Superhelden auf Zelluloid – Teil II

Superhelden auf Zelluloid – Teil II

von Marius Lang; Illustration von Henrike W. Ledig

Die Beziehung von Comics und Filmen hat im Laufe der Jahrzehnte immer wieder Höhen und Tiefen erlebt, ist jetzt aber gefestigeter denn je. Die Verfilmungen sind erwachsener geworden, schaffen neue Universen, neue Helden und neue Geschichten. Wer hätte gedacht, dass Comicverfilmungen einmal einer der wichtigsten Eckpfeiler des Blockbusterkinos werden?

Vorreiter: Batman

Die Symbiose von Comic und Film befindet sich in einem steten Wandel.Ein Beispiel: Batman. Von der Kurzfilmsammlung der 40er, über Adam Wests kinderfreundliche Version, Tim Burtons düstere Interpretation und schließlich Joel Schumachers ungeliebte Adaption des dunklen Ritters, schaffte der Held 2005 schließlich die Rückkehr auf die große Leinwand. Doch Christopher Nolans „neuer“ Batman hat mit der Comicvorlage nur wenig gemein. Seine Batman-Trilogie zeigt eine realistische, dunkle und brutale Neuinterpretation des Helden, gerichtet an ein erwachsenes Publikum. Superkräfte existieren in dieser Welt nicht, nur überlegene Technik und Menschen, deren Kraft auf intensivem Training von Körper und Geist basiert.In den Comics dagegen waren Superkräfte an der Tagesordnung.

Comics werden erwachsen

Ein neuer Trend entstand. Comicverfilmungen sollten ein erwachseneres Publikum ansprechen. Bis in die 90er Jahre bestand die Zielgruppe von Comicverfilmungen, mit wenigen Ausnahmen, aus Kindern. Comics aber waren selbst schon lange nicht mehr ein Medium, das sich exklusiv an Kinder richtete. Mit den 1980ern wurden sie erwachsener und auch die Leserschaft bestand schon lange nicht mehr nur aus Kindern. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Filmindustrie sich im großen Stil  an anderen Zielgruppen versuchen würde. Ebenfalls 2005 erschien Sin City, 2007 dann 300, beide Filme auf Basis von Comics von Frank Miller, und 2009 wurde dann auch der Citizen Kane der Comics verfilmt, Alan Moores Watchmen. All diese Filme sind sowohl in der Vorlage als auch in ihrer filmischen Umsetzung düster, brutal und für erwachsene Rezipienten bestimmt. Hinzu kommen Filme wie A History of Violence (2005) und Persepolis (2007), basierend auf ernsten und realistischen Graphic Novels. Doch die neuen Comicfilme gehen noch weiter, als nur die Zielgruppe zu  erweitern. Wie  schon an Nolans Batman zu erkennen war, emanzipierten sich die Filme stärker von den Vorlagen. Manchmal auch mit unerwarteten Folgen.

Emanzipiert euch, Filme!

2002 erschien Spider Man, unter der Regie von Sam Raimi. Der weitreichende Erfolg des Films sowohl bei Fans der Comics als auch bei Zuschauern, die weniger mit der Vorlage vertraut waren, veranlasste das Studio, zwei Sequels zu drehen. Der im Film von Tobey Maguire dargestellte Spider Man/Peter Parker unterschied sich in einigen Punkten von seiner Vorlage. Zunächst war die Spinne, deren Biss Peter Parker seine Kräfte verlieh, nicht mehr radioaktiv:

Als die Spider Man 1962 seinen Einzug in die Comicwelt feierte, war die Nutzung einer durch Strahlung mutierten Spinne ein Bezug auf die unvorhersehbare Macht der Radioaktivität. Amerika befand sich im nuklearen Wettrüsten mit der Sowjetunion, die Gefahr des Atomkriegs war allgegenwärtig und die Risiken und Vorteile der Atomenergie waren ein noch nicht erfasstes Thema. Spider Mans Kräfte von der verstrahlten Spinne herrühren zu lassen, lag damals also nahe. Die Filme von Sam Raimi dagegen entschieden sich dafür, die Spinne als genetisches Experiment darzustellen, eine Spinnenhybrid, geschaffen aus der experimentellen Kreuzung mehrerer Spinnenarten.

