Hinter den Panels – Das Comic als Medium

von Marius Lang
Illustrationen von Henrike Ledig

Französische Krieger verteidigen mithilfe eines magischen Tranks ihre Heimat gegen italienische Invasoren. Ein außerirdischer Mann aus Stahl, eine Amazonenkriegerprinzessin und der beste Detektiv der Welt kämpfen gemeinsam gegen das Böse. Eine Ente wird bei ihrem Aufstieg zum reichsten Wesen des Planeten beobachtet. Und ein Teenager wird durch die Hilfe von Spinnenkräften zum Beschützer New Yorks. Was haben diese Ideen gemeinsam? Sie entstammen alle demselben Medium: Comics. Kaum ein anderes visuelles Medium erlaubt es den Machern, derart verrückte Geschichten zu spinnen wie es Comics vermachen. Wo Film und Fernsehen oft noch immer den Grenzen von Spezialeffekten unterliegen, konnten in Comics schon vor Jahrzehnten Momente geschaffen werden, die an Wahnwitz kaum zu überbieten waren. Futuristische Welten, einsame Helden, fantastische Geschichten und der Glaube an den Triumph des Guten über das Böse. In Comics ist alles möglich, eingefangen in Panels, kombiniert aus geschriebenem Wort und gezeichneten Bildern.

Häufig werden Comics in Ecken gedrängt. Man reduziert sie auf Superheldengeschichten und kindisch-humoristische Zeitungsstrips. Aber zu behaupten, alle Comics sind exklusiv für Kinder, ist als würde man behaupten, alle Filme sind Komödien und alle Serien sind billig produziert. Die Bandbreite bei Comics ist weit größer. Stilrichtungen, ob westliche Comics, wie die angloamerikanischen Comics der Big Four oder östliche Comics wie Mangas, zeichnerisch und erzählerisch. Und auch im bildlichen Storytelling unterscheidet man zwischen Genres. Manche Comics sind humoristisch oder actiongeladen. Manche bringen einen zum Lachen, andere sind todtraurig. Und nur ein Bruchteil ist exklusiv an ein junges Publikum gerichtet. Viele Comics, in dem Fall oft Graphic Novels genannt, behandeln extrem ernste, düstere oder politisch und sozial aufgeladene Themen.

Anarchisten, Mäuse und Götter

In Alan Moores V for Vendetta wird die dystopische Vision eines faschistisch regierten Großbritanniens zum Leben erweckt. Die Geschichte setzt sich mit dem Kampf eines anarchistischen  Freiheitskämpfers gegen das brutal faschistoide System auseinander und hält die Spannung durch tiefgehende Charaktere und eine fantastische Erzählweise aufrecht. In Art Spiegelmans Maus erzählt der Autor die Geschichte seines Vaters Vladek Spiegelman, der während des zweiten Weltkriegs die Hölle der Konzentrationslager von Dachau und Auschwitz überlebte. Art Spiegelman stellt dabei Juden mit Mäuseköpfen und die Nazis und nichtjüdischen Deutschen mit Katzenköpfen dar. In Persepolis erzählt Marjane Satrapi die Geschichte ihrer eigenen Kindheit im Iran zur Zeit der islamischen Revolution. Und Watchmen (ebenfalls Alan Moore) spielt mit dem Gedanken  düsterer 80er Jahre, in denen Richard Nixon seine vierte Amtszeit als Präsident der USA bestreitet, der kalte Krieg ständig neue Höhepunkte erreicht und ein bläulich leuchtender „Gott“ aus purer Energie die Geheimwaffe der Staaten gegen die rote Gefahr darstellt. Dies sind nur einige Beispiele erwachsener Geschichten.

Die Ankunft im Mainstream

Generell scheint es heute, als würde das Comic als Medium immer weiter in den Mainstream vorzurücken. Watchmen befindet sich in der Liste der hundert besten englischsprachigen Romane, ausgewählt von dem amerikanischen Magazin Time. Filme wie The Avengers oder Christopher Nolans Batman-Filme, die auf den Comics basieren, gehören zu den erfolgreichsten Filmen der letzten Jahre. Das Internet vereint Millionen Fans und Gleichgesinnte, die sich über ihre liebsten Helden und Comics austauschen. Und wer hätte vor einigen Jahren derartige Reaktionen der Fans erwartet, wenn um so etwas geht, wie die Auswahl Ben Afflecks als nächster Batman. Das Comic als Medium und Kanal erlebt neue Höhen.

Diese regelmäßige Reihe soll sich mit den verschiedenen Eigenheiten des Mediums beschäftigen. Angefangen hat dies bereits im Sommer mit einem Artikel über Sexismus im Comic. Im weiteren Verlauf sollen sich die Artikel dieser Reihe mit weiteren Themen, Problemen und Missverständnissen innerhalb des Mediums beschäftigen. Um die Artikel bildlich zu untermalen wird dabei jeder mit einzelnen Comicbildern erscheinen, gezeichnet von Henrike Ledig, individuell passend zum Thema des Artikels. Die Themen sind dabei denkbar vielfältig. Etwa wie sich gesellschaftliche Missstände in den Geschichten äußern. Oder der Boom und schlussendliche Einbruch der Industrie in den 1990er Jahren, die Nutzung von Comics als Filmbasis oder das Wirken einzelner Autoren. Das alles soll hier beleuchtet werden. Wie unterscheiden sich die Stilrichtungen voneinander, wie haben sich die Figuren und Helden in Comics im Laufe der Zeit geändert. Und was sollte man sich zu Gemüte führen, wenn man bereits Comics liest oder noch nie gelesen hat, aber gerne damit anfangen will. Um bei letzterem zusätzliche Unterstützung zu leisten, werden am Ende des Artikels noch Comicempfehlungen genannt, die mich persönlich geprägt haben und die ich Interessierten nur ans Herz legen möchte. Und nun möchte ich euch herzlich einladen, mir zu folgen und einen Blick hinter die Panels zu wagen. Einen Blick in die grenzenlose Welt der Comics. Beginnen wir mit einem finsteren Zeitalter, für die Welt im Allgemeinen und die Comics im Besonderen: In den 90 er Jahren.

 

Teil Eins: Kühlschränke, Frauen und Comics

Teil Zwei: Tod und Rückkehr der Comic-Industrie

Teil Drei: Superhelden in Zelluloid – Teil 1

Teil Vier: Superhelden in Zelluloid – Teil 2

Teil Fünf: Untot und trotzdem Spaß – The Walking Dead

Teil Sechs: Die Rache der Minderheiten

 

Bilder: Henrike Ledig