Ein Comic über Comics

von Marius Lang

Illustrationen von Henrike Ledig

Was sind Comics? Als Kind war diese Frage für Scott McCloud einfach zu beantworten: Comics sind grelle, bunte Heftchen, gefüllt mit schlechten Zeichnungen, dummen Geschichten und Typen in Strumpfhosen. Doch als ein Freund ihm seine Comicsammlung zu lesen gab, änderte sich Scotts Einstellung und sogar sein Leben drastisch. Der junge McCloud war von da an gefesselt und setzte es sich in den Kopf, einmal selbst Comickünstler zu werden und anderen die wunderbare Welt des Mediums zu eröffnen.

Einige Jahre später hatte er es dann geschafft und sein Hobby zum Beruf gemacht. Sein wohl wichtigstes Werk ist zu Anfang das fröhliche Superhelden-Comic Zot!, veröffentlicht zwischen 1984 und 1990. Nach dem Ende der Reihe fiel McCloud erneut auf, dass Comics in der öffentlichen Diskussion noch immer ein fragwürdiger Ruf anhaftete. Um seinen Beitrag zum Diskurs zu leisten und ihn möglicherweise sogar komplett neu aufzurollen, entschied sich McCloud dazu, ein theoretisches Werk über Comics zu schreiben. Dabei war sein Ziel, das Medium und das Verständnis von Comics von Grund auf neu zu definieren. 1993 erschien schließlich Understanding Comics – The Invisible Art. Ein leidenschaftliches Werk, dass sich mit dem grundsätzlichen Konzept des Mediums auseinander setzt: seiner Definition, Geschichte und allen Eigenheiten, die Comics zu dem machen, was sie sind. Oder eben zu dem, als das sie verstanden werden sollen. Verfasst in der Form, die dem Comickünstler und -fan McCloud natürlich am ehesten lag und die den Charme des Werkes ausmacht: Als Comic über Comics.

Auf Will Eisners Fußspuren

In seiner Einführung erklärt Scott McCloud, dass das Werk nicht einfach nur ein historischer Blick auf das Medium ist, sondern, dass es sich viel eher um eine Untersuchung der gesamten Kunstform handelt. Er gibt einen Ausblick, mit was genau er sich beschäftigen will. Wie definieren wir Comics, welche Elemente machen das Medium im Kern aus und wie lesen und verstehen wir die Geschichten. Hier treffen wir auch erstmals Scott McClouds gezeichnetes Ich. Die Eigenheit des Mediums, die bewusste Entscheidung, das Buch als Comic zu erschaffen, gibt McCloud die Möglichkeit, selbst in Erscheinung zu treten und den Leser als stilisierter Fremdenführer durch das Buch zu begleiten. Die Reise durch das Medium beginnt dann auch bei der simpelsten Frage, die dabei jedoch nicht einfach zu beantworten ist: Was genau ist denn nun eigentlich ein Comic?

McCloud beruft sich auf den großen Comickünstler Will Eisner, der 1985 selbst ein theoretisches Werk veröffentlichte, das sich mit ähnlichen Fragen über Comics beschäftigte. In diesem Werk, Comics and Sequential Art, definiert Eisner Comics als „sequentielle Kunst“. Das heißt, dass Bilder für sich genommen keine Comics machen, erst in einer, mehr oder weniger geordneten, Reihe, also einer Sequenz werden sie zu dem, was man als Comic bezeichnen kann. McCloud schlägt davon ausgehend vor, die Definition zu verfeinern und kommt bald zu seiner eigenen Definition: Comics sind „juxtaposed pictorial and other images in deliberate sequence“ (Understanding Comics, S. 9), grob in Deutsche übersetzt also aneinandergereihte, gemalte oder andere Bilder in einer bewussten Abfolge. McClouds Ansicht nach gibt diese verfeinerte Definition die Möglichkeit, das Medium in all seinen Inkarnationen durch tausende von Jahren an Geschichte näher zu untersuchen.

Historisches und Technisches

Mit dem Ziel, das Medium unter anderen Gesichtspunkten zu betrachten, holt McCloud weit aus. Sehr weit. Bis zu narrativen Wandmalereien des antiken Ägyptens verfolgt er die Geschichte des Mediums zurück. Nach McClouds Ansicht ist es seine detailliertere, präzisere Definition, die es möglich macht, die Anfänge des Comics bereits im Altertum aufzufinden und zu erforschen. Auch vertritt er die Meinung, das selbst in der Gegenwart Comicschaffende sich durchaus von der Vergangenheit inspirieren lassen und möglicherweise sogar davon lernen können. McClouds Ansatz, so weit in die Vergangenheit vorzudringen, ist möglicherweise nicht neu, aber auch nicht populär. Bis zu diesem Zeitpunkt sahen die meisten Werke über Comics die Anfänge des Mediums kurz vor dem Beginn des 20. Jahrhunderts. In Understanding Comics dagegen haben schon Holzschnitte, frühe Druckwerke und Wandmalereien Comiccharakter, wenn sie sich prinzipiell mit McClouds Definition umschreiben lassen.

Doch der Autor und sein Comic-Ich beschäftigen sich, wie in der Einleitung des Buches schon erwähnt, nicht nur mit der Geschichte des Mediums. Auch die technischen und künstlerischen Facetten des Comics werden genau untersucht und beispielhaft erklärt. Da gibt es unter anderem ein Kapitel, welches zentrale Begriffe des Mediums erklärt. Ein anderes untersucht genauer, was in der Lücke zwischen den Panels eines Comics passiert oder passieren kann. Wieder ein anderes Kapitel befasst sich mit der Frage, wie Zeit in einem Comic verläuft und wie das Fortschreiten der Zeit von Comics dargestellt werden kann. Zuletzt befasst sich McCloud aber auch mit dem Schaffensprozess selbst, untersucht und erklärt, wie ein Comic aus dem Kopf des Künstlers auf das Papier gelangt.

Ein Buch mit Humor

Eine weitere Besonderheit des Buches ist McClouds Sinn für Humor und seine Erfahrung mit dem Medium selbst. Understanding Comics ist gespickt mit viel Witz rund um Comics, dazu kommen diverse medienspezifische Spielereien, die einerseits das Buch einfach und kurzweilig lesbar machen, dabei aber auch Beispiele spezifischer darstellen. Ein Beispiel hierfür ist das Kapitel über Farbe. In dem gesamten Buch ist dieses das einzige Kapitel, in dem mit Farbe gearbeitet wird, was diesen Teil des Buches vom Rest abhebt. Auch die Idee, sich selbst als Experten in das Buch einzufügen hilft beim problemlosen Verständnis des Buches, ist aber auch Grundlage eines großen Teils des Humors des Werkes. McClouds stilisiertes Ich kann sowohl mit dem Inhalt der Panels des gesamten Buches agieren, aber auch gleichermaßen durchgehend, die vierte Wand durchbrechend, mit dem Leser kommunizieren. Seine Figur ist zudem stets im selben Zeichenstil gehalten, durchstreift und erforscht aber auch andere Stile, weniger cartoonhafte, realistischere Zeichnungen etwa. Der Kontrast des Erzählers mit dem Untersuchungsobjekt ist dabei nie störend und hilft stattdessen beim Verständnis, als Konstante in einem alles andere als konsistentem Medium.

Der Autor als Fan

Natürlich muss erwähnt werden, dass es sich bei Understanding Comics nicht im klassischen Sinne um ein wissenschaftliches Werk handelt. McCloud gibt zwar stets Quellen seiner Bildbeispiele und Fußnoten zu einzelnen Theorien an, beschäftigt sich jedoch nur am Rande mit anderer theoretischer Literatur, vor allem natürlich mit dem Werk von Will Eisner. Es ist offensichtlich, dass es sich bei dem Buch vor allem um die Arbeit eines Comicfans handelt, sowie eines Künstlers, der nicht aus einem wissenschaftlichen Hintergrund kommt. Allerdings macht dies das Werk nicht weniger informativ. McCloud hat sich seine Gedanken über ein Thema, das ihm sehr am Herzen liegt gemacht und will dem Leser helfen, sein Bild von Comics zu überdenken und zu formen. An keiner Stelle aber ist McCloud absolut in seinem Standpunkt, sieht ihn eher als einen Ansatz an die Theorie des Mediums.

