Mediendozentur 2012: „Die erste große Affäre ist wie die erste große Liebe.“

von Pascal Thiel

Ein ereignisreiches Jahr geht zu Ende. media-bubble.de berichtete über Mediendebatten, die Wissenschaft rund um die Medien und direkt aus der Universität Tübingen. Ein Ereignis wurde zum goldenen Abschluss aufgehoben: Den Besuch des Enthüllungsjournalisten Hans Leyendecker im Rahmen der Tübinger Mediendozentur 2012.

Ein bekannter Gast

Es ist der 19. Juli. Im Festsaal der Universität Tübingen spricht der ehemalige Spiegel-Redakteur und momentane SZ-Journalist Hans Leyendecker im Rahmen der Mediendozentur des Instituts für Medienwissenschaft. Die jährliche Veranstaltungsreihe soll laut der Philosophischen Fakultät „den journalistischen Nachwuchs zu fördern und Brücken […] schlagen zwischen Praxis und Wissenschaft“. In den vergangenen Jahren begeisterten Gäste wie Frank Schirrmacher, Alice Schwarzer und Claus Kleber die Studenten. Im Jahr 2012 stand die Mediendozentur jedoch ganz im Zeichen des investigativen Journalismus.

Leyendecker, dessen Name eng mit der Flick-Affäre, der Drehbuch-Affäre und dem CDU-Parteispendenskandal in Verbindung steht, geriet im Frühjahr des (fast) vergangenen Jahres in die Schlagzeilen, weil er und zwei Kollegen von der Süddeutschen Zeitung sich weigerten, den Henry-Nannen-Preis entgegenzunehmen. Gemeinsam mit zwei BILD-Journalisten, die die Wulff-Affäre in Bewegung gesetzt hatten, sollten sie mit der wichtigsten Auszeichnung für deutschen Qualitätsjournalismus in der Kategorie „Investigativer Journalismus“ ausgezeichnet werden – das lehnte er als „absurd“ ab und bekräftigte es heute erneut.

Schwierige Zeiten für den Journalismus

An diesem Sommerabend jedoch möchte Leyendecker weniger über sich selbst, als über die Lage des Journalismus sprechen. Und der beginnt mit schlechten Nachrichten.

„Rocky Mountain News, gestorben am 27. Februar 2009.“ Zwei weitere große US-amerikanische Zeitungen folgen, die binnen der letzten zwei Jahre verschwanden. Ein erschreckendes Bild: Die US-amerikanische Zeitungsindustrie ringt mit dem Tode.

Seit 2007, so Leyendecker, sei der Umsatz der amerikanischen Zeitungen um fast 30 Prozent zurückgegangen. Wenn es so weiter gehe, gebe es in den USA im Jahr 2017 keine Zeitung mehr. Ein Schreckensszenario. Doch keineswegs sei das nur ein Problem der Vereinigten Staaten – auch in Deutschland nehme die Leserschaft der Zeitungen stetig ab. Doch es bestehe begründete Hoffnung, dass es mit der deutschen Zeitungsindustrie nicht so weit kommen werde. Beispielsweise befänden sich deutsche Zeitungen in privatem Besitz. Und seien nicht, wie viele amerikanische Zeitungen, börsennotierte Unternehmen.

Journalismus als Aufklärung

Aufklärung sei eines der wichtigsten Gebote des Journalismus, so Hans Leyendecker. Aufklärung sei Definition, klares und deutliches Erklären, das Klarmachen und Klarstellen.

Doch hier beginnen die Schwierigkeiten. Essentiell sei es, zwischen Aufklärung und Demaskierung, oder gar Rufmord, zu unterscheiden. Dass dies nicht immer eingehalten werde, habe man im Frühjahr 2012 gesehen, anhand eines Präsidenten, „der nicht aus seinen Fehlern lernte“. Gemeinsam mit einem Blatt für investigativen Journalismus geehrt zu werden, das diese Methoden als „Geschäftsmodell“ betreibe, sei für Leyendecker „absurd“. Zur Ablehnung des Henri-Nannen-Preises habe es „keine Alternative“ gegeben: Die Bild-Zeitung vollführe Nötigung, journalistische Schutzgelderpressung, verwende manipulative Techniken, drohe, ängstige, lüge und verbreite journalistischen Terror unter seinen „Opfern“.

