dass am Grunde ihres Milchbechers eine Kuh lebt. Als Gewinnerin zeigt sie sich überrascht und schüchtern und bedankt sich bei ihrem eigenen Vater.

Wie jedes Jahr vergibt auch das Publikum einen Preis. Der vom SWR gestiftete Publikumspreis ging in diesem Jahr an One of a Kind von Rok Predin aus Großbritannien. Der Film erzählt in netter 3D-Animation die Geschichte des Lebens, des Menschen und des Universums, flott und humorvoll. Der Film hat seine Auszeichnung verdient. Erst zum zweiten Mal wird dagegen der von Tele 5 gestiftete Leider-Geil-Award vergeben. „Dieser Preis soll Filme auszeichnen, die einfach anders sind“, sagt Christoph Wegenast, Stellvertretender Geschäftsführer von Tele 5 und Bruder von ITFS-Geschäftsführer Ulrich Wegenast. Der Gewinner des Preises war in diesem Jahr Light Motif aus Frankreich von Frederic Bonpapa. Der Film ist ein wunderbar animiertes Kunstwerk voller Farben, Musik und einem Äffchen. Ohne Äffchen, aber trotzdem kein bisschen schlechter, der Gewinner des Lotte-Reiniger-Förderpreises für den besten Abschlussfilm: The Bigger Picture von Daisy Jacobs aus Großbritannien. Der Film ist ein wunderbarer Mix aus verschiedensten Animationstechniken und erzählt die tragikomische Geschichte von zwei ungleichen Brüdern und ihrer pflegebedürftigen Mutter.

Ein Blick in die Zukunft

Der letzte Preis des Abends war freilich der Grand Prix für den Besten Animationsfilm des internationalen Wettbewerbs. Überreicht wurde der Preis von Brigitte Lösch, Vizepräsidentin des Baden-Württembergischen Landtags, und von Susanne Eisenmann, Stuttgarter Bürgermeisterin für Kultur, Bildung und Sport. Die beiden hoben zuvor noch die Bedeutung des ITFS für Stuttgart und das Land hervor. Der große Gewinner des Abends kam dann schließlich aus Frankreich: Le sense du Toucher/The Sense of Touch von Jean-Charles Mbotti Malolo. Der Preisträger kam auch etwas zerstreut daher und gibt zu, dass er völlig vergessen hatte, dass sein Film im internationalen Wettbewerb läuft und auch vergessen hatte, das Formular für seine Einladung auszufüllen. Dennoch, er hat es geschafft zu kommen. Sein Film ist eine schön gezeichnete Liebesgeschichte ohne Worte, dafür mit Zeichensprache und Choreographien.

Zum Abschluss gab es nur noch eines zu tun: Den Festivaltrailer für das 23. ITFS im Jahr 2016 zu sehen. Ein Ereignis bei dem dann auch media-bubble.de wieder zu Gast sein wird.

 

Fotos: Internationales Trickfilm-Festival Stuttgart

Jung, kreativ und voller Überraschungen – Die Young Animation 2015

von Maya Morlock

Bunt, schrill, triefgründig, minimalistisch, schwarz-weiß – die Young Animation sprudelte nur so vor Varianz und Ideenreichtum. Kein Film glich dem anderen, thematisch war jedes Werk einzigartig. Auch in diesem Jahr wurden die besten studentischen Kurzfilme im Bereich Animation aus allen Teilen der Welt im Rahmen des Internationalen Trickfilmfestivals vor Publikum vorgeführt. Einer wurde schließlich gekürt und mit 2500 Euro Siegerprämie belohnt.

Animation ist nicht gleich Animation

Erstaunlich waren die vielen unterschiedlichen Techniken, die für die Produktion der Filme genutzt wurden. „Animation“ wurde in vielerlei Hinsicht interpretiert: Einige Produktionen erinnerten stark an die großen Animationsstudios, wie Pixar oder Dreamworks, andere wurden komplett mit dem Bleistift gezeichnet. In einem Film aus Russland wanderten reale Mülltüten durch eine russische Stadt – dort wurden entsprechend nur die Bewegungen animiert.

