Der Reiz der Dystopie

Der Reiz der Dystopie

Warum sie gerade jetzt wieder einen Boom erlebt

Von Antje Günther

Einige Zeit war es still um sie geworden, doch in den letzten Jahren boomt die Dystopie wie nie zuvor. Was ist es, was dieses Genre gerade heute so erfolgreich macht?

Culture of fear und die Dystopie

Artikel 10 (2)Ein möglicher Grund ist die aktuelle gesellschaftliche Situation. So ungreifbar und zahlreich wie heute war die Bedrohung noch nie. Sah man früher der Gefahr mehr oder weniger direkt ins Auge, so versteckt sie sich heute im Untergrund – oder im Internet. Auf den ersten Blick erscheint dies eine logische Erklärung, verfehlt aber im Kern das Problem. Denn das Leben heute ist nicht risikoreicher als vor einigen Jahren. Im Gegenteil: Wir leben länger als früher, sind gesünder und viele Sachen, die früher große Probleme darstellten, sind heute mit einfachsten Mitteln zu lösen. Was sich geändert hat, ist die Perspektive, die Betrachtung und Einschätzung von Risiken. Wir leben in einer Zeit die Furedi 1998 und Glassner 1999 als „Culture of Fear“ bezeichnet haben, eine Kultur der Angst, in der die banalsten Tätigkeiten plötzlich zum Risiko erklärt werden. War Busfahren lange Zeit eine Sache, der man ohne Bedenken nachging, so kursieren heute die Warnungen vor Taschendieben und Gewalttätern, die einen ausrauben könnten. Dasselbe gilt für Lebensmittel, die wahlweise voll von Antibiotika, Bakterien oder Schadstoffen sind.

Diese Atmosphäre permanenter Bedrohung nutzt die Wirtschaft aus und so boomt nicht nur die Sicherheitsindustrie mit ihren Alarmanalagen und Überwachungskameras. Auch die Dystopie und andere kulturelle Angebote profitieren davon, in dem sie genau an dieser Angst ansetzen. Sie führen dieses Denken, die Verehrung von Sicherheit, konsequent zu Ende, zum Beispiel in Form totalitärer Überwachung. Die Dystopie ist im Moment vor allem deswegen so erfolgreich, weil sie so wahrscheinlich erscheint, die Motive der totalitären Herrscher so nachvollziehbar sind und weil sie so nah am Zeitgeist ist, wie vielleicht noch nie.

Der Boom der Young Adult Dystopie

Aber es ist nicht nur die Dystopie im Allgemeinen, die boomt, sondern im Besonderen die Young Adult Dystopie. Nach den Vampiren und übernatürlichen Kreaturen sind es nun Dystopien, die den Markt für junge Leser überschwemmen. Doch es sind längst nicht nur Jugendliche, welche sich für die Geschichten um Katniss und Co. begeistern. Auch immer mehr Erwachsene greifen zu Büchern, die ursprünglich an ein jüngeres Publikum gerichtet waren. Dieses Phänomen, genannt Crossover Literatur, findet sich nicht nur im Bereich der Dystopie sondern auch in vielen anderen Young Adult Genres, angefangen mit der Harry Potter Reihe oder aber auch Klassikern wie Alice im Wunderland oder Lord of the flies, die ebenfalls für Kinder bzw. Teenager gedacht waren.

Artikel 10 (1)Der Trend, als Erwachsener Jugendliteratur zu lesen, liegt dabei vermutlich in den Merkmalen des Genres und den gesellschaftlichen Zuständen begründet. Die Young Adult Literatur beschäftigt sich in ihrem Kern mit dem Erwachsenwerden, der Pubertät; einer Phase voller Umbrüche und Veränderungen. Es ist eine Zeit, in der die eigene Identität geformt wird; eine Zeit, in der Fragen wie „wer bin ich?“ und „was will ich eigentlich?“ eine zentrale Rolle spielen. Die jugendlichen Protagonisten müssen ihren Platz in der Welt erst noch finden und erkennen, was für sie wichtig ist.

Gerade diese Identitätssuche ist aber in der Postmoderne kein Phänomen mehr, das ausschließlich auf die Jugend beschränkt ist. Durch den Wegfall von festen Identitätsgrößen wie der Kirche und der Standesgesellschaft, liegt es nun am Individuum selbst, seine Identität zu bestimmen. Das postmoderne Subjekt, wie Stuart Hall es formuliert, ist fragmentiert und setzt sich aus mehreren, sich manchmal auch widersprechenden Identitäten zusammen. Identität ist nun etwas, das kontinuierlich gebildet und verändert wird, sodass sich die Erlebnisse des postmodernen Subjekts in seiner Identitätssuche an die eines Jugendlichen annähern. Die Verwirrung über die eigene Identität ist somit nicht nur etwas, das die jungen Leser nachvollziehen können; es ist zu einer Art Modus des gesamten Lebens geworden.

In dieser Kombination von gesellschaftlichen Zuständen, in denen Sicherheitswahn und Identitätssuche unser Leben bestimmen, scheint es wenig verwunderlich, dass gerade die Young Adult Dystopie unsere Bücherregale füllt. Sie verbindet das zentrale kulturelle Thema von Risiko und Sicherheit mit einer Narration über das Erwachsenwerden; über eine Phase, die in unserer heutigen Gesellschaft nie ganz abgeschlossen zu sein scheint.

Fotos: flickr.com/Magdalena Hörmann-Prem (CC BY 2.0), flickr.com/elycefeliz (CC BY-NC-ND 2.0), flickr.com/Dominic Sayers (CC BY 2.0)


Weiter Artikel dieser Reihe:

Wie man mit sechs Werkzeugen eine dystopische Gesellschaft erschafft

Pubertätsnöte und Regimekämpfe – Die Teenager erobern die Dystopie

Der Silberstreif am Horizont: Die kritische Dystopie

Das große Lied vom Scheitern

Von Unterdrückung und Gedankenkontrolle – Das Genre Dystopie

Big Brother is still watching you – Dystopie in den Medien

Die Young Adult Dystopie – nur noch Kitsch?

Die Dystopie auf der Leinwand (1)

Die Dystopie auf der Leinwand (2)