Beim nächsten Kulturschock: Lachen bitte!

Beim nächsten Kulturschock: Lachen bitte!

von Lara Luttenschlager

Interkulturelles Chaos, Vorurteile, Fremdenfeindlichkeit – ein Grund zum Lachen, findet das Kino! Denn Filme wie Monsieur Claude und seine Töchter (2014) und Almanya – Willkommen in Deutschland (2011) gehören aktuell zu den Kassenschlagern der Filmindustrie. Und das ist gut so: Culture-Clash-Komödien können dabei helfen, Feindbilder abzubauen, und somit Toleranz und Offenheit fördern.

Den Spieß umgedreht

Wenn verschiedene Kulturen aufeinandertreffen, sei es im Urlaub, auf der Geschäftsreise oder in der Einwanderungsgesellschaft, findet das manch einer überhaupt nicht zum Lachen. Doch genau darüber machen sich Culture-Clash-Komödien lustig. Sie greifen Klischees und alltäglichen Eigenarten von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen oder sozialen Hintergründen auf, vereinfachen diese und machen sich über jene lustig, die zu steif und verschlossen sind, um sich mit ihrem Gegenüber zu verständigen. Dabei bedienen sie sich der Situationskomik: Die Missverständnisse und Empfindlichkeiten der einzelnen Personen bei ihrem interkulturellen Zusammentreffen werden ins Absurde oder Groteske überspitzt. Dadurch werden einzelne klischeehafte Zuschreibungen wieder aufgebrochen. Doch warum funktioniert das so gut?

Humor als ästhetisches Mittel

15216299853_3ed2f460df_oSchopenhauer zufolge entsteht Humor, wenn Menschen Inkongruenzen wahrnehmen, Gegensätze vermittelt werden[1]. Humor kann aber auch als eine Haltung oder Weltanschauung verstanden werden, die uns erlaubt, unsere Umgebung mit Abstand und Gelassenheit zu betrachten, wodurch wir über ihre Widersprüche überhaupt erst lachen können. Das bedeutet auch, dass wir weniger emotional auf Situationen reagieren können, weil wir eine gewisse emotionale Distanz zum Geschehen behalten. Doch das ist längst nicht alles: Diese emotionale Distanz ermöglicht es uns auch, uns an die eigene Nase zu fassen und über uns selbst zu reflektieren, weil wir uns als Teil dieser widersprüchlichen Welt sehen. Humoristische Medien betrachten die Welt durch genau diese Brille, indem sie Humor als ästhetisches Mittel einsetzen.

In Culture-Clash-Komödien wird ganz gezielt auf bestimmte Inkongruenzen innerhalb von Gesellschaften verwiesen, indem man sie überspitzt oder sich andere, „fremde“ Menschen in der Handlung darüber wundern lässt. Ihre Komik besteht daraus, dass verschiedene Wertesysteme miteinander konfrontiert werden. Dadurch werden alltägliche, unreflektierte, widersprüchliche Normen, Haltungen und Werte hinterfragt und kritisiert. Wenn sich nun in Almanya – Willkommen in Deutschland ein kleines türkisches Kind darüber wundert, dass ein Deutscher seine „Riesenratte“ (den Dackel des Herren) an einem Seil herumführt, obwohl diese doch eigentlich alleine laufen kann, werden für uns alltägliche Handlungen plötzlich ins Lächerliche gezogen, wenn sie vom anderen als Eigenheit bemerkt werden. Unterschiede und Missverständnisse werden nachvollziehbarer, wodurch der Zuschauer die Situationen plötzlich aus zwei Perspektiven heraus beurteilen kann. Die Vorstellung, eine Seite habe nun die bessere Lebensweise, die weniger schlimmen Laster, oder sei überhaupt kulturell überlegen, scheint dann genauso absurd. Und wir merken, wie lächerlich manche Vorurteile sein können, wenn wir etwa damit konfrontiert werden, dass manche Türken glauben, wir Deutsche wären so schmutzig, dass sie vorsichtshalber ein paar Putzlappen mehr mit auf ihre Reise nach Deutschland nehmen. Bestehende Feindbilder werden aufgeweicht.

Lachen als Brückenschläger

Gemeinsames Lachen über dieselben Dinge verbindet. Denn soziale Gruppen zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie gemeinsame Werte haben oder ablehnen. Wer über die gleichen Dinge lacht und somit die gleichen Widersprüche in Frage stellt, fühlt sich dadurch verbunden. Anglistin Anahita Teymourian-Pesch spricht in diesem Kontext vom schöpferischen, Gruppen konstituierenden Potenzial des Humors[2]. Aber Achtung: Die Grenzen zwischen Bestätigung und Auflösung der Feindbilder sind oft fließend. Damit die Vorurteile abgebaut und nicht auch noch verstärkt werden, müssen die Protagonisten des Films selbst zu der Erkenntnis kommen, dass jede soziale Gruppe ihre Vor- und Nachteile hat und deshalb eine Annäherung suchen. Dadurch werden auch neue, eventuell wünschenswertere soziale Modelle suggeriert: Meist enden Culture-Clash-Komödien mit einem Happy-End, in dem zwei kulturell verschiedene Familien zusammengeführt werden oder wie in Monsieur Claude und seine Töchter eine neue Definition des idealen Franzosen vorgeschlagen wird, der genauso gut afrikanischer, asiatischer oder jüdischer Herkunft sein kann: Alle drei Versionen rühren den konservativen Schwiegervater gleichermaßen zu Tränen, wenn sie inbrünstig die Marseillaise singen.

Culture-Clash-Komödien können auf diese Weise helfen, Brücken zwischen Kulturen und sozialen Schichten zu bauen. Gerade angesichts der wachsenden Globalisierung und unserer zunehmend multikulturellen Gesellschaft könnte das kaum wichtiger sein.

Fotos: http://www.gratisography.com, flickr.com/Todd F Niemand (CC BY-NC 2.0)

[1] Schopenhauer, Arthur (1986). Die Welt als Wille und Vorstellung. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 105.

[2] Teymourian-Pesch, Anahita (2006): Amerikaner in der Fremde. Humor als Überwindungsstrategie. Berlin: Lit Verlag, 58.


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