Ein Tisch tourt durch Tübingen

von Sandra Fuhrmann

Ich bin ein alter hölzerner Schreibtisch. Vielleicht kennt ihr mich ja – in der letzten Woche war ich in ganz Tübingen unterwegs. Was? Ihr denkt ein Tisch kann nicht wandern? Nun – das ist völliger Unsinn.

Gleich am Montag hatte sich unser Chefredakteur Alexander Karl mit seinem Laptop vor dem Clubhaus postiert. Zwar schlotterte er in seinem blauen Cardigan ein wenig vor sich hin, Unterhaltung hatte er dafür genug. Nur als einer der Passanten ihn dann fragte, ob er Hölderlin sei, da wirkte Alex doch ein wenig irritiert.

Tübinger Schreibtische“ ist somit eigentlich nicht ganz richtig. Tatsächlich war es nur ein einziger Tisch, der teilweise sogar mehrmals am Tag seinen Standort in der Stadt änderte. Man fand ihn an der Neckarbrücke, beim Baumarkt, auf dem Marktplatz oder am Bahnhof. In der Tat eine erstaunliche Agilität, die dieses nostalgisch anmutende Holzgestell an den Tag legte. Gewechselt hat der Schreibtisch nämlich nicht nur seinen Standort sondern auch die Menschen, die auf ihm schrieben.

Tibor Schneider fühlte sich am Bahnhof so wohl wie in seinem eigenen Wohnzimmer. Sogar einen Kartoffelsalat bekam er geschenkt. Dann noch ein Bierchen dazu – da schreibt es sich doch gleich doppelt so gut.

Die „Tübinger Schreibtische“ sind ein Teil des Projekts „Megafon“ über das media-bubble bereits in einem anderen Beitrag berichtete. Unter ihrem grünen Sonnenschirm strotzten die Tübinger Autoren Wind und Wetter. „Sie sind greifbar, sie sind in Echtzeit und es geht um eine große Offenheit“, sagt Maria Viktoria Linke, die leitende Dramaturgin des Landestheaters, die zusammen mit der Autorin Sandra Hoffmann das Megafon-Projekt leitet.

Die Autoren, die gewöhnlich unsichtbar zuhause in ihren Zimmern schreiben, sollten für Tübingen sichtbar werden – und Tübingen sichtbar machen. Jeder zu einer anderen Zeit und jeder an einem anderen Ort brachten sie ihren Blick auf die Stadt zu Papier – beziehungsweise auf den Bildschirm ihres Laptops. Elf Autoren waren von Montag bis Samstag in der Stadt anzutreffen. Zwei weitere flanierten inkognito durch die Straßen. Am 22. und 23. Juni werden sie ihre Texte im Landestheater präsentieren.

Wer am Mittwochvormittag zufällig am Bürgeramt vorbeispaziert ist, der hat dort mit großer Wahrscheinlichkeit Eva Kissel getroffen – und ist vielleicht unbewusst Teil ihres Textes geworden.

Man konnte sie sehen, man konnte sie vollquatschen oder man konnte sie ausfragen. Letzteres habe ich dann auch bei drei unserer Autoren an Ort und Stelle getan. Und weil es viel spannender ist selbst zu hören was mir Alexander Karl, Tibor Schneider und Eva Kissel alles erzählen konnten, gibt es meine Gespräche mit den Autoren hier als mp3.

Tübingen hallt und schallt – es lohnt sich also reinzuhören

 

Fotos: Jan Andreas Münster

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