Der Film „Pineapple Calamari“ von Kasia Nalewajka aus Großbritannien zeigt zum Beispiel einen typischen Puppet Animation Film, der mit Knetpuppen gedreht wurde. Liebevoll gemachte Figuren, mit einem Auge fürs Detail, entwickeln dort eine märchenhafte Szenerie. Das Pferd namens Pineapple Calamari ist ein kleines Rennpferd, dem nur noch sein größter Triumph zur Erfüllung seiner Träume fehlt. Zwei Schwestern, die eine innige Beziehung pflegen, betreuen das Pferd. Als eine Schwester auf tragische Weise ums Leben kommt, ersetzt das Rennpferd die Rolle der toten Schwester, da es die Trauer der anderen nicht ertragen kann. Es wird träge und dick – der Traum vom großen Preis scheint mehr und mehr unerreichbar.

Dagegen erinnert die Szenerie in „Abducked!“ stark an die gezeichneten Bilder des Künstlers Janosch, die unter anderem in seinem bekanntesten Werk, der „Tigerente“, vorkommen. In diesem kurzen Film versucht ein Jäger eine harmlos wirkende Ente mit einem Gewehr zu erschießen. Diese, unbeeindruckt von jeder Kugel, schwimmt einfach seelenruhig weiter. Plötzlich wird der Mann ins Gebüsch gezogen, um sogleich gefesselt und von Enten getragen in das unterirdische Geheimversteck gebracht zu werden. Dieses befindet sich im See unter der Ente – die lediglich als Attrappe diente.

Herausragend war ebenso der bulgarische Film „Traffic“, der mit der Technik „Pixilation“ gedreht wurde. Das ist eine Stop-Motion-Technik und bezeichnet das Filmen von Personen und Gegenständen mit Einzelbildschaltung. Eine Menschenmenge steht an einer roten Ampel. Das Bild zappelt und flimmert kontinuierlich, die Striche eines Gesichts beispielsweise verändern sich ständig. Immer mehr drängen sich an die Straße, gegenüber herrscht auch schon ein tumultartiges Treiben. Als die Ampel nach einer gefühlten Ewigkeit auf Grün umspringt nimmt das Schicksal seinen Lauf und eine Massenpanik bricht auf der Straße aus. Ergebnis: Einige Menschen bleiben totgetrampelt zurück, darunter auch das kleine Mädchen, welches zu Beginn führende Aufmerksamkeit erhielt. Das hektische Flimmern und die schwarz-weißen Bilder, erzeugten von Anfang an eine Unruhe, die sich im weiteren Verlauf des Filmes bestätigt.

Zwischen europäischer Denkweise und asiatischer Ausdruckskraft

Einige Filme stammten aus Asien, darunter ein Großteil von der Tokyo University of Arts – so auch der Siegerfilm. Man merkte bei fast jedem dieser Filme, noch bevor der Regisseur oder die Universität genannt wurde, dass es sich um einen außereuropäischen Beitrag handeln muss. Warum? Bild und Erzählweise waren meist sehr skurril und andersartig und hinterließen oftmals ein großes Fragezeichen. In „A tongue silent like your words“ von Vita Weichen Shu  gehen zwei menschenartige Gebilde eine Art Symbiose ein (Bleistiftzeichnung): Einer gräbt sich durch die Bauchdecke des anderen, mit seinen Fingern reißt er ihm den Rücken auf, tiefe Furchen bleiben zurück. Das Bein des Anderen findet derweil seinen Weg und kommt aus dem Hinterteil heraus – was wohl genau der höhere Sinn sein soll, ist wohl kulturbedingt oder eine Interpretationssache. In „The Pompoms“ von Shih Ying Chen aus Taiwan trotten sonderbare, zweidimensional animierte Gestalten mit langen blauen Haaren durch die Wüste und graben kontinuierlich nach Wasser. Sie erinnern leicht an Meerjungfrauen, haben jedoch Beine. Ab und zu stoßen sie auf Öl, was sie krank und hässlich macht. Einige verenden an der Hitze, ihre Kumpane reißen ihnen unbeirrt die Arme aus, um diese als Grabwerkzeug zu benutzen. Kurz bevor die übrig gebliebenen den Tod finden hören sie einen Wellengang und laufen los. Es ist das tosende Meer in das sie ohne Furcht von einer Klippe aus hineinspringen – ob dies ihre Erlösung, ihre wahre Heimat oder ihr Tod aus Gier ist, wird nicht aufgglöst.