Im Zentrum aber steht für ihn immer noch die Liebe für das Comic und mit Understanding Comics lieferte Scott McCloud ein umfangreiches, interessantes und kurzweiliges Werk für Fans, Künstler und all jene, die sich es sich vorstellen können, Fans oder Künstler zu werden.

Französische Webtrends: Mit Humor geht’s besser

von Sonja Sartor

Es gibt unzählige Internettrends in dieser vernetzten Welt. Die meisten finden ihren Anfang in den sozialen Netzwerken und verbreiten sich wie ein Lauffeuer um den Erdball. Verrückte Ideen, Aktionen und witzige Videos und Fotos, die jeder Nutzer nachahmen kann, erfreuen sich großer Beliebtheit. Unter dem Stichwort Ice-Bucket-Challenge lassen sich Promis und Normalos einen Eimer eiskaltes Wasser über den Kopf gießen, um Spenden für Patienten der Nervenkrankheit ALS zu sammeln. Beim Face-Swap werden durch eine Anwendung zwei Gesichter vertauscht und man kann plötzlich sehen, wie einem beispielsweise das Gesicht der Queen stehen würde. Ganz aktuell erlebt die Facebook-Seite des fiktiven BWL-Studenten Justus einen  großen Hype, denn der schnöselige Pullunderträger verkörpert alle Vorurteile seines Studiengangs und bringt mit seinen arroganten Sprüchen Studenten in ganz Deutschland zum Lachen. Die bekanntesten Internettrends scheinen vor allem aus dem anglo-amerikanischen Raum zu uns herüberzuschwappen.

Woher ein Internettrend ursprünglich stammt, ist eigentlich weniger von Bedeutung, Hauptsache, er macht Spaß. Trotzdem sind gerade französische Internettrends einen Bericht wert, denn sie sagen viel über das französische Volk aus und vervollständigen das Bild der französischen Medienlandschaft, das diese Artikelreihe skizzenhaft abzubilden versucht.

Vie de merde – Was für ein Scheißleben

Franzosen wirft man manchmal vor, arrogant zu sein. Wer der französischen Sprache nicht Herr ist, kommt oft mit Englisch auch nicht weiter in der Grande Nation. Die meisten Franzosen sprechen ungern Englisch, nicht etwa aus Arroganz oder fehlender Bildung, sondern weil sie keine Fehler machen möchten. Das Gesicht zu bewahren, ist überaus wichtig.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Franzosen nicht über eigene Malheure des Alltags lachen können, wie ein französischer Internettrend zeigt. Auf der Seite www.viedemerde.fr können User Anekdoten teilen, die beweisen, dass sie ein vie de merde, also ein „Scheißleben“ haben. Ein Beispiel gefällig?

Der Autor folgender Anekdote hatte richtig Pech: „Nachdem ich wegen der Streiks tagelang ohne Sprit auskommen musste, steht mein Auto nun ein Meter unter Wasser, aber dafür mit vollem Tank. Scheißleben“ (Zum besseren Verständnis: Aktuell werden Tankstellen aus Protest gegen eine Arbeitsreform der Regierung bestreikt, außerdem gab es kürzlich in Teilen Frankreichs Überschwemmungen). Die Nutzer können in Form von kategorisierten Klicks ihre Zustimmung zeigen. So hat der beschriebene Post am 9. Juni 2016 schon über 45.000 Mal die Bestätigung bekommen, dass der Autor ein „Scheißleben“ hat.

Ein Anderer klagt: „Heute hat meine Katze ihr großes Geschäft im Katzenklo gemacht. Dann ist sie auf den Küchentisch gesprungen, um sich den Hintern mit der Spitzentischdecke abzuputzen und ist, als wäre nichts gewesen, wieder hinuntergesprungen. Scheißleben.“

Die Anekdoten sind meistens zwei bis maximal drei Sätze lang und enden mit einer Pointe. Eine Garantie für ihre Wahrheit gibt es nicht, aber sie müssen witzig und dürfen weder rassistisch noch sexistisch sein. Die Themen Tod, Krankheit und Unfälle sind ebenfalls tabu.

Die Seite www.viedemerde.fr ist bis heute noch überaus erfolgreich. Gegründet wurde sie 2008 von dem Programmierer Maxime Valette. In einem anfänglichen Blog schrieb der junge Mann alles nieder, was er täglich an Kuriositäten und Aufregern erlebte. Das Timing war perfekt, denn die Auswirkungen der Finanzkrise traten zu Tage und viele Bürger konnten sich mit dem „Scheißleben“ identifizieren. Laut der Tageszeitung L’Est Républicain erreichte die Seite innerhalb der ersten zwei Monate eine Reichweite von 40.000 Lesern. Eine englische Version der Seite gibt es inzwischen auch, mit dem passenden Namen F my Life.

Internettrends2Was man früher nur dem engsten Kreis erzählt hat, möchte man heute mit so vielen Menschen wie möglich teilen. Die kleinen und großen Aufreger mit der Öffentlichkeit zu teilen, ist eine Art Selbsttherapie, bei der man den Zuspruch und die Anerkennung anderer bekommt. Das Erlebte ist plötzlich weniger dramatisch und wird ins Lustige verkehrt.

Schadenfreude spielt natürlich trotzdem eine Rolle. Wie das Wall Street Journal feststellt, basiert französischer Humor darauf, sich über das Unglück anderer lustig zu machen. Ganz nach dem Motto: Le malheur des uns fait le bonheur des autres“, was dem deutschen Sprichwort „Des einen Freud, des andern Leid“ entspricht. Nicht umsonst gibt es auch auf Viedemerde.fr den Button „Das hast du verdient“

Das ganz normale Stadtleben

Humor mit Augenzwinkern zeichnet auch eine junge Facebook-Seite aus.
Jugendliche, die sich außen an der Straßenbahn festklammern und so eine kostenlose Bahnfahrt einheimsen? Ganz normal in Lyon! Die Facebookseite C’est normal à Lyon (dt. Das ist normal in Lyon) veröffentlicht kuriose Fotos, die zeigen, was scheinbar normal ist in der drittgrößten französischen Stadt. Eigentlich stammt dieses Konzept aus Niort, einer Gemeinde in Poitou-Charentes. Der Facebook-Auftritt über Lyon, der im November 2014 kreiert wurde, hat inzwischen mit 24.000 Likes ingesamt etwa 5000 mehr Likes als die Originalseite über Niort.

Selbst, wenn man so wie ich nur ein paar Monate in Lyon gelebt hat, schaut man sich gerne die Bilder von den ungewöhnlichen Seiten der Stadt an. Man erkennt Situationen wieder, die man selbst erlebt hat und muss schmunzeln. Das Konzept, die typischen Seiten einer Stadt zu zeigen, gibt es natürlich auch in Deutschland. Auf dem Blog „When you live in Berlin“ zeigt eine Engländerin persönliche Stadtmomente, zu denen sie die Filmsequenzen als Gif-Animation einfügt.

Das Schöne an Internettrends ist, egal ob sie aus Frankreich stammen oder nicht, dass jeder Nutzer sie imitieren und daraus etwas Eigenes machen kann. Sie unterhalten und helfen uns, unseren Alltag, so kompliziert und mühsam er auch sein mag,  leichter zu nehmen. Denn Humor ist ja bekanntlich, wenn man trotzdem lacht.

Fotos: flickr.com/joffreydelacour (CC BY-NC-ND 2.0), flickr.com/Duncan Hall (CC BY 2.0)


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Der Tabubruch im französischen Film

Endlose Leinwände und digitale Comics

Autor: Marius Lang

Illustration: Henrike Ledig

Mit dem Wandel der Technologie geht immer auch ein Wandel der Medien einher. Der Film hat sich seit seinen Anfängen in einem konstanten Zustand der Veränderung befunden, stets beeinflusst von neuen Technologien zur Produktion, Speicherung und Sendung an die Adressaten. Von den ersten bewegten Bildern der Gebrüder Lumière über den Tonfilm, den Farbfilm, Fernsehen, VHS, DVD und schließlich das Internet und Portale wie Netflix, immer haben technische Neuerungen den Film mit beeinflusst. Dies ist bei dem Medium des Comics nicht anders. Neuere Methoden der Zeichnung, Kolorierung und des Drucks haben den Stil des Comics geprägt und verändert. Und auch das Internet mit all seinen Schwierigkeiten und neuen Möglichkeiten für das Medium trägt dazu bei, dass sich Verlage, Künstler und Leser von Comics immer mehr mit diesem Feld auseinandersetzen. Digitale Comics sind das Stichwort: Einige sehen in ihnen ein Problem, ein Risiko für die Industrie. Andere bleiben optimistisch und sehen gleichermaßen neue Möglichkeiten für die Kunst und den Vertrieb und damit auch für die Leser. Eine gesunde Einstellung, erst recht in einem Medium, dass gerade dieser Tage die Basis gewaltiger Franchises in Film und TV bildet.

