DJ Jedermann – legal Musikhören im Internet

von Sanja Döttling

Früher wühlten sammelwütige Studenten in verstaubten Plattenläden, bis sie ihren Schatz gefunden hatten. Heutzutage nimmt die persönliche Musiksammlung oft nicht einmal mehr realen Platz ein – sie befindet sich auf der Festplatte und ihre Maßeinheit heißt Gigabyte. Inzwischen gibt es im Internet sogar schlaue Angebote, die die Musiksammlung hinfällig machen. 8tracks.com oder Spotify bieten endlose Musikauswahl – zum Teil auch kostenlos.

Altmodisch-International: Das Radio

Obwohl das eingeschaltete Radio heutzutage meist nur noch als Hintergrundrauschen dient, ist die unrsprüngliche Idee hinter dem Radio lange nicht tot. Sie hat sich nur den Gegebenheiten des Internets angepasst. In der Medienwissenschaft spricht man vom Rieplschen Gesetz: Alte Medien werden niemals vollständig von neueren Medien verdrängt, sondern werden von ihnen aufgegriffen.

Das Internet erweitert den Rahmen des Radios: Heute kann man zum Beispiel auf Seiten wie radio.de Radiosender der ganzen Welt hören – je nach Gusto gibts hier Nachrichten oder Musik – teilweise mit überaschend wenig Werbung. Auch auf den Seiten der Sender selbst ist oft ein Livestream angeboten. Zum Beispiel SWR3 bietet außerdem die Möglichkeit, ausgewählte Sendungen nachzuhören.

Doch in dieser hochindivudualisierten Zeit des Internets sind solche Angebote nicht mehr ganz befriedigend: Denn kommt mal ein Song, den man nicht mag, hat man nicht die Chance, ihn einfach wegzuklicken. Und obwohl das Angebot an Radiosender fast unendlich ist, kann man die Musikauswahl als Rezipient nicht beeinflussen. Deshalb haben sich andere Angebote entwickelt, bei welchen der Rezipient mehr Selbstbestimmung hat.

 Genregebunden-Sozial: Die Playlist

Im Internet hat sich das Radio weiterentwickelt. Am bekanntesten ist Last.fm, die Seite bietet mehr als konventionelles Radio. Ist man dort angemeldet, bewertet das Programm den eigenen Musikgeschmack und schlägt neue Titel vor, die den eigenen Lieblingstitel entsprechen. So stellt Last.fm einen ganz individuellen Radiosender zusammen. Das Schöne: Der Rezipient ist mit neuen Titeln konfrontiert, die er selbst vielleicht nicht gefunden hätte. Nutzer werden hier auch in die soziale Community eingebunden, „musikalische Nachbarn“ mit ähnlichem Geschmack miteinander bekannt gemacht. Im Amerika, Großbritannien und Deutschland ist das Programm kostenlos – in anderen Ländern müssen die Nutzer einen bestimmten Betrag im Monat zahlen. Ähnlich funktionieren auch andere Programme, zum Beispiel Grooveshark oder deezer.com. Die Playlist wird persönlicher und trifft den eigenen Geschmack – das heißt aber auch, dass der Rezipient nicht mehr mit ihm völlig Unbekannten konfrontiert wird.

Ein anderes Beispiel für ein soziales Musikangebot bildet die Seite 8tracks.com. Sie bietet den Nutzern an, selbst Playlists zu erstellen – mit den Lieder aus der Lieblingssendung, in einer besttimmten Musikrichtung oder einen Mix für die nächste WG-Party. Die Playlists lassen sich auswählen und anhören – allerdings können die Lieder hier nicht einzeln angewählt werden. Das Springen zum nächsten Lied ist auch nur begrenzt verfügbar. Diese Einschränkungen erlauben es der Seite, als „Webradio“ zu gelten, während andere Streaming-Plattformen andere Verträge mit den Rechteinhabern der Musik aushandeln müssen.

Individuell-konsumorientiert: Streaming-Bibliotheken mit Flatrate

Vor fast einem Jahr ist der Streamingdienst Spotify auch in Deutschland angekommen. Spotify ist eine Bibliothek mit über 16 Millionen Songs, die nach Download und Anmeldung kostenlos angehört werden können.

Anders als bei Amazon oder iTunes werden die Lieder vom Rezipienten hier nicht gekauft, und sie gehören ihm auch nicht. In der kostenlosen Version von Spotify sind sie verfügbar, solange der Computer mit dem Internet verbunden ist. Manchmal werden sie durch Werbung unterbrochen, denn so finanziert sich das Programm. Nach einem halben Jahr wird die kostenlose Nutzung auf 10 Stunden im Monat beschränkt.

Im Premium-Paket zahlt der Rezipient 9,99 Euro monatlich – und kann Musik unendlich lang, offline und auf mobilen Geräten hören. Eine Flatrate für Musik, das ist die Idee hinter Spotify. Mit ihrem Preis unterbietet die Plattform das alte Modell – ein Lied für durchschnittlich Einen Euro.

Das Angebot klingt atemberaubend und deshalb fragt sich der ein oder andere: Ist das denn auch legal? Überraschende Antwort: Ja, ist es! Spotify hat es, im Gegensatz zu youtube, geschafft, mit der GEMA einen Vertrag auszuhandeln. Wie viel Geld Spotify der GEMA zahlt, ist nicht bekannt.

Doch Spofity ist mehr als nur eine riesige Musikbibliothek auf Abruf. Spotify macht Musikhören zum virtuell-sozialen Ereignis: Über das facebook-Konto angemeldet, kann man sämtliche gehörte Songs seinen Freunden mitteilen. Wer mehr will, kann sein eigener (und anderer Leute) DJ werden, indem er Playlists erstellt. Die können geteilt und von anderen Usern angehört werden.

Auch andere Musik-Streming-Anbieter locken. So zum Beispiel Simfy, Napster oder Rdio. Ihre Preise sind genauso hoch wie die von Spotify – zwischen fünf und zehn Euro im Monat – doch bei ihnen gibt es kein kostenloses Angebot.

 

Fotos: flickr.com/Radio von Fernando Candeias(CC BY-NC-ND 2.0); flickr.com/Jukebox von phphoto2010 (CC BY-ND 2.0)

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.