Hashtag-Solidarität

Ein Kommentar von Marius Lang und Sanja Döttling

„Je suis Charlie“: diese Worte kennzeichnen Solidarität mit Charlie Hebdo. Die Pariser Satirezeitung machte schon in der Vergangenheit Schlagzeilen, als sie Karikaturen von Mohammed, dem Propheten des Islam, zeigte. Letzte Woche drangen zwei Attentäter mit radikal-islamischem Hintergrund in die Redaktion ein und töteten dort und auf ihrer darauffolgenden Flucht zwölf Menschen, ein dritter Terrorist tötete später fünf weitere Personen. In Paris wurde die höchste Terrorwarnstufe ausgerufen.

Mit einem Mal wird wieder diskutiert: Über die Freiheit von Satire und Rede, sowie die Notwendigkeit einer furchtlosen Presse. Der Hashtag „Je suis Charlie“ ging um die Welt, war auf der Gala der Golden Globes zu sehen und erschien in den Simpsons. Die Welt fordert Mut, von Satire und Presse. Und bekommt bedruckte T-Shirts und Kaffeetassen.

Anschlags-Merchandise

Anteilnahme und Betroffenheit sind nicht daran gebunden, wie gut man Betroffene kennt. Schlimm wird es, wenn diese Solidarität für eigene Zwecke verwendet wird. Denn ein Terroranschlag kann Kassen füllen. Die erste Ausgabe von Charlie Hebdo nach dem Anschlag wird auf ebay für viel Geld verkauft, Gebote übersteigen 100 Euro. Dazu gibt es passendes Merchandise: Cappies and Plakate. Sie alle verkünden: „Je suis Charlie“. Die Solidaritätsbekundung verkommt zur Modeerscheinung. Der Künstler, der den Satz weiß auf schwarz gestaltete, bereut seine Entscheidung jetzt. Die Frage ist: geht es den Verkäufern um die Botschaft? Oder den Profit?

Das ‚Ich‘ in Charlie

Doch „Je suis Charlie“ ist vor allem eines: ein persönliches Statement. ICH bin Charlie. Seht her, ich unterstütze die Freiheit, ich bin gegen den Terror! Seht, denn ich habe es auf Facebook gepostet. Und auf Twitter. Es steht sogar auf meiner Kaffeetasse! So einfach ist es heutzutage, seine Anteilnahme am Weltgeschehen zu zeigen, sie jedem zu zeigen, der gerade zuhört oder auch nicht.

Doch wie tiefgehend ist diese Anteilnahme, wie informiert ist die Solidarität? Kaum einer nimmt sich mehr als ein paar Sekunden für einen Facebook-Post oder einen Tweet. Denn genauso schnell, wie die Nachricht von neuem ersetzt wird, genauso schnell gerät der Vorfall in Vergessenheit. In zwei Jahren wird man diesen Slogan für die Pressefreiheit nicht einmal mehr erkennen.

Lügen der Anteilnahme

Doch es geht noch viel schlimmer: wenn Anschläge für anti-muslimische Propaganda misbraucht werden. Die Rechten und Erzkonservativen Europas sehen ihre Gelegenheit und springen fix auf den Trauerzug auf. Ob nun französische Nationalisten oder Pegida, sie alle zeigen nun gespielte Anteilnahme mit Charlie Hebdo, das sie bis vor kurzem als Gegner sahen. Dem Blatt, das ihre Flaggschiffe wie Marie Le Pen und ihre Front National durch den Kakao zog. Nun nutzen sie die Tragödie aus, um weiter gegen Muslime und die angebliche Islamisierung des Abendlandes zu hetzen: Pegida aussi est Charlie!

Satire solidarisch

Ernsthaft bestürzt wirkten dagegen etwa die Mitglieder der deutschen Satirezeitschrift Titanic. Ihre eigene berufliche Nähe zu den französischen Kollegen macht die Solidarität umso glaubhafter. Die Internetpräsenz der Titanic war nach dem Vorfall zunächst in Schwarz gerahmt. Und auch die Anteilnahme von Muslimen in aller Welt, ganz gleich, ob sie die Karikaturen lustig fanden oder nicht, ist stark. In den Zeitungen muslimisch geprägter Länder finden sich Karikaturen, die Redefreiheit, Pressefreiheit und den Mut der Satire bestärken.

Presse muss frei bleiben; allein schon, um weiterhin gegen Hetze und Angstmacherei vorgehen zu können. Doch Solidarität ist kein Trend, kein Hashtag, den man sich einfach auf die Pinnwand postet. Solidarität fängt vielleicht mit einem Slogan an, sollte da aber nicht enden.

 

Foto: flickr.com/Tjebbe van Tijen (CC BY-ND 2.0)

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