Panels auf dem Bildschirm

Nun stellt sich die Frage, was genau Digitale Comics eigentlich sind. Unter diesem Begriff kann man viele verschiedene Formen des Mediums verstehen. Webcomics, die zumeist exklusiv im Netz einsehbar sind, sind dabei eine der populärsten Inkarnationen. Allerdings zählen auch digitale Versionen von Comics dazu, die oft zusätzlich in gedruckter Form erhältlich sind oder waren. In seinem Buch Reinventing Comics befürwortet Scott McCloud, dass wir unser allgemeines Verständnis von Comics nicht in der gleichen Form auf digitale Comics übertragen können, insbesondere, weil digitale Comics nicht denselben Regeln folgen müssen, denen sich das Print-Format unterwerfen muss. So funktionieren viele digitale Comics nicht auf dem Papier oder lesen sich, wenn sie denn in gedruckter Form erscheinen, teilweise oder gänzlich anders. Vielen Zwängen, denen sich klassische Comics unterwerfen müssen, können digitale Comics durchbrechen. Das eigentlich übliche Konzept, nachdem Comics ihre Erzählung Seite pro Seite staffeln müssen, um den Leser zum umblättern zu bewegen, ist in digitaler Form nicht gegeben. Stattdessen könnten diese Comics ihre Panels ewig nebeneinander legen, ein Konzept, welches McCloud als „infinite canvas“ bezeichnet. Digitale Comics stellen somit Künstler wie Autoren, Verlage und sogar den Leser vor andere, neue Herausforderungen, bringen aber auch völlig neue Möglichkeiten des Storytellings und Lesevergnügens mit sich, mit denen es zu experimentieren gilt.

Konzept der Zukunft?

Neue Möglichkeiten bringen oft eine Sache mit sich: Ängste. Auch digitale Comics sind davon nicht ausgenommen. Eine große Angst, die vor allem große Verlage herumtreibt, ist die Furcht vor Profitverlust. Oft vorgehalten ist die Angst, dass digitale Comics die Verkäufe von gedruckten Comics deutlich mindern würden, dass illegale Downloads und Online-Piraterie zunehmen würden. Diese Ängste haben viele der großen Verleger, insbesondere MARVEL, DC Comics oder Image Comics davon abgehalten, bereits früh auf den Zug aufzuspringen und ihre Produkte auch oder teilweise exklusiv online zu vertreiben. Dabei waren die Möglichkeiten bereits sehr früh vorhanden. 2007 wurde die Online-Plattform ComiXology gegründet, ein cloudbasierter Vertrieb digitaler Comics. 2014 wurde der Betrieb von Amazon.com aufgekauft. Dieser Tage bietet die Website eine breite Auswahl an digitalen Comics an, sowohl von großen Herausgebern als auch von kleineren Independent-Verlagen und freien Künstlern und Autoren. Die digitalen Comics sind oft günstiger als ihre gedruckten Ausgaben und der Erfolg von E-Readern und Tablets als ernstzunehmende Alternative zu Büchern spricht ebenfalls dafür, einen ernsthaften Blick auf digitale Comics als Alternative zum gedruckten Comic zu werfen. Doch auch in einer anderen Hinsicht sind digitale Comics für die Welt von besonderer Bedeutung. Was man nicht vergessen darf ist, dass Comics auch Kunst sind. Kunst, die es zu erhalten gilt.

Viele Comics werden im Print nie neu aufgelegt oder sind nur in teuren Kollektionen noch aufzufinden. Doch die digitale Revolution ermöglicht es uns als Lesern, Comics zu rezipieren, die möglicherweise seit Jahren schon nicht mehr gedruckt werden, da ein Vertrieb auf Papier nicht veritabel wäre. Da viele Kosten, für Papier und Druck etwa, bei digitalen Comics wegfallen, stellen diese für Verlage eine durchaus profitable Möglichkeit dar, Comics der Vergangenheit für die Nachwelt und künftige Leser  zu erhalten. Ein weltweit und simpel zugänglicher Tresor, gefüllt mit Geschichten aus der Vergangenheit.

Endlose Leinwand, endlose Möglichkeiten

Es ist freilich schwer zu sagen, was die Zukunft noch für neue Technologien mit sich bringt, die eventuell die Comicwelt erneut revolutionieren. Wichtig ist es, diesen neuen Technologien ihre Chance zu geben und somit möglicherweise neue Wege zu finden, die Welt des Storytellings in Comics neu auszulegen. Ängste, dass das gedruckte Werk deswegen aussterben würde, sind hierbei zwar verständlich, aber sollten niemals im Weg stehen, neue Wege zu gehen und neue Ideen auszutesten. Stattdessen sollten Verlage, Autoren und Künstler sich damit auseinandersetzen, wie man den gedruckten Comic auch in der Zukunft erhalten kann, in Koexistenz mit digitalen Werken. Bücher sind schließlich nicht verschwunden, nur weil E-Books existieren. Und Digitale Comics geben Künstlern neue Möglichkeiten, sich zu verwirklichen. Viele Webcomic-Künstler sind dieser Tage so erfolgreich wie bekannte Comicautoren, eine Leistung, die sie im hart umkämpften Printgewerbe vielleicht nie erreicht hätten.

Digitale Comics haben noch einen weiten Weg vor sich. Doch es ist für alle Beteiligten, Produzenten wie Konsumenten, wichtig, diesen Weg mitzugehen. Scott McCloud sagt, wir sollten digitale Comics mit anderen Augen betrachten als ihre gedruckten Gegenstücke. Doch er bleibt dabei optimistisch, sieht die Möglichkeiten und weniger die Schwierigkeiten. Er plädiert dafür, dass man neue Technologien nutzen sollte, neue Wege der Kunst zu erschließen. Und mit einem Klick können wir völlig neue Comic-Welten betreten.

Empfehlung:

Reinventing Comics: How Imagination and Technology Are Revolutionizing an Art Form – Von Scott McCloud (2000)

Der Tabubruch im französischen Film

von Sonja Sartor

Das Brechen von Tabus sorgt für Aufschreie in der Gesellschaft. Das französische Kino hat in der Vergangenheit besonders gern mit Tabubrüchen gespielt. Anhand der Filme Die Liebenden (1958) und Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen (1986) soll gezeigt werden, wie französisches Kino Tabubrüche in Szene setzt und welche Effekte diese erzielen.
„Sie hatte Angst, aber sie bereute nichts“

Mit diesem Satz endet Louis Malles Die Liebenden (1958). Die Handlung ist schnell auf den Punkt gebracht: Hausfrau Jeanne (Jeanne Moreau), verheiratet mit einem wohlhabenden Verleger, entflieht der ehelichen Monotonie nahe Dijon immer wieder mit Reisen nach Paris, da ihr die Komplimente Pariser Männer schmeicheln. Eines Tages macht ihr Auto auf der Rückfahrt schlapp und Bernard (Jean-Marc Bory), ein unprätentiöser Archäologe, fährt sie nach Hause. Dort bittet Jeannes Mann den Fremden, bei ihnen in der Villa zu übernachten. In der Nacht lernen sich Jeanne und Bernard kennen und lieben. Ohne Rücksicht auf Mann und Kind brennt Jeanne mit ihrem Liebhaber am nächsten Morgen durch.

