Dschungel – und jeder schaut zu. Ein Plädoyer.

von Alexander Karl

Ja, ich gestehe: Ich schaue das Dschungelcamp. Mehr noch: Ich schaue es mit Freude! Ja, ich gebe ganz offen zu: Ich mag es, gescheiterten Pseudo-Schauspielern/Musikern/Models/Selbstdarstellern/Alleinunterhaltern/Fußballern/Rabenvätern zuzusehen, die für maximal zwei Wochen von RTL dafür bezahlt werden, in Australien zu leben. Und damit bin ich auch nicht alleine. Denn 6,5 Millionen andere tun es mir gleich und ergötzen sich über… ja was eigentlich?

Warum Dschungelcamp?

Dschungel – dieser hier aber ohne Camp.

Warum schaut man eigentlich „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“? Wegen der mehr oder weniger bekannten Promis? Dieser Hut ist sowas von alt, aber noch immer nicht aus der Mode. Natürlich leben im TV-Dschungel weder Dieter Bohlen, Veronica Ferres oder sonstige A-Klasse-Promis. Zum einen sind sie dafür (noch) zu gut im Geschäft, zum anderen wäre es auch langweilig. Wir wollen gescheiterte Existenzen sehen, wir wollen von oben herab auf diese Gruppe schauen, die Schulden haben, einfach mal wieder im Fernsehen sein möchte oder warum auch immer sie ins Camp ziehen. Wer will denn schon Sigmar Gabriel, Angela Merkel und Christian Wulff dabei zusehen, wie sie politisch korrekt, humorlos und als Vollprofis Bohnen zubereiten und jeden Kommentar vorab auf die Goldwaage legen?

Doch neben der Befriedigung des menschlichen Voyeurismus wäre da noch etwas, was im Dschungel nicht zu kurz kommt: Die unglaubliche Spitzzüngigkeit von Dirk Bach und Sonja Zietlow. Sprüche wie „Wenn du bei Google ’nackt‘ eingibst, dann kommt da ‚Meinten Sie Micaela Schäfer‘?“ oder „Wenn man die Narben von Micaela sieht, dann hätte man ihr sagen sollen, dass Doktor in Polen ein ganz normaler Vorname ist“ gehen unter die Gürtellinie – aber das weiß jeder der Promis, der sich nach Australien fliegen lässt. Gerade auch bei Micaela Schäfer, Ex-Germany’s-next-Topmodel-Kandidatin, erweckt den Anschein, dass sie ihr Image ganz bewusst pflegt. Wieso sonst würde sie Unterwäsche tragen, die eigentlich zu unrecht als solche bezeichnet wird? Das Dschungelcamp ist, wie Dirk Bach sagt, die Vermittlung von Langzeitarbeitlosen – und das vielleicht sogar erfolgreicher, als es das Arbeitsamt schaffen würde. Ross Anthony, ehemaliger Popstars-Castingband-Sieger, kann davon ein Lied singen: Seit seinem Sieg im Dschungelcamp ist er – wie andere auch – dick im Geschäft.

Doch sich nur über die Pseudo-Stars lustig zu machen, wäre für Zietlow und Bach zu langweilig – sie schießen gegen alle und jeden. So sagte Zietlow: „Das war unsere teuerste Dschungelprüfung, die wir uns auch nur deswegen leisten konnten, weil uns ein befreundeter Unternehmer 50 000 Euro reingepumpt hat.“  Darauf Bach: „„Danke, lieber Herr Maschmeyer! Er hat wohl gedacht, ,Fahrstuhl zur Hölle‘ wäre das neue Buch vom Bundespräsidenten.“ Auch die miesen Quoten von Harald Schmidt werden veralbert, das ZDF und schlussendlich natürlich auch man selbst. Denn ohne Selbstironie kommen Bach und Zietlow nicht aus.

Offenheit und Ehrlichkeit

Nein, das Dschungelcamp ist nicht die Tagesschau, aber das soll sie auch gar nicht sein. Über die Sinnhaftigkeit eines solchen Promi-Zeltlagers darf gerne debattiert werden, Fakt aber ist: Es wird geschaut. Und nicht, weil die Prüfungen exorbitant ekelig, die Stars unglaublich spannend oder das Konzept innovativ ist – sondern, wie das Hamburger Abendblatt schreibt, die Show herrlich offen und ehrlich ist. Wenn Ex-Tic-Tac-Toe-Sängerin Jazzy sagt „Ich bringe gerade keine CD raus, ich drehe keinen Film, und trotzdem bin ich hier“ oder Vincent Raven, Sieger von The-next-Uri-Geller, nach dem Fall in eine Brühe aus toten Tieren von sich selbst angewidert ist und meint: „Ich bin nicht in Scheiße gefallen – ich bin Scheiße, verstehst Du?“ dann ist das einfach nur ehrlich. Wenn Momo-Darstellerin Radost Borkel mit Brigitte Nielsen darüber redet, wie sie an die falschen Männer geraten sind oder Vincent Raven sich weigert, „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ zu sagen, weil er sich nicht als Star sieht, dann ist das, genau: ehrlich. Und toll. Mit den Worten des Hamburger Abendblatts: „[D]as sollte mal einer wagen, der auf der „Wetten-dass“-Couch Platz nimmt.“

Richtig ist das. Und all jene, die sich als zu intellektuell und über den Voyeurismus erhoben sehen, den sei erneut mit den Worten des Hamburger Abendblatts gesagt:

Es gibt Gewinner, Verlierer und Opfer. Samuel Koch ist so eines, der sitzt jetzt querschnittsgelähmt im Rollstuhl. Wer das alles (als Zuschauer) unerträglich findet, sollte es trotzdem wissen, wenn er seinen Fernseher für die „gute“, für die unschuldige weil saubere Unterhaltung einschaltet.

Übrigens: Aktuelle Zahlen belegen, dass gerade bildungsaffine Menschen das Dschungelcamp schauen – teilweise sogar eher als die Tagesthemen.

Foto: flickr/WohinAuswandern (CC BY 2.0)

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.