Der Mensch und das bewegte Bild

von Ricarda Dietrich

„Der Film hat keine Zukunft“ (Louis Lumière, 1901)

8083141718_bbc0220e34_zWie falsch Louis Lumière mit diesem Zitat lag, lässt sich heute eindeutig erkennen. Film ist inzwischen in fast jeden Bereich unseres Lebens eingedrungen, wir können uns ihm nicht mehr entziehen. Die Filmlandschaft ist seit den Anfängen stetig gewachsen und bietet heute ein sehr breites Angebot, das wir auf unterschiedliche Weise und aus verschiedenen Gründen nutzen.

Jeder, der sich mal mit den Anfängen des Films beschäftigt hat, kennt die Legende: Als 1896 der Kurzfilm „L“Arrivee d“un train en gare de La Ciotat“ („Die Ankunft eines Eisenbahnzuges im Bahnhof La Ciotat“) der Lumière-Brüder zum ersten Mal vor Publikum gezeigt wurde, sind die Besucher panisch aufgesprungen und vor der riesigen Lok davongelaufen. Sie waren nicht an das bewegte Bild auf der Leinwand gewöhnt und hatten Angst von einer realen Lok, die durch den Raum fährt, überfahren zu werden.

Heute belächeln wir diese Reaktion. Kinder werden heute schon von Geburt an mit Bewegtbild konfroniert und auch die ältere Generation ist mit Film in jeglicher Form vertraut. Film ist inzwischen in fast jeden Teil unseres Lebens eingedrungen. Seine Erfindung vor 130 Jahren hat die Menschheit nachhaltig und unwiderrufbar verändert.

130 Jahre Film

9414002494_5c6917207f_zBis dahin hat der Film allerdings eine lange Strecke zurückgelegt. Technischer Fortschritt führte zu einer stetigen Entwicklung und man kann nur rätseln, ob irgendwann einmal alles erfunden sein wird, was das Erleben einer Handlung noch realistischer macht. So gab es die Schritte von Stummfilm zu Tonfilm, von schwarz-weißen Bildern zum Farbfilm. Bildformate änderten sich, Soundsysteme wurden verbessert und inzwischen kann man Filme in 3D oder sogar 4D erleben. Doch nicht nur der Film selbst, auch die Aufnahme- und Abspielmöglichkeiten haben eine lange Entwicklung hinter sich und sind noch lange nicht am Limit angekommen. Dass es in den 50er Jahren eine Sensation war, ein Fernsehgerät im Haus zu haben, können wir uns heute nur noch schwer vorstellen. Jedes Smartphone, jeder Laptop und jedes Tablet können inzwischen mühelos Filme abspielen. Man ist nicht mehr ans Kino als Ort, sowie an das Programm, was grade gezeigt wird, gebunden, sondern kann auf Streaming-Seiten und Video-Plattformen wie Youtube jederzeit und an jedem beliebigen Ort anschauen, was einen wirklich interessiert und nicht das, was nun einmal gerade gezeigt wird. Genauso ist es inzwischen jedem Individuum möglich, selbst Filme herzustellen und zu verbreiten. Dabei sollte man sich hin und wieder vor Augen führen, wie komplex, aufwändig und teuer die Produktion von Filmen vor einigen Jahrzenten noch war.

„Die Simpsons“ oder doch eher „A Clockwork Orange?“

Warum wenden wir uns welchem Format des Films zu? Es kommen schnell die offensichtlichen Gründe in den Sinn. In allererster Linie wollen wir unterhalten werden, wenn wir den Fernseher einschalten. Es bedeutet, wir haben nun Freizeit, was jetzt folgt soll nichts mehr mit Arbeit zu tun haben. Je nach Situation suchen wir dann einen Film, eine Serie oder Show aus, die uns hilft zu entspannen, die uns unterhält oder uns informiert. Manchmal will man auch einfach für eine Weile in eine andere Welt eintauchen, die aufregender ist als unsere eigene oder in der es ganz andere Probleme gibt als in unserem eigenen Leben.

Ein wichtiger Begriff bei der Wahl des Mediums und Formats ist das „Mood-Management“. Diese Theorie wurde 1988 von Dilf Zillmann erstmals formuliert und besagt, dass Medien nicht nur Informationen vermitteln, sondern auch Gefühle stimulieren. Der Rezipient versucht daher mit der Wahl des zu rezipierenden Formats den eigenen Stimmungszustand zu manipulieren. Es wird davon ausgegangen, dass sich die Stimmung des Rezipienten an die Stimmung des Films anpasst. Ziel der Rezeption von Film ist dabei ein innerer Spannungsausgleich. Ist man also schlecht gelaunt, da man Langeweile hat, dann sucht man einen Film oder eine Serie mit spannendem Inhalt aus. Kommt man gestresst von der Arbeit, sucht man ein beruhigendes Format, das entspannend wirkt. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Zuwendung zu bestimmten Formaten gut erklären.

Vorschau auf die nächsten Folgen

Die folgenden Artikel sollen die unterschiedlichen Formate, in denen wir Bewegtbild rezipieren, beleuchten. Sie sollen einen kurzen Blick auf die Geschichte der Formate werfen und heute, im digitalen Zeitalter, nach der Bedeutung für die Zuschauerschaft fragen. An diesem Punkt kommt, unter anderem, das Mood-Management ins Spiel: Mit all den Angeboten, mit denen sich der Mensch heute konfrontiert sieht, wie schaffen es die verschiedenen Formate nebeneinander zu existieren? Es gibt Serien, Blockbuster, Vines, Polit-Shows, Katzenvideos und vieles mehr, denn sie bedienen alle andere Bedürfnisse. Diese sollen in den nächsten Wochen ein bisschen näher betrachtet werden. Jeder Leser wird sich und seine Verhaltensweisen irgendwo wiederfinden, denn das ist das Schöne an dem Thema: Es gibt niemanden mehr in Deutschland, der sich dem Film, in welcher Form auch immer, entziehen kann. Das hat einen einfachen Grund: Bilder lassen sich kognitiv besser verarbeiten als Worte. Daher findet man mittlerweile zum Beispiel auf der Internetseite vieler Unternehmen einen Kurzfilm, der die Firma vorstellt. Warum einen langen Text schreiben, wenn man auch mit einem Zweiminüter alles sagen kann? Und wir wissen ja alle: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte!

Dennoch natürlich viel Spaß beim Lesen!

Fotos: flickr.com/ynetbot (CC BY-NC-SA 2.0), flickr.com/Marko Kudjerski (CC BY 2.0)