Tabubruch 2Das Skandaldrama im Stil der Nouvelle Vague bricht mit den Konventionen der 50er Jahre. Das letzte Drittel des Films ist unglaublich sinnlich und romantisch. Bernard und Jeanne wandeln durch den nächtlichen Garten, sie küssen sich. Jeanne hat die Liebe wie ein Blitz getroffen. Zurück in der Villa gibt sie sich ihren Gefühlen völlig schamlos hin und es kommt zum Sex zwischen den Verliebten, während Mann und Kind ein paar Türen weiter selig schlafen. Die von Brahms Musik untermalte Szene ist ungewohnt freizügig und erotisch. Das Close-up auf Jeannes Ehering, den Bernard anschließend mit seiner Hand überdeckt, hebt hervor, dass hier gerade ein Ehebruch begangen wird. Skandalös ist, dass Jeanne die eigene Freiheit wichtiger ist als ihr Kind, das sie bei einem gefühlskalten Vater zurücklässt. Daher wurden in der deutschen Fassung die Szenen mit Jeannes Kind herausgeschnitten. Im prüden Amerika wurde der Film wegen Obszönität angeklagt. Ultrakatholische Vereine kämpften vergeblich für das Verbieten des Films bei den Filmfestspielen von Venedig. Trotzdem erlangte Louis Malle mit diesem Werk internationale Anerkennung.

Liebe am Rande des Wahnsinns

Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen erzählt die Geschichte eines Liebespaares, das versucht, sich eine Zukunft aufzubauen und gnadenlos scheitert. Die junge, extrem verführerische Betty (Béatrice Dalle) taucht eines Sommers im Leben des Hausmeisters Zorg (Jean-Hugues Anglade) auf und stellt alles auf den Kopf. Eines Tages entdeckt sie Zorgs Manuskripte und ist besessen von der Idee, dass er ein Schriftsteller-Genie ist. Als Betty in einer Phase der Wut Zorgs Bungalow in Brand steckt und er fast alles verliert, reist das Paar nach Paris. Sie kommen bei einer Freundin von Betty unter und kellnern übergangsweise in der Pizzeria von Lisas Freund Eddie. Betty tippt Zorgs Manuskripte ab und schickt sie an die Pariser Verlage. Statt einer Zusage erhält er jedoch eine vernichtende Kritik. Dies führt dazu, dass Betty dem Verleger auflauert und ihn attackiert.

Die Beerdigung von Eddies Mutter führt Betty und Zorg in ein Provinzstädtchen. Spontan entscheiden sie sich, das Klaviergeschäft der verstorbenen Frau zu übernehmen. Die Situation verschlechtert sich jedoch dramatisch, als Betty wider Erwarten erfährt, dass sie nicht schwanger ist. Völlig verstört verwüstet sie die gemeinsame Wohnung und reißt sich das rechte Auge aus. Als Zorg sie im Krankenhaus besucht, steht Betty unter Beruhigungsmitteln und  befindet sich in einer Art Wachkoma. Zorg sieht keine andere Lösung mehr und erstickt die junge Frau mit einem Kissen.

Tabubruch 3Das Drama aus dem Jahre 1986 von Jean-Jacques Beineix begeht gleich mehrere Tabubrüche: Zum einen sind da die expliziten Sexszenen, denen sich das Paar leidenschaftlich hingibt. Allein der Beginn des Films besteht aus einem mehrminütigen Liebesakt, auf den die Kamera langsam zufährt. Zum anderen ist da die unterschwellige Auseinandersetzung mit einer scheinbar wahnsinnig gewordenen Frau, die zur Selbstzerstörung neigt. Ihre Wutanfälle sind beängstigend wie faszinierend. Kleinigkeiten treiben die zerbrechliche Frau zur Weißglut und lassen sie Dinge tun, bei dem der Zuschauer nur ungläubig den Kopf schüttelt. So schüttet sie einen Eimer pinker Farbe auf den Sportwagen von Zorgs Chef, als dieser verlangt, das Paar solle die gesamte Ferienanlage von 500 Bungalows streichen. Mehrmals deuten Außenstehende mit Aussagen wie „die muss wahnsinnig sein“ darauf hin, dass Betty an einer Persönlichkeitsstörung, möglicherweise an Borderline, leidet. Der Film zeigt eindringlich, wie eine extreme Liebe und zerplatzte Träume in einem Mord enden können.

Regisseur Jean-Jacques Beineix ist mit Betty Blue einer der stilbildendsten und einflussreichsten Kultfilme der 80er Jahre gelungen. In seinem unglaublichen 178-minütigen Director’s Cut kann man die Einflüsse des Cinéma du look betrachten, in das sich Beineix einschreibt. Intensive Farb- und Lichteffekte sowie eine äußerst künstliche Kulisse charakterisieren diese Filmbewegung. Es ist einzigartig, wie dramatisch Beineix die Persönlichkeitsstörung inszeniert und so auf diese medial wenig thematisierte Störung aufmerksam macht.

Der  notorische Tabubrecher

Wenn die Rede von Tabubrüchen im französischen Kino ist, darf ein Name nicht fehlen: François Ozon. Die Filmplattform http://www.moviepilot.de/schreibt über den Ausnahme-Regisseur: „Auf fast schon sadistische Art und Weise liebt er es, seine Zuschauer zu frustrieren – Ozon erschafft gerne eine trügerische Idylle, nur um sie zunächst langsam von Innen und letzten Endes mit voller Gewalt zu zerstören“. Ozon thematisiert gerne Tabus: Homosexualität (Sitcom), Transgender (Tropfen auf heiße Steine) oder Krankheit (Die Zeit die bleibt). Ozon führt die Tradition des Tabubruchs im französischen Kino weiter.

Was macht Tabubrüche so reizvoll? Tabus sichern laut Bundeszentrale für politische Bildung die Überlebensfähigkeit der Gemeinschaft. Außerdem dienen sie der Identitätsbildung, da sie sich auf Werte berufen, die von der Gesellschaft als besonders schützenswert erachtet werden. Tabubrüche zeigen der Gesellschaft ihre selbst errichteten Grenzen auf. Sie ermöglichen, die Aufmerksamkeit auf ein Thema zu richten, das Teil der Gesellschaft ist, aber gewöhnlich totgeschwiegen wird. In Filmen können wir sehen, was mit Menschen passiert, die Tabus brechen – und uns darauf eine eigene Meinung bilden.

Fotos: flickr.com/bswise (CC BY-NC-ND 2.0), flickr.com/bswise (CC BY-NC-ND 2.0), flickr.com/startinghere71 (CC BY-NC-ND 2.0)


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Sascha Lobo_Mediendozentur

Das Ende der Gesellschaft – von den Folgen der Vernetzung

von Jasmin Gerst

Auch in diesem Jahr luden das SWR Studio und das Institut für Medienwissenschaften zur 13. Mediendozentur in der Neuen Aula der Universität Tübingen ein. Um den journalistischen Nachwuchs zu fördern, werden jährlich herausragende Persönlichkeiten eingeladen, die über aktuelle und brisante Themen zu referieren.

Am vergangenen Dienstag, den 07.06.2016, war der Blogger und Journalist Sascha Lobo mit seinem Vortrag „Das Ende der Gesellschaft – von den Folgen der Vernetzung“ zu Gast.

Das Ende der Illusion, die wir Gesellschaft nennen

IMG_5131Gleich zu Beginn stellt der 41-jährige klar, dass es in seinem Vortrag keineswegs um „das Ende der Gesellschaft gehe, sondern um das Ende der Illusion, die wir Gesellschaft nennen.“ Denn unsere Gesellschaft durchlebt momentan einen unvorstellbaren Wandel, der nicht nur durch unser Umfeld, sondern auch durch die Massenmedien genährt wird. Dieser Wandel ist unaufhaltsam, denn es wird alles veröffentlicht und alles dokumentiert. Es ist ein Trend geworden, alles mit der Welt zu teilen: sei es das gerade zubereitete Mittagessen, das härteste Sporttraining aller Zeiten oder das kürzlich erworbene Outfit.

Dieser soziale Trend lässt uns in „die Köpfe der Menschen schauen“. Diesen Prozess beschreibt Lobo als Live-Auflösung der Illusion der Gesellschaft – wir können live dabei sein und zuschauen wie sie sich verändert und was sie aus uns Menschen macht.

Zusätzlich entsteht daraus eine neue Qualität der sozialen Medien: Es entsteht nicht nur ein rauer Umgangston bei Menschen, die sich im Netz hinter anonymen Identitäten verstecken, sondern Menschen aller Klassen kommentieren und kritisieren unter vollem Namen. Wir müssen uns bewusst sein, dass durch diesen sozialen Trend unsere Gesellschaft immer mehr abblättert.

