Out und raus! Wenn die Medien outen

von Alexander Karl

Die Symbiose zwischen Presse und öffentlichen Personen ist sehr alt. Aber auch hier gibt es Schattenseiten: Die Presse ist auf eine gute Geschichte aus und fragt sich (nicht immer), ob man den öffentlichen Personen damit schaden könnte. Gerade beim Thema Homosexualität wird viel Fingerspitzengefühl verlangt: Tut man Promis mit einem öffentlichen Outing einen Gefallen oder zerstört es die Karriere?

Homophobie und die Angst

Noch immer ist Homosexualität in Deutschland ein Tabuthema. Ja, natürlich wird darüber geschrieben und gesprochen, aber die Akzeptanz in der Bevölkerung lässt noch immer zu wünschen übrig. Das zeigt aktuell der Fall des DSDS-Kandidaten Kristof Hering, der wegen seiner Homosexualität angefeindet wird – er spricht sogar von Todesangst nach diversen Drohungen! Viele andere Personen der Zeitgeschichte gehen mit ihrer sexuellen Orientierung nicht so offen um und entgehen deshalb möglichen Anfeindungen – verhindern durch ihr Verhalten aber auch, dass (homophobe) Gesellschaftsschichten verstehen, dass Homosexualität längst kein Randphänomen, sondern ein Querschnittsphänomen ist: Die sexuelle Orientierung macht vor keiner Berufsgruppe, Nationalität oder Altersgruppe halt. Natürlich ist nicht jeder der „schwul wirkt“ automatisch schwul (auch wenn Google es suggeriert), aber die Dunkelziffer der Ungeouteten ist hoch. Und gerade auch große Massenmedien wissen um die wahre sexuelle Orientierung von Stars.

Der Fall Krupp anno dazumal

Kritisch wird es aber immer dann, wenn Menschen unfreiwillig geoutet werden. Und dieses Vorgehen von Seiten der Presse ist nicht neu: Am 15. November 1902 outete das SPD-Parteiblatt Vorwärts den Industriellen Friedrich Alfred Krupp als Homosexuellen  – vordergründig, um mit der nun offensichtlichen klassenübergreifenden Homosexualität für die Abschaffung des Paragraphen 175 Stimmung zu machen. Der Paragraph 175 des Reichsstrafgesetzbuchs bestand ab 1872 und hieß in der Fassung des Kaiserreichs: „Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Thieren begangen wird, ist mit Gefängniß zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.“ Paragraph 175 existierte in diversen Formen bis 1994 fort – unter den Nazis verschärft, ab Ende der 1950iger gelockert.

Zurück zu Krupps Outing im Jahr 1902. Im Parteiblatt Vorwärts hieß es dann: „Herr Krupp gehört zu jenen Naturen, für die der § 175 eine stete Qual und Bedrohung bedeuten würde […]. [Er] huldigt mit den jungen Männern der Insel [Capri] dem homosexuellen Verkehr.“ Damit war Krupp also geoutet. Hinzu kam aber noch eine Vielzahl von weiteren Vorwürfen: Es gab den Verweis auf Kaiser Tiberius, der auf Capri Orgien gefeiert haben soll. Zudem sollten Bilder des Verkehrs vorliegen, doch alles sollte durch Korruption (Bestechung der Medien) unter dem Mantel der Verschwiegenheit gehalten worden sein. Des Weiteren wird Krupp vorgeworfen, dass er aufgrund seiner sexuellen Vorliebe die Insel verlassen musste. Weiter heißt es dann: „Es handelt sich um einen pervers veranlagten Mann. Denn das Mitleid, dass das Opfer eines verhängnisvollen Natur-Irrtums verdient, muss versagen, wenn die Krankheit zu ihrer Befriedigung Millionen in ihre Dienste stellt.“

Dass die SPD im Kaiserreich deutliche homophobe Tendenzen aufzeigte, wird schnell deutlich; neben seiner sexuellen Orientierung gab Krupp aber auch aufgrund seiner Stellung aus bekannter Industrieller eine perfekte Zielscheibe ab. Anhand seiner Person konnte die Verdorbenheit der herrschenden Klasse gezeigt werden. Und deshalb war der Vorwärts wohl nur zu gerne bereit, Krupp in der Öffentlichkeit zu outen. Der Industrielle selbst bestritt bis zu seinem Selbstmord am 22. November 1902 alle Vorwürfe ab.

Moderne Medienlandschaft

Zwar ist in weiten (großstädtisch geprägten) Teilen der Bevölkerung Homosexualität kein Tabu- oder Igitt-Thema mehr, doch in der breiten Masse gilt Homosexualität immer noch als Skandalthema – und so natürlich auch für die Boulevardmedien. Es kursieren in der Branche viele Namen, gerade von TV-Prominenten. Einige Schauspieler sind schwul, doch da sie es nicht selbst thematisieren, halten die Medien ihre Informationen zurück und spielen das „ich bin Single“-Spiel mit. Andererseits wären es aber genau jene Gesichter, die nötig wären, die Akzeptanz in der Gesellschaft noch weiter zu erhöhen. Der Branchendienst dwdl.de bringt es auf den Punkt: „Jedes gelebte Beispiel dafür, dass man sich nicht verstecken muss, ist auch heute noch auch ein Befreiungsschlag für schwule und lesbische Jugendliche, die noch genau das tun, weil sie nicht einmal Familie und Freunden, manchmal nicht einmal sich selbst eingestehen wollen, anders zu sein.“ Wenige Stars bekennen sich zu ihrer Homosexualität. Da wäre etwa Neil Patrick Harris, Star aus How I met your mother, der sich 2006 outete. In Deutschland sind es vor allem Moderatoren, die ihr Schwulsein öffentlich gemacht haben: Hape Kerkeling, Dirk Bach und Thomas Herrmanns. Bei einem anderen ist es ein offenes Geheimnis, wie sowohl bild.de also auch dwdl.de schreiben: Marco Schreyl. In der letzten DSDS-Staffel konnte man immer wieder Andeutungen mehr als zweideutig verstehen, aber ein öffentliches Outing blieb aus – bisher. Andere Namen sollen an dieser Stelle nicht genannt werden, da viele Schauspieler und Medienmenschen scheuen die Öffentlichkeit aus Angst um ihren Job. Nicht, dass sie dann nicht von den Programmschaffenden weiter beschäftigt werden, weil diese Resentiments gegen Schwule hätten. Sondern vielmehr, weil die Angst vor der Reaktion der Fans besteht.

Denn auch, wenn Homosexualität in allen Gesellschaftsschichten angekommen ist, ist es die Gesellschaft selbst, die sich selbst beschränkt und ihre eigenen Rechte auf ein freies Leben beschränkt. Und um sich noch einen Rest Privatleben zu erhalten, kämpfen schwule und lesbische Promis um ihr Geheimnis. Denn solange noch immer die (berechtigte) Angst besteht, dass die sogenannten Fans Sturm laufen, werden weiterhin viele Promis ein Doppelleben führen. Und in ihren Augen führen müssen. Denn niemand will den Krupp’schen Spießrutenlauf selbst erleben.

Foto: flickr/incurable_hippie (CC BY-NC 2.0), flickr/Li’l Wolf (CC BY-NC-SA 2.0)

 

Dieser Text ist ein Beitrag zur Aktion der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld zum „Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie“. Auf media-bubble.de gibt es dazu auch eine Aktionsseite.

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