Feindbilder in den Medien: eine Schlussbetrachtung

von Lara Luttenschlager

Feindbilder sind unsere täglichen Begleiter. In den Medien begegnen wir ihnen beim Surfen auf Facebook, beim morgendlichen Lesen der Zeitung oder wenn wir abends bequem auf dem Sofa einen Action-Thriller anschauen. Wo und warum wir Feindbilder in den Medien finden, war Thema dieser Artikelreihe.

Ein Mittel zur Selbstbeschreibung

Ein Grund dafür, warum wir Feindbildern so oft begegnen, ist ihre identitätsbildende Funktion. Indem Menschen sich von anderen abgrenzen, definieren sie, was sie sind oder zumindest sein wollen. Dies geschieht meist über die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nationalität, Ethnie oder sozialen Gruppe. Selbst- und Fremdbeschreibungen ist deshalb etwas Normatives inne – und da wir selber ja lieber besonders toll sein wollen, verorten wir die negativen Attribute lieber bei anderen Gruppen. Feindbilder als Deutungsmuster ordnen also anderen Gruppen pauschal negative, kollektive Eigenschaften zu, helfen uns so bei der Bildung der eigenen Identität und reduzieren die Komplexität unserer Umgebung. Dabei bewirken sie meist ein Gefühl des Bedrohtseins, bei dem wenig hinterfragt wird, ob dies überhaupt gerechtfertigt ist.

Zur Rolle des Internets

Welche Implikationen die wachsende Bedeutung des Internets bei der Verbreitung von Feindbildern hat, damit beschäftigten sich ein Artikel über Amateurvideos in bewaffneten Konflikten und ein Artikel über das Slut-Shaming. So haben Amateure in den Krisengebieten der Welt schon längst die Wunderwaffe Handyvideo für sich entdeckt und haben nun nicht nur die Möglichkeit, auf ihr Leid aufmerksam zu machen, sondern auch gezielt den Gegner zu diskreditieren und an die Emotionen der Rezipienten zu appellieren, um Empathie und Unterstützung zu bekommen. Das Internet bietet also einen neuen Entstehungs- und Verbreitungsort für Feindbilder. Gleichzeitig ist dort in den letzten Jahren eine Art digitaler Pranger entstanden, wo Menschen jene diffamieren und beleidigen, die ihrer Meinung nach zu einer Gruppe Menschen gehören, welche gegen bestimmte Normen verstößt. Die indirekte Form der Kommunikation und der hohe Anonymitätsgrad im Internet bewirken hier eine Verringerung der Empathiefähigkeit, wodurch die Reaktionen der Öffentlichkeit oft besonders heftig ausfallen. Slut-Shaming, eine Form des Cybermobbings, bei dem Frauen, die angeblich zu freizügig leben oder gekleidet sind, mit Beleidigungen überhäuft und ausgelacht werden, ist da leider keine Seltenheit mehr.

Feindbilder passen in ihre Zeit

Diese Reihe hat sich außerdem mit aktuell besonders beliebten Filmfeinden auseinandergesetzt, darunter vor allem künstliche Intelligenz und lateinamerikanische Drogenkartelle. Filmfeinde erfüllen wichtige dramaturgische Funktionen, da sie wichtig für den Aufbau des Spannungsbogens sind und den Gegenpart zum bewundernswerten Helden spielen, mit dem wir uns identifizieren. Dabei bedienen sich Filme und Serien oft aktueller Feindbilder und bauen sie mit auf. Das sieht man unter anderem daran, dass Darstellungen und Eigenschaften von Filmfeinden meist den aktuellen Feindbildern einer Gesellschaft entsprechen. Angesichts des technischen Fortschritts und der Entwicklung immer intelligenterer Maschinen versucht der Mensch durch Science-Fiction-Filme seine Identität neu zu definieren und kämpft auf der Leinwand gegen böse, menschenähnliche Roboter. Er kommt zu dem Schluss, dass Maschinen zwar vielleicht bald in vielen Gebieten besser sind als er, aber moralisch immer unterlegen sein werden. Am Feindbild lateinamerikanischer Drogenkartelle andererseits, das seit einigen Jahren Einzug in amerikanische Produktionen Einzug findet, lässt sich erkennen, wie Feindbilder in Unterhaltungsmedien politischen Debatten und Legitimationsdiskursen folgen.

Zur Verantwortung der Medien

Mit einem der wohl aktuellsten Beispiele für die politischen Implikationen bei Feindbildern befasste sich ein Artikel über das Feindbild Islam, das zu erheblichen Teilen durch die Medien verbreitet wird. Hier wird die Verantwortung der Medien deutlich, die durch ihre Bilderwelten und selektive Berichterstattung, welche sich oftmals an dem Nachrichtenfaktor „Negativereignis“ orientiert, soziale Ängste und Vorurteile fördern. Deutlich machte die Betrachtung des Feindbild Islam auch, welche Abgrenzungs- und identitätsbildende Funktion Feindbilder für uns erfüllen können.

Doch Medien können auch genau die umgekehrte Funktion erfüllen, wie ein Artikel über Culture-Clash-Komödien zeigte: Indem diese Protagonisten aus verschiedenen Kulturen oder sozialen Schichten mit all ihren Eigenheiten und Vorurteilen aufeinanderprallen lassen, entlarven sie das Überlegenheitsdenken und die Verschlossenheit der Menschen. Sie lassen unsere Feindbilder und jene, die sich zu stark an ihnen festklammern, zur Lachfigur werden. Denn Humor hilft uns dabei, die Situationen mit mehr Abstand zu betrachten und einzuordnen – und lässt auch noch ein Verbundenheitsgefühl entstehen, wenn wir alle über die gleichen Dinge lachen können.

Und deshalb:

Feindbilder dienen uns als Hilfsmittel zur Definition unserer eigenen Identität und bilden kollektive Negativbeschreibungen anderer Gruppen, die unserem eigenen Selbstbild schmeicheln sollen. Diese Vorurteile teilen die Welt in „wir“ und „die Anderen“ ein und sehen keine einzelnen Menschen, sondern nur noch das schlechte Kollektiv. Eine pauschale Schuldzuweisung kann einzelnen Menschen gegenüber nur ungerecht sein. Als Teile von Diskursen bedingen Feindbilder zudem private und politische Handlungsoptionen und haben deshalb enorme soziale und politische Auswirkungen. Zeigen sollte diese Artikelreihe deshalb vor allem, wie allgegenwärtig Feindbilder sind – und dass ihr bewusstes Hinterfragen selbst bei der Rezeption von scheinbar unverfänglichen Unterhaltungsmedien nur mehr als sinnvoll sein kann.

Foto: flickr.com/ Daniel Horacio Agostini (CC BY-NC-ND 2.0)


Alle Artikel dieser Reihe:

Wenn Aladdin zum Feind wird

Feindbilder in den Medien

Skrupellos, gerissen, unentbehrlich: Filmfeinde

Verpixelte Augenzeugen – Amateurvideos in politischen Konflikten

Künstliche Intelligenz: Unsere Angst vor der „Robokratie“

Slut-Shaming: Wenn sich der Mob zur Moralpolizei erhebt

Islamfeindlichkeit: Der Medien-Verkaufsschlager

Hollywood im War on Drugs

Beim nächsten Kulturschock: Lachen bitte!

Viral! Die Macht des Storytelling

Die digitale Öffentlichkeit liefert ein Riesen-Reservoir an Geschichten – vom Marketing-Hit eines Supermarktes bis zum Terror-Video, vom Clickbait-Trash und Extremsport-Clip bis hin zum millionenfach geteilten Foto, das eine Weltgemeinde rührt. Das Phänomen der Viralität ist nichts anderes als Storytelling unter digitalen Bedingungen.