Gewinner der Herzen

Bei dieser Fülle an gelungenen Beiträgen fällt es schwer einen Gewinner zu wählen. Wählt man eher einen Film, der sehr professionell gemacht ist und als Vorfilm eines Pixar-Films im Kino laufen könnte oder eher einen handgezeichneten, surrealistischen Film wie jene aus Asien?
Mein persönlicher Favorit, der aber leider nicht gewonnen hat, ist „Oma“ (Originaltitel „Grandma“) aus Belgien, der von Karolien Reymaerkers stammt. Es geht um ein junges Mädchen, das für ihre unheilbar kranke Oma seine Angst überwinden muss. Die Szenerie zeigt eine ländliche Gegend, hohe Sträucher und Wälder sind zu sehen. Sie sind atemberaubend gemalt und wirken ein bisschen wie die Landschaftsmalereien des Künstlers Claude Monet und haben etwas Fantastisches an sich. Den harten Kontrast dazu bilden die Figuren des Mädchens und ihrer Großmutter, die gänzlich schwarz sind – nur die Konturen und das Gesicht sind zu erkennen. Farben bestimmen hier die Stimmung, der Himmel tönt sich auf einmal blutrot, als die Thematik der todgeweihten alten Frau auftaucht und das Mädchen verängstigt die Flucht antritt.
Als das Mädchen es schafft die Oma loszulassen,  entspannen sich die Farben wieder und das traumhafte Bild ist erneut zu sehen.

Von Lügenmärchen und der Milchkuh

Zu guter Letzt nun der Film, den die Jury bestehend aus Jürgen Hagler (Linz), Marc Riba (Barcelona) und Alison Schulnik (Los Angeles) zum Sieger gekürt hat: „My Milk Up Cow“ (Originaltitel: Cup No Naka No Koushi). Die Regisseurin erzählt hier von ihrer Vater-Tochter-Beziehung und ist im Film als kleines Mädchen zu sehen. Es sind Papierzeichnungen, die nicht auf eine möglichst reale Darstellung aus sind. Ihr Vater erzählt ihr, am Boden ihres Milchbechers befinde sich eine Kuh, damit die kleine Nunu ihre Milch austrinkt. Als diese die Tasse schleunigst leert, entdeckt sie, dass dies nicht der Wahrheit entspricht. Im weiteren Verlauf tischt der Vater ihr immer mehr Lügen auf, weshalb sie allmählich aufhört, ihm Glauben zu schenken. Diese Art der Kommunikation prägt sie bis heute, denn sie beobachtet bei sich selbst, dass sie nun auch anfängt, Notlügen zu benutzen.

Bei der Fülle an tollen Filmen konnte an dieser Stelle bedauerlicherweise nicht auf alle eingegangen werden. Die Animationsfilmproduzenten von Morgen sprudeln nur so vor Kreativität und zeigten, dass auch ein geringes Budget den Möglichkeiten eines kreativen Kopfes keine Schranken setzen kann. Wer dieses Ereignis verpasst hat, sollte sich die Young Animation im kommenden Jahr dick im Kalender markieren, denn auch dann wird es heißen: „Film ab für die besten internationalen Studentenfilme!“

 

Foto: Internationales Trickfilm-Festival Stuttgart

Zwei Tage wach

von Sanja Döttling

Auf dem Trickfilmfestival werden nicht nur fertige Kurzfilme gezeigt, sondern auch noch welche gemacht. Bei der „Crazy Horse Session – 48 h Animation Jam“ hatten vier Animationsteams die Aufgabe, das kunterbunte Pferdchen in Szene zu setzen. Und das in nur zwei Tagen.