Auch dies ist ein Zeichen der Zeit, in der die Unklarheiten der Genforschung ein zentraleres Thema darstellen. Wie oftmals, versuchten die Werke, aktuelle Gesellschaftsthemen einzubinden.

Und auch die Kräfte Spider Mans sind etwas anders als die der Vorlage. Hervorzuheben ist hierbei, dass die Fähigkeit des Helden, Netze aus seinen Armen zu schießen, im Film ebenfalls eine Kraft ist, die durch den Spinnenbiss übertragen wurde. In den Comics baute sich Peter Parker diese „Webshooter“ selbst. Zwischen 2005 und 2007 entwickelte auch der Spider Man in den Comics diese Fähigkeit, in Anlehnung an die Filme. Somit hatten die Filme von Sam Raimi direkten Einfluss auf die Comics ausgeübt.

Eine Welt, viele Helden

Comicverfilmungen hatten sich also nun von ihren Vorlagen emanzipiert, die Helden waren neu interpretiert worden und die Zielgruppe wurde um einiges erweitert. Doch da hört es nicht auf. Der nächste Schritt ist das shared universe der Marvel-Filme. Dies begann MARVEL 2008 mit Iron Man in dem nach Ablauf der End-Credits eine kurze Szene auf die „Avenger-Initiative“ aufmerksam gemacht wurde. Was zunächst erst noch utopisch klang, wurde mit jedem Film im Marvel-Cinematic-Universe weiter aufgebaut. Nach Iron Man wurden auch die anderen Marvel-Helden Hulk, Thor und Captain America in eigenen Filmen in das Filmuniversum eingebaut. Den vorläufigen Höhepunkt fand dieses Filmuniversum mit The Avengers (2012), einem der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Marvel nutzt den Strom des Erfolgs und hat mit der Fernsehserie Agents of Shield auch das Fernsehen erobert. Ein Ende ist da noch nicht in Sicht.

Wir wollen auch mit!

Adie Konkurrenz will auf den Zug mit aufspringen. 20th Century Fox, die unter anderem die Filmrechte an den X-Men und den Fantastic Four gekauft haben, planen selbst ein shared universe aufzubauen. Hauptkonkurrent DC will in die direkte Konfrontation gehen und arbeitet derzeit an einem Filmuniversum mit dem Ziel, die Justice League auf die Leinwand zu bringen. Die ersten Schritte sind schon getan, doch ist auch auffällig, dass DC weit weniger risikofreudig ist, als Marvel.

Ein Vergleich: Marvels nächster Film Guardians of the Galaxy, der im August erscheint, basiert auf einer weniger bekannten Comicreihe und besetzt als Figuren unter anderem ein gewaltiges Baum-Alien und einen sprechenden Waschbär. DC kann sich dagegen ihr wichtigstes kommendes Filmprojekt, eine Fortsetzung des Superman-Films Man of Steel, nicht vorstellen, ohne erneut ihr Steckenpferd Batman vor den Karren zu spannen.

Aus den früheren kindlichen Filmen um Helden in Strumpfhosen wurden ernste und erwachsene Helden. Eine Comicverfilmung ist heute ein fast schon garantierter Publikumserfolg, der weite Wellen schlagen wird. Den Adaptionen ist es schließlich auch zu verdanken, dass eine breite Masse auf die Vorlagen aufmerksam wird und Comicfans sich offener mit ihrem Hobby beschäftigen können. Und sei es auch nur, um sich Online darüber aufzuregen, dass Schauspieler „X“ eine ganz furchtbare Wahl für Comicheld „Y“ ist.