Etwa im Falle des 2003 von der CIA wegen Terrorverdachts nach Afghanistan entführten Khaled al-Masri. Obwohl er später wieder frei kam, habe ihn die BILD ohne Beweise als „der irre Deutsche“ beschimpft.

Leyendecker sinniert. Warum formuliert man solch drastische Schlagzeilen? Er stellt klar: Journalismus dürfe kein Ventil sein, um Frust und Hass freien Lauf zu lassen. Investigativer Journalismus könne zwar verletzen, dürfe Menschen aber in keinem Fall ihrer Würde berauben.

Journalismus und der Skandal

„Die erste große Affäre ist wie die erste große Liebe.“

Der Journalismus produziert keine Skandale, er deckt sie auf. Doch wann ist ein Skandal wirklich ein Skandal? Kann man sie definieren? Ist der größte Skandal für den einen oft nur eine Bagatelle für einen anderen?

Im Boulevard scheine alles ein Skandal zu sein, das irgendwie von der „Norm“ abweicht. Doch Hans Leyendecker gibt zu bedenken: Boulevard-Skandale und Skandale, die eine gesellschaftliche Dimension erreichen, müssten unterschieden werden – auch wenn die Definitoren gleichsam die Medien seien.

Die Gefahr, die jedoch im digitalen Zeitalter bestehe, sei die ganz neue Dimension von Skandalen. Das Publikum wandele sich vom passiven „beobachtenden“ Rezipienten zum aktiven Akteur: Mithilfe des Internets könne jeder selbst effektiv skandalisieren. Dass nur „die Großen“ von Skandalen getroffen werden könnten, stelle sich langsam aber sicher als Illusion heraus. Jeder kann zum Skandal werden. Das bedeute gleichzeitig einen gewaltigen Einbruch in die Privatsphäre: Früher tat dies der Boulevard, heute könne es dank Internet jeder. Und: Das Internet vergesse nichts: alte Gerüchte und Kamellen könnten bequem und problemlos wieder aufgewärmt werden.

Investigativer Journalismus und „Internetfans“

Urheber „moderner Skandale“ würden oft als investigative Journalisten bezeichnet. Doch mit Blick auf Seiten wie etwa Wikileaks müsse man zwischen echten Journalisten und einigen „Internetfans“, so Leyendecker, unterscheiden. Im digitalen Zeitalter könne jeder ermitteln. Es brauche nur einen untreuen Mitarbeiter mit einem USB-Stick und einen Blogger.

Doch Leyendecker warnt vor unüberlegter Kritik. Kritik an Assange, dem „David der Neuzeit“, der sich gegen das große Amerika auflehne, werde schnell als Kritik am Medium Internet und an der Veröffentlichung geheimer Dokumente verstanden.

Doch im Gegenteil seien gerade diese Veröffentlichungen im Zuge der gesellschaftlichen Forderung nach Transparenz und nach Einsicht in die „black box“ des politischen Systems zu begrüßen. Problematisch sei dabei meist die nur niedrige journalistische Qualität dieser Veröffentlichungen, da sie nicht von professionellen Journalisten verfasst würden.

„Geschichten, die Wirkungen erzeugen“

Obwohl diese „Internetfans“ durchaus ihre Berechtigung im journalistischen Prozess haben, so folgert Leyendecker, könnten sie jedoch nicht per se als investigative Journalisten betrachtet werden. Denn an dessen Qualität kämen diese nur in seltensten Fällen heran. Investigativer Journalismus gebe nicht einfach wieder, sondern erkläre Zusammenhänge, gebe Hintergrundinformationen. Investigativer Journalismus müsse „Geschichten entdecken, die Wirkungen erzeugen“.

 

Bild: flickr/Das blaue Sofa (CC BY 2.0)

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