Über dieses Thema hielt der Tübinger Professor für Medienwissenschaft Prof. Dr. Bernhard Pörksen Anfang Mai auf der Republica in Berlin folgenden Vortrag:

Die Crème de la Crème des Autorenkinos

von Sonja Sartor

Wenn Frankreich die großen Namen, aber auch die Newcomer der Filmwelt nach Cannes einlädt, scheinen die Wettbewerberländer in der Hoffnung das Geschehen mitzuverfolgen, dass auch auf sie etwas Glanz abfalle. Am Sonntag, den 22. Mai 2016, gingen die 69. Filmfestspiele von Cannes zu Ende.

Eine hochkarätige Jury

Dieses Jahr bestand die Jury der Spielfilme aus vier weiblichen und fünf männlichen Filmgrößen. George Miller hatte die Rolle des Jurypräsidenten inne. 2006 wurde der australische Regisseur für „Happy Feet“, ein Film über tanzende Pinguine, mit dem Oscar für den besten Animationsfilm geehrt. Seine Filmografie ist beeindruckend: „Mad Max“ (1979), „Ein Schweinchen namens Babe“ (1995) und einige erfolgreiche Mini-Fernsehserien gehen auf seine Kappe. Und als Entdecker des Schauspieltalents Mel Gibson gilt er auch noch.
George Miller tritt in große Fußstapfen: Schon Steven Spielberg, Tim Burton und Isabelle Huppert durften in den Vorjahren die Jury in Cannes leiten.
Teil der Jury 2016 darf sich auch Donald Sutherland nennen, der selbst schon in etwa 150 Filmen mitgewirkt hat und den man u. a. aus „JFK – Tatort Dallas“ (1991) und aus „Stolz und Vorurteil“(2005) kennt. Darüber hinaus wurden George Miller als Jurykollegen Kirsten Dunst, Vanessa Paradis, Mads Mikkelsen, Valeria Golino, die iranische Produzentin Katayoon Shahabi sowie ein französischer und ein ungarischer Regisseur an die Seite gestellt.

Der Sieger der Goldenen Palme – eine gute Wahl?

LoachIm Vorfeld gab es klare Favoriten auf den wichtigsten Preis des Filmfestivals. Dazu zählte Ken Loach nicht. Der britische Regisseur siegte überraschend mit seinem Sozialdrama „I, Daniel Blake“. Für den 79-jährigen Loach ist es bereits das zweite Mal, dass er die begehrte Trophäe sein Eigen nennen darf. „I, Daniel Blake“ erzählt die Geschichte eines Schweißers Ende Fünfzig, der krankheitsbedingt nicht mehr arbeiten kann und verzweifelt um staatliche Unterstützung kämpft. Loach hat ein Faible für die Darstellung von sozialbenachteiligten Schichten. Umso größer muss der Kontrast für den Briten gewirkt haben, als er inmitten dieses Prunks die Goldene Palme für ein Werk erhielt, das sich auf die trostlose Welt von Menschen am Rande der Gesellschaft konzentriert.

Die Dankesrede nutzte der engagierte Brite für einen Appell:

„Wir nähern uns einer Phase der Verzweiflung und durch diese Verzweiflung profitieren Rechts-Extreme. Einige von uns, die älter sind, erinnern sich daran, was Rechts-Extreme angerichtet haben. In dieser Phase der Verzweiflung müssen wir Hoffnung verbreiten und sagen, dass eine andere Art von Welt möglich und sogar nötig ist.“

Dieses Plädoyer gegen extrem-rechte Kräfte erhält an einem Ort wie Cannes doppelte Bedeutung. Denn die Filmfestspiele von Cannes wurden 1939 als antifaschistisches Zeichen gegen die von Hitler und Mussolini geprägten Filmfestspiele in Venedig gegründet. Die USA und Großbritannien unterstützten den Plan von Beginn an und man einigte sich schließlich auf den Austragungsort Cannes. Die mondäne Stadt an der Côte d‘Azur schien einerseits genug Prestige zu besitzen, um mit Venedig mithalten zu können und entsprach andererseits den Anforderungen, ein derart großes Filmfestival in kurzer Zeit auf die Beine stellen zu können. Heute gehören die Filmfestspiele von Cannes zu den bedeutendsten dieser Welt.

Neben der Goldenen Palme wurden weitere Preise vergeben: Der Große Preis ging an den gefühlvollen Film „Einfach das Ende der Welt“ des Kanadiers Xavier Dolan, der sich mit zittriger Stimme und unter Tränen bei Familie, Freunden und allen Mitwirkenden der Filmproduktion bedankte. Andrea Arnolds Werk „American Honey“ wurde mit dem Preis der Jury gewürdigt. Die Wahl der Jury kam jedoch nicht überall gut an: Der deutsche Wettbewerbsbeitrag „Toni Erdmann“, eine Tragikomödie von Regisseurin Maren Ade, ging entgegen aller Erwartungen leer aus. Die französische Zeitung „Le Monde“ spricht von einer „schlechten Wahl“ und prangert an, dass originelle Beiträge zur Seite geschoben wurden und mit „I, Daniel Blake“ ein eher konventioneller Film gewählt worden sei.

Die Zukunft des Films entscheidet sich auf französischem Boden

Frankreich selbst war dieses Jahr mit vier Beiträgen vertreten, schien aber ein schwaches Filmjahr erwischt zu haben. Einzig der Franzose Olivier Assayas konnte mit dem Horrorstreifen „Personal Shopper“ überzeugen, in dem Kristen Stewart die Hauptrolle spielt.

Das Filmfestival in Cannes ist jedoch mehr als nur eine glamouröse Preisverleihung. Es bedeutet vor allem harte Arbeit. Rund um die Wettbewerbe finden zahlreiche Meetings zwischen Filmemachern und potentiellen Sponsoren statt. Eine anstrengende, aber sicherlich auch fruchtbare Zeit, in der Filmteams mit ihrem Konzept und Drehbuch überzeugen müssen. Auf dem Marché du Film, einer Art Filmmesse, treffen sich laut der offiziellen Webseite des Festivals rund 11.000 Professionelle der Filmbranche, um sich über neue Marketing- und Finanzmodelle, Inhalte und Technologien wie dieses Jahr die Virtuelle Realität auszutauschen. Man könnte sagen, dass hier die Weichen für die Filme der Zukunft gestellt werden.

Die Zukunft des Kinos ist auch für Preisträger Ken Loach ein wichtiges Stichwort. In seiner Dankesrede, die er auf Französisch und Englisch vortrug, hob er die Wichtigkeit der Filmfestspiele für die Zukunft des Kinos hervor und sagte: „Restez forts“ – „Bleiben Sie stark“.

Sicherlich wäre die Filmwelt ohne dieses großartige Filmfestival ein Stück ärmer. Schon jetzt kann man auf die Nominierungen und Auszeichnungen im nächsten Jahr gespannt sein.

Fotos: flickr.com/plb06 (CC BY-NC-ND 2.0), wikimedia.org/Georges Biard (CC BY-SA 3.0)


Weitere Artikel dieser Reihe:

Wenn Leid zu Glück wird –  Der Eurovision Song Contest 2016

Beim nächsten Kulturschock: Lachen bitte!

von Lara Luttenschlager

Interkulturelles Chaos, Vorurteile, Fremdenfeindlichkeit – ein Grund zum Lachen, findet das Kino! Denn Filme wie Monsieur Claude und seine Töchter (2014) und Almanya – Willkommen in Deutschland (2011) gehören aktuell zu den Kassenschlagern der Filmindustrie. Und das ist gut so: Culture-Clash-Komödien können dabei helfen, Feindbilder abzubauen, und somit Toleranz und Offenheit fördern.

