Journalismus unter Verdacht

Von Valerie Heck

 

Schon im Spätherbst, als „Lügenpresse“ noch nicht zum Unwort des Jahres gekürt worden war und es „Pegida“ in der aktuellen Form noch nicht gab, lud Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, den Journalisten und Medienkritiker Stefan Niggemeier zu einem Gastvortrag ein. Seitdem hat die Medienverdrossenheit in Deutschland eine ganz neue Dimension angenommen und das Thema, mit dem sich Niggemeier in seinem Vortrag „Journalismus unter Verdacht – Wie Medien Vertrauen verspielen“ am letzten Montag auseinandersetzte, gewann stetig an Bedeutung. Pörksen spricht von einem „Prinzip Niggemeier“ und beschreibt damit dessen Kombination aus Unerschrockenheit, Direktheit und präziser Medienkritik. Am 19. Januar kam Niggemeier dann extra aus Berlin nach Tübingen, um einem Hörsaal voller interessierter Studierenden von seinen Erfahrungen und Einschätzungen zu den Themen Lügenpresse und Vertrauenskrise zu berichten.

„Ich hatte das Gefühl, es gäbe ein Problem“

Stefan Niggemeier hatte schon im November das vage Gefühl, es gäbe ein Problem. Er sah eine große Kluft und eine enorme Unzufriedenheit mit den Medien bei großen Teilen der Bevölkerung. Die Umfrage von Zapp im Dezember 2014, die nach dem Vertrauen der Menschen in die Berichterstattung bei politischen Ereignissen fragte, sah Niggemeier als klares Warnsignal, denn nur ein Drittel der Bevölkerung gab dabei an, noch Vertrauen in die Medien zu haben.

Dass tatsächlich etwas schief gelaufen ist, zeigen laut Niggemeier Formate wie „Die Anstalt“, die oftmals berechtigte Kritik an den Medien äußern und offenlegen, welche Fakten in der aktuellen Medienberichterstattung, sei es bezüglich der Ukraine-Krise oder des Bahnstreiks, nicht erwähnt wurden. Niggemeiers Lieblingsbeispiel ist dabei Udo Ulfkottes Buch „Gekaufte Journalisten“: „Ich habe selten ein Buch gelesen, was mir so schlechte Laune gemacht hat“, gibt Niggemeier zu. Grund dafür sei die „gruselige Mischung aus völligem Unsinn und total berechtigter Kritik“. Zwar legt Ulfkotte nichts Neues dar, aber er rührt in dem Buch bekannte Medienkritik mit der großen Verschwörung zusammen und sagt: „Im Grunde sind alle gekauft“. Der große Erfolg des Buches, das auf Platz 3 der Spiegel Bestsellerliste landete, zeigt, dass Ulfkottes Kritik beim Publikum durchaus ankommt.

Sind das alles Verrückte?

Aber wer sind die Leute, die solche Verschwörungstheorien lesen? „Verrückte, die sich zu lange im Internet rumtreiben, die nur ein paar Klicks brauchen, um in einen merkwürdigen Fiebertraum, eine schweißnasse Angstphantasie abzudriften“. Das an die Wand projizierte Zitat von Bernhard Pörksen sorgt für Gelächter und vereinzelten Applaus im Hörsaal. Wobei das Wort „Verrückte“ von Niggemeier hinzugefügt wurde, wie er zugibt. Allerdings ist das nur ein Teil der Wahrheit. Denn meistens sind es gar keine anonymen Verrückten im Netz, sondern die eigenen, jahrelang treuen Zuschauer, Zuhörer und Leser, die mit der Zeit den Glauben in die Berichterstattung der Zeitung oder des Radios verloren haben, wie Niggemeier berichtet.

„Der Meinungskorridor war schon einmal breiter“

Der große Vorwurf aller Akteure ist, dass Journalisten gekauft sind und dass es eine Verschwörung gibt, die Leute nicht richtig zu informieren. Tatsächlich sei ein gewisser Gleichklang festzustellen, bestätigt Niggemeier. Der Journalist sagt es in den Worten von Frank-Walter Steinmeier: „Der Meinungskorridor war schon einmal breiter.“ Dabei findet Niggemeier es erstaunlich, dass der Außenminister eine so präzise und kritische Beschreibung der aktuellen Situation gibt, wo er doch mit der einseitig positiven Berichterstattung zur großen Koalition zufrieden sein könnte.

Gründe für den Gleichklang sei unter anderem die Bequemlichkeit der Journalisten. Sie schwimmen mit dem Strom und wollen keine gewagte Interpretation liefern, die die anderen nicht auch liefern. Das größte Problem sei laut Niggemeier allerdings der sogenannte „self-embedded journalism“: Journalisten orientieren sich bei ihrer Berichterstattung unbewusst, an der Meinung, die ein Großteil der Bevölkerung vertritt und lesen möchte.

Das Phänomen des „self-embedded journalists“ war Niggemeier zufolge ein Grund für die einseitige Berichterstattung zur Ukraine-Krise. Die Grundannahme war hier „Gut gegen Böse“ und die Journalisten haben sich natürlich auf der Seite der Guten, das heißt gegen Russland, positioniert. Dabei sind ihnen Fehler unterlaufen, wie sämtlichen NATO-Erklärungen zu glauben und Berichten von Russland eben nicht. Diese Positionierung sieht Niggemeier kritisch. Ein Journalist müsse berichten ohne zu fragen, ob es am Ende jemandem nutzt, den er nicht mag, meint der Gründer des BILDblogs.

Medien machen viel richtig, aber…

Niggemeier sieht jedoch nicht alles negativ: „Ich glaube, dass in den Medien viele gute Dinge passieren und dass Medien auch viel richtig machen.“ Ein Schlüsselbegriff ist mittlerweile die Glaubwürdigkeit. In den Sozialen Netzwerken behaupten Menschen wie Udo Ulfkotte, dass die deutschen Medien über bestimmte Ereignisse nicht berichten und treffen dabei auf Zustimmung, obwohl niemand überprüfe, ob diese Aussage stimmt. Dabei könnten sie mit einer kurzen Recherche feststellen, dass häufig doch darüber berichtet wurde. Dadurch wird die Medienverdrossenheit beim Publikum größer und die Medienakteure können häufig nicht mehr dagegen steuern.

Der Journalist stellt aber auch heraus, dass die Ursachen der Vertrauenskrise zwar vielseitig sind, der Fehler aber häufig bei den Medien selbst liege: „Medien müssen erkennen, dass es ein Problem gibt, dass es tatsächlich eine Kluft gibt, zwischen Publikum und Medien und dass es nicht nur ein paar Verrückte sind, auf die man auch verzichten kann“. Die Medien müssen sich überlegen, wie sie mit der Kritik umgehen. Dabei können kleine Dinge, wie die Suche alternativer Quellen und Fairness gegenüber Leuten, die man nicht mag, die Glaubwürdigkeit schon stark verbessern, denn „die Schwächen des Journalismus begünstigen die Verschwörungstheorien“. Mit diesen Worten schließt Stefan Niggemeier seinen Vortrag. Entlohnt wird der Journalist von Bernhard Pörksen mit „akademischen Naturalien“: Einem Buch.

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