Da nuffzuas gaht’s zur Kirch

von Sanja Döttling

Der Pfarrer Kai-Uwe Köster schnauft mit letzter Kraft den Wengert hoch. Da ist nämlich seine Kirche, in Oberrieslingen. Kaum oben, muss er den Berg schon wieder runter: In Unterrieslingen liegt nämlich der alte Rossbauer im Sterben. Ankommen tut er da fast zu spät, denn der Weinbauer Häberle reist ihn erstmal vom frisch geliehenen Moped und überhäuft den armen Norddeutschen mit einer schwäbischen Schimpftirade, die sich gewaschen hat und die der gute Mann Gottes glücklicherweise nicht versteht.

Sehr schnell findet er aber zwischen angrifflustigen Hunden, Hasch rauchenden Teenies, verheimlichten Schwangerschaften und Kräuterhexen eines heraus: Warum sein Vorgänger eines morgens näggat vor der Kirche saß und sich für einen Auerhahn gehalten hat.

Dialekt gehört zum guten Ton

2012 erschien in den deutschen Kinos der Film „Die Kirche bleibt im Dorf“. Er erzählt die Geschichte der beiden verfeindeten schwäbischen Dörfer Ober- und Unterieslingen. Nur widerwillig teilen sich die zwei Ortschaften Kirche und Friedhof. Die nun erschienene gleichnamige Serie erzählt die Vorgeschichte dieses regionalen Kleinkriegs. Letzte Woche startete sie im SWR, die Folgen sind Online abrufbar

Lokalklorit hat in den letzen Jahren Schule gemacht. Die bayrische Komödie „Wer früher stirbt ist länger tot“ war 2006 auch über Bayerns Grenzen hinaus ein Kinoerfolg. Auch im Serienformat ist Mundart angesagt. „Dahoam is Dahoam“, wieder aus Bayern, hat den Dialekt im Fernsehen etabliert. Und nun folgen die Schwaben.

Schwäbisch für Anfänger

Doch die neue Serie ist mehr als nur die schwäbische Sprache. Sie bringt schon in den ersten beiden Folgen gut auf den Punkt, was als typisch für die Schwaben gilt: Grummeligkeit, der Hang zum verniedlichten Schimpfen und prinzipielle Ehrlichkeit um jeden Preis. Wer aus dem Ländle kommt, der muss schon bald hie und da zustimmend nicken, wenn schwäbische Eigenarten humorvoll übertrieben dargestellt werden. Und den Neigschmeckten wird es wohl so gehen wie dem norddeutschen Pfarrer Köster (nachfolgend als „Köschder“ ins Schwäbische übertragen), der erstmal nur Bahnhof versteht (Nicht mal den gibt es in den beiden Rieslingen – der gute Mann muss ja deshalb aufs Moped umsteigen). Da werden Tote lieber heute als morgen beerdigt, alte Feindschaften weiter fein säuberlich gepflegt und schwäbische Hilfsbereitschaft drückt sich durch ein gebelltes „GEHTS?“ aus.

Doch die Serie ist mehr als ein schwäbisches Sittengemälde. Von wegen, die Deutschen (und die Schwaben im Besonderen) sind unlustig! Die Serie überzeugt schon bald durch den detailreichen Humor, der nicht nur durch sprachliche Barrieren, sondern auch durch feinen Landgeruch zustande kommt. In Rieslingen rückt die Feuerwehr (der Ein-Mann-Verein bestehend aus dem Schweinebauer) noch mit dem Traktor aus. Und den Joint raucht man am besten im Beichtstuhl.

Auch die Leistungen der Schauspieler sind durchweg spitzenmäßig und bieten ein entspannt hochwertiges Gegenprogramm zur Scripted Reality der Privaten und den eingestaubten Serienformaten der öffentlich-rechtlichen. Von gemächlicher Dorfidylle ist hier wenig zu spüren: Neue Ereignisse, Probleme und Geheimnisse scheinen sich geradezu aufzutürmen, die halbe Stunde pro Folge vergeht im Flug. Die Serie ist durchweg spannend und dramatisch und macht es dem Zuschauer leicht in die Handlung einzusteigen ohne gleich am Anfang zu viel zu verraten. Keine Spur also von der langsamen Schwarzwaldfamilie „Fallers“, die ja auch aus dem SWR kommt.

A’gucka!

„Die Kirche bleibt im Dorf“ ist ein Kleinod des SWR, das ganz sicher nicht im Dorf bleiben sollte. Nicht nur für wahre Schwaben, auch für Deutsche, die nicht aus dem Ländle kommen, lohnt sich das reinschauen. Ein Schwäbsich-Wörterbuch hilft denen natürlich. Das SWR setzt hier auf eine qualitativ hochwertige, an das junge Publikum gerichtete Serie und macht das überraschend gut.

Die nächsten zwei Folgen laufen heute um 20.15 Uhr im SWR. Allerdings gibts alle Folgen jetzt schon online, wenn auch etwas versteckt auf der Internetseite zur Serie.

 

Bilder: SWR/Fortune Cookie Filmproductio


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