Knut Hickethier zu Gast in Tübingen

 von Nicolai Busch

Der prominente Medienwissenschaftler über die Geschichte und Traditionen unseres Fachs. Ein Vortrag im Rahmen der „Einführungsveranstaltung für Medienwissenschaft I“ unter der Leitung von Prof. Dr. Pörksen.

Es ist einer dieser Montagabende für etwa 250 neue Bachelor- und Masterstudenten der Tübinger Medienwissenschaft. Montagabend das bedeutetet „Einführungsveranstaltung in die Medienwissenschaft I“, das bedeutet Basiswissen zur Medienforschung, zur Medienpraxis, zu Mediensystemen und Medienwirkungen, sowie zur Medienethik und vielem mehr. Zum dritten Mal ist die Vorlesung unter der Leitung von Prof. Dr. Pörksen bis auf den letzten Platz besetzt. Doch auch Studenten älterer Semester, Professoren und Dozenten der Medienwissenschaft, sowie Fachfremde sind unter den heutigen Besuchern auszumachen. Anlässlich des prominenten Gastredners aus Hamburg sollte dies aber nicht allzu sehr verwundern.

Wie aus einem Kunsterzieher ein Medienwissenschaftler wurde

Die Rede ist von Knut Hickethier, eben jenem herausragenden Medienwissenschaftler älterer, prägender, ja wegweisender Generation. Geboren 1945, studierte Prof. Dr. Hickethier zunächst Kunsterziehung an der Hochschüle der Künste in Berlin von 1965-1970. Im Interview mit media-bubble.de erklärt uns der spätere Fernseh-, Film- und Radiokritiker (dann auch), wie er schließlich „zu den Medien kam“: Durch eine Öffnung der kunsterzieherischen Didaktik für mediale Dikurse und den verstärkten Konsum medialer Inhalte durch Kinder und Jugendliche Ende der 60er Jahre. Schon bald empfand Knut Hickethier großes Interesse für ein Angebot fernsehanalytischer Seminare an der Technischen Universität Berlin. Grund genug für den damaligen Kunsterzieher, das interdisziplinäre Angebot der Berliner Germanistik und Erziehungswissenschaften ab 1970 wahrzunehmen, um hier bereits den Grundstein der später folgenden medienwissenschaftlichen Karriere zu setzen.

Wer, wenn nicht er?

Der Abend mit Knut Hickethier im Kupferbau beginnt mit einer liebenswürdigen und respektzollenden Laudatio von Prof. Dr. Pörksen. Man kennt sich gut aus Hamburger-Zeiten und zeigt sich dankbar für viele Jahre des „Forderns und Förderns“. Der Respekt vor der wissenschaftlichen Leistung Knut Hickethiers lässt sich als dann auch in Zahlen ausdrücken: Unglaubliche 450 Publikationen seien es, die der Herausgeber zahlreicher Buch- und Filmreihen bisher zu verzeichnen hat, so Prof. Dr. Pörksen zu den Ergebnissen seiner Recherche. Eine lange Liste präzisierter, veröffentlichter Gedanken, die zeitlich weit zurück reicht zu den Anfängen unseres Fachs und die verstehen machen sollte, weshalb eben dieser Mann an diesem Abend geladen ist, das Thema „Fachgeschichte und Fachtraditionen“ vorzutragen.

Über die Entstehungsgeschichten der Kommunikations- und Medienwissenschaft über Debatten, Kontroversen und das Verhältnis beider Fächer zueinander, über aktuelle Trends der Fachentwicklungen, bis hin zu den Paradigmen der Medienwissenschaft, widmet sich der Gastredner Knut Hickethier eben jenen zentralen und elementaren Stichworten, die in keiner Einführungsveranstaltung der Medienwissenschaft fehlen sollten. Ein unterhaltsamer Vortrag, gespickt mit zahlreichen Anekdoten und persönlichen Erlebnisberichten, wie zum Beispiel jenen Erinnerungen an die technisch zwar absurd-aufwändigen, aber erfolgreichen Fernsehanalysen als Student an der TU Berlin unter Friedrich Knilli. Fast nostalgisch klingt Knut Hickethier, als er darauf verweist, dass das deutsche Fernsehen diese Analysen damals noch ernst genommen und auf die akademische Kritik direkt reagiert habe! Was trotz der so vergänglich anmutenden Vortragsthematik bleibt, sind große Zukunftsvisionen Prof. Dr. Hickethiers für das Fach der Medienwissenschaft, auch in Tübingen: Eine zunehmende Annäherung von Kommunikations- und Medienwissenschaft, verbunden mit methodischen, wie inhaltlichen Veränderungen für beide Fachrichtungen, ein gerechter und maßvoller Umgang mit externen Förderungsmaßnahmen, um vor allem einem sich ausbreitenden „Effiziendenken“ der Universitäten Einhalt zu gebieten, besonders aber die nie endende „Suche nach dem Sinn, der in allem steckt und der mediale Kommunikation immer wieder auf’s Neue attraktiv macht.“

 

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