Die Rache der Minderheiten

Die Rache der Minderheiten

von Marius Lang

illustriert von Henrike Ledig

Thor ist eine Frau. Diese Meldung überflutete am 15. Juli jede Website Deren Nachrichtenfokus auf Comics liegt. Die Reaktionen waren erwartungsgemäß breit gefächert. Auf der einen Seite gab es Befürworter, die diese Meldung als Schritt in die richtige Richtung sahen, auf der anderen Seite die zu erwartenden Buhrufe männlicher Fans, die freilich nichts gegen Frauen haben, aber sie dennoch nicht auf dem Posten des Donnergottes sehen wollen. Marvel hatte erreicht, was sie wollten: Eine Diskussion auf allen Kanälen. Und damit war noch nicht Schluss.

Zwei Tage später folgten Meldungen über Captain America und Iron Man. Ein Schwarzer soll fortan Caps Schild führen. Und aller Welt liebster Alkoholiker, Iron Man, ist schon bald –  derselbe Typ wie zuvor, nur noch unausstehlicher und in einem Kostüm, das aussieht, als sei es die neueste Innovation von Apple. Aber immerhin, eine Frau und ein Afro-Amerikaner übernehmen die Posten von zwei der wichtigsten Helden des Marvel-Universums. Ein mutiger und wichtiger Schritt von Seiten des Verlages. Die neue Auslegung der Helden verspricht eine weitreichende Diskussion und voraussichtlich steigende Verkaufszahlen. Und etwas mehr Diversität tut dem Medium in jedem Fall gut. Erst recht im Hinblick auf die Erfolge des Marvel-Film-Universums.

 

Boy-Group der Gerechtigkeit

Betrachtet  man nämlich die filmischen Avengers einmal, sticht einem sofort ein Überschuss ins Auge. Sieht man von Scarlett Johannsons Black Widow-Darstellung einmal ab, so besteht die zentrale Heldenallianz nur aus weißen Männern, Nick Fury (Samuel L. Jackson) ausgenommen, der allerdings auch nicht Mitglied des eigentlichen Teams ist. Die Rächer wirken im wesentlichen wie eine 90er Jahre Boy Group der Gerechtigkeit. Und auch die bislang bestätigten Marvel-Filme der Zukunft geben wenig Hoffnung auf ein breiter aufgestelltes Team. Ob auch Marvels Filmuniversum sich den neuen Gegebenheiten anpasst wird sich zeigen. Und auch, ob es überhaupt nötig wird, sich auf lange Sicht anzupassen. Nun stellt sich aber die Frage, wie die Comics den Neuanfang aufbauen werden.

 

Armer arbeitsloser… wer auch immer

Da ist zunächst einmal die neue weibliche Thor. Sie stellt die größte momentane Zäsur des Marvel-Universums dar. Denn wie Marvels Editor Will Moss klarstellt ist sie nicht etwa eine Vertretung des Gottes sondern der wirkliche, einzige Thor. Sie trägt den Namen, den Hammer und die Kräfte des Asen. Und der künftige Autor der Reihe, Jason Aaron, fügt hinzu: „This is not She-Thor. This is not Lady Thor. This is not Thorita. This is THOR. This is the THOR of the Marvel Universe. But it’s unlike any Thor we’ve ever seen before.” Der Plan sieht vor, dass der bekannte Thor es nicht mehr wert ist, seinen Hammer zu tragen und eine Frau, noch ist unklar, wer es sein wird, sich dagegen der Waffe des Donnergottes als würdig erweist. Und die Comics sehen vor, dass wer immer sich des Hammers als würdig erweist, Thors Kräfte und Identität übernimmt. Allerdings ist auch noch nicht klar, was dann aus dem alten Thor wird, noch weiß man, wie er fortan genannt wird, wo ihm doch auch der Name genommen wurde. Klar ist nur, dass die Figur des ehemaligen Thor nicht aus der Kontinuität verschwinden wird.

 

Sam Wilson: Vom Falcon zum Captain

In Captain Americas Fall liegt die Sache klarer. Der neue Träger des Schildes wird Sam Wilson, Caps langjähriger Freund und Partner, vormals The Falcon. Steve Rodgers, der momentane und ursprüngliche Captain America wird zu alt für seinen Job und das Superheldenserum, welches seine Kräfte erweiterte, verliert seine Wirkung. Sam Wilson ist ein logischer Nachfolger: Die beiden kennen sich seit Jahren und Wilson genießt Rodgers vollstes Vertrauen. Doch Falcon ist nicht der erste, der das Schild von Rodgers übernimmt. Er ist noch nicht einmal der erste Schwarze. Erst vor wenigen Jahren starb der Steve Rodgers (vorübergehend) und sein Sidekick aus dem zweiten Weltkrieg, Bucky, übernahm den Posten seines Mentors. und die Rolle des ersten schwarzen Captains geht an Isaiah Bradley. Insofern ist die Neuinterpretation des Captains nicht überraschend.

 

iPod Man

Iron Mans große Änderung ist in jeder Hinsicht die unwichtigste der drei Helden. Sein Kostüm wird geändert, es sieht nun weit weniger gut aus, zudem zieht er nach San Francisco und scheint sich dort nicht beliebt zu machen. Seine Neuinterpretation ist jedoch voraussichtlich die mit der längsten Halbwertszeit, denn ein Sympath war Tony Stark nie und eine Veränderung am Kostüm eines Superhelden ist keine Seltenheit. Schlechter sieht es dagegen für die anderen beiden aus.

Zunächst war da der Aufschrei in weiten Kreisen der Fans: eine Frau als Thor, ein Schwarzer als Cap. Nein. Die Szene offenbarte, wie leider so oft, ihr von Sexismus und Vorurteilen geprägtes Weltbild. Aber um die Wahrheit zu sagen, Rassisten, Sexisten, ihr könnt euch beruhigen, das Ganze ist nicht für die Ewigkeit. Marvel sagt zwar, es sei kein Gimmick, doch glauben muss man das nicht. In Captain Americas Fall haben schon einige andere Steve Rodgers Posten übernommen. Aber über kurz oder lang übernahm bisher jedes Mal letzerer wieder sein Schild. Und auch Thor wird früher oder später seinen Hammer (und seinen Namen) zurückerhalten. Das ist der Lauf der Superhelden-Comics. Doch die Avengers ein wenig diverser zu gestalten, das ist grundsätzlich eine gute Idee. Leider aber keine, die mit langer Haltbarkeit gesegnet sein wird. Aber wer weiß, vielleicht ist die Zeit reif, dass sich die Comicszene weiterentwickeln kann. Vielleicht können sich alle irgendwann an die neuen Heldenkonzepte gewöhnen. Bis auf das neue Kostüm von Iron Man natürlich. Das sieht einfach furchtbar aus.

 

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