Der Kommunikationszwang

von Alexander Karl

Piepsende Smartphones und aufploppende Facebook-Nachrichten gehören längst zum Alltag eines Digital Natives und auch vieler Digital Immigrants. Sie sind es gewohnt, ihr Leben im Netz darzustellen und dort oftmals auch (weiter)zuleben. Doch zeitweise scheint dieses Leben zu einem Kommunikationszwang zu werden, der uns Dank unserer smarten Telefone überall hin begleiten kann.

Mit „LG ; -) Wie wir vor lauter Kommunizieren unser Leben verpassen“ ist nun ein Buch erschienen, das sich genau mit dieser Thematik befasst (siehe Rezension). Die Autorin des Buches, Nina Pauer, Jahrgang 1982, arbeitet als Redakteurin im Feuilleton der ZEIT.

Im Interview mit media-bubble.de spricht die Autorin über Facebook, Offline-Romantik und Wege aus dem Kommunikationszwang.

Frau Pauer, Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie die neuen Kommunikationsformen immer mehr unser Leben bestimmen. Wie oft am Tag checken Sie Ihre Mails und Ihre Facebook-Seite?

Ehrliche Antwort? Ich habe keine Ahnung – es ist viel zu oft, um es zu zählen.

Haben Sie schon einmal überlegt, Ihren privaten Facebook-Account zu kündigen?

Nein, ehrlich gesagt nie. Aber ich habe sehr oft darüber nachgedacht, wie ich mich von Facebook distanzieren kann, um es gesünder zu nutzen. Zusätzlich zum privaten Account habe ich ja auch noch einen Autorenaccount, also noch eine virtuelle Identität mehr…

Sie kritisieren in Ihrem Buch vor allem, dass man immer und überall erreichbar ist und technische Geräte wie Smartphones fester Bestandteil unseres Lebens sind. Kann man sich gegen diese Entwicklung überhaupt noch wehren, ohne im Job und im Privaten isoliert zu sein oder isoliert zu werden?

Ich bin mir sicher, dass man das kann. Man muss nur wieder den Zustand herstellen, dass wir diese Sphären und Geräte steuern und nicht umgekehrt sie uns. Wir müssen nicht andauernd erreichbar sein, unsere Freunde und Kollegen und Bekannte werden es ganz sicher respektieren, wenn wir unser Verhalten ändern. Wir müssen es uns und ihnen nur antrainieren, indem wir unser Kommunikationsverhalten drosseln.

Denken Sie, dass wir eines Tages genug vom Internet haben und uns wieder auf die Offline-Welt zurückbesinnen?

Nein, ganz sicher nicht. Ich glaube nicht an diese „Offline-Romantik“ à la: Stecker ziehen und dann haben wir unser eigentliches, wahres, wirkliches Leben zurück. Unser Leben passiert ja auch online, wir halten dort Beziehungen am Leben, beginnen oder beenden sie. Mit dem Internet ist es deshalb wie bei der Erfindung des Telefons: es ist einfach ein neues Medium und das wird sich nicht wieder abschaffen lassen. Ich denke auch nicht, dass das erstrebenswert ist. Das Internet ist ja nicht per se böse. Wir sind nur in der Anfangsphase, in der wir noch nicht wirklich mit diesem neuen Medium klar kommen.

Was sind Ihre Tipps, um sich Freiräume aus dem Kommunikationszwang zu schaffen?

Für mich heißt die Lösung „Intervallkommunikation“. Das heißt, Pausen zwischen dem Abrufen von Twitter, Facebook, den Emails einzulegen, das Telefon mal nicht mit zum Einkaufen oder Kaffeetrinken gehen. Solche kleinen Übungen reichen ja schon, um das Gefühl wiederzuerlangen, dass wir die Kontrolle über die Situation haben und nicht andersherum alles auf uns einprescht ohne das wir es steuern können. Und ansonsten: Yoga, Schwimmen gehen, irgendeine Art von Aktivität eben, bei der man nicht mal eben nebenbei noch schnell eine Nachricht schreiben kann.

Rezension: Nina Pauer: „LG ; -) Wie wir vor lauter Kommunizieren unser Leben verpassen“

Mit „LG ; -)“ ist Nina Pauer ein unterhaltsames Buch gelungen, in dem sich wohl viele Digital Natives (und Digital Immigrants) wiedererkennen: Ständige Erreichbarkeit ist in vielen Momenten äußerst nützlich und angenehm, hat aber auch seine Schattenseiten. Die Protagonisten des Buches bewegen sich zwischen dem Wunsch nach Kommunikation und gleichzeitiger Ablehnung derselben. So sorgt das Ausbleiben von Nachrichten für Unruhe, das Vorhandensein aber auch für Stress. Nina Pauer gelingt es, den Lesern einen Spiegel vorzuhalten, der schlussendlich klar macht, dass man selbst das Kommunikationsverhalten bestimmt.

Nina Pauer: „LG ; -) Wie wir vor lauter Kommunizieren unser Leben verpassen“. S. Fischer Verlag. 240 Seiten. ISBN: 978-3100606303. 14,99 Euro. Erschienen am 26. September 2012

 

Foto: flickr/webtreats (CC BY 2.0); Foto Nina Pauer: Dennis Williamson; Buchcover: S. Fischer Verlag

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.