Eine neue Sprache entsteht mit unfassbarer Geschwindigkeit

Durch den sozialen Wandel sehen auch die Massenmedien sich gezwungen, eine Veränderung durchzuführen – eine neue formalisierte Sprache der Nachrichten entsteht als Inbegriff der Mäßigung. Auch sogenannte „Fake News“, eine satirische Nachahmung der Nachrichten als eine Art gesellschaftlichen Abschied der sozialen Mäßigung, werden zum Trend. Die Medien richten sich nun nach ihrem Publikum: erst kommen Emotionen, dann kommen die Informationen. Dadurch entsteht eine neue Ebene der digitalen Vernetzung.

Und als wäre dies nicht genug. Mit einer unfassbaren Geschwindigkeit zieht alles an uns vorbei. Dinge geschehen, bevor man versteht warum. Auf einmal geschieht etwas Neues und das Ereignis zuvor ist schon veraltet. Um dieser Entwicklung zu begegnen, braucht man nach Lobo eine emotionale Brille, denn diese Entwicklung manipuliert unsere Emotionen und unsere Wissensbildung scheint damit in Gefahr geraten zu sein.

Ein weiteres Problem ist das Teilen in den sozialen Netzwerken. Erzählungen, die man aufschnappt – ohne konkretes Wissen – sind zentral für diese Problematik und damit gerät auch das wichtigste Instrument des Journalisten in Gefahr: die Recherche. Im Grunde hat man keine andere Wahl, man muss glauben, was einem gesagt wird, obwohl ein Restzweifel bleibt. Dem Wahrheitsbegriff wird sozusagen ein Filter des Gefühls übergestülpt und so wird auch dieser – wie vieles im Netz – zum Fake.

Aber was sind die Gründe für eine derartige Entwicklung? Nicht nur die zunehmende Komplexität der Welt oder die Tatsache, dass es vermeintliche Verschwörungen gibt, können hier als Erklärung angeführt werden, sondern ebenso die immer steigende Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit. Es wird immer deutlicher, dass immer mehr Menschen sich im Netz öffentlich darstellen und sich dabei weitgehend an Äußerlichkeiten orientieren: Der Beauty-Trend oder der Fitness-Trend sind dabei große Vorreiter.

Jedoch bleibt es dabei nicht bei netten Komplimenten. Menschenfeindlichkeit, Neid, Radikalität und auch Gefühle der Notwehr stehen dabei an der Tagesordnung und so nimmt der Extremismus in den sozialen Medien immer mehr zu.

Kampf gegen den Extremismus im Netz

Für Sascha Lobo ist es also „das Ende der Illusion der Gesellschaft“, denn alles scheint möglich zu sein – auch kalte Hysterie und Gewaltbereitschaft gehören wie selbstverständlich dazu. Zusammenfassend kann Lobo feststellen, dass es im Gegensatz zu früher nicht mehr wichtig ist die Nachrichten so emotionslos wie möglich zu präsentieren, sondern dass sich die Reihenfolge umgedreht hat: Emotionen vor Informationen. Dennoch sei es an der Zeit, sich diesen gesellschaftlichen Entwicklungen zu stellen und sich gegen diese mit aller Kraft zu wehren und die sozialen Netzwerke wieder zu dem zu machen, was sie einst waren.

 

Fotos: flickr.com

Onlinebuchung statt Reisebüro?

von Karina Pflumm

Wer einen Urlaub buchen wollte, ging früher ins Reisebüro – heute gibt es alle Informationen im Internet. Die Tourismusbranche steckt seit einigen Jahren im Wandel. Die größte Konkurrenz für die Reisebüros sind die vielzähligen Onlinebuchungsportale im Internet, die auch von großen Reiseveranstaltern wie Thomas Cook oder TUI betrieben werden. Viele sind nach wie vor der Überzeugung, dass echte Schnäppchen nur im Internet zu finden sind, schließlich unterbieten sich die Portale gegenseitig im Preis. Dennoch werden laut Stiftung Warentest über zwei Drittel aller Reisen im Reisebüro gebucht.

Doch wo gibt es sie denn nun wirklich, die günstigsten Reisen? Und werden es konventionelle Reisebüros in Zukunft noch schwerer haben im umkämpften Tourismusbranchendschungel zu bestehen?

Foto: flickr.com/Variegator (CC BY-NC-SA 2.0)

Frankreich bleibt Charlie

von Sonja Sartor

Der irische Schriftsteller Jonathan Swift sagte einmal: „Satire ist eine Art Spiegel, in dem das Publikum nur die Gesichter anderer Menschen sieht, aber nicht das eigene.“

In Frankreich nimmt Satire eine zentrale Rolle in der Medienlandschaft ein. Doch wie funktioniert französische Satire überhaupt? Wie ist sie entstanden und was sind ihre Besonderheiten? Diesen Fragen soll in diesem Artikel aus der Reihe Medienperspektiven à la française auf den Grund gegangen werden.

Die schwierigen Anfänge der Satire

Die Tradition französischer Satire reicht bis in die Epoche der Aufklärung zurück. Werke von bekannten Schriftstellern wie Montesquieu und Voltaire werden im  19. Jahrhundert zensiert, weil sich darin satirische Züge über Staat, Gesellschaft und Kirche finden. Durch die Milderung der Zensur infolge der französischen Revolution von 1789 wird eine Flut von Plakaten, Flugblättern und Pamphleten ausgelöst, die dazu dienen, die Bürger in eine öffentliche politische Debatte einzubinden. Die Vorzensur von Schriften wird zwar abgeschafft, jedoch müssen sich Autoren nach Veröffentlichung eines Werkes weiterhin vor der willkürlichen Verfolgung durch die Pariser Polizei fürchten. Unter der Jakobinerdiktatur kann ein einziger Hinweis auf die Treue des Autors gegenüber der Monarchie zur Verhaftung, wenn nicht sogar zum Tod durch die Guillotine führen. Ab 1830 verbreiten sich Karikaturen und satirische Elemente in vielen Zeitungen.

1831 zeichnet der Humorist Honoré Daumier König Louis-Philippe I. als Gargantua, eine saufende und nimmersatte Romanfigur von François Rabelais. Was für ein Affront! Für diese Verunglimpfung des Königs büßt der Karikaturist sechs Monate im Gefängnis ein. Bis zur Presse- und Meinungsfreiheit wie sie Frankreich heute kennt, ist es noch ein langer Weg.

Bissig, bissiger, Charlie Hebdo

Die wichtigsten Satirezeitschriften Frankreichs, die noch heute die französische Medienlandschaft prägen, entstehen im 20. Jahrhundert. Le Canard enchaîné wird bereits während des Ersten Weltkrieges ins Leben gerufen, Charlie Hebdo dagegen erst 1970.

Satire2Der Erfolg der satirischen Wochenzeitung Le Canard enchaîné mit dem witzigen Namen (dt. Die gefesselte Ente) ist ungebrochen. Die Zeitung mit einer Auflage von ca. 700.000 Exemplaren setzt nicht nur auf Satire, sondern auch auf Enthüllungsjournalismus und ist so schon einigen Politikern brandgefährlich geworden. So trat die Außenministerin Michèle Aillot-Marie 2011 zurück, nachdem die Satirezeitung aufgedeckt hatte, dass die Politikerin Kontakte zum tunesischen Ex-Diktator Ben Ali pflegte und während der Unruhen Urlaub in Tunesien machte. Gute Kontakte in höhere Kreise haben der Zeitung schon so manchen Scoop verschafft; man sagt, Le Canard Enchaîné besäße das beste Informantennetzwerk Frankreichs.