Den Spieß umgedreht

Wenn verschiedene Kulturen aufeinandertreffen, sei es im Urlaub, auf der Geschäftsreise oder in der Einwanderungsgesellschaft, findet das manch einer überhaupt nicht zum Lachen. Doch genau darüber machen sich Culture-Clash-Komödien lustig. Sie greifen Klischees und alltäglichen Eigenarten von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen oder sozialen Hintergründen auf, vereinfachen diese und machen sich über jene lustig, die zu steif und verschlossen sind, um sich mit ihrem Gegenüber zu verständigen. Dabei bedienen sie sich der Situationskomik: Die Missverständnisse und Empfindlichkeiten der einzelnen Personen bei ihrem interkulturellen Zusammentreffen werden ins Absurde oder Groteske überspitzt. Dadurch werden einzelne klischeehafte Zuschreibungen wieder aufgebrochen. Doch warum funktioniert das so gut?

Humor als ästhetisches Mittel

15216299853_3ed2f460df_oSchopenhauer zufolge entsteht Humor, wenn Menschen Inkongruenzen wahrnehmen, Gegensätze vermittelt werden[1]. Humor kann aber auch als eine Haltung oder Weltanschauung verstanden werden, die uns erlaubt, unsere Umgebung mit Abstand und Gelassenheit zu betrachten, wodurch wir über ihre Widersprüche überhaupt erst lachen können. Das bedeutet auch, dass wir weniger emotional auf Situationen reagieren können, weil wir eine gewisse emotionale Distanz zum Geschehen behalten. Doch das ist längst nicht alles: Diese emotionale Distanz ermöglicht es uns auch, uns an die eigene Nase zu fassen und über uns selbst zu reflektieren, weil wir uns als Teil dieser widersprüchlichen Welt sehen. Humoristische Medien betrachten die Welt durch genau diese Brille, indem sie Humor als ästhetisches Mittel einsetzen.

In Culture-Clash-Komödien wird ganz gezielt auf bestimmte Inkongruenzen innerhalb von Gesellschaften verwiesen, indem man sie überspitzt oder sich andere, „fremde“ Menschen in der Handlung darüber wundern lässt. Ihre Komik besteht daraus, dass verschiedene Wertesysteme miteinander konfrontiert werden. Dadurch werden alltägliche, unreflektierte, widersprüchliche Normen, Haltungen und Werte hinterfragt und kritisiert. Wenn sich nun in Almanya – Willkommen in Deutschland ein kleines türkisches Kind darüber wundert, dass ein Deutscher seine „Riesenratte“ (den Dackel des Herren) an einem Seil herumführt, obwohl diese doch eigentlich alleine laufen kann, werden für uns alltägliche Handlungen plötzlich ins Lächerliche gezogen, wenn sie vom anderen als Eigenheit bemerkt werden. Unterschiede und Missverständnisse werden nachvollziehbarer, wodurch der Zuschauer die Situationen plötzlich aus zwei Perspektiven heraus beurteilen kann. Die Vorstellung, eine Seite habe nun die bessere Lebensweise, die weniger schlimmen Laster, oder sei überhaupt kulturell überlegen, scheint dann genauso absurd. Und wir merken, wie lächerlich manche Vorurteile sein können, wenn wir etwa damit konfrontiert werden, dass manche Türken glauben, wir Deutsche wären so schmutzig, dass sie vorsichtshalber ein paar Putzlappen mehr mit auf ihre Reise nach Deutschland nehmen. Bestehende Feindbilder werden aufgeweicht.

Lachen als Brückenschläger

Gemeinsames Lachen über dieselben Dinge verbindet. Denn soziale Gruppen zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie gemeinsame Werte haben oder ablehnen. Wer über die gleichen Dinge lacht und somit die gleichen Widersprüche in Frage stellt, fühlt sich dadurch verbunden. Anglistin Anahita Teymourian-Pesch spricht in diesem Kontext vom schöpferischen, Gruppen konstituierenden Potenzial des Humors[2]. Aber Achtung: Die Grenzen zwischen Bestätigung und Auflösung der Feindbilder sind oft fließend. Damit die Vorurteile abgebaut und nicht auch noch verstärkt werden, müssen die Protagonisten des Films selbst zu der Erkenntnis kommen, dass jede soziale Gruppe ihre Vor- und Nachteile hat und deshalb eine Annäherung suchen. Dadurch werden auch neue, eventuell wünschenswertere soziale Modelle suggeriert: Meist enden Culture-Clash-Komödien mit einem Happy-End, in dem zwei kulturell verschiedene Familien zusammengeführt werden oder wie in Monsieur Claude und seine Töchter eine neue Definition des idealen Franzosen vorgeschlagen wird, der genauso gut afrikanischer, asiatischer oder jüdischer Herkunft sein kann: Alle drei Versionen rühren den konservativen Schwiegervater gleichermaßen zu Tränen, wenn sie inbrünstig die Marseillaise singen.

Culture-Clash-Komödien können auf diese Weise helfen, Brücken zwischen Kulturen und sozialen Schichten zu bauen. Gerade angesichts der wachsenden Globalisierung und unserer zunehmend multikulturellen Gesellschaft könnte das kaum wichtiger sein.

Fotos: http://www.gratisography.com, flickr.com/Todd F Niemand (CC BY-NC 2.0)

[1] Schopenhauer, Arthur (1986). Die Welt als Wille und Vorstellung. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 105.

[2] Teymourian-Pesch, Anahita (2006): Amerikaner in der Fremde. Humor als Überwindungsstrategie. Berlin: Lit Verlag, 58.


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Slut-Shaming: Wenn sich der Mob zur Moralpolizei erhebt

Islamfeindlichkeit: Der Medien-Verkaufsschlager

Hollywood im War on Drugs

Hollywood im War on Drugs

von Lara Luttenschlager

Als Joaquín „El Chapo“ Guzmán, Mexikos berüchtigter Drogenbaron, Anfang des Jahres festgenommen wurde, war der Grund wahrhaftig filmreif: Hinweise auf sein Versteck bekamen die mexikanischen Behörden unter anderem dadurch, dass Guzmán sich mit Schauspieler Sean Penn wegen eines Filmprojektes über sein Leben getroffen hatte. Schon während seiner Haft 2015 war er mit Angeboten aus Hollywood überhäuft worden. Deutlich wird durch diese Geschichte nicht nur die große Eitelkeit des Kartellbosses, sondern auch die wachsende Begeisterung der Filmindustrie für die Drogenkartelle. Traffic (2000), Breaking Bad (2008-2013), Savages (2012), oder Cartel Land (2015): Die Liste der Filme und Serien über die Drogenschmuggler wird länger und länger. Zwei Filme, die sich typischer Narrative der „Narco-Mania“ bedienen, sind Escobar: Paradise Lost (2014) und Sicario (2015).

Die mexikanischen Tony Sopranos

9125196677_28eef025e9_oFür Kanadier Nick eröffnet sich eine faszinierende Welt, als er sich in Kolumbien in die schöne Maria verliebt und in die Gesellschaft ihres charismatischen, großzügigen Onkels eingeführt wird. Dieser Onkel, eine Art Robin Hood der Kolumbianer, ist kein anderer als Pablo Escobar. Schnell verfällt auch der Zuschauer bei Escobar: Paradise Lost der Anziehungskraft, die der Drogenbaron auf den jungen Surfer hat. Das Bild des charmanten, Anzug tragenden, fürsorglichen Familienvaters und Ehemannes, kontrastiert auf faszinierende Weise mit der gängigen Vorstellung des schwitzenden, goldzähnigen, bösen Mafiabosses. Doch in dem Paradies, in dem Nick glaubt gelandet zu sein, sind bald erste Rauchwolken zu sehen. Denn als Escobar für einige Zeit ins Gefängnis geht, um eine Auslieferung an die USA zu verhindern, muss Nick dessen Diamanten verstecken. Den minderjährigen Informanten, der ihm das Versteck zeigen soll, soll er danach erschießen. Dass er nun Teil des mordenden Medellín-Kartells ist und dessen Anhänger auch ihn töten, wenn er seinen grausamen Auftrag nicht erfüllt, realisiert er zu spät.

