Französische Webtrends: Mit Humor geht’s besser

Französische Webtrends: Mit Humor geht’s besser

von Sonja Sartor

Es gibt unzählige Internettrends in dieser vernetzten Welt. Die meisten finden ihren Anfang in den sozialen Netzwerken und verbreiten sich wie ein Lauffeuer um den Erdball. Verrückte Ideen, Aktionen und witzige Videos und Fotos, die jeder Nutzer nachahmen kann, erfreuen sich großer Beliebtheit. Unter dem Stichwort Ice-Bucket-Challenge lassen sich Promis und Normalos einen Eimer eiskaltes Wasser über den Kopf gießen, um Spenden für Patienten der Nervenkrankheit ALS zu sammeln. Beim Face-Swap werden durch eine Anwendung zwei Gesichter vertauscht und man kann plötzlich sehen, wie einem beispielsweise das Gesicht der Queen stehen würde. Ganz aktuell erlebt die Facebook-Seite des fiktiven BWL-Studenten Justus einen  großen Hype, denn der schnöselige Pullunderträger verkörpert alle Vorurteile seines Studiengangs und bringt mit seinen arroganten Sprüchen Studenten in ganz Deutschland zum Lachen. Die bekanntesten Internettrends scheinen vor allem aus dem anglo-amerikanischen Raum zu uns herüberzuschwappen.

Woher ein Internettrend ursprünglich stammt, ist eigentlich weniger von Bedeutung, Hauptsache, er macht Spaß. Trotzdem sind gerade französische Internettrends einen Bericht wert, denn sie sagen viel über das französische Volk aus und vervollständigen das Bild der französischen Medienlandschaft, das diese Artikelreihe skizzenhaft abzubilden versucht.

Vie de merde – Was für ein Scheißleben

Franzosen wirft man manchmal vor, arrogant zu sein. Wer der französischen Sprache nicht Herr ist, kommt oft mit Englisch auch nicht weiter in der Grande Nation. Die meisten Franzosen sprechen ungern Englisch, nicht etwa aus Arroganz oder fehlender Bildung, sondern weil sie keine Fehler machen möchten. Das Gesicht zu bewahren, ist überaus wichtig.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Franzosen nicht über eigene Malheure des Alltags lachen können, wie ein französischer Internettrend zeigt. Auf der Seite www.viedemerde.fr können User Anekdoten teilen, die beweisen, dass sie ein vie de merde, also ein „Scheißleben“ haben. Ein Beispiel gefällig?

Der Autor folgender Anekdote hatte richtig Pech: „Nachdem ich wegen der Streiks tagelang ohne Sprit auskommen musste, steht mein Auto nun ein Meter unter Wasser, aber dafür mit vollem Tank. Scheißleben“ (Zum besseren Verständnis: Aktuell werden Tankstellen aus Protest gegen eine Arbeitsreform der Regierung bestreikt, außerdem gab es kürzlich in Teilen Frankreichs Überschwemmungen). Die Nutzer können in Form von kategorisierten Klicks ihre Zustimmung zeigen. So hat der beschriebene Post am 9. Juni 2016 schon über 45.000 Mal die Bestätigung bekommen, dass der Autor ein „Scheißleben“ hat.

Ein Anderer klagt: „Heute hat meine Katze ihr großes Geschäft im Katzenklo gemacht. Dann ist sie auf den Küchentisch gesprungen, um sich den Hintern mit der Spitzentischdecke abzuputzen und ist, als wäre nichts gewesen, wieder hinuntergesprungen. Scheißleben.“

Die Anekdoten sind meistens zwei bis maximal drei Sätze lang und enden mit einer Pointe. Eine Garantie für ihre Wahrheit gibt es nicht, aber sie müssen witzig und dürfen weder rassistisch noch sexistisch sein. Die Themen Tod, Krankheit und Unfälle sind ebenfalls tabu.

Die Seite www.viedemerde.fr ist bis heute noch überaus erfolgreich. Gegründet wurde sie 2008 von dem Programmierer Maxime Valette. In einem anfänglichen Blog schrieb der junge Mann alles nieder, was er täglich an Kuriositäten und Aufregern erlebte. Das Timing war perfekt, denn die Auswirkungen der Finanzkrise traten zu Tage und viele Bürger konnten sich mit dem „Scheißleben“ identifizieren. Laut der Tageszeitung L’Est Républicain erreichte die Seite innerhalb der ersten zwei Monate eine Reichweite von 40.000 Lesern. Eine englische Version der Seite gibt es inzwischen auch, mit dem passenden Namen F my Life.

Internettrends2Was man früher nur dem engsten Kreis erzählt hat, möchte man heute mit so vielen Menschen wie möglich teilen. Die kleinen und großen Aufreger mit der Öffentlichkeit zu teilen, ist eine Art Selbsttherapie, bei der man den Zuspruch und die Anerkennung anderer bekommt. Das Erlebte ist plötzlich weniger dramatisch und wird ins Lustige verkehrt.

Schadenfreude spielt natürlich trotzdem eine Rolle. Wie das Wall Street Journal feststellt, basiert französischer Humor darauf, sich über das Unglück anderer lustig zu machen. Ganz nach dem Motto: Le malheur des uns fait le bonheur des autres“, was dem deutschen Sprichwort „Des einen Freud, des andern Leid“ entspricht. Nicht umsonst gibt es auch auf Viedemerde.fr den Button „Das hast du verdient“

Das ganz normale Stadtleben

Humor mit Augenzwinkern zeichnet auch eine junge Facebook-Seite aus.
Jugendliche, die sich außen an der Straßenbahn festklammern und so eine kostenlose Bahnfahrt einheimsen? Ganz normal in Lyon! Die Facebookseite C’est normal à Lyon (dt. Das ist normal in Lyon) veröffentlicht kuriose Fotos, die zeigen, was scheinbar normal ist in der drittgrößten französischen Stadt. Eigentlich stammt dieses Konzept aus Niort, einer Gemeinde in Poitou-Charentes. Der Facebook-Auftritt über Lyon, der im November 2014 kreiert wurde, hat inzwischen mit 24.000 Likes ingesamt etwa 5000 mehr Likes als die Originalseite über Niort.

Selbst, wenn man so wie ich nur ein paar Monate in Lyon gelebt hat, schaut man sich gerne die Bilder von den ungewöhnlichen Seiten der Stadt an. Man erkennt Situationen wieder, die man selbst erlebt hat und muss schmunzeln. Das Konzept, die typischen Seiten einer Stadt zu zeigen, gibt es natürlich auch in Deutschland. Auf dem Blog „When you live in Berlin“ zeigt eine Engländerin persönliche Stadtmomente, zu denen sie die Filmsequenzen als Gif-Animation einfügt.

Das Schöne an Internettrends ist, egal ob sie aus Frankreich stammen oder nicht, dass jeder Nutzer sie imitieren und daraus etwas Eigenes machen kann. Sie unterhalten und helfen uns, unseren Alltag, so kompliziert und mühsam er auch sein mag,  leichter zu nehmen. Denn Humor ist ja bekanntlich, wenn man trotzdem lacht.

Fotos: flickr.com/joffreydelacour (CC BY-NC-ND 2.0), flickr.com/Duncan Hall (CC BY 2.0)


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