Satire3Zwar ist Le Canard Enchaîné die traditionsreichere der beiden Satiremedien, jedoch ist Charlie Hebdo mindestens genauso bedeutend. Charlie Hebdo fällt auf mit seinen grellen Comics, Fotomontagen und großformatigen provokativen Karikaturen, die keine Rücksicht auf jegliche Institution oder Persönlichkeit nehmen. Die Wochenzeitung ist die bissigste aller französischen Satiremedien und wurde bereits 14 Mal verklagt – und hat dabei keinen einzigen Prozess verloren. Das deutsche Satiremagazin Titanic ist im Vergleich dazu relativ harmlos. Religiöse Satire über Islam, Juden- und Christentum sind ein fester Bestandteil der Zeitung. Charlie Hebdo gehört auch zu den wenigen Zeitungen in Europa, die die Mohammed-Karikaturen 2007 abdruckte und um eigene Persiflagen erweiterte. Die Bedrohung durch Extremisten war schon  vor 2015 reeller, als den Zeichnern lieb war. Das Pariser Büro wurde 2011 durch einen Brandanschlag verwüstet, der bis heute nicht aufgeklärt werden konnte. Einige Karikaturisten standen wegen Morddrohungen unter Polizeischutz. Am 7. Januar 2015 erschossen zwei Terroristen zehn Mitglieder der Redaktion, darunter der berühmte Zeichner Charb alias Stéphane Charbonnier. Medien weltweit zeigten sich tief erschüttert und bekundeten ihre Solidarität mit dem französischen Satireblatt.

Weitermachen, trotz allem

Und wie steht es nun um Charlie Hebdo nach den Anschlägen? In einem Interview mit dem Tagesspiegel beklagt der Chefredakteur Gérard Biard neben den psychischen Auswirkungen auf das Team auch die schwierige Suche nach talentierten Karikaturisten: „Wir versuchen, nicht daran zu denken, was passiert ist. Wir machen weiter, trotz all der Schwierigkeiten. Wir müssen sehr gute Zeichner finden, aber uns wird immer klarer, wie herausragend die getöteten Kollegen Charb, Honoré, Wolinski, Tignous und Cabu waren. Auch wenn es hart klingt: Viele Karikaturen sind nicht gut genug.“

Auch die Arbeitsweise der Redaktion selbst hat sich verändert, so die Zeichnerin Coco Rey gegenüber der Welt: „Wir sind nicht mehr das kleine Käseblatt, das in der Ecke vor sich hin arbeitet und nicht mal 30.000 Abonnenten hat. Wir wissen, dass Charlie jetzt weltweit gelesen wird. Also achten wir darauf, dass die Botschaft unserer Zeichnungen klar und eindeutig ist. Wir können uns nicht das geringste Missverständnis leisten. Wir versuchen natürlich, die Finesse, die Ironie, die Satire beizubehalten, hüten uns aber vor doppeldeutigen Botschaften. Aber ich bedauere es, dass ein so tragisches Ereignis nötig war, um den Leuten klarzumachen, wie wichtig und sogar notwendig Charlie für unsere Demokratie und die Freiheit der Meinungsäußerung ist.“

Frankreich bleibt Charlie. Es braucht Satire als Ausdruck freier Meinungsäußerung. Die Karikatur ist etwas typisch Französisches. Mit der Kraft von Stift und Papier wird gegen Staat, Kirche, Extremisten in allen Bereichen, gegen Missstände in Wirtschaft und Gesellschaft protestiert. Satire schaut den Politikern auf die Finger und hält der Gesellschaft den Spiegel vor. Satire ermöglicht, Dinge aus einer anderen Perspektive als die der klassischen Medien zu sehen. Satire ist vor allem Bestandteil einer funktionierenden Demokratie, in der Kritik am System nicht nur geduldet, sondern willkommen ist.

Fotos: flickr.com/Esther Vargas (CC BY-SA 2.0), flickr.com/Mona Eberhardt (CC BY-SA 2.0), flickr.com/Rob Watling (CC BY-NC-ND 2.0)


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Als Mélanie Laurent 2012 die Studie „Approaching a state shift in Earth’s biosphere” liest, ist die Schauspielerin geschockt. Die Autoren Anthony Barnosky und Elizabeth Hadly prognostizieren darin den Zusammenbruch der Zivilisation in den nächsten 40 Jahren. Laurent ist zu dem Zeitpunkt schwanger und die Vorhersage nimmt sie so mit, dass sie „den ganzen Tag weint“, sie ist verzweifelt. Soll ihr Kind das Ende des Ökosystems dieses Planeten miterleben? Ist es schon zu spät zu handeln?

Anstatt aufzugeben und sich dem Schicksal zu ergeben, fasst Laurent zusammen mit dem befreundeten Umweltaktivisten Cyril Dion einen Beschluss: Sie werden einen Film drehen. Aber nicht einen Film wie Dutzende davor, der ein Horrorszenario nach dem anderen durchspielt, sondern einen, der zeigt: Die Welt ist voller Lösungen.

Wie man mal kurz die Welt retten kann

Das französische Filmteam um Dion und Laurent beginnt mit seiner Reise um die Welt und das Publikum taucht in das erste Kapitel ein: Die Landwirtschaft. Während die Anbauflächen immer weniger werden, nimmt die Weltbevölkerung stetig zu. Es werden die Fragen aufgeworfen: Welche innovativen Anbaumöglichkeiten in Stadt und Land gibt es? Wie kann man verhindern, dass riesige Agrarkonzerne die Kleinbauern in den Ruin treiben?

Tomorrow 2Den ersten Stopp machen Laurent und Dion im Norden ihres Heimatlandes und entdecken eine Gemüsefarm, die sich dem Zwischenfruchtanbau sowie der Permakultur verschrieben hat. Die Besitzer der Farm, Perrine und Charles Hervé-Gruyer, zeigen stolz ihren unübersichtlichen, aber charmanten Bio-Irrgarten irgendwo im Nirgendwo. Die Pflanzen werden auf begrenztem Raum angepflanzt, das Basilikum wächst unter der Tomate. Pestizide brauchen die Bauern nicht, denn der intensive Geruch des Basilikums hält Ungeziefer von allein fern.

6000 Kilometer Luftlinie entfernt ist das Ausmaß der industriellen sowie landwirtschaftlichen Monokultur nicht zu übersehen. Verlassene Wohnhäuser, leergefegte Kirchen und verfallene Fabrikgelände prägen das Stadtbild vieler Viertel im amerikanischen Detroit. Die Blütezeit der einstigen Autometropole ist vorbei, Firmen wanderten ab, die Zahl der Arbeitslosen stieg und Supermarktketten verschwanden aus der Stadt. Zugang zu gesunder Nahrung? Fehlanzeige. Aber Detroit hat eine kluge Lösung gefunden, mit der die 700.000-Einwohnerstadt die Lebensmittelversorgung seiner Bewohner gewährleisten kann. Das Stichwort heißt „Urban Gardening“. Brachland mitten in der Stadt wird in Gemüsegärten umgewandelt. Arbeitslose finden so eine Beschäftigung und die Detroiter haben Zugang zu lokalen und gesunden Produkten.

Tomorrow3In England finden Laurent und Dion einen Ansatz, der auch in einigen deutschen Städten angewendet wird. In dem kleinen Städtchen Totnes kann man statt in britischen Pfund auch in „Totnes Pound“ zahlen. Die Lokalwährung unterstützt die hiesigen Geschäfte. Laut den Filmemachern könnte auch in Griechenland eine regionale Währung der Schlüssel zum Erfolg sein, da erwirtschaftete Gelder in der heimischen Wirtschaft blieben und nicht in den internationalen Geldkreislauf zurückfließen würden.

Beim Thema Energie beeindruckt Island mit seiner Fortschrittlichkeit. Die Insel profitiert von seinen Geysiren, Vulkanen und heißen Quellen und versorgt mittlerweile 90 Prozent der Haushalte über Wasserdampf mit Wärme. Lösungen über Lösungen – die Welt ist voll davon.

Eine Botschaft, die alle betrifft – nicht nur Ökos

Der 118-minütige Dokumentarfilm, der bereits mit einem César ausgezeichnet wurde, setzt neue Maßstäbe. Er wühlt nicht in den unzähligen Problemen, die der Klimawandel mit sich bringt, sondern liefert konkrete und inspirierende Lösungsansätze. Nicht alle Lösungen hauen den deutschen Zuschauer vom Hocker, darunter das ambitionierte Zero-Waste-Projekt aus San Francisco, bei dem Müll vorbildlich getrennt wird. Dennoch sind solche Projekte ein Hoffnungsschimmer, der zeigt, dass auch anderen Ländern bewusst wird, dass Ressourcen kostbar sind und Wiederverwertung ein notwendiger Schritt ist. Außerdem reibt der Film dem Zuschauer nicht belehrend unter die Nase, was er im Moment alles Schlechtes tut, sondern verbreitet von Beginn an eine positive Grundstimmung. Trotz der ernsten Thematik gibt es immer wieder Momente, in denen man lacht, schmunzelt und staunt.