Der Titel, den Regisseur Andrea Di Stefano für seinen Film wählte, erinnert an das Gedicht Paradise Lost von John Milton über die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies. Er verweist auch auf die Mythologie, die die Kartelle mittlerweile umgibt. Auch das Paradies von Escobar ist voller Verführungen, die Menschen sonnen sich ich seiner Macht, seinem Geld, seinem Charisma. Auf diese Weise zeigt der Film die Anziehungskraft der Drogenkartelle, der sich scheinbar kaum jemand entziehen kann. In dieser verkommenen Welt, in der sich alle mit den Gräueltaten des Barons abfinden, solange sie ein Stück vom Kuchen abbekommen, wurde auch Nick von seiner Maria dazu verführt, in den Apfel zu beißen. Doch Lichtfigur Escobar verwandelt sich schon bald in eine abscheuliche, hässliche und egoistische Figur: Unrasiert, betrunken und im Jogging-Anzug verkörpert er bald das klassischere Bild eines Mafiabosses. Je mehr Escobar sein Imperium vom Zerfall bedroht sieht, desto mehr Blut lässt er vergießen. Nick versucht, aus dem brennenden Paradies zu fliehen.

Das rauschende Leben voller Geld, Waffen und Frauen von Escobar ist auch Thema der Serie Narcos (2015), in der die Darstellung des Kartellchefs stellenweise an Tony Soprano in der Erfolgserie Sopranos erinnert. Oft wurde die Serie auch mit Scorseses Film Goodfellas (1990) verglichen – die italienischen Mafiosi machen Platz für die lateinamerikanischen.

Die Mauer zwischen Ordnung und Chaos

Filme, deren Handlung in der heutigen Zeit angesiedelt ist, machen die Kartelle zu einer wachsenden Bedrohung für die amerikanischen Bürger. In Sicario kann FBI-Agentin Kate Macer trotz ihres todesmutigen Einsatzes nahe der mexikanischen Grenze die Geißeln eines mexikanischen Drogenkartells nicht befreien. Stattdessen findet sie die Leichen, deren Köpfe mit Plastiksäcken überzogen sind, eingemauert in den Zimmerwänden. Ein Anblick, der auch dem Zuschauer einen Schauer über den Rücken laufen lässt. Kaum versieht sie sich, ist sie einige Tage später Teil eines Einsatzteams, das die Strippenzieher in Mexiko festnehmen soll. Doch auch ihr eigenes Team erweist sich als zunehmend zwiespältig. Kate bekommt Zweifel an der Legalität ihrer Mission, bei der sie mit Alejandro, einem kolumbianischen „Sicario“, einem Auftragskiller, kooperieren muss.

In Sicario ist die Grenze zwischen den USA und Mexiko nicht nur visuell ein immer wiederkehrendes Motiv. Sie markiert die Grenze zwischen der mexikanischen Vorhölle, in der überall Gefahren lauern, an allen Ecken Leichen von Brücken hängen und die Polizei Teil eines korrupten, allgegenwärtigen Terror-Netzwerks ist, und den zivilisierten USA mit ihren Ballroom-Festen und ihren modernen, sauberen und beruhigend aufgeräumten Büros. Doch die Grenze ist porös, die Einflusszone der Kartelle und deren Kriminalität dringen in die USA ein. Die Bilder der Grenzposten, an denen hunderte Autos darauf warten, in die USA zu strömen, während kaum Autos in die andere Richtung wollen, vermitteln das Gefühl einer Invasion, vor der es sich zu schützen gilt. Dass die amerikanischen Einsatzkräfte mit gefühlten 200 km/h ungebremst durch die Grenzposten rasen können, um auf mexikanischem Staatsgebiet agieren, scheint hier selbstverständlich.

Die Darstellung der mexikanischen Kartellmitglieder, mit denen sich das Team einen Schusswechsel liefert, ist ein weiteres gutes Beispiel für das Bild, das in der Popkultur von Kartellmitgliedern gezeichnet wird: Schwer bewaffnet, tätowiert, schmutzig, mit Goldketten behängt. Männer, die schon nach außen hin so abstoßend sind wie ihre Taten. Auch wird die mexikanische Landschaft grundsätzlich aus einer Vogelperspektive visualisiert, die stark an Aufnahmen von Drohnen und Militärflugzeugen aus dem amerikanischen War against Terror erinnert – der Norden Mexikos wird zum Kriegsschauplatz erklärt. In diesem Krieg ist die Rolle der US-amerikanischen Truppen in ihrem fragwürdigen Einsatz keineswegs positiv. Trotzdem lässt Regisseur Villeneuve den Zuschauer die große nächtliche Kampfszene durch die Nachtsichtgeräte des amerikanischen Teams erleben. Die Ästhetik, die hier der eines Computerspiels ähnelt, verleiht dem Einsatz etwas cooles, heldenhaftes.

Ein Feindbild, das in seine Zeit passt

741443511_f50eaba774_oFilme wie Sicario und Escobar: Paradise Lost zeichnen das Bild eines skrupellosen Feindes, das auf der einen Seite von nahezu mythischen Vorstellungen eines rauschenden Lebens voller Waffen und Reichtum lebt, aber auch von einer drohenden Ausbreitung in die USA spricht. Indem ein Feind geschaffen wird, der eine Gefahr für die U.S.-amerikanischen Bürger darstellt, stellen sie die Forderung nach einem Eingreifen des Staates. Ähnlicher Narrative bediente sich Hollywood in Action-Filmen während des Kalten Krieges und des War on Terror. Auffällig ist, dass das Interesse der Filmindustrie für den Drogenkrieg zu einer Zeit aufflammt, in der sich die Berichterstattung in den USA über Verbrechen und Korruption in Mexiko überschlägt und das Land über die Kosten und Misserfolge im „War on Drugs“ sowie über den Ausbau seines Grenzzauns debattiert. Ein gutes Beispiel dafür, dass unsere Bilder von Gut und Böse in den Unterhaltungsmedien oft nicht ganz frei von politischen Einflüssen sind.

Fotos: flickr.com/Alexis Ziritt (CC BY-NC-ND 2.0), flickr.com/Diógenes 😉 (CC BY 2.0), flickr.com/Noah Jacquemin   (CC BY-NC-ND 2.0), flickr.com/Quim Gil   (CC BY-SA 2.0)


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Wenn Leid zu Glück wird – Der Eurovision Song Contest 2016

von Sonja Sartor

Die Halle liegt im Dunkeln. Allein die weißen Lichtpunkte im Publikum lassen einen erahnen, wie viele Menschen sich hier tummeln. Dann erklingt der erste Takt und das Scheinwerferlicht wird auf den Künstler geworfen. Die Menge tobt. Die Flaggen werden wieder freudig geschwenkt.

Am 14. Mai war es wieder soweit: Der Vorjahresgewinner Schweden lud Europa zum 61. Eurovision Song Contest nach Stockholm ein. Aber dieses Jahr war der Wettbewerb noch ein Stück gigantischer, denn zum ersten Mal wurde die Show nach China und in die USA übertragen. So ging ein bunter, friedlicher und mitreißender Song Contest über die Bühne, der für manche Überraschung sorgte. Zusammenfassungen des ESC findet man online zuhauf; media-bubble konzentriert sich gemäß der Reihe „Medienperspektiven à la française“ auf den Auftritt des französischen Kandidaten.

