Künstliche Intelligenz: Unsere Angst vor der „Robokratie“

Künstliche Intelligenz: Unsere Angst vor der „Robokratie“

Von Lara Luttenschlager

Dass eine künstliche Intelligenz eines Tages die Macht über uns übernehmen könnte, ist eine Angst, die wohl mindestens so alt ist wie die Filmgeschichte. Von jeher ein Medium, in welchem Menschen ihre Ängste verarbeiten, scheint es daher naheliegend, dass Filme voll sind von Horrorszenarien, in denen uns Maschinen und vor allem Roboter das Zepter entreißen und sich über uns erheben. Heute, da sich Meldungen über die Errungenschaften der Forschung überschlagen, wenn Computer malen wie Van Gogh, in Japan bereits Steuerberater ersetzen und Drohnen für uns in den Krieg ziehen, kämpfen die Menschen auf der Leinwand gegen Maschinen, die längst mehr wollen, als nur das Leben ihrer Schöpfer zu erleichtern.

Verkörperung unserer kühnsten Träume

12797962503_a52ff9e10d_oDas Konzept eines vom Menschen erschaffenen, künstlichen Wesens ist zugleich die Geschichte unseres Traums einer neuen, besseren Version unserer Selbst. In ihm verbergen sich Fantasien der Erhebung des Menschen zum Schöpfer, der Weltermächtigung und der Überwindung der Natur. Wie früh diese Ideen ihren Einzug in die Unterhaltungsmedien fanden, lässt sich nicht zuletzt an Mary Shelleys Roman Frankenstein und dessen Verfilmung von James Whale aus dem Jahr 1931 erkennen. 1818 erschienen, stammt der Roman aus einer Zeit, in der Erfindungen wie die elektrische Batterie einen Begeisterungsrausch für Wissenschaft und Fortschritt freilegten. Diese Aufbruchsstimmung schlug sich auch in der Hoffnung einer moralischen, vor allem aber auch biologischen Verbesserung des Menschen nieder. Frankenstein erzählt die Geschichte des von seinem Vorhaben besessenen, nahezu manischen Naturwissenschaftlers Viktor Frankenstein, dem es gelingt, aus heimlich ausgegrabenen Leichenteilen ein menschenähnliches Wesen zusammenzubasteln und zum Leben zu erwecken. Dass er fernab fremder Blicke nahezu unbemerkt ein Wesen erschafft, das ihm bald außer Kontrolle gerät und beginnt, Menschen zu ermorden, um sich an ihm für seine qualvolle Existenz zu rächen, zeigt, wie groß schon damals die Angst einiger war, überambitionierte Wissenschaft könnte klammheimlich etwas „Unnatürliches“ schaffen, das bald nicht mehr kontrollierbar ist.

Mensch oder Maschine?

Während Frankensteins stöhnender, hinkender künstlicher Mensch als klassisches, hässliches Monster auftritt, wandelte sich das Feindbild der künstlichen Intelligenz mit seinem historisch-gesellschaftlichen Kontext. So sind im Roman Die Frauen von Stepford (1972) die Androide, mit denen Ehemänner ihre Ehefrauen ersetzen, keineswegs halbfertige, körperlich unvollkommene Kreaturen, sondern hübschere und unterwürfigere Kopien ihrer Gattinnen. Erkennen lässt sich vor dem Hintergrund des technischen Fortschritts nicht mehr nur eine Absage an den Versuch der Wissenschaft, sich über die Natur bzw. zu einem neuen Gott zu erheben, sondern vielmehr die Frage nach einer Grenzziehung zwischen Mensch und Maschine, die auch ein Kernthema der Science-Fiction darstellt. Auf der Suche nach seiner eigenen Identität fürchtet der Mensch, bald durch perfektere Roboter ersetzt zu werden, die nicht nur immer intelligenter werden, sondern ihm auch äußerlich immer ähnlicher sind. Gerade im Science-Fiction-Film der 1980er und 1990er Jahre ist die technische Herstellbarkeit des Körpers ein Motiv, das sich auf die Suche nach dem Authentischen, Einzigartigen am Wesen des „natürlichen“ Menschen begibt.