Besonders angenehm ist, wie sehr sich das Filmteam zurücknimmt. Selten sind die Kameraleute und die beiden Regisseure Dion und Laurent im Bild. Sie betonen damit, was wirklich zählt. Denn „Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen“ lebt vor allem von den Personen, die nicht zuschauen, sondern handeln. Und das mit vollem Einsatz und voller Begeisterung für ihr Projekt. Wenn der französische Geschäftsführer einer Briefumschlagfabrik dem Zuschauer erklärt, wie er und seine Mitarbeiter es schaffen, eine umweltfreundliche und nachhaltige Produktion auf die Beine zu stellen, bei der immer weniger Ressourcen verbraucht und in einen ausgeklügelten Kreislauf eingespeist werden, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Gern hätte man mehr davon.

Mélanie Laurent trifft auf den Punkt, was die interviewten Aktivisten auszeichnet: „Die Personen in unserem Film haben nicht darauf gewartet, bis etwas von oben kommt. Sie handeln, da wo sie können. Punkt.“ Schon während man den Film anschaut, beginnt man sich selbst zu fragen, was man im Alltag anders und besser machen könnte. Sollten wir das Auto nicht öfter mal stehen lassen? Und vielleicht auf dem Markt einkaufen anstatt beim Discounter?  Eines lehrt der Film auf eindrucksvolle Weise: Man muss im Kleinen anfangen, damit man Großes bewegen kann.

Fotos: Tomorrow-derfilm.de


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Wer schon einmal nach Frankreich gereist ist, hat sicherlich bemerkt, dass Franzosen durch und durch Genussmenschen sind. Zu einem entspannten Abend mit Freunden und Familie gehören für viele Franzosen neben Baguette und Käse auch ein Glas Wein und eine Zigarette dazu.

In den letzten Monaten jedoch ist in Frankreich eine alte Debatte über Werbegesetze zu den besagten Konsumgütern – Alkohol und Tabak – neu entbrannt und bis heute debattieren Lobbyverbände, Politiker und Gesundheitsbehörden leidenschaftlich darüber, ob es Werbung für Wein und Zigaretten geben darf und wie diese auszusehen hat.

Zwischen Savoir-vivre und Risikoaufklärung

Dass übermäßiger Alkohol- und Tabakkonsum zu schweren gesundheitlichen Schäden führen kann, ist französischen Gesundheitsbehörden unlängst bekannt. Um die Gesundheit des französischen Volks zu schützen und den Alkohol- und Tabakkonsum zu reduzieren, wurde 1991 das Loi Evin verabschiedet. Dieses Gesetz regelt hauptsächlich Werbung bezüglich alkoholischen Getränken und Tabakprodukten.

Das Loi Evin verbietet Werbung für alkoholische Getränke zwar nicht vollständig, aber schränkt diese auf spezielle Medien und Anlässe ein. Beispielsweise dürfen Anzeigen für Alkohol nicht in Zeitungen und Zeitschriften gedruckt werden, die sich an Kinder und Jugendliche richten. Auch Internetseiten von Sportvereinen und -verbänden dürfen keine Alkoholwerbung beinhalten, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass sportliche Aktivität und Alkohol gut zusammen passen würden. Im Kino und Fernsehen ist Werbung für alkoholische Getränke strikt untersagt. Veranstalter von traditionellen Feiern und Messen, die Wein aus der Region präsentieren, dürfen hingegen in diesem bestimmten Rahmen für Alkohol die Werbetrommel rühren.

Im September 2015 äußerten mehr als 60 Abgeordnete und Senatoren gegenüber dem Präsidenten François Hollande die Forderung nach einer Änderung des bestehenden Loi Evin: Man müsse zwischen Werbung und Information über Wein unterscheiden und daher solle das abgeänderte Gesetz das „Informieren über Wein“ erlauben.

Die Politiker, die diese Forderung hervorbrachten, stammen größtenteils aus bekannten Weinbaugebieten Frankreichs. Wein wird als französisches Nationalgut angesehen und jede Region besitzt ihre eigenen Weinbaugebiete: So stammt Burgunder aus der Bourgogne und Champagner aus der Champagne. Man identifiziert sich mit den Weinsorten, die in der eigenen Region angebaut und verarbeitet werden. Mit ihrem Vorstoß möchten die französischen Abgeordneten einen legalen Freiraum schaffen für Inhalte, die Informationen rund um das Thema Wein vermitteln.

wein2Aber was bedeutet das?
Es geht vor allem darum, den Weintourismus in Frankreich anzukurbeln. Frankreich ist in der glücklichen Position, zu den beliebtesten Urlaubsländern der Welt zu zählen. 84 Millionen Personen verbrachten im Durchschnitt jährlich ihren Urlaub in Frankreich und wenn es nach der französischen Regierung geht, soll sich ihre Anzahl bis 2020 auf 100 Millionen erhöhen. Es wird viel dafür getan, dass ein Teil dieser Urlauber auch ein wenig Geld in den Weintourismus steckt. Die insgesamt 17 französischen Weinbaugebiete locken mit Weinverkostungen, Fortbildungen, Workshops sowie Weinfesten und -Messen Touristen aus aller Welt an. Bordeaux, die führende Weinregion Frankreichs, hat erst am 1. Juni 2016 ein Zentrum für Weinkultur eröffnet. Der architektonische Blickfang ist mit einem Auftragswert von 28,2 Millionen Euro nicht ganz billig, aber verspricht, Frankreichs Führungsposition in der Weinbranche zu festigen.

„Wein zu mögen, bedeutet auch einen Funken Verstand zu haben“

Doch wird nun zwischen Werbung für und Information über Wein unterschieden?
Tatsächlich stimmte am 24. November 2015 eine Mehrheit von 102 Abgeordneten für die Änderung des Loi Evin. Ein schwarzer Tag für die Gesundheitsministerin Marisol Touraine, die von Beginn der Debatte darauf hingewiesen hatte, dass man die 500.000 Todesfälle vergesse, die der Alkohol jährlich verursachen würde.

Die Lobby der Weinbauer Vin et Société, zu der ca. 500.000 Professionelle aus der Weinbranche zählen, hat nach der Bearbeitung des Loi Evin Ende letzten Jahres eine Kampagne für den gemäßigten Weinkonsum gestartet. Auf einem der Plakate ist zu lesen: „Aimer le vin, c’est aussi avoir un grain de raison“ – „Wein zu mögen, bedeutet auch, einen Funken Verstand zu haben“. In diesem Slogan verbirgt sich ein Wortspiel, denn das Wort „grain de raison“, also der Funken Verstand, erinnert stark an „grain de raisin“, die Weintraube. Im Umkehrschluss behauptet das Plakat: Wer Wein nicht mag, hat keinen Verstand – eine provokante These.

Das Plakat beinhaltet zwar auch eine Warnung, dass der Verbraucher seine Grenzen kennen sollte, hat jedoch für große Empörung bei der unabhängigen Gesundheitsbehörde Haute Autorité de la Santé (HAS) gesorgt, die sich der wissenschaftlichen Qualitätssicherung im Gesundheitssektor verschrieben hat. Wie der Gesundheitsministerin Touraine ist der HAS und auch Teilen der Bevölkerung unklar, wie ein Gesetz, das zum Schutze des Verbrauchers eingeführt wurde, nun zum Vorteil der Weinindustrie aufgeweicht werden konnte.

Und wie stehen die Franzosen zu dieser Debatte? Laut einer Studie des Marktforschungsinstitut IFOP aus dem letzten Jahr sind drei Viertel der Franzosen für eine Unterscheidung zwischen Werbung und Information über Wein, befürworten also die Änderung des Loi Evin. Sogar 84 Prozent stimmen zu, dass der Weintourismus für seine Zwecke werben sollen dürfte. Einen möglichen Widerspruch mit gesundheitlichen Standards sieht dabei nur knapp ein Viertel der französischen Bevölkerung.
Zu beachten ist aber, dass niemand anderes als die Weinlobby Vin et Société diese Studie in Auftrag gegeben hat, was einen gewissen Beigeschmack hinterlässt. Von außen gesehen stellt man sich hier schon die Frage, inwiefern ein Interessenkonflikt bei der Durchführung der Studie bestand und inwiefern dieser die Ergebnisse beeinflusst hat.