Ein Hoffnungsschimmer für Frankreich

Mit dem ersten Ton scheint der junge Mann in seinem schwarzen Anzug und den weißen Sneakers die Herzen der Zuschauer für sich gewonnen zu haben. Vor 16.000 Zuschauern in der Halle und geschätzten 100 Millionen Zuschauern vor den Fernsehbildschirmen singt er sein Lied, als hätte er nie etwas anderes gemacht. „J’ai cherché“ (dt. Ich habe gesucht)  ist ein eingängiger und gute Laune verbreitender Popsong, der perfekt zu seinem Interpreten passt.

Das Lied handelt davon, auf der Suche nach dem richtigen Weg zu sein. Amir, der israelisch-französische Sänger mit dem ansteckenden Dauerlächeln, kennt dieses Gefühl nur zu gut. Dem gelernten Zahnarzt fehlte etwas in seinem Leben. Er wollte morgens mit dem Gedanken aufwachen, dass er in seinem Beruf glücklich ist. Schließlich fand er das, was ihm fehlte und machte die Musik zu seinem Beruf. Dann wurde er 2014 im französischen Format von The Voice bekannt und belegte den dritten Platz.

Seinen musikalischen Höhepunkt hat Amir wohl dieses Jahr mit der Teilnahme am Eurovision Song Contest erreicht. Besonders an „J’ai cherché“ ist, dass es in französischer wie auch englischer Sprache gesungen wird. Bekanntlich ist das französische Volk sehr stolz ist auf die eigene Sprache. Es wundert also nicht, dass sich ein französischer Staatssekretär, zu dessen Aufgabenbereich die Frankophonie zählt, im Vorfeld des Wettbewerbs seiner Empörung über das Lied bei Twitter Luft machte. Es sei „bestürzend und inakzeptabel“, dass ein Lied mit englischem Refrain Frankreich repräsentieren würde, so André Vallini.

Amir, der selbst aus einer multikulturellen Familie stammt, wollte mit der Zweisprachigkeit ein Zeichen setzen: „Die englischen Sätze dienen eigentlich nur dazu, dass die Zuschauer verstehen, was ich singe. Sie ermöglichen, dass wir die Menschen von unserer Botschaft und von unserem Lied überzeugen können.“ Immerhin seien 80 Prozent des Textes französisch. Frankreich möchte ein positives Bild der Grande Nation vermitteln. Es soll zeigen, dass sich das Land trotz all der schrecklichen Ereignisse der letzten Monate nicht unterkriegen lässt und optimistisch in die Zukunft blickt.

Ein schwedischer Milchbubi, eine Australierin auf einer Glitzerkiste und ein emotionales Klagelied

Belgien durfte mit Laura Tesoro, einer jungen Frau mit wildem Lockenkopf und Paillettenkostüm, den Wettbewerb eröffnen. Sie legte mit ihrem Popsong einen gelungenen und energievollen Auftritt hin. Kraftvoll ging es dann auch weiter mit typischen ESC-Momenten: halbnackte Trommler, Sängerinnen in hautengen, funkelnden Abendroben, kuriose Frisuren und verblüffende Lichteffekte. Manche Auftritte wie die des schwedischen Frans, dem lieben Jungen von Nebenan, beeindruckten durch ihre Schlichtheit und Unaufgeregtheit. Australien, zum zweiten Mal vertreten unter den Kandidaten, hatte eine zierliche Frau ins Rennen geschickt. Auf einem glitzernden Kubus performte Dami Im das Lied „Sound of Silence“ und nahm mit ihrer erstaunlich kraftvollen und klaren Stimme die gesamte Halle ein.

UkraineJamala aus der Ukraine fiel mit ihrem Song „1944“ komplett aus der Reihe. Dramatisch und nahezu jammernd inszenierte sie in diesem traurig-schönen Klagelied die Geschichte von der Vertreibung der Krimtataren. Russland hält das Lied für politisch motiviert und sieht es als Provokation angesichts der Krim-Annexion von 2014. Ob Politikum oder nicht, Jamala schaffte es, die Zuschauer in ihren Bann zu ziehen.

Der deutsche Song schien dagegen mit der Konkurrenz nicht mithalten zu können. Solide und sympathisch, aber mehr leider nicht. Er war eben anders als „Ein bisschen Frieden“, mit dem Nicole 1982 die ESC-Trophäe nach Deutschland geholt hatte. Damals hatte die erst 17-Jährige ihr Lied in sieben Sprachen vorgetragen.

Verstanden zu werden war den meisten Künstlern sichtbar wichtig. Wenige Songs griffen die eigene Landessprache auf, Österreich hatte sich sogar für einen vollständig französischen Song entschieden. Englisch war die Sprache des Abends.

Durch das neue Abstimmungsverfahren, bei dem zuerst die Punkte der Länderjurys und dann der Zuschauer zusammengetragen werden, wurde bewusst Spannung bis zur letzten Minute erzeugt. Australien und die Ukraine lieferten sich ein Kopf-an-Kopfrennen, bis mit der letzten Punktevergabe feststand, dass der Sieg an die Ukraine geht.

Stolzes Frankreich

Auch Amir aus Frankreich hat Grund zu feiern. Er landete mit 257 Punkten auf dem sechsten Platz, was Frankreichs beste Platzierung seit 2002 darstellt. Zwar wartet sein Heimatland seit 1977 auf einen erneuten Sieg, aber der Sänger ist sich nach der Show sicher, dass er mit seinem Auftritt Frankreich ein Stück seines Stolzes zurückgegeben hat.

Fotos: wikimedia.org/Albin Olsson (CC BY-SA 4.0), wikimedia.com/Albin Olson (CC BY-SA 4.0)

Medienperspektiven à la française

von Sonja Sartor

Frankreich – Voltaire verfasste hier im 18. Jahrhundert einen Großteil seiner aufklärerischen Werke. Die Brüder Auguste und Louis Lumière drehten 1895 die ersten Filme. Joseph Nicéphore Niépce erfand die Heliografie, den ersten Vorläufer der Fotografie. Auf französischem Boden wurde mehrfach Mediengeschichte geschrieben.

Wenn französische Kultur und Denkweisen auf Medien treffen, entsteht etwas ganz Besonderes. Egal, ob in Film, Literatur oder den schönen Künsten: Was in Frankreich entsteht, über Leinwände flimmert, verlegt oder sonst auf eine Weise produziert wird, scheint stets aus einer eigenen, französischen Perspektive heraus gemacht zu sein. Das französische Medienprodukt begeistert und berührt wie die Komödie „Ziemlich beste Freunde“. Es lässt einen aber auch verwirrt und voller Fragen zurück wie zum Beispiel der Nouvelle Vague-Film „Außer Atem“ von Jean-Luc Godard.

Dieses Projektstudium stellt weniger eine Rückschau auf bereits Gesehenes und Gehörtes dar, sondern beleuchtet vor allem aktuelle Aspekte der französischen Medienlandschaft. Sich mit Frankreich auseinanderzusetzen, lohnt sich. Aus medienwissenschaftlicher Sicht hat die französische Medienlandschaft so viel zu bieten, dass die Auswahl einiger ausschnittartiger Aspekte schwerfällt. Nichtsdestotrotz ist eine bunte Auswahl an Artikeln gelungen, die sich nicht nur mit Film, sondern auch mit Medienevents, Internettrends, Satire und Werbung in Frankreich auseinandersetzt.

In einem ersten Teil wird der Eurovision Song Contest 2016 als medienübergreifendes Ereignis unter die Lupe genommen. Seit 1956 nimmt Frankreich an dem Wettbewerb teil und in diesem Jahr liegen alle Hoffnungen auf Amir, einem israelisch-französischen Sänger und Songwriter. Wovon sein Lied „J’ai cherché“ handelt und was Amirs Auftritt von denen der anderen  Kandidaten unterscheidet, wird an dieser Stelle analysiert.