Pferd in Szene

Seit 2007 ist die „Crazy Horse Session“ Teil des Trickfilmfestivals. Die Aufgabe: Innerhalb von 48 Stunden einen Animationsfilm erstellen. Im siebten Jahr des Awards stellten sich vier Teams der Herausforderung. Der Wettbewerb ist ausgelegt für Animationsstudenten sowie junge Filmemacher unter 30. Den Teilnehmern ist Handlung und Arbeitsweise freigestellt. Was sie eint, ist das Festivalmaskottchen Trixi, ein kunterbuntes Pferd. Die Besetzung war, wie auch schon in den vergangenen Jahren, international. Dänemark, Polen, Spanien und Großbritannien traten an. Die Jury bestand aus den Gewinnern des Vorjahres. Der Preis ist das Flugticket zum nächsten Trickfilmfestival im Jahr 2014.

Spanische Preisträger

Am Ende konnte sich das spanische Team, bestehend aus Antonio Jesús Busto Algarin und Martin Martinez Garcia, den Preis sichern. Ihr Film „Trixies Curiosity“ ist ein farbenfroher Trickfilm. Sie studieren beide an der in Valencia bildende Kunst. „Der Studiengang ist sehr vielseitig“, sagt Busto. „Wir können belegen, worauf wir Lust haben: Film, Trickfilm, Skulptur, Architektur, Malerei und mehr.“

Busto verbrachte einige Zeit in Vancouver, Kanada. Dort traf er auf die Gewinner des letzten Jahres, die ihm vom dem Wettbewerb in Stuttgart erzählten. Daraufhin beschloss Busto, selbst an dem Wettbewerb teilzunehmen und holte Martin ins Boot. „Martin und ich haben schon einen anderen Kurzfilm zusammen gemacht, er trägt den Titel ‚The day I killed my best friend ‘“, erzählt Busto. „Das gemeinsame Arbeiten war cool, deshalb dachte ich, wir nehmen zusammen am Wettbewerb teil.“

Viel Zeit

Zwei Tage, um einen technisch immer aufwendigen Trickfilm zu drehen. Mal ehrlich – haben Busto und Martin wirklich alles in dieser Zeit gemacht? Noch nicht einmal davor an der Idee gearbeitet? Busto sagt: „Wir haben wirklich alles an diesen zwei Tagen gemacht. Wir haben die Idee auch nicht davor entwickelt, das wäre ja unfair gewesen.“ Bei dem Song zum Film haben sie auf private Kontakte zurückgegriffen: Bustos Bruder hat ihn eingespielt, und zwar auch innerhalb der Wettbewerbszeit. „Nur eben zuhause in Spanien“, ergänzt Busto.

Der Wettbewerb war natürlich eine Herausforderung. Busto erklärt die Schwierigkeit: „Wir mussten herausfinden, was überhaupt in 48 Stunden möglich ist. Dafür griffen wir natürlich auf Techniken zurück, die wir kennen und mögen.“ Zu den verwendeten Tools gehörten Programme von Adobe, wie After Effects und Photoshop – zusätzlich arbeiteten sie mit dem teuren Programm Tuon Boom Animaton. Busto ergänzt: „Außerdem muss man sehr ökonomisch arbeiten, was uns ganz gut gelang, weil wir schon zusammen gearbeitet haben.“ Busto und Martin erzählen, dass sie sogar schneller waren als nach der ersten Planung gedacht. Sie haben täglich drei Stunden Schlaf bekommen und wirkten so am Sonntag bei der Preisverleihung ziemlich fit. Busto resümiert: „Der Wettbewerb war eine wirklich gute Erfahrung. Es war eine Freude, ganz ungestört arbeiten zu können, während wir mit freien Getränken und so versorgt wurden, wie bei Mama. Wir konnten uns wirklich ganz aufs animieren konzentrieren.“

Die Teilnehmer des Wettbewerbs saßen zusammen im Jugendhaus Mitte. Obwohl alle auf den Gewinn aus waren, stand für Busto die Gemeinschaft im Vordergrund. „Es ist schön, eine solche Erfahrung teilen zu können“, sagt er. Die beiden werden nächstes Jahr als Jury des Wettbewerbs wieder nach Stuttgart kommen – und diesmal vielleicht ein bisschen mehr Schlaf bekommen.

Auf der Seite des Festivals lassen sich die Videos des letzten Jahres anschauen, mehr von Martin Martinez Garcia gibt es auf dieser Seite, Bustos Werke sind hier zu finden.

 

Foto: Internationales Trickfilm-Festival Stuttgart; Sanja Döttling