Ob das Loi Evin bisher erfolgreich gewesen ist, ist eine weitere Frage. Zwar ist der Weinkonsum laut des Blogs www.francetvinfo.fr zwischen 1960 und 2010 um 70 Prozent gesunken, aber andere alkoholische Getränke wie Bier wurden auf gleich bleibendem Niveau zu sich genommen. Zudem wurde auch in Frankreich der besorgniserregende Trend des Komasaufens unter Jugendlichen festgestellt, der ganz neue Fragen über den Schutz von Jugendlichen vor exzessivem Alkohol aufwirft. Das Loi Evin ist nun klarer geworden, was Werbung und Information betrifft. Die französischen Medien müssen sich nun nicht mehr aus Angst vor juristischen Folgen selbst zensieren, wenn sich Beiträge auf Alkohol beziehen. Jedoch scheint hier noch nicht das letzte Wort gesprochen zu sein und es ist davon auszugehen, dass auch in Zukunft hitzige Debatten über Werbung und Gesundheit folgen werden.

Fotos: flickr.com/fs999 (CC BY-NC-ND 2.0), flickr.com/Tourisme-tarn.com CDT du Tarn (CC BY-NC-ND 2.0)


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Gérard Depardieu: „Es hat sich so ergeben“

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von Sonja Sartor

Der 16-jährige Gérard sitzt im Gefängnis. In seinem jugendlichen Leichtsinn hat er ein Auto gestohlen und muss dafür drei Monate hinter Gittern absitzen. Eines Tages besucht ihn ein Psychologe. Er betrachtet Gérards Hände und sagt, er habe die Hände eines Bildhauers, die Hände eines Künstlers. Schlagartig wird Gérard klar: Noch hat er die Chance, ein ehrenwerter Mensch zu werden.

Vom Kleinkriminellen zum Tausendsassa des französischen Kinos

Doch wie konnte Gérard Depardieu, der zu einem der talentiertesten französischen Schauspieler werden sollte, derart auf die schiefe Bahn geraten?  Eigentlich dürfte es ihn gar nicht geben. Schon als Kind erzählt ihm seine Mutter immer wieder, dass sie versucht habe, das ungeborene Kind mit Stricknadeln abzutreiben. Gérard überlebt und kommt 1948 in Châteauroux, einem Provinzstädtchen mitten in Frankreich, zur Welt.

Die Familie Depardieu lebt in ärmlichen Verhältnissen, die Eltern und ihre sechs Kinder leben in einer Zweizimmerwohnung, der Vater betrinkt sich. Gérard scheint nicht für die Schule gemacht zu sein, viel lieber treibt er sich auf den Gassen des Städtchens herum. In seiner Autobiographie Es hat sich so ergeben (Originaltitel: Ça s’est fait comme ça) aus dem Jahr 2015 schockierte er die Öffentlichkeit mit der Behauptung, er habe sich schon mit zehn Jahren prostituiert: „Ich sah mit 10 aus wie 15. Ich wusste schon sehr früh, dass ich den Homosexuellen gefiel.“ Nur das Geld habe ihn an den Freiern interessiert.
Mit 13 Jahren fliegt er von der Schule, da er fälschlicherweise eines Diebstahls bezichtigt wird. Er beginnt eine Lehre in einer Druckerei und entdeckt das Boxen für sich. Daher erklärt sich wohl sein Markenzeichen, die knollige Boxernase. Als Teenager kommen ihm fast nur Flausen in den Kopf – mit einem Bekannten soll er Leichen ausgegraben und deren Schmuck veräußert haben.

Und doch gelingt Depardieu die Wende, als er 20 Jahre alt ist. Der dem Autoklau geschuldete Gefängnisaufenthalt hat den jungen Mann geläutert. Er geht nach Paris, wo ihn ein Freund zum Schauspielunterricht ans Theater mitnimmt. Dort wird der Regisseur Lucien Arnaud auf dessen „Holzfäller-Mundwerk, Boxernase und langes Haare“ aufmerksam. Depardieu könne mit seinem Aussehen alte Damen in der Dämmerung erschrecken. Daraufhin bietet ihm ein anerkannter Regisseur, Jean-Laurent Cochet, kostenlos Schauspielkurse an. Für Depardieu ist das die Rettung. Er habe das Sprechen von neuem lernen müssen.

gerard1Glücklicherweise lässt der Erfolg nicht lange auf sich warten: Am Theater sowie in Film und Fernsehen hat er kleine Auftritte. Der Durchbruch gelingt ihm 1974 mit dem Drama „Die Ausgebufften“, in dem er an Seite der berühmten Jeanne Moreau spielt. Für seine Hauptrollen in dem vielfach ausgezeichneten Drama „Die letzte Metro“ von François Truffaut erhält der hünenhafte Schauspieler seinen ersten César. Auch außerhalb Frankreichs gewinnt Depardieu an Anerkennung. Den meisten ist er wahrscheinlich als Cyrano de Bergerac oder als Obelix in Erinnerung geblieben. Betrachtet man seine Filmografie, stellt man fest, dass sich der Charakterdarsteller in kein Filmgenre drängen lässt: Egal ob Historienfilme, Dramen oder komödiantische Kassenschlager, Depardieu fühlt sich überall zu Hause und gibt jeder Rolle, vom Bauern, Gauner, Priester bis zum Bildhauer Rodin, einen authentischen Zug.

Eine Wucht in vielerlei Hinsicht

Privat hat Depardieu für zahlreiche Furore gesorgt: Er pinkelt auf einem Flug von Paris nach Dublin in die Air-France-Maschine, fährt mit 1,8 Promille Motorroller und entscheidet sich  mit der Begründung „Ich bezahle doch nicht 87 Prozent Steuern“ für die Steuerflucht nach Belgien. 2013 erhält er die russische Staatsbürgerschaft, die ihm sein Freund Präsident Putin höchstpersönlich angeboten hatte. Dem Land hatte sich Depardieu schon hingezogen gefühlt, seitdem er die russischen Klassiker von Dostojewski und Co. gelesen habe.

Depardieu ist ein Mensch, dem Freiheit heilig ist. Er lässt sich nichts vorschreiben. Seine erste und einzige Ehe ging nach 26 Jahren in die Brüche, als seine Frau von einer Affäre Depardieus erfuhr, aus der die Tochter Roxane hervorgekommen war. Insgesamt hat er drei Kinder von vier verschiedenen Frauen und ist sich bewusst, dass er nie einen vorbildlichen Vater abgegeben hat, wie er in seiner Autobiografie schreibt: „Mit keiner der drei Frauen, die mir Kinder geboren haben, habe ich eine Familie gebildet. Ich mag die Idee der Familie nicht. Die Familie, das ist ein Gräuel, sie tötet die Freiheit, tötet die Wünsche, tötet die Begierde“. Eines seiner Kinder, Guillaume, hatte ihm immer wieder vorgeworfen, ein schlechter Vater zu sein. Er starb 2008 mit nur 37 Jahren an einer Lungenentzündung.

Von diesem harten Schicksalsschlag hat sich Depardieu erholt, selbst vom Alkohol lässt er die Finger. Trotz seiner Ansicht, er sei nun ein „Schauspieler in Rente“, war er in den letzten Jahren immer noch sehr produktiv.  2010 sahen Depardieu über 2,3 Millionen Kinobesucher in der Komödie „Das Schmuckstück“ unter der Regie von François Ozon. Derzeit kann man ihn in  Politserie „Marseille“ von Netflix verfolgen, einer Art französischen Version von „House of Cards“, die gemischte Kritiken erhielt.

Depardieu sind Kritiken wahrscheinlich ziemlich egal. In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau vor acht Jahren sagt er, die Filmbranche interessiere ihn immer weniger, die Filme von heute seien nichtssagend. Er schert sich nicht um die Meinungen anderer und macht einfach das, was er will – und das macht ihn erfolgreich.

Fotos: flickr.com/Televisione Streaming (CC BY 2.0), wikimedia.org/Cyrano Rostand (CC BY-SA 4.0)


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