Anschließend tauchen wir in die glamourösen 69. Filmfestspiele von Cannes ein. Jedes Jahr im Mai werden an der Côte d’Azur die hochkarätigsten Cineasten geehrt und halb Hollywood scheint dafür nach Südfrankreich zu jetten. Kirsten Dunst und Donald Sutherland sind dieses Jahr Teil der Jury.

In einem Porträt soll der Charakterschauspieler und Tausendsassa Gérard Dépardieu vorgestellt werden. Schon früh durfte er mit Filmgrößen wie François Truffaut zusammen arbeiten. Cyrano de Bergerac oder Obelix – Unterschiedlicher könnten die Rollen nicht sein, in die er bisher geschlüpft ist. Abseits der Kamera sorgt er für Furore: Mit seinen Alkoholexzessen, dem Pinkel-Skandal im Flugzeug und seiner Steuerflucht aus Frankreich hat er ein fragwürdiges Licht auf die eigene Person geworfen. Derzeit versucht er sich in der Netflix-Serie „Marseille“ in der Rolle als Bürgermeister der gleichnamigen Hafenstadt.

Ein Exkurs zur aktuellen Debatte um das Loi Evin gibt einen Einblick in französische Werbegesetze. Besonders leidenschaftlich wird bei Wein- und Tabakwerbung diskutiert, denn diese beiden vermeintlichen Genussgüter haben in Frankreich einen besonderen Stellenwert. Wie sich der französische Staat aus der Zwickmühle des Savoir-Vivre und der Risikoaufklärung befreien möchte und welchen Gegenreaktionen er begegnet, wird hier beschrieben.

Eine Filmkritik über einen aktuellen französischen Film darf in dieser Reihe nicht fehlen. Im Juni 2016 läuft der französische Dokumentarfilm „Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen“ an. Der Film beschäftigt sich mit der großen Frage, wie man die Gesellschaft vor dem Zusammenbruch bewahren und die Welt retten kann. Dazu reist das Filmteam um die Welt und zeigt dem Publikum zukunftsweisende und hoffnungsspendende Projekte. Vielleicht ist es ja doch nicht zu spät zu handeln?

In Teil 6 soll die französische Satire untersucht werden. Es werden die bekanntesten französischen Satiremedien und Satiriker hervorgehoben und Merkmale französischer Satire ausgemacht. Ist französische Satire bissiger als deutsche? Werden andere Problematiken thematisiert? Mehr als ein Jahr nach den Anschlägen auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo ist es Zeit, zu untersuchen, was sich seit damals auf satirischer Ebene geändert hat.

Einen kleinen Rückblick auf die französische Filmgeschichte bietet Teil 7. Die für das französische Kino typischen Tabubrüche werden an Hand der Filme „Die Liebenden“ (1958) und „Betty Blue“ (1986) untersucht. Louis Malles „Die Liebenden“ im Stil der Nouvelle Vage thematisiert den Ausbruch einer Frau aus der ehelichen Monotonie. „Betty Blue“ erzählt die Geschichte einer kopflosen Liebe, die ein dramatisches Ende findet. Wie typisch beide Filme für das französische Kino sind, soll erörtert werden.

Welche Internettrends in Frankreich existieren und inwiefern sie mit deutschen Trends vergleichbar sind, klärt Teil 8. Voller Humor, Sarkasmus und Ironie beschäftigt sich die Webseite viedemerde.fr mit den kleinen und großen Aufregern des Alltags. User berichten auf dieser Seite von Ereignissen, von Kleinigkeiten im Alltag, die einen wissen lassen: Ich hab ein Scheißleben!

Zum Ende des Projektstudiums wird resümiert, welche Erkenntnisse aus den Beiträgen gezogen werden können und was die Einzigartigkeit der französischen Medienlandschaft ausmacht. Hierbei soll unterstrichen werden, dass das Projektstudium keinen Anspruch auf eine vollständige Abbildung der französischen Medienlandschaft gelegt, sondern einzelne, wissenswerte Aspekte aufgegriffen hat. Schließlich werden die einzelnen Artikel in Relation zu einander gesetzt und Ähnlichkeiten und Unterschiede zur deutschen Medienlandschaft aufgezeigt.

Fotos: flickr.com/Arjan Eising (CC BY-NC 2.0)

Islamfeindlichkeit: Der Medien-Verkaufsschlager

von Lara Luttenschlager

Wenn es etwas gibt, was in Europa gerade wortwörtlich schlechte Presse hat, ist es wohl der Islam. Inzwischen halten laut des Religionsmonitors der Bertelsmann-Stiftung 57 Prozent der nicht-muslimischen Bevölkerung in Deutschland den Islam für bedrohlich. Und das äußert sich nicht nur in Form von alltäglicher Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit, sondern auch in Form von steigenden Angriffen auf Asylunterkünfte. Doch warum hat dieses Feindbild überhaupt Hochkonjunktur?

Zur Erfindung eines Feindes

Neu ist das Feindbild des Islam in Europa keineswegs. Schon während der Kreuzzüge und Türkenkriege brannten sich Vorteile über Muslime tief in das europäische Gedächtnis ein. Gerade die Idee eines „Islam auf dem Vormarsch“ und einer „Islamisierung des Abendlandes“ sind Motive, die seit Jahrhunderten existieren – auch wenn die Erfüllung dieser scheinbar todsicheren Prophezeiungen durchaus auf sich warten lässt. Trotzdem waren Beiträge über den islamischen Orient in den Medien lange so romantisch und exotisch gefärbt, dass Edward Said in diesem Rahmen den Begriff des Orientalismus prägte. Auch im 20. Jahrhundert interessierte der Islam lediglich als Randthema, das allenfalls eine Meldung über den alljährlichen Beginn des Ramadans wert war. Richtiges Interesse flammte erst 1978/9 durch die islamische Revolution im Iran auf – und mit ihm ein politisiertes Islambild. Zum Vorreiter unter den Feindbildern avancierte der Islam mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, und somit zum größten Feindbild des Westens. Schon 1991 sprach die NATO, ursprünglich als Bündnis gegen die UdSSR gegründet, von einer potenziellen Bedrohung aus dem Nahen Osten.

Eine Form des Kulturrassismus

13512605195_2178eca61b_o„Mekka Deutschland. Die stille Islamisierung“, „Allahs rechtlose Töchter. Muslimische Frauen in Deutschland“, „Der Koran. Das mächtigste Buch der Welt“ – das sind nicht etwa die reißerischen Titel rechtsradikaler Nischenpublikationen, sondern Titelstories von Der Spiegel, also immerhin Deutschlands meistgelesenem Nachrichtenmagazin. Rund 80%[1]  aller Beiträge in den öffentlich-rechtlichen Magazinsendungen berichten im Kontext von Terrorismus, Integrationsproblemen und Fundamentalismus über den Islam. Mit ihm gleichgesetzt werden heute schwarz verschleierte Frauen, brennende Fahnen und Terrorismus, die zugleich als nahezu einzige visuelle Motive dienen. Die visuelle Darstellung des Islam ist auch deshalb besonders problematisch, da wir in einer Zeit leben, in der Bildmedien und Bilder allgemein enorm an Bedeutung gewinnen. Mit ihren Bilderwelten und Berichten bedienen unsere Medien auf diese Weise soziale Ängste und rassistische Klischees, die laut dem früheren Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland Ignatz Bubis auf den gleichen Fehlinformationen beruhen, die zum Antisemitismus in Deutschland geführt hätten.