Ich denke, also bin ich?

Bild 2Jüngst erschienene Filme wie Transcendence (2014) und Ex Machina (2015) treiben dieses Spiel noch ein Stück weiter. Während das Thema des fanatischen, sich zu einer Art Schöpfer erhebenden Wissenschaftlers ebenfalls wiederkehrt, sind dessen künstliche Menschen ihren „natürlichen“ Vorbildern nun nicht mehr nur äußerlich zum Verwechseln ähnlich: Sie haben gelernt, zu denken. Als Roboter Ava in Ex Machina von Informatiker Caleb auf ihre Empathie-Fähigkeit getestet werden soll, schafft sie es, ihn über ihre weiblichen Reize so zu manipulieren, dass er sie, überzeugt davon, dass sie „echte“ Gefühle empfinden kann, gegen den Willen des Wissenschaftlers in die Freiheit entlässt. Ihren Schöpfer bringt Ava aus Rache für ihre Misshandlung um, doch auch ihren Befreier lässt sie im Haus eingesperrt zurück, um ein neues Leben inmitten der Gesellschaft anzufangen.

Ähnlich stellt Transcendence sowohl die Protagonisten als auch den Zuschauer vor das Rätsel, ob künstliche Intelligenz tatsächlich so etwas wie eine Seele haben kann. Als Forscher Will Caster nach einem Attentat durch eine antitechnologische Terrorgruppe im Sterben liegt, lädt seine Frau Evelyn sein Bewusstsein auf einen Server. Doch schon bald weiß auch diese nicht mehr, ob Will nach seinem Tod tatsächlich in einem Computer weiterlebt oder sich darin nur eine machtgierige Superintelligenz befindet, die gelernt hat, die Menschen zu manipulieren. Denn „Will“ verlangt nun immer mehr Energie, einen Zugang zu allen Datenbanken der Welt und eine Internetverbindung, um immer weiter wachsen zu können und die Welt nach seinen Vorstellungen umzubauen. Auch Evelyn stirbt am Ende im Kampf gegen die von ihr geschaffene Maschine.

Die neue Angst, die in diesen Filmen verarbeitet wird, ist nicht mehr nur die, austauschbar und kopierbar zu sein, sondern dass eine künstliche Superintelligenz mit eigene Gefühlen und Zielen lernen könnte, uns zu manipulieren und sich unserer Kontrolle zu entziehen. Eine Befürchtung, die selbst Microsoft-Gründer Bill Gates letztes Jahr äußerte.

Technisch perfekt – moralisch defekt

Wenn unsere Maschinen immer schöner, schneller und schlauer werden, was macht uns dann noch so unentbehrlich? Am Ende scheint, zumindest im Film, die Antwort darauf gefunden zu sein: Unser Versuch, uns zu neuen Göttern und Schöpfern zu machen, ist zum Scheitern verurteilt. So sehr wir unsere immer nützlicheren und smarteren iPhones lieben, haben wir doch das Gefühl, mit einem Feuer zu spielen, das wir im Ernstfall noch nicht zu löschen wissen. Denn am Ende wird der selbstverherrlichende „mad scientist“ in diesen Szenarien stets durch seine eigene, außer Kontrolle geratene Schöpfung abgestraft. Mitleid kennt diese nicht. Die künstliche Intelligenz mag zwar technisch perfekt sein – sie bleibt jedoch Wissen ohne Gewissen.

Fotos: flickr.com/Dave Mathis (CC BY-NC-ND 2.0), flickr.com/clement127 (CC BY-NC-ND 2.0),  flickr.com/Tom Parnell (CC BY-NC-ND 2.0)


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