Besonders am Feindbild Islam ist zudem, dass nicht nur Menschen diskriminiert werden, die sich tatsächlich zum Islam bekennen und diesen praktizieren, sondern die negativen Zuschreibungen, die das Feindbild enthält, auch Menschen zugeordnet werden, die unter Umständen gar keine Muslime sind. Die Stereotype der Männer als Gewalttäter und Fanatiker und der Frauen als Opfer von Unterdrückung und Gewalt werden beispielsweise bereits Menschen ihrer Herkunft oder ihres Namens wegen angelastet, wenn diese mit dem Islam in Verbindung gebracht werden. Personen mit arabischem oder türkischem Familiennamen etwa werden pauschal einer kulturell oder biologisch definierten Gruppe zugeordnet, ungeachtet ihrer Religion und Religiosität – Islamfeindlichkeit ist also keine reine religiöse Diskriminierung, sondern auch eine Form des Kulturrassismus.

Doch wozu das Ganze?

Die Bildung der eigenen Identität funktioniert zu großen Teilen über das Zugehörigkeitsgefühl zu bestimmten sozialen Gruppen. Doch auch Gruppen müssen sich definieren, sich bestimmte normative Eigenschaften zuschreiben und festlegen, welche Ziele und Werte sie haben. Indem sie sich gleichzeitig von anderen Gruppen abgrenzen und ihnen somit den Gegenentwurf ihrer „eigenen“ Eigenschaften zuordnen, beschreiben sie sich selbst. Ob die Beschreibung der anderen Gruppe korrekt ist, ist dabei zunächst wenig von Interesse. Gerade in unserer Gesellschaft werden Muslime als sehr gewalttätig beschrieben, als Terroristen, Fundamentalisten und Anhänger von „Parallelgesellschaften“ (Stichwort Abgrenzung), die die Demokratie gefährden, indem sie das Gesetz nicht akzeptieren. Weit verbreitete Vorurteile gegenüber Migranten führen beispielsweise dazu, dass Probleme der Geschlechtergleichstellung oder häuslicher Gewalt als rein gruppenspezifische Thematiken dargestellt werden, die verdecken, dass Geschlechterdiskriminierung  sowie körperliche und psychische Gewalt in Paarbeziehungen in der gesamtdeutschen Gesellschaft weit verbreitete Phänomene sind. Auch dass Ehrenmorde in patriarchalen, christlichen Kulturen des Mittelmeerraums ebenfalls verbreitet sind, wird dadurch zum Beispiel gerne vergessen. Insgesamt wirkt die eigene, „deutsche“ oder „europäische“ Gruppe infolgedessen moderner, freier, besser. Diese Funktion der Abgrenzung bietet der Islam als Feindbild innerhalb unserer Einwanderungsgesellschaft durch den Migrationsdiskurs und nach außen als rückständiges, fundamentalistisches und gewalttätiges Gegenbild für den gesamten Westen.

Eine Frage der Darstellung

6391084357_b1821442eb_oDie Inhalte und Darstellungen, die das Publikum über die Medien rezipiert, sind nicht zuletzt deshalb so wirkungsvoll, weil ein Großteil der Bevölkerung keine direkten Kontakte zu Muslimen pflegt und die medial verbreiteten Vorurteile so nur schwer an der Realität überprüfen kann. Hinzu kommt, dass die selektive Berichterstattung der Medien, die sich an Negativ- und Konfliktereignissen als Nachrichtenfaktor orientiert, keinen Informationskontext bietet, der den Rezipienten ermöglicht, beispielsweise islamistische Angriffe zu relativieren und richtig einzuordnen, da etwa über gewaltfreie Formen des Widerstandes im Islam, die durchaus weit verbreitet sind, nicht berichtet wird. So symbolisiert der weltberühmte Gandhi den friedlichen Hinduismus, aber Badshah Khan, der als pakistanischer Muslim tausende friedliche Demonstranten anführte und 1985 für den Friedensnobelpreis nominiert wurde, genießt heute hingegen keine besondere Bekanntheit.

Feindbilder sind keine in den Stein gemeißelten Tatsachen. Das lässt sich zum Beispiel daran erkennen, dass durch eine verantwortungsvollere, reflektierte Berichterstattung und genügend politischen Willen selbst aus dem jahrhundertelangen Erbfeind Frankreich irgendwann ein Partner wurde. Doch solange Zeitungen und TV-Sender statt Aufklärung über die Vielfalt muslimischer Bräuche, Konfessionen und Lebenswirklichkeiten nur Ehrenmorde und Burkas zu bieten haben, ist eine Abkehr von unserer „Islamophobie“ noch weit entfernt.

Fotos: flickr.com/Aslan Media (CC BY-NC-ND 2.0), flickr.com/jonathanorjack (CC BY-NC-ND 2.0), flickr.com/Kevin Schoenmakers (CC BY-NC-ND 2.0)

[1] Hafez, Kai/Carola Richter (2007): „Das Islambild von ARD und ZDF“, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 26-27(2007), S. 40-46.

 


Weitere Artikel dieser Reihe:

Wenn Aladdin zum Feind wird

Feindbilder in den Medien

Skrupellos, gerissen, unentbehrlich: Filmfeinde

Künstliche Intelligenz: Unsere Angst vor der „Robokratie“

Slut-Shaming: Wenn sich der Mob zur Moralpolizei erhebt

Die Gewinner des „Internationalen Wettbewerbs“

von Andrea Kroner

Eine andere Seite der DDR, die man so normalerweise nicht sieht. Ein langweiliger Schultag. Rhythmusgefühl mit schrägen Formen. Die Angst, etwas vergessen zu haben. So lassen sich die Gewinnerfilme des ITFS in Kurzform beschreiben, doch was macht sie zum Besten, das die Animationsbranche zu bieten hat?

Grausame Realität – Kaputt

Es ist sehr schwierig, eine Dokumentation in einem Animationsfilm zu verarbeiten. Doch genau das ist hier gelungen. „Kaputt“ erzählt vom Alltag im berüchtigten Frauengefängnis „Burg Hoheneck“ der DDR. Die Zellen waren vollkommen überbelegt und es lastete ein enormer Leistungsdruck auf den Gefangenen. Sie mussten Bettwäsche für westliche Konzerne in Rekordzeit produzieren und wurden dabei gegeneinander aufgestachelt. Dadurch erzielten alle hohe Gewinne, außer den Gefangenen.

Das Besondere ist, dass zwei Gefangene über ihre Erlebnisse sprechen und ihre Schilderungen im Film illustriert werden. Die Bilder sind äußerst abstrakt und einfach gehalten und zeigen deutlich die Monotonie und Einfachheit des Alltags. Alles sieht sich ähnlich und es werden kaum Farben verwendet. Dadurch wird eine starke Atmosphäre erzeugt, die den Zuschauer direkt in den Film hineinzieht. Die Jury findet es wichtig, diesen Teil der Geschichte in Erinnerung zu behalten und hat den Film deshalb mit dem „Grand Prix“ und 15.000€ Preisgeld ausgezeichnet.

Schulalltag extrem – Afternoon Class

Das Dasein eines Schülers ist nicht immer leicht. Ständig muss man aufpassen und so viel lernen. Das fällt nicht immer leicht und vor allem nachmittags lässt die Konzentration erheblich nach. Da ist die Versuchung manchmal ziemlich groß, einfach einzuschlafen. Schnarchende Nachbarn machen es dem Protagonisten nicht gerade einfacher. Und als sein Kopf auch noch so schwer wie eine Bowlingkugel oder gar ein Amboss wird, kann er der Versuchung immer schwieriger widerstehen und gibt am Ende nach. Jetzt kann sich auch der Lehrer ein Nickerchen gönnen, da sowieso niemand mehr wach ist.

Dieser Film dauert nur knapp vier Minuten, doch diese Zeit wird optimal genutzt. Das Timing stimmt perfekt und auch die Pointen stehen an den passenden Stellen. Dafür verleiht ihm die Jury den „Lotte Reininger Förderpreis für Animation“, mit 10.000€ dotiert, und erhofft sich viel für die Zukunft des Regisseurs.

Bewegung wird zu Musik – Rhizome

Am Anfang stand ein Ton von vielen kleinen Kugeln, die aneinander stießen. Doch daraus entwickelte sich immer mehr. Die Töne und auch die Formen wurden immer differenzierter und ausgefallener, bis daraus am Ende ein regelrechter Strom wurde, der alles zusammenbrachte. Die Formen verschmolzen zu einem großen Ganzen und es entstand ein richtiges Lied. Dahinter steht eine wesentlich größere Aussage: Alles im gesamten Universum hängt irgendwie zusammen und bildet dadurch eine große Einheit. Dadurch kann selbst aus den kleinsten Dingen etwas Großartiges entstehen. Leider wird der Film durch mangelnde Variation in Bild und Ton auf Dauer etwas langweilig. Für die einfallsreiche Idee erhielt das französische Studio eine besondere Aufmerksamkeit durch die „Jury Special Mention“ beim ITFS.

Was wäre wenn – Paniek!

Bestimmt jeder hat sich auf dem Weg schon einmal gefragt, ob der Ofen wirklich ausgeschaltet oder das Bügeleisen ausgesteckt ist. Wenn diese Gedanken sich jedoch verbinden, kann daraus ein wahres Schreckensszenario werden – Kopfkino vom Feinsten auf der Leinwand.

Die Geschichte beginnt vollkommen harmlos und unspektakulär: Eine Frau packt ihr Auto für einen Urlaub und fährt los. Doch nach und nach fallen ihr immer mehr Dinge ein, die sie vergessen haben könnte. Und gemeinsam ergeben diese Vorkommnisse das absolute Chaos, das in der Explosion des ganzen Hauses endet – zumindest in der Vorstellung der Protagonistin. Denn, als sie in heller Panik wieder zuhause ankommt, ist alles beim Alten. Doch in ihrer Eile hat sie die Handbremse vergessen und ihr Auto löst eine Verkettung von Unfällen aus. Diese lustige Produktion, in die man sich unglaublich gut hineinversetzen kann, hat den Zuschauern so gut gefallen, dass er mit dem „SWR-Publikumspreis“ und 6.000€ Preisgeld ausgezeichnet wurde.

Etwas ganz besonderes

Jeder der Filme zeigt eine ganz besondere Seite des Animationsfilms und ist auf seine eigene Art großartig. Doch die Sieger sind nur ein paar von vielen, interessanten Ideen und Herangehensweisen. So war jeder ein Sieger, der die schöne Filmvielfalt des ITFS sehen und genießen durfte.

 

Foto: ITFS

Zwei Welten prallen aufeinander – Animation Oper

von Andrea Kroner

Der Trickfilm und diese Gesangskunst scheinen im ersten Moment keinerlei Gemeinsamkeiten zu besitzen – und zusammenpassen können sie erst recht nicht, oder? Doch das ITFS beweist das Gegenteil und hat dafür wahre Schätze ausgegraben.

Mozart mal anders

Wer kennt sie nicht, „Die Zauberflöte“, eine der bekanntesten Opern Mozarts – und die meistgespielte deutschsprachige Oper überhaupt. Doch die Wenigsten wissen, dass sich die Faszination an diesem Stoff auch im Animationsfilm widerspiegelt. Seit den Anfängen des Trickfilms wurde die Oper auf unterschiedlichste Arten adaptiert. Schon Lotte Reininger erweckte mit „Papageno“ einen Teil des Meisterwerks zum Leben. Alles in Form ihrer berühmten Scherenschnitte. Doch obwohl der Film dadurch komplett in Schwarz-Weiß gehalten ist, bekommt er durch die detailreiche Gestaltung von Figuren und Hintergründen eine wunderschöne Lebendigkeit, welche die Musik perfekt ergänzt.

Oft gestaltet es sich jedoch als äußerst schwierig, Opern einem jüngeren Publikum zu vermitteln. Deshalb hat die BBC 1994 eine Opernreihe im Zeichentrickformat veröffentlicht. Darunter befindet sich neben Werken von Wagner oder Verdi auch „Die Zauberflöte“. Dafür musste radikal gekürzt werden, da eine Vorstellung normalerweise etwa 2,5 Stunden dauert. Die Filme wurden jedoch auf  etwa eine halbe Stunde reduziert. Dadurch wurden natürlich viele Details der Handlung gestrichen, aber man bekommt einen guten Überblick über die wichtigsten Figuren. Außerdem bietet das Medium Film grundsätzlich bessere Möglichkeiten, in die Fantasiewelt einzutauchen. Zu dieser Atmosphäre tragen besonders die aufwändig gestalteten Schauplätze und Kostüme bei.

Eine ganz besondere und etwas andere Annäherung hat unlängst die Komische Oper Berlin gewagt: Gemeinsam mit der britischen Theatergruppe „1927“ entwickelte sie 2012 eine Aufführung, die Sänger auf der Bühne mit Filmanimationen verbindet. Dadurch entsteht eine außergewöhnliche Zauberwelt voller Überraschungen, die Film und Oper auf eine ganz neue Art verbinden kann.

Eine Oper ohne Sänger

Mit einer klassischen Oper hat „The End“ aus dem Jahr 2012 nicht mehr viel zu tun. Es gibt weder Sänger, noch ein Bühnenbild oder ein Orchester. Dafür kann der Zuschauer in ein vollkommen neues Erlebnis eintauchen: Die erste komplett computergenerierte Oper, die voller Überraschungen steckt. Die Geschichte handelt von der jungen Animefrau Miku Hatsune, einem Star der Szene mit langen, türkisfarbenen Haaren. Für sie hat sogar ein Designer von Louis Vuitton virtuelle Kleider gestaltet.

Die zentrale Frage des Stücks beschäftigt sich mit der Bedeutung des Todes und mit Sterblichkeit im Allgemeinen. Doch gestaltet es sich als äußerst schwierig, solche Fragen zu beantworten. Das muss auch Miku Hatsune am eigenen Leib erfahren. Sie wird mit der Tatsache konfrontiert, dass sie bald sterben muss und versucht deshalb auf ihre ganze eigene Art, damit umzugehen. Denn das Ende ist unausweichlich und wird mit ihrem Tod besiegelt. Doch die Handlung tritt mit der Zeit immer mehr in den Hintergrund und wird schwieriger nachvollziehbar, da die Handlungsorte und Themen immer skurriler und weltfremder werden. Dadurch bleibt sehr viel Interpretationsspielraum, aber auch vieles ungeklärt. Deshalb geht die Kernaussage in der Fülle an angeschnittenen Themen leider etwas unter.

Technisch gesehen kommt die Oper mit einem einzigen Musiker aus. Der Macher dahinter ist Keiichiro Shibuya. Er sitzt in einem viereckigen Kasten auf der Bühne und begleitet das Stück musikalisch. Ansonsten besteht das Bühnenbild lediglich aus Wänden für eine 3D-Projektion. Die Stimmen der Figuren werden mithilfe eines sogenannten „Vocaloid Synthesizers“ erzeugt und ähneln menschlichen Stimmen. Gerade Miku Hatsune ist damit sehr erfolgreich, nicht nur in der Oper. Diese Figur entstand bereits 2007 und ist seitdem vor allem in Japan immer populärer geworden – dort sind Musikalben und Konzerte einer 3D-Projektion nichts ungewöhnliches, sondern sehr beliebt.

Gegensätze ziehen sich an

Wie so oft kann man scheinbar Gegensätzliches meist besser verbinden, als es zunächst den Anschein hat und dadurch neue, einzigartige Kombinationen und Kompositionen schaffen. Wer weiß, wohin der Trend der animierten Oper in Zukunft noch führen kann. Denn eines ist sicher: Das Potenzial der Kombination lässt auf die Zukunft hoffen